Studentenproteste

In den Feldküchen der müden Kombattanten

Von Tobias Haberkorn

Protestfolklore in Berlin beim “Führungstreffen Wirtschaft“

Protestfolklore in Berlin beim "Führungstreffen Wirtschaft"

22. November 2009 „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Wenn, wie am vergangenen Dienstag, bundesweit achtzigtausend Schüler und Studenten für bessere Bildung demonstrieren, dann dominiert die Euphorie: man schreibt Parolen auf Plakate, geht auf die Straße und schreit bis zur Heiserkeit den Novemberhimmel an. Man genießt das Wir-Gefühl eines Zornkollektivs.

Das Medienecho in dieser Woche war dann auch sehr groß und protestfreundlich. In sämtlichen Redaktionen scheint endlich angekommen, dass die Universität, wie sie früher einmal war, mit der Einführung des Bachelors einfach abgeschafft wurde, dass für ein nachhaltiges, auch persönlich bereicherndes Fachstudium keine Zeit mehr da ist. Und selbst wenn die Zeit da wäre: viele Studenten der jüngeren Generation haben das hysterische Gerede über Schlüsselqualifikationen und Berufsbezogenheit derart verinnerlicht, dass sie kaum wahrnehmen, welche Bildungsmöglichkeiten ihre Hochschule über die eng begrenzten Modulränder hinaus noch zu bieten hätte.

Zwischen Zelten und Plakaten

Auf das richtige Protestdesign kommt es an: Studenten am Pariser Platz

Auf das richtige Protestdesign kommt es an: Studenten am Pariser Platz

Ob sich daran wieder etwas ändert, oder ob der jetzige Bildungsstreik so folgenlos verpufft wie derjenige im Sommer, hängt auch davon ab, wie schlagkräftig die Studenten ihre Ziele formulieren und wie sie sich nach außen darstellen. Es kommt auf das richtige Protestdesign an. Und genau dort, wo dieses Design gefunden werden muss, ist von Masseneuphorie wenig zu spüren.

Am Donnerstag verteilt eine Pizzakette an der Freien Universität Berlin Adventskalender. Die Korridore der Silberlaube, wo die exzellenzprämierten Geisteswissenschaften residieren, sind zur Mittagszeit gut besucht. Vor dem größten Hörsaal sieht es aus wie in einem verlassenen Zeltlager; zwischen Zelten und Plakaten liegen Schlafsäcke, an einer langen Theke ist eine Art Feldküche mit stapelweise Reis und Konserven entstanden. Drinnen halten dreißig Studenten ein Info-Plenum ab. Sie machen einen außerordentlich erschöpften Eindruck, vielen würde man eine Dusche und einen erholsamen Mittagsschlaf wünschen. Die Redner beklagen, bisher sei der Streik zu selbstbezogen und nicht vernetzt genug. Auf den Rängen hört man aufmerksam zu, ist aber auch mit dem Mittagessen beschäftigt oder damit, den Adventskalender bis zum 24. Türchen auszuräumen.

Auf einer Couch in der ersten Reihe liegt ein großer Blonder, der zwar nicht die Diskussion leitet, aber doch so etwas wie informelle Autorität auf das Auditorium ausübt. Seine Zwischenrufe werden stets berücksichtigt, und er bekommt Rückfragen von den Moderatoren. Während wechselnde Redner ihre Meinung äußern, viele von ihnen auffallend jung, rotwangig und ungeübt im freien Sprechen, springt er auf, läuft am Mikrofon vorbei quer über die Bühne, holt seinen Laptop und setzt sich wieder vorne in die Mitte, um seinem Nachbarn kichernd etwas auf dem Bildschirm zu zeigen.

Wen soll man anklagen?

Offenbar hat er einen festen Platz in diesem Streik, im Gegensatz zu den vielen Zögerlichen, die in den Hörsaal schauen, einen Moment lang interessiert zuhören und dann wieder gehen. Die Streikenden heben gerne ihre unhierarchische Organisationsform hervor – wenn der herrschaftsfreie Diskurs wirklich existieren soll, dann hier! –, aber sie können nicht verhindern, dass sich eine Gruppendynamik ähnlich wie bei Klassenfahrten einstellt, wo wenige Leithammel die Gruppe lenken und die Mitläufer bei Laune halten müssen.

Wie übersetzt man ein kollektives Gefühl in eine kollektive Aktion? Grund zur Empörung haben die Studenten mehr als genug. Die Bildungspolitiker, Universitätsrektoren und Professoren schoben sich in dieser Woche die Schuld am Bologna-Chaos und am insgesamt deprimierenden Zustand der universitären Lehre gegenseitig zu, wie sich das im deutschen Bildungsföderalismus unverbindlich tun lässt. Indessen sitzen Erstsemester im ganzen Land auf kalten Betonböden, weil Einführungsseminare zweimal so viele Teilnehmer haben wie die Seminarräume Plätze. Wer genau ist für solche Zumutungen verantwortlich? Wen genau soll man anklagen, und in welcher Form?

Mit der Klärung solcher Fragen verbraucht ein Unistreik seine größten Energien und verliert den Kontakt zu der kritischen Masse, die auf Demonstrationen schon mal mitläuft, vor der Mitarbeit in einem Streikgremium oder einer Arbeitsgruppe aber zurückschreckt. Sei es wegen der vollen Stundenpläne, aus Mangel an politischem Eifer oder einfach aus ästhetischen Gründen. Wer schon einmal ein studentisches Plenum bis zum Ende mitgemacht hat, kennt die zermürbenden Grundsatzdiskussionen und Abstimmungen darüber, worüber eigentlich abgestimmt werden soll. Und wer vom Duft eines der übernächtigten Hörsaalbesetzers angeweht wurde, der muss sich eben erstmal dazu überwinden, seinen inneren Groll gegen ein System, in dem Banken Milliarden vernichten und rebellierende Studenten mit scheinheiliger Rhetorik abgespeist werden, in ein handfestes bildungs- oder gar gesellschaftspolitisches Engagement umzumünzen.

Die gleichen fünf bis zehn Köpfe

Die meisten Studenten wollen doch das Gute auf der ganzen Linie, da geht es ihnen wie den geschundenen SPD-Mitgliedern. Aber wo kann man sich für das Gute immatrikulieren, ohne dabei allzu sehr aus der eigenen Bequemlichkeit zu fallen? Dort, „wo es brodelt, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt“, hat Sigmar Gabriel seine SPD-Genossen vergangenes Wochenende hingeschickt. Wer wirklich ein phantasievolles und zivilisiertes Studium haben will, der muss auch zu den Feldküchen der müden Kombattanten!

Vielleicht waren wir zum falschen Zeitpunkt an der Freien Universität, die Humboldt-Studenten machen jedenfalls einen frischeren Eindruck an diesem Donnerstag. Das Audimax ist nun seit mehr als einer Woche besetzt. Nach der Großdemo am Dienstag hatten sie schon befürchtet, dem Streik gehe die Luft aus, sagt Jotam, ein Germanistik- und Philosophiestudent, der mittlerweile zu einer Art Pressesprecher der Humboldt-Besetzer geworden ist. Solche Titel gibt es natürlich nicht offiziell, aber die Kamerateams suchen sich gezielt politisch moderate und eloquente Studenten aus, zu denen Jotam ohne Zweifel gehört. Man sieht in den Nachrichtensendungen meistens die gleichen fünf bis zehn Köpfe.

Dreißig bis vierzig Studenten seien es, schätzt Jotam, die den Streik an der Humboldt-Universität effektiv am Leben halten. Zur Vollversammlung ist das Audimax aber bis zum Rand gefüllt, etwa neunhundert Zuhörer passen hinein. Nach abflauendem Interesse bei der breiten Masse sieht das noch nicht aus. Es wird über die Forderungen der Studenten abgestimmt, die sich nach einer Woche zäher basisdemokratischer Willensbildung herausgeschält haben. Ganz oben steht eine bessere finanzielle Grundausstattung für ein wirtschaftsunabhängiges Bildungswesen, dann die Überarbeitung der Bachelor- und Masterprogramme, dann mehr studentische Mitbestimmung für demokratische Universitäten und schließlich, nicht zu vernachlässigen, keine Repressalien gegen Streikende im Studienalltag.

Das Studium muss besser werden!

Die von Bildungsministerin Schavan eilig angekündigte Bafög-Erhöhung wird hier niemand ablehnen, zu den Kernforderungen gehört sie aber nicht. Jotam spricht von einem Ablenkungsmanöver. Trotz mehrfacher Einladung zum Dialog habe sich noch kein einziger Politiker im Audimax blicken lassen, weder Schavan, noch der Berliner Bildungssenator Zöllner, noch Wowereit. Die Humboldt-Uni wäre für alle drei etwa fünf Minuten von ihren Arbeitsplätzen entfernt.

Man fühlt sich verschaukelt unter den Studenten, und zwar nicht nur bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Leva Kochs belegt neben einem Bachelor in Philosophie und Kunstgeschichte auch ein Zweitstudium Jura. Über den ungläubigen Blick wegen dieses Pensums lächelt sie hinweg. „Die Klo-, Mensa- und Gangmeinung bei den Juristen ist genau wie hier, das Studium muss besser werden!“ Einer ruft: „Die Öffentlichkeits-AG hat immer mehr Presseanfragen und immer weniger Leute!“ Wenn sich nicht mehr Studenten aktiv beteiligen, ist der Streik tatsächlich bald vorbei.

Man müsse auch den Pragmatikern ein Angebot machen, sagt Leva. Dazu brauche es ein neues Vokabular und ein Zeichensystem, das mit 68er-Romantik und Antikapitalismus nur in zweiter Linie zu tun hat. Erstmal müssten die Unis besser werden, dann könne man sich auch um das große Ganze kümmern. Das sehen viele anders und mischen sich lautstark ein. Die beschlossenen Forderungen sind jedenfalls für einen Studentenstreik erstaunlich präzise.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Anderas Pein, F.A.Z.- Andreas Pein

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