19. Juni 2006 Ob Unterhaltungstechnik, Maschinenbau oder Medizintechnik - Licht spielt als Werkzeug und Informationsträger eine Schlüsselrolle. Viele deutsche Unternehmen haben das schon früh erkannt und führen heute ihre Märkte an. Um ihr Niveau trotz schnellen Wachstums zu halten, suchen sie ständig Nachwuchs aus Ingenieurwesen und Naturwissenschaften.
Licht kann mehr als leuchten. Gebündelt zum Laser schreibt es 1.000 Buchstaben pro Sekunde
in verschiedenste Materialien, es trennt, schweißt oder strukturiert Metalle und Kunststoffe, bohrt Karies aus Zähnen und trägt Mikrometer krummer Hornhäute ab, um Kurz- oder Weitsichtigkeit zu beheben. Ob Autofabrik, Mikroelektronik oder Augenklinik: Laser erzielen berührungslos und schnell präzise Wirkung, ohne selbst zu verschleißen.
Aber Laser sind nur eine Facette optischer Technologien. In der Meßtechnik sorgt Licht für nicht gekannte Präzision, die moderne Medizin wäre ohne optische Diagnosegeräte hilflos und Zukunftsbranchen wie die Nano- und Biotechnologie gäbe es ohne leistungsfähige Mikroskope gar nicht. Optische Verfahren setzen auch in der Kommunikations- und Unterhaltungstechnik die entscheidenden Impulse: Ohne sie wäre weder die Fertigung von Handys, Flachbildschirmen und Digitalkameras denkbar, noch könnten wir CDs hören und DVDs sehen. Auch beim Datenverkehr via Internet steht Licht im Mittelpunkt. In rasender Geschwindigkeit transportiert es hierzulande über 90 Prozent des Datenverkehrs. Modernste Glasfasernetze übertragen bis zu 3,2 Terabit pro Sekunde, das entspricht 40 Millionen Telefonkanäle auf einmal. Wie im Großen so im Kleinen: Die Autoindustrie begegnet Kabelgewirr und Datenflut an Bord ihrer Fahrzeuge mit optischen Datennetzen.
Rund 60 Prozent der Unternehmen wollen in nächster Zeit neue Mitarbeiter einstellen.
Die Beispiele zeigen das enorme Potential optischer Technologien. Die amerikanische Optoelectronics Industrial Development Association schätzt, daß in zehn Jahren jedes dritte elektronische System durch ein optisches ersetzt oder ergänzt sein wird. Und so prognostiziert der Branchenverband Spectaris, daß sich die zuletzt 120 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz optischer Technologien bis 2015 verdoppeln. Gerade deutsche Unternehmen werden davon profitieren. Laut Spectaris setzten sie im Vorjahr knapp 40 Milliarden Euro um, fast zwei Drittel davon im Auslandsgeschäft.
Besonders gut gehen Laser made in Germany. Deutsche Firmen geben in der Branche den Ton an, so Peter Leibinger, zugleich Chef der Trumpf Laser GmbH und der Arbeitsgemeinschaft Laser und Lasersysteme für Materialbearbeitung im VDMA. Der Aufstieg der Branche scheint unaufhaltsam. Zuletzt übertraf sie ihr bisheriges Rekordergebnis von 2004 zweistellig. Leibinger sieht dafür zweierlei Gründe: Die Laserindustrie sei durch ihre mittelständische, dezentrale Struktur unabhängig, schnell und risikofreudig. Und sie profitiere von der einzigartigen Ausbildungs- und Forschungssituation im Lande. Auch die Politik leiste wertvolle Hilfe: Die entsprechenden Bundesministerien fördern und koordinieren das Zusammenspiel von Industrie und Forschung vorbildlich, lobt Leibinger.
Seine Ausführungen zur Laserindustrie treffen auf die gesamten optischen Technologien zu. In neun regionalen Kompetenznetzen ist die Branche eng mit der Wissenschaft vernetzt. Insgesamt vereinen sie 420 Mitglieder, die Hälfte davon kleine und mittlere Betriebe, ein Drittel Wissenschaft und jeweils ein Zehntel Großunternehmen und Finanz- und Beratungsfirmen. Zusammen treiben sie in Projekten neue optische Anwendungen voran. Seit 2002 hat Berlin fast 300 Millionen Euro in die öffentlich-privaten Forschungskooperationen gepumpt, wobei das bundesweite OptecNet Deutschland alle Maßnahmen koordiniert.
In einer Mitgliederbefragung stieß diese Forschungsleitstelle letzten Herbst auf starken Optimismus. Rund 60 Prozent der Unternehmen wollen in nächster Zeit neue Mitarbeiter einstellen, berichtet Dr. Hans-Jürgen Hartmann, Vorstandsvorsitzender des OptecNet. Ein Viertel der Befragten rechne gar mit starkem Personalzuwachs. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hängen heute eine Million Jobs an optischen Technologien, davon 110.000 direkt Beschäftigte. Allein im beteiligten Mittelstand erwartet das Ministerium bis 2010 rund 15.000 neue Stellen, viele davon für Hochschulabsolventen. In kleinen und mittleren Betrieben liegt der Akademikeranteil heute zwischen 30 und 50 Prozent; wegen des rasanten Wissenszuwachses und der komplexen technischen Materie werden es künftig eher mehr.
Um Personalengpässen vorzubeugen, läßt das BMBF vom VDI Technologiezentrum regelmäßig die Aus- und Weiterbildungslage und den Qualifizierungsbedarf der Branche untersuchen. Zwar zeigen diese Studien, daß kein Mangel an optischen Studiengängen herrscht. Doch die Untersuchungen zum realen Bedarf werfen die Frage auf, ob sie die Studierenden ausreichend aufs Berufsleben vorbereiten. Denn während neue Bachelor- und Masterstudiengänge auf frühzeitige Spezialisierung setzen, suchen Großunternehmen Einsteiger mit fundierter natur- und ingenieurwissenschaftlicher Grundlage, um sie anschließend berufsbegleitend zu spezialisieren.
Eine ganze Reihe von Unternehmen gibt an, daß sie sich breiter qualifizierte Einsteiger wünschen. Für die Personalentwickler von Philips lernen Studenten zu wenig Cross-over-Denken. Bei Rofin-Sinar vermißt man Problemlösungs- und Lernkompetenz der Absolventen, die für die Innovationskraft des Unternehmens wichtiger seien als frühe Spezialisierung. Letztere sei sogar kontraproduktiv, wenn sie zu Lasten des Grundlagenwissens gehe. Daneben gibt es konkrete Kritik am Niveau der Bachelor- und Masterstudiengänge der optischen Technologien. So kritisierte Dr. Herbert Gross von der Carl Zeiss AG bei einem Workshop zum Thema, daß Master kaum das fachliche Niveau früherer Diplomanden erreichen. Zudem sei es ein unlösbarer Zielkonflikt der Bachelorstudiengänge, in der Kürze der Zeit zugleich Praxiserfahrung, berufliche Eignung und die fachlichen Grundlagen für ein weiterführendes Masterstudium vermitteln zu wollen.
So skeptisch wie Gross sind freilich nicht alle Verantwortlichen der Branche. So meldet etwa OSRAM Opto Semiconductors sehr gute Erfahrungen mit Praktikanten aus den neuen Studiengängen. In den Personalbüros kleinerer Unternehmen kommen die Studiengänge ebenfalls gut an. Wenn Einsteiger schon mit einer gewissen Spezialisierung zu uns stoßen, ist das eine gute Sache, erklärt Ursula Mader von der Laser Components GmbH. Auch Bewerber aus Aufbaustudiengängen seien gern gesehen, weil bei ihnen von einer bewußten Entscheidung für die Branche auszugehen sei. Und Yvonne Barth vom Laserunternehmen Precitec ergänzt, daß Mittelständler die Einsteiger nicht ewig weiterbilden können. Deshalb seien praxisnahe, fachspezifische Studiengänge sehr zu begrüßen.
Letztlich gibt es in der Branche genug Arbeit für Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mechatroniker, Materialwissenschaftler, Feinwerktechniker, Optoelektroniker oder Informatiker, ganz gleich, ob sie nun mit Bachelor, Master oder Diplom die Unis und Fachhochschulen verlassen. Schon heute gehen viele Betriebe auf Tuchfühlung zu Unis. Fast überall sind Studenten zu Praktika und Diplomarbeiten willkommen, und viele Unternehmen zeigen sich regelmäßig auf Karrieremessen. Um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen, haben einige Unternehmen aus der Region Jena die dort ansässige FH sogar dabei unterstützt, einen berufsbegleitenden, dreisemestrigen Modellstudiengang einzurichten, in dem Ingenieure nachträglich ihre optischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen verbessern können.
Experten schätzen, daß die Branche kaum ein Fünftel ihrer Marktpotentiale erschlossen hat.
Angesichts massiven Wachstums und der Notwendigkeit, den technologischen Vorsprung gegenüber der weltweiten Konkurrenz zu wahren, reinvestieren viele Unternehmen der optischen Technologien zweistellige Anteile ihrer Umsätze in Forschung und Entwicklung. Experten schätzen, daß die Branche kaum ein Fünftel ihrer Marktpotentiale erschlossen hat. Weltweit warten Märkte darauf, von Lasern, präziser Meßtechnik, optischer Sensorik und industrieller Bildverarbeitung erschlossen zu werden. Es mangelt in den optischen Technologien nicht an Arbeit und spannenden Aufgaben für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Sie sollten sich allerdings auf hohe fachliche Anforderungen, interdisziplinäre Projektteams und lebenslanges Lernen gefaßt machen.