29. August 2008

Weltrekordler plagen Nachwuchssorgen

Ganz Deutschland sucht Maschinenbauer

Von Peter Trechow



12. Mai 2008 Seit vier Jahren wächst die deutsche Maschinenbaubranche nahezu unaufhaltsam und jagt von einem Produktionsrekord zum nächsten. Viele Betriebe arbeiten an der Kapazitätsgrenze und würden gerne zusätzliche Fachkräfte einstellen, wenn es sie gäbe. Aktuell dürften über 150.000 Ingenieure in der Branche arbeiten - etwa 10.000 mehr als vor vier Jahren. Noch immer sind mehrere tausend Ingenieurstellen offen.

Jede fünfte Maschine, die 2006 weltweit angeschafft wurde, kam aus Deutschland. Laut Statistik des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) tragen 18 seiner 31 Teilbranchen den Titel Exportweltmeister, fünf belegen Platz zwei und sieben erringen immerhin Bronze. Allein der hiesige Geldschränke- und Tresoranlagenbau verpasst das Siegertreppchen.


Eine solche Bilanz bei olympischen Spielen - und die ganze Nation wäre aus dem Häuschen. Doch die Erfolgsmeldungen aus dem Maschinenbau sind kaum eine Nachricht wert. Sie haben es dennoch in sich. Allein 2007 schuf die Branche laut VDMA- Präsident Manfred Wittenstein 50.000 Arbeitsplätze. Für 2008 rechnet er bei konservativer Wachstumsschätzung von 5 Prozent mit weiteren 10.000 Einstellungen. Tatsächlich wären 5 Prozent Wachstum nach den Zuwächsen der letzten Jahre aber eine Enttäuschung, auf die derzeit nichts hinweist: Fast alle Unternehmen, die ihre Jahresbilanz 2007 schon veröffentlicht haben, melden abermals rekordverdächtige Auftragseingänge.

2007 war laut Wittenstein ein Jahr der Rekorde. Die Produktion wuchs real um 11 Prozent und damit erstmals seit 1969 zweistellig, berichtete er bei der VDMA-Jahrespressekonferenz Ende Januar. Weil schon die Vorjahre starkes Wachstum brachten, erreichte das Produktionsvolumen einen historischen Rekordwert von 181 Milliarden Euro - satte 50 Milliarden Euro mehr als 2004. Als Gesamtumsatz hat der Verband 193 Milliarden Euro ermittelt. Den Verantwortlichen in den Betrieben dürfte diese Zahl warm runtergehen - aber auch Sorgenfalten erzeugen. Denn die Produktion läuft auf Hochtouren, die Kapazitäten sind vielerorts ausgelastet. Viele Betriebe können ihren Auftragsüberhang nur langsam abarbeiten, beschreibt der Vorsitzende des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), Carl Martin Welcker, die Situation.


Ausgelastete Kapazitäten, Rekordumsätze, Zehntausende Neueinstellungen. Der Maschinenbau strotzt vor Kraft - und er bindet immer mehr Intelligenz an sich. Seit zehn Jahren steigen die Ingenieurquote und die absolute Zahl der Ingenieure kontinuierlich. Selbst als die Branche Anfang des Jahrzehnts Personal abbaute, legte die Zahl der Mitarbeiter mit technischen Hochschulabschlüssen zu. Heute sind es rund 10.000 mehr als 2004. Die Ingenieurquote liegt bei 16,5 Prozent und damit doppelt so hoch wie in den 80er Jahren. Doch das reicht nicht. Die letzten Monate zeichneten sich durch große Probleme aus, offene Ingenieurstellen zeitnah und adäquat zu besetzen, heißt es in einer VDMA-Ingenieurerhebung vom Oktober 2007. Im Sommer seien zwei Drittel der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer auf der Suche nach mindestens einem Ingenieur beziehungsweise einer Ingenieurin gewesen.

Damals lag die Zahl der Ingenieure im Maschinenbau knapp unter 150.000, heute dürfte sie darüber liegen. Gerade die Großen in der Branche, sei es der Antriebs- und Steuerungsexperte Bosch Rexroth, der Laserspezialist Trumpf, Siemens Energy oder die führenden Landmaschinenhersteller John Deere und Claas, leiden noch nicht unter dem Fachkräftemangel und finden für ihre vielen offenen Stellen in der Regel passende Bewerber. Allerdings berichten ihre Recruiter übereinstimmend, dass sie schneller zugreifen müssen als früher. Gerade gute Bewerber könnten aus verschiedenen Jobangeboten wählen und seien schnell vergeben, wenn man zögere. Für die Unternehmen ein Grund, ihr Recruitment zu straffen. Bewerber können also mit kürzeren Fristen und schnellerer Klarheit rechnen.


Die VDMA-Ingenieurerhebung hat einen interessanten Trend ausgemacht: Fast die Hälfte der offenen Stellen war weder in Zeitungen annonciert, noch bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Das bedeutet: Bewerber sollten auch aktiv auf die Firmen zugehen und dabei die Webseiten der vielen kleinen und mittelständischen Betriebe besuchen. Eine Recherche auf den Webseiten aller Mitglieder im VDMA-Fachverband Werkzeugmaschinen und Fertigungssysteme zeigt, dass tatsächlich die meisten Betriebe eine oder mehrere Ingenieurstellen ausgeschrieben haben. Viele bieten auch Praktika und Diplomthemen und damit die Gelegenheit, fachliche und menschliche Beziehungen aufzubauen.

Laut VDMA sind in der Branche etwa 8.000 Stellen für Ingenieure offen - ein Gutteil für Einsteiger und Young Professionals. Denn der Markt an erfahrenen Maschinenbau- und Elektroingenieuren ist leergefegt. Neben Experten aus Maschinenbau mit Schwerpunkt Automation, Verfahrenstechnik oder Mechatronik sowie Elektrotechnik werden händeringend Software-Entwickler gesucht - vor allem im Werkzeug- und Kunststoffmaschinenbau. Die meisten Stellenangebote richten sich aber an Konstrukteure, die Maschinen an die individuellen Anforderungen der Kunden anpassen sollen. Das geschieht heute nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern im direkten Austausch mit den Kunden und Kollegen anderer Fachabteilungen. Der geniale Konstrukteur, der über dem Reißbrett grübelnd Großes entwirft, sollte zudem offen, eloquent und teamfähig sein.

Gute Sprachkenntnisse verstehen sich in einer Branche mit fast drei Viertel Exportanteil wohl von selbst. Auch kleinere Mittelständler agieren weltweit, haben Standorte und Partnerschaften im Ausland und stellen ihre Entwicklungsteams über Ozeane und Ländergrenzen hinweg zusammen. Wer im Maschinenbau erfolgreich sein will, muss sich auf diese Internationalität einlassen und sollte Reisen und Auslandsaufenthalte nicht scheuen.

Ein Ingenieurdiplom ist für eine Karriere im Maschinenbau fast Pflicht. Von den Geschäftsführungs- und Vorstandsmitgliedern der Branche sind fast zwei Drittel Ingenieure. Das gilt durch die Bank weg für kleine, mittlere und große Betriebe, heißt es in der Ingenieurerhebung. Zudem würden Ingenieure drei von vier Projekten leiten. Neben den Führungsaufgaben forschen, entwickeln und konstruieren die Ingenieure, und immer häufiger übernehmen sie Aufgaben in Vertrieb und Service. Gerade Service und Dienstleistungen sind Erfolgsgaranten. Oft sind sie in eigenen business units organisiert, die schnell wachsen und großen Fachkräftebedarf haben. Grund dafür ist der Ansatz, Kunden nicht mehr nur die Maschinen zu verkaufen, sondern Gesamtlösungen inklusive Automation, Inbetriebnahme, Wartung sowie Schulung ihrer Mitarbeiter.

Mit diesen Gesamtpaketen erwehren sich deutsche Hersteller erfolgreich der erstarkenden Konkurrenz aus Asien und Osteuropa. Es ist in Deutschland sehr wohl möglich, industrielle Serienerzeugnisse und Vorprodukte für den Weltmarkt herzustellen, sagt VDMA-Chef Wittenstein. Der Maschinenbau sei keine Basar-Ökonomie, die nur zugelieferte Teile aus anderen Ländern montiere und Gefahr laufe, die Montage an Billiglohnländer zu verlieren. Doch wie lange kann die Branche ihren technologischen Vorsprung verteidigen? Wie lassen sich Produktpiraten abschütteln? Und vor allem: Wie lassen sich die Kunden auf Dauer davon überzeugen, deutsche Preise zu zahlen?

Ein wichtiger Ansatz ist Energieeffizienz. Diverse Unternehmen berichten, dass ihre Kunden neben der Kaufsumme für eine Maschine auch deren Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Energie wird teurer, Rohstoffe werden teurer, Entsorgung wird teurer. Durch Effizienz - das ist eine gute Nachricht für Umwelt und Entwickler - lässt sich immer mehr Geld sparen. Noch ist aber viel Überzeugungsarbeit nötig, damit alle Kunden diesen Gedanken beim Kauf beherzigen, schränkt Dr. Jörg Dassow, Marketingleiter beim Kunststoffmaschinenbauer Ferromatik Milacron, ein. Auch dafür brauche der Maschinenbau viele kluge Köpfe.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 40
Bildmaterial: Christopher Fellehner
 
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