Von Julia Roebke
18. März 2008 Preise und Auszeichnungen werden gemeinhin gerne entgegengenommen. Nicht so jetzt beim Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin: Mit den Goldenen Raffzähnen, einem glänzenden Vampirgebiss als Auszeichnung für das dreisteste Praktikumsangebot des Jahres, schaffte es Bettina König nur bis zum Pförtner. Die Vorstandsvorsitzende des Vereins fairwork, einer Interessenvertretung für Hochschulabsolventen, hatte die Gipsfigur handgefertigt und dem Museum die Übergabe der Ehrung angekündigt. Empfangen wurde sie nicht.
Anlass der ungeliebten Preisverleihung ist ein Praktikumsangebot, das das DHM im vergangenen Jahr der neunundzwanzigjährigen Absolventin eines Magisterstudiengangs in Deutsch und Geschichte unterbreitet hat. Vertraglich wurde ihr angeboten, ein sechsmonatiges Praktikum zu absolvieren - ohne Bezahlung, ohne Urlaubsanspruch und ohne Aussicht auf spätere Anstellung. Das war ein Angebot, mit dem das Museum, nach dem Urteil von fairwork, sogar noch zwei Werbeagenturen an Dreistigkeit überboten hat. So etwas ist mir noch nicht untergekommen, sagt Bettina König. Besonders empört sie dabei, dass das Museum mit Bundesmitteln finanziert wird.
Das ist normal
Der Vertragsentwurf des DHM sieht weiter vor, dass die junge Frau die Verwertungsrechte an allen während ihres Praktikums erbrachten Leistungen abtritt. Mit dem Museum wurde vereinbart, dass ich an der Vorbereitung einer Ausstellung mitarbeite und Recherchearbeiten erledige; die Aufgabenstellung war sehr interessant, sagt die Absolventin, die anonym bleiben möchte. Sie sei von sich aus auf das Museum zugegangen, die Dauer des geplanten Praktikums habe man gemeinsam beschlossen. Keine Bezahlung für ein halbes Jahr harte Arbeit - darauf hatte sie sich schon eingestellt: Das ist normal. Das Deutsche Historische Museum sei eine renommierte Adresse, der Name mache sich gut im Lebenslauf.
Ärgerlich wurde die Absolventin aber, als ihr der Vertrag zur Unterschrift zugeschickt wurde. Ihr stehe kein Krankengeld zu, sie habe keinen Urlaubsanspruch und noch nicht einmal eine Unfallfürsorge. Das Dokument schickte sie daraufhin zur Prüfung an fairwork. Einstimmig wurde das DHM deshalb zum Abzocker des Jahres gewählt.
Der Keinlohnsektor
Die Debatten über die Generation Praktikum laufen inzwischen wieder auf Sparflamme. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelte im vergangenen Jahr aber einen permanenten Bestand von 150.000 bis 200.000 Praktikanten in Deutschland, die über einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss verfügen oder diesen anstreben. Umfragen haben ergeben, dass die Hälfte aller Absolventen, die nach dem Studium ein Praktikum absolvieren, unentgeltlich arbeitet. Wir kennen das Problem nach wie vor, sagt Patricia Wohner vom Career Center der Humboldt-Universität in Berlin. Zudem sei der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler nach Abschluss der Universität deutlich schwieriger als zum Beispiel für Informatiker.
Verschärft wird die Lage der Studenten und Absolventen noch durch den starken Rückgang an Stellenangeboten für Museumsfachleute, Archivare und Bibliothekare. So sank, wie der Personaldienstleister Adecco ermittelt hat, die Zahl der Stellenanzeigen in Zeitungen für diese Berufe im vergangenen Jahr um mehr als elf Prozent im Vergleich zu 2006. Kunsthistorikern oder Geschichtsstudenten rät die Berufsberaterin der Humboldt-Universität daher, schon während der Studiums praktische Erfahrung zu sammeln. Praktika nach dem Universitätsabschluss sieht Wohner sehr kritisch: Da muss man schon genau schauen, ob nicht einfach nur billige Arbeitskräfte benötigt werden.
Nur hineinschnuppern
Der Rechtsanwalt Christian Regnery bezeichnet Angebote, wie sie die junge Absolventin vom DHM erhalten hat, als sittenwidrige Scheinpraktika. Um in ihren Wunschberuf zu kommen, arbeiteten immer mehr - gerade junge und gutausgebildete - Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, oft zu geringem oder gar ohne Lohn.
Es sei bezeichnend für eine Gesellschaft, dass Gebäudereiniger einen gesetzlichen Mindestlohn erhalten, Hochschulabsolventen als Einstiegshürde jedoch erst einmal umsonst arbeiten müssten, empört sich Regnery. Wichtig sei eine klare Differenzierung: Ein Praktikum diene allein dazu, in einen Beruf hineinzuschnuppern. Stehe bei dem Praktikum aber stattdessen das Interesse des Arbeitgebers an der Arbeitsleistung des Praktikanten im Vordergrund, handele es sich um ein ganz gewöhnliches Arbeitsverhältnis, erläutert der Jurist.
Praktische Museumspädagogik
Beim Deutschen Historischen Museum ist man dementsprechend auch erpicht darauf zu betonen, dass es sich bei den angebotenen Praktika um Ausbildungsverhältnisse zugunsten der Praktikanten handele. Wir haben im Jahr rund 250 Bewerbungen und zwischen achtzig und hundert Studenten, die bei uns ein Praktikum machen, sagt der DHM-Verwaltungsleiter Bernd Burmeister. Die Arbeitsbedingungen seien für alle gleich, die meisten blieben zwischen drei und acht Wochen. Bei den Arbeitsaufgaben versuche man, auf die Wünsche der Studenten einzugehen. Ein schlechtes Gewissen habe er nicht, biete man den jungen Menschen doch die Chance, einiges zu lernen. Dass sein Institut die Raffzahn-Auszeichnung erhalten habe, sei etwas unglücklich gelaufen. Normalerweise nehme man keine Absolventen als Praktikanten und erst recht nicht für ein halbes Jahr.
Zumindest was die Arbeitsinhalte der Praktikanten angeht, bleiben jedoch Zweifel an der Darstellung des Museums. Nach der Auszeichnung sind bei fairwork weitere anonyme Hinweise eingegangen: Wir haben im Museum richtige Arbeit geleistet. So schreiben Praktikanten zum Beispiel die Texte für die Homepage, lautet eine der Zuschriften. Und deren Verfasser, ein ehemaliger Praktikant beim DHM, ergänzt: Die Abteilung Museumspädagogik wurde vor ein paar Jahren bis auf zwei feste Mitarbeiter mit rund vierzig Studenten besetzt, die das ganze Führungsangebot schmeißen.
Wahlweise Kaffeekochen oder Putzen
Auch bei anderen Museen scheint es, als gehe es mehr um Ausbeute denn um Ausbildung. Die Betreuung ist katastrophal, heißt es im Internet über das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Arbeitsinhalte dort seien Kopieren, Laminieren und als Höhepunkt Kartenkontrolle und Garderobe. Für solche Billigjobs werde man fest eingeplant. Im Kindermuseum des Historischen Museums Frankfurt lerne man als Praktikant wahlweise Kaffeekochen oder Putzen, schreibt ein ehemals dort tätiger Student auf der Homepage der DGB-Jugend, die ein Bewertungsportal für Praktika betreibt.
Ganz unabhängig davon, ob beim Deutschen Historischen Museum nun ausgebildet oder abgezockt wird, die Wahl zum Raffzahn des Jahres hätte man vielleicht auch auf andere Weise vermeiden können, beruht sie doch zumindest zu einem Teil auf einem Missverständnis. Im monierten Praktikumsvertrag heißt es konkret, es bestehe für die junge Frau kein Anspruch auf Unfallfürsorge. Dies wurde von der Betroffenen und im Folgenden auch von fairwork als Weigerung aufgefasst, die Praktikantin gegen Unfälle zu versichern. Das aber ist eine Fehlinterpretation, denn die Unfallfürsorge bezieht sich allein auf zusätzliche Leistungen für Beamte bei einem Dienstunfall, erläutert Bernd Burmeister: Eine Unfallversicherung ist gesetzliche Pflicht, der kommen wir natürlich auch nach. Man werde Praktikanten jedoch auch künftig kein Gehalt zahlen, aber den Standardvertrag zumindest um dieses Missverständnis bereinigen.
Text: F.A.Z., 18.03.2008, Nr. 66 / Seite 38
Bildmaterial: dpa
