12. Mai 2008 Gerade in großen Unternehmen berührt das Controlling alle Bereiche - egal ob Marketing, Vertrieb, Logistik, IT oder Finanzen. Ihren ohnehin hohen Marktwert können Controller auf die Spitze treiben, wenn sie sich auf dem richtigen Gebiet spezialisieren. Besonders gefragt: Experten im Risikomanagement, im Forensic Accounting und im Treasury.
Wer im Risikomanagement arbeitet, ist Schwarzseher von Beruf. Die Prämisse lautet hier: Was schiefgehen kann, das geht auch schief. Die Konjunktur kann einbrechen, Mitarbeiter krank oder Rohstoffe knapp werden. In mittelständischen und großen Unternehmen übernimmt die Controllingabteilung das Risikomanagement. Dax-Konzerne leisten sich dafür meist eine separate Stabsabteilung. Für Banken ist das Risikomanagement ihrer Kredite besonders wichtig. Darum sieht Aleksandra Skotnik, die im Kredit-Risikomanagement der Deutschen Bank arbeitet, in jedem Kreditkunden der Deutschen Bank ein potentielles Risiko und in jedem Kredit einen potentiellen Verlust, den sie möglichst klein halten will. Dazu erarbeiten sie und ihre Kollegen grundlegende Kriterien, nach denen Kunden einen Kredit bekommen können. Und sie legen fest, was mit Kunden passiert, die ihre Raten nicht zahlen.
Einen einzelnen Kunden bekommt Skotnik nie zu Gesicht. Sie hat aber die Kredite aller Kunden im Blick - egal ob Privat- oder Geschäftskunden. Und sie kalkuliert, mit welchem Risiko die Bank unterm Strich rechnen muss. Skotnik ist Polin und hat in ihrer Heimat zuerst Germanistik und Philologie studiert, später dann Wirtschaftswissenschaften in Kassel. Vor gut drei Jahren ging sie als Trainee zur Deutschen Bank - und ist jetzt eine von Headhuntern umworbene Expertin. Ich frage mich immer, woher die meine Nummer haben, bemerkt Skotnik amüsiert, wo sie doch überhaupt kein Interesse an einem Wechsel habe. Doch Anrufe von Headhuntern sind in ihrem Job keine Seltenheit, die Nachfrage nach Controllern boomt, und Risikomanager sind heiß begehrt. Sehr viele Abteilungen werden derzeit ausgebaut und benötigen dringend Fachleute, sagt Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management.
Dass die Nachfrage nach Controllern ungebrochen hoch ist, belegt auch der Financial Hiring Index des Personaldienstleisters Robert Half Finance & Accounting für das zweite Halbjahr 2007: 25 Prozent der 5.000 befragten Unternehmen suchen qualifizierte Controller. Bei keiner anderen Gruppe in Finanzabteilungen ist der Bedarf größer. Ursache für die hohe Nachfrage ist nicht nur das Wirtschaftswachstum. Renate Adler, Vizepräsidentin des Bundesverbands der Bilanzbuchhalter und Controller, meint: Controller haben sich vom bloßen Zahlenlieferanten zum strategischen Berater entwickelt, darum gibt es für sie heute viel mehr Einsatzmöglichkeiten.
Eigentlich kein Wunder, dass Controller so gefragt sind. Schließlich sind sie für ein Unternehmen so wichtig wie die Bordinstrumente in einem Flugzeug-Cockpit. Ohne sie können Manager das Unternehmen nicht in die richtige Richtung steuern. Denn ihre Zahlen zeigen, ob das Unternehmen produktiv, liquide oder rentabel genug ist. Das wissen Controller nur, weil sie jeden einzelnen Geschäftszweig kennen, sämtliche Daten auswerten und zusammenfassen.
Gefragt sind zunehmend auch Experten für Wirtschaftskriminalität, die als Spürhunde Betrugsfälle in Unternehmen aufdecken, dadurch entstehende Kosten kalkulieren und Beweise sammeln. Auch das ist ein guter Job für Controller. In amerikanischen Unternehmen arbeiten sie in Abteilungen mit ganz unterschiedlichen Namen wie Forensic Accounting, Fraud Services oder Compliance. In Europa stecken solche Abteilungen oft noch in den Kinderschuhen. Aber die Beispiele Volkswagen und Siemens haben die Unternehmen aufgeweckt, sagt Birgit Galley, Direktorin des Institute Risk & Fraud Management der Steinbeis-Hochschule Berlin. Die staatlich anerkannte, private Hochschule bietet einen MBA-Studiengang mit dem Schwerpunkt Risk & Fraud Management an. Den hat auch Karl-Heinz Marko belegt, der bei der Telekom Austria das Vertriebscontrolling leitet. Er sieht sich als Betrugsspezialist unter den Controllern. In seiner täglichen Arbeit hat er einen kritischen Blick für widersprüchliche Zahlen entwickelt, die auf verbotene Aktivitäten hindeuten: Etwa wenn jemand 0190-Nummern für kriminelle Zwecke missbraucht oder die Telekom Austria um Gebühren betrügt.
Betrug, Geldwäsche, Korruption und gefälschte Bilanzen schaden der Wirtschaft. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PwC) aus dem Jahr 2007 waren 49 Prozent der befragten Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen. Hochgerechnet entsteht deutschen Unternehmen ein Gesamtschaden von gut 6 Milliarden Euro pro Jahr - allein durch die aufgedeckten Delikte.
In ein bis zwei Jahren wird kein Unternehmen mehr auf eine Forensic-Abteilung verzichten können, sagt Steffen Salvenmoser, Leiter des Bereichs Forensic Services bei PwC. Die gestiegene öffentliche Sensibilität und neue Gesetze zwingen Unternehmen, sich besser vor Wirtschaftskriminalität zu schützen. Das Interesse der Unternehmen für den Bereich Forensic Services ist im Moment extrem hoch, und überall werden entsprechende Abteilungen aufgebaut, sagt Salvenmoser. Bewerber mit Berufserfahrung seien besonders gefragt - aber auch besonders selten. Darum kämen Unternehmen gar nicht darum herum, auch Berufsanfänger in ihren Forensic-Abteilungen einzustellen. BWL-Studenten rät Salvenmoser, sich schon an der Uni auf Bilanzierung, Buchhaltung, Unterschlagungsprüfung und Revision zu spezialisieren. Doch einen klassischen Zugang zum Fraud-Management gibt es nicht. Das ist auch der Grund, warum neben BWLern auch Juristen oder Informatiker eingestellt werden. Dennoch hält Direktorin Galley die Controller für besonders geeignet: Sie kennen ihr Unternehmen in- und auswendig, damit sind sie als Fraud-Manager prädestiniert.
Versierten Controllern bietet auch ein Spezialbereich des Finanz-controllings gute Karrierechancen: das Treasury, das sich um Zahlungsfähigkeit und Finanzierungsstrategien eines Unternehmens kümmert. In der Regel ein Job für alte Hasen. Beim Triebwerkshersteller MTU Aero Engines sorgt Treasurer Anton Aumüller dafür, dass das Unternehmen immer liquide ist, über genügend Rohstoffe und Devisen verfügt und dass Rohstoffpreise und Devisenkurse abgesichert sind. Mögliche Engpässe muss er rechtzeitig entdecken und Strategien für schwankende Kurse in der Schublade haben. Der Blick in die ungewisse Unternehmenszukunft reizt ihn: Keiner weiß, wohin sich Aktienkurse und Devisen bewegen - das ist das Spannende an diesem Geschäft. Aumüller kennt die Finanzmärkte. Er hat Aktienkurse, Rohstoffpreise, Währungskurse und Zinsen ständig im Visier. Auch abends vor dem Fernseher verfolgt er den Devisenmarkt - damit ihn am nächsten Tag keine bösen Überraschungen erwarten. Am Wochenende liest er Fachzeitungen und Broschüren, weil die Banken ständig neue Produkte auf den Markt werfen, heißen sie nun Cap, Floor oder Swap. Nur so kann Aumüller Finanzinstrumente beherrschen wie das kleine Einmaleins. Mit Aktien handeln oder überschüssige Dollar anlegen: Das ist für ihn alltäglich.
Ein Treasurer wie Aumüller sollte ein Finanzmarktprofi sein und am besten eine Banklehre und ein BWL-Studium absolviert haben. Controlling-Fähigkeiten sind im Treasury sehr gefragt, sagt auch Heidorn, denn der Bereich wird in fast allen Unternehmen ausgebaut. Trotzdem ist für Berufsanfänger ein direkter Start im Treasury nicht ganz einfach. Personalberater empfehlen Hochschulabsolventen, in der Bilanzierung oder im Rechnungswesen einzusteigen. Um ein breiteres Wissen zu sammeln, ist nach zwei bis drei Jahren ein Wechsel in eine weitere Abteilung oder ein anderes Unternehmen optimal. Nach spätestens fünf Jahren steht einer Karriere im Treasury nichts mehr im Weg. Wer sich im Studium und durch einschlägige Praktika spezialisiert, kommt auch schneller voran.
Auf dem Konto macht sich die große Nachfrage nach Controllern schon bei Berufseinsteigern bemerkbar. Das bescheinigt die Gehaltsstudie 2007 des Personaldienstleisters Robert-Half. Danach verdienen Berufsanfänger und Controller mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung zwischen 40.000 und 51.000 Euro im Jahr. Anfang 2006 lag die Obergrenze noch bei 45.000 Euro. Kleiner Ausblick: Controller in Führungspositionen verdienen derzeit mehr als 86.000 Euro - wenn sie gut 15 Jahre Berufserfahrung haben. Bis dahin brauchen Einsteiger noch ein wenig Geduld. Doch für den Anfang ist nur eins wichtig: Wer gerne mit Zahlen spielt, hat im Controlling sehr gute Chancen.