08. Oktober 2008

Resilienz

Krisen können stark machen – aber wie?

Von Gunda Achterhold




20. März 2006 
Stehaufmännchen-Qualitäten sind in der Arbeitswelt so wichtig wie noch nie. Fehlende Perspektiven, Umstrukturierungen und Streß sind an der Tagesordnung. Doch die Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Sogenannte Resilienz-Strategien können helfen, schwierige Situationen leichter zu meistern

Unter Resilienz versteht man die seelische Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet Elastizität, Schwung, Unverwüstlichkeit. Jeder kennt das Phänomen: Während der eine Rückschläge locker wegsteckt, aus Krisen sogar gestärkt hervorgeht, berappeln sich andere nur mühsam. Kinder werden als resilient bezeichnet, die in einem risikobelasteten sozialen Umfeld aufwachsen, das durch Armut, Drogenkonsum und Gewalt gekennzeichnet ist - und sich dennoch zu erfolgreich sozialisierten Erwachsenen entwickeln. Eine der spektakulärsten Untersuchungen war die „Kauai“-Studie auf Hawai. Über einen Zeitraum von 40 Jahren, bis in die 90er Jahre hinein, beobachtete die Entwicklungspsychologin Emmy Werner 700 Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Ein Drittel der Probanden verkraftete die widrigen Umstände gut und wuchs in stabile Lebens- und Familienverhältnisse hinein. Das Ergebnis stellte die Lehre von der frühkindlichen Prägung auf den Kopf. Aus den Befunden läßt sich schließen, daß sogenannte protektive Schutzfaktoren existieren, die die Wirkung von Risikofaktoren beeinflussen. Aber welche Faktoren sind das? Welche Fähigkeiten haben lebenstüchtige Kinder, die andere aus ganz ähnlichen Familien nicht haben? Sind diese Eigenschaften angeboren oder lassen sie sich aneignen? Diesen Fragen ist der junge Forschungszweig heute auf der Spur. Die gute Nachricht: Resilienz ist lernbar.

Erkenne ich, wenn ich unter Streß stehe und wann ich um Hilfe bitten muß?

„Es ist wie mit dem Glück“, stellt Resilienz-Expertin Micheline Rampe fest. „Ein bißchen bekommt man als Geschenk mit auf den Weg, den Rest, das entscheidende ›Mehr‹ muß sich jeder selbst erarbeiten.“ In ihrem Buch „Der R-Faktor“ beschreibt die Autorin das „Geheimnis unserer inneren Stärke“. Anhand von Fragebögen und Beispielen stellt sie Methoden und Übungen vor, die der Selbsteinschätzung auf die Sprünge helfen und Strategien zur Bewältigung von Krisen anregen. Sieben Faktoren sind entscheidend für die individuelle Krisenfestigkeit: Optimismus, Akzeptanz und Zielorientierung, die Fähigkeit, die Opferrolle zu verlassen, Verantwortung zu übernehmen, Netzwerke zu nutzen und nicht zuletzt seine Zukunftsplanung sehr konkret in die Hand zu nehmen (siehe Kasten). Stärkung der mentalen Verfassung bedeutet, sich dieser Fähigkeiten bewußt zu werden und sie gezielt einzusetzen. Resiliente Menschen zeichnen sich durch ein kontaktfreudiges Temperament aus, sie sind optimistisch, durchsetzungsfähig und seelisch ausgeglichen. Sie akzeptieren Krisen, sind aber der festen Überzeugung, daß sich die Dinge wieder zum Besseren wenden werden. „Niemand kann sich von Grund auf verändern“, betont Rampe. „Aber wer seine Achillesferse kennt, wird wieder handlungsfähig.“

Psychisch widerstandsfähig zu sein hat nichts damit zu tun, alles durch die rosarote Brille zu sehen und Schwierigkeiten oder Kummer zu ignorieren.
Im Gegenteil. Die bewußte Auseinandersetzung mit Niederlagen, die Verarbeitung von Trauer, ist die Voraussetzung, wenn es konstruktiv weitergehen soll. Liz Taylor, Joschka Fischer oder Herbert Grönemeyer sind prominente Paradebeispiele. Alle drei steckten in schweren Lebenskrisen und zogen sich mit eigener Kraft aus dem Sumpf. Wie Stehaufmännchen, die schwanken, aus dem Gleichgewicht geraten und sich nach einigem Hin und Her wieder aufrichten. Ganz gleich, ob es sich um einen persönlichen oder einen beruflichen Umbruch handelt, entscheidend ist, wieder aktiv zu werden, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, Verbündete zu suchen. Sich in die Frustecke zurückzuziehen, passiv zu werden, ist einer der größten Fehler, wenn es darum geht, die innere Balance wiederzufinden.

„Nicht länger die Defizite, sondern die Stärken eines Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ist eine neue Herangehensweise“, stellt Arbeitspsychologe Eric Wenzel von Lee Hecht Harrison Deutschland (LHH) fest. Ein positiver Ansatz, der besonders in Krisenzeiten Charme entwickelt. Existentielle Umbrüche wie Standortverlegungen oder Firmenzusammenschlüsse können schließlich jeden aus der Bahn werfen. In den Vereinigten Staaten bietet das amerikanische Beratungsunternehmen LHH seit Jahren Resilienz-Seminare an. Auch in Deutschland hat es sich jetzt mit einer eigenen Abteilung auf Veränderungssituationen in Unternehmen spezialisiert. „Wir geben Beispiele von Menschen, die erfolgreich mit Krisen umgegangen sind, regen jedoch in erster Linie die Eigenreflexion an“, so Wenzel, der die Workshops betreut: Erkenne ich, wenn ich unter Streß stehe und wann ich um Hilfe bitten muß? Welche Fähigkeiten werden in den nächsten fünf Jahren in meinem Job gefordert sein? Welche besonderen Talente habe ich? „Jeder hat in der Vergangenheit schon schwierige Situationen gemeistert, zum Beispiel bei der Jobsuche“, so der Psychologe. „Wir untersuchen gemeinsam, welche Mechanismen damals angewandt worden sind, und knüpfen an diesen positiven Erfahrungen an.“ Die Teilnehmer sind Arbeitsgruppen, die auf anstehende Veränderungen in ihren Unternehmen vorbereitet werden. Aber auch Führungskräfte, die für das Thema sensibilisiert werden sollen. Schließlich ist es auch in ihrem Interesse, daß Teams bereit und in der Lage sind, Umwälzungen im Betrieb mitzutragen.

„Entscheidend ist, in die Offensive zu gehen.“

Niemand will passiver Spielball sein. Doch die Gefahr ist groß. Wer sich erst einmal in sein Schneckenhaus zurückgezogen hat, verliert das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben. Um der Abseitsfalle zu entkommen, untersuchen Workshop-Teilnehmer ihre Situation: Was genau ist passiert? Welche Konsequenzen kann die Standortverlagerung für mich haben? Kann ich sie beeinflussen? Gedankliche Planspiele, die den Blickwinkel verändern können - und damit die innere Haltung. „Entscheidend ist“, so Wenzel, „in die Offensive zu gehen.“ Dem Vorgesetzten zu zeigen, daß man die Spielregeln kennt. Deutlich zu benennen, welche Rahmenbedingungen nötig sind, um diesen Prozeß kreativ zu begleiten - einen Computerkurs, zum Beispiel, oder eine Fortbildung. „Wer aktiver Agens sein will, muß sich konkrete Ziele setzen. Und zwar realistische, die auch erreicht werden können.“

Ein ganzes Bündel von Faktoren bestimmt, wie Misserfolge und Lebenskrisen verarbeitet werden: 6 Faktoren

Buchtip:
Micheline Rampe: Der R-Faktor. Das Geheimnis unserer inneren Stärke
Eichborn Verlag, 2004, 270 Seiten, 16,90 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor