13. Mai 2008

Erneuerbare Energien

Sonne, Wind und Biomasse

Von Peter Trechow




10. Dezember 2007 
Die Arbeitsmarktprognosen von Verbänden aus dem Bereich der erneuerbaren Energien galten lange als übertrieben optimistisch. Mittlerweile verstummen die Kritiker. Denn der Jobzuwachs ist rasant. In zwei Jahren stieg die Zahl der Beschäftigten von 160.000 auf 235.000. Ein Ende ist nicht in Sicht: Wind-, Solar- und Biogasbranche haben Hunderte Stellen ausgeschrieben.

Der Beschäftigungseffekt durch erneuerbare Energien ist größer als bisher angenommen, meldet das Bundesumweltministerium (BMU). Kein Wunder: Auch der Jobzuwachs geht nämlich auf das Konto des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), dessen Ziel es ist, den Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromversorgung auf mindestens 12,5 Prozent bis zum Jahr 2010 und auf mindestens 20 Prozent bis zum Jahr 2020 zu steigern. Eine Gemeinschaftsstudie verschiedener Forschungsinstitute hat ergeben, dass die junge Branche schon 235.000 Mitarbeiter beschäftigt. Das BMU ging von 215.000 aus. Selbst das hätte 35 Prozent Stellenzuwachs gegenüber 2004 bedeutet. So sind es satte 50 Prozent.


Damit nicht genug: Das EEG hat Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasser zum Durchbruch verholfen, und da immer mehr Länder die deutsche Regelung übernehmen, steigen auch die Exportchancen der Branche. Die hiesigen Hersteller von Wind- und Wasserturbinen, Solar- und Biogasanlagen haben sich in den letzten Jahren einen technologischen Vorsprung erarbeitet, den sie jetzt in bare Münze umsetzen. So ganz stimmt es nicht, dass wir den Vorsprung erst in den letzten Jahren erarbeitet haben, korrigiert der Pressesprecher der Schott Solar GmbH, Lars Waldmann. Vorläufer seines Unternehmens seien schon dabei gewesen, als die ersten Raumschiffe mit damals noch sündhaft teuren, aber leichten Solarzellen ins All starteten. Und sie waren bei den ersten Anwendungen in entlegenen Gebieten der Erde dabei. Anfangs kostete die Herstellung der Zellen 2 Euro pro Kilowatt Leistung, in den 80ern war es noch 1 Euro und heute sind es 40 Cent. In wenigen Jahren, sagt Waldmann, werden es 20 Cent sein.

Umgekehrt zur Preisentwicklung verläuft der Stellenaufbau. Schott Solar ist gerade ein Joint Venture mit Wacker Chemie AG eingegangen, dem zweitgrößten Reinstsiliziumhersteller der Welt. Die neue WackerSchott Solar GmbH soll die Fertigung von Solarzellen an den zwei Standorten Jena und Alzenau bei Frankfurt am Main vorantreiben. Aktuell sind wir 1.200 Mitarbeiter. Bis 2010, also in nur drei Jahren, müssen wir 3.000 sein, sagt Waldmann, die Produktionsanlagen seien bestellt. Um sie richtig ins Laufen zu bringen, brauche man qualifizierte Spezialisten. Chemiker, Physiker, physikalische Techniker und Materialwissenschaftler für Forschung, Entwicklung und Materialprüfung, ITler, die sich auf Embedded Systems verstehen, Ingenieure aus Elektro-, Verfahrens- und Feinwerktechnik für die Fertigung, Mess-, Steuer- und Regeltechniker, Waldmann holt kurz Luft, und dann natürlich auch im betriebswirtschaftlichen Bereich von Controlling, Finanzen und Marketing bis zum Vertrieb. Schott Solar beschäftigt allein 90 Forscher, die beispielsweise Nano-Strukturen des Siliziums auf den Grund gehen oder die Züchtung hauchdünner Siliziumschichten vorantreiben. Diese konkurrieren mit dem herkömmlichen Verfahren, in dem große Blöcke gezüchtet, aufwendig zerlegt und mit feinem Draht in 0,15 Millimeter dünne Wafer zersägt werden. Die Forscher können viel bewegen. Die Sonne reicht als Energiequelle für die ganze Menschheit, sagt Waldmann. Um die Energie zu ernten, braucht es nur die richtige Technik. Etwa solarthermische Kraftwerke, in denen Tausende Spiegel, die Schott Solar ebenfalls fertigt, die Sonne auf einen Keramikkörper konzentrieren. Der wird dabei mehrere Tausend Grad heiß und dient als Kraftquelle für Gas- und Dampfturbinen. Solche Kraftwerke sollen künftig in Nordafrika in großem Stil Strom produzieren und nach Europa transportieren. Eine Vision. Aber wer hätte in den 70er Jahren gedacht, dass die sündhaft teure Weltraumtechnik Photovoltaik auf der Erde überhaupt in den Gigawattbereich vorstoßen könnte? Ab 2012 soll bei WackerSchott Solar ein Gigawatt Leistung pro Jahr vom Band laufen.


Auch in der Hamburger Zentrale der Conergy AG herrscht Aufbruchstimmung. Sie ist mit ihren drei Töchtern Conergy, SunTechnics GmbH und Epuron GmbH in 26 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv. Zu den Produkten gehört neben Wärmepumpen, Kleinwindkraftanlagen, Solarzellen und -kollektoren auch die gesamte Technik drum herum, vom Befestigungssystem bis zum Wechselrichter. Projekte im In- und Ausland samt Planung, Finanzierung und Umsetzung runden das Angebot ab. Für Einsteiger heißt das, dass sie bei uns die gesamte Wertschöpfung kennenlernen und sich auch entsprechend ihrer Neigungen entwickeln können, erklärt Personaldirektor Andreas Hofmann. Und weil sich in diesem vergleichsweise jungen Unternehmen mit jungen Technologien in jungen Märkten vieles erst findet, sind auch die Karriereaussichten nicht zu verachten. Mancher Geschäftsführer von Gruppentöchtern hat einst als Praktikant bei Conergy begonnen.

Mitte des Jahrhunderts kann Solarenergie schon ein Drittel des globalen Energiebedarfs decken.

Rund 300 Stellen hat das Hamburger Unternehmen zu besetzen, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Das Auslandsgeschäft hat sich 2006 verdreifacht und erstmals mehr Umsatz als die Aktivitäten im Inland eingebracht. Um das Wachstum weiter voranzutreiben, geht dieser Tage eine neue Fabrik in Frankfurt an der Oder in Betrieb. Wir stocken dafür gerade Personal auf, sagt Hofmann. Besonders gefragt sind Fertigungs- und Prozessingenieure sowie Ingenieure für Forschung und Entwicklung. Wenn sie frisch von der Uni kommen und nicht schon Praktika oder Diplomarbeit bei der Conergy-Gruppe absolviert haben, führt das Unternehmen sie in einem praxisorientierten Einsteigerprogramm an fachliche Verantwortung heran. Für Mitarbeiter mit besonderem Potential haben wir darüber hinaus ein internes Entwicklungsprogramm, in das jährlich neue Teilnehmer aufgenommen werden, so der Personaldirektor. Sie werden dann länder-, bereichs- und konzernübergreifend auf Führungsaufgaben vorbereitet. Klingt wie bei den Großen, findet aber alles in nahezu familiärem Rahmen statt: Conergy hat weltweit 2.700 Mitarbeiter, 1.500 davon in Deutschland.

Hervorragende Jobchancen für Hochschulabsolventen bietet auch die Windbranche. Rund 350 Stellenanzeigen, ein Großteil davon für Akademiker aus technischen und kaufmännischen Fächern, finden sich allein auf der Homepage der Leitmesse Husum Windenergy, die Anfang September stattfand. Branchenpioniere wie Enercon, Enertrag, die RePower Systems AG oder Nordex suchen hier gleich dutzendweise Fach- und Führungskräfte. Die konzerngebundenen Anbieter GE Energy oder Siemens Wind Power stehen ihnen in nichts nach. Viele Konzerne mischen im globalen Wachstumsmarkt Windkraft kräftig mit, vom Maschinenbauer Bosch Rexroth über die Mineralölkonzerne BP und Shell bis zu den großen Konzernen der Stromwirtschaft. Eines der großen Unternehmen im Markt ist auch die dänische Vestas-Gruppe, die diverse Standorte in Deutschland betreibt und Einsteigern ein 24-monatiges International Graduate Programm anbietet.

Gerade im Bereich der Planung, Entwicklung und Finanzierung sind fast ausschließlich Akademiker am Werk. Ingenieure übernehmen Projektplanung, Konstruktion und Qualitätsmanagement beim Bau von Windparks. Geologen und Biologen klären die Standortbedingungen und Betriebswirte, Juristen und Kaufleute kümmern sich um alle Fragen, die im Umgang mit Investoren, Behörden oder Banken auftreten. Auch beim Bau der Türme, Fundamente, Generatoren oder Flügel sind jeweils Ingenieure im Einsatz, die dabei eng mit Facharbeitern kooperieren. Ein weiteres Arbeitsfeld ergibt sich auf offener See, wo Bau- und Schiffsbauingenieure vor der großen Herausforderung stehen, sturmsichere Fundamente in 30 bis 40 Meter Wassertiefe zu realisieren oder Bau- und später Wartungsarbeiten mitten im Meer zu organisieren. Die Offshore-Parks in Nord- und Ostsee sollen fürs bloße Auge nicht erkennbar sein - und werden deshalb weitab der Küsten gebaut.

Wenn Wind und Sonne mal ausfallen, muss im Energiemix der Zukunft Biomasse den Bedarf decken. Ein führendes Unternehmen auf diesem Gebiet ist die Schmack Biogas AG. Auch in dem bayerischen Unternehmen sind Akademiker gefragt. Aktuell sind allein hier bis zu 15 Stellen für Absolventen zu haben, auch hier vor allem für Ingenieure aus Verfahrens-, Agrar- und Umwelttechnik, Maschinenbau oder aus Automatisierungs- und Elektrotechnik. Weil das Unternehmen auch in Italien, Holland und den USA vertreten ist und eine weitere internationale Expansion anstrebt, ergeben sich für Einsteiger auch bei Schmack Biogas Chancen auf internationale Karrieren.

Conergy Gruppe

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 1.500/2.700
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): ca. 30
Karriereseiten: http://www.conergy.de

Schott Solar GmbH

Zahl der Mitarbeiter: 1.200
Geplante Einstellungen: ca. 500
Karriereseiten: http://www.schott.com/photovoltaic

Vestas Central Europe

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 1.000/13.500
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): keine Angabe
Karriereseiten: http://www.vestas.com

Schmack Biogas AG

Zahl der Mitarbeiter (D/weltweit): 315/490
Geplante Einstellungen (Absolventen in D): 10 bis 15
Karriereseiten: http://www.schmack-biogas.de

Prognosen:

Photovoltaik: Der europäische Branchendachverband EPIA sagt eine Verdopplung des Weltmarktes innerhalb der nächsten drei Jahre voraus. Bis 2010 werde der Weltmarkt auf 5,6 Gigawatt pro Jahr wachsen. Ein Viertel davon teilen sich deutsche Hersteller.
Windenergie: Zur Jahrtausendwende arbeiteten kaum 30.000 Mitarbeiter in der Windbranche. Heute sind es 82.000, und der Bundesverband Windenergie rechnet mit einem Anstieg auf mindestens 112.000 Stellen bis 2020. Mit ein Grund sind die guten Exportgeschäfte: Zwei von drei der hier gebauten Windräder gehen mittlerweile ins Ausland.
Biogas: 2006 war das bisher erfolgreichste Jahr für die deutsche Biogas-Branche mit insgesamt ca. 650 neu installierten Anlagen. Damit erhöhte sich die Anlagenzahl auf 3.500 bei einer insgesamt installierten elektrischen Leistung von rund 1.100 Megawatt. 2006 wurden ca. 5,4 Milliarden Kilowattstunden aus Biogas erzeugt. Für die nächsten Jahre rechnet der Fachverband Biogas (FvB) mit einem weiteren starken Anstieg.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: dpa