05. September 2008

Hannover

Nichts ist doofer als Hannover? Von wegen!

Von David Selbach



20. März 2006 Drei Zugezogene erzählen, welche Seiten der Stadt sie besonders schätzen und was sie von den Vorurteilen halten. Ergebnis: Hannover ist tatsächlich etwas verschlafen und wirklich nicht sehr weltstädtisch. Doch genau das wissen seine Bewohner zu schätzen.

Hannoveranern geht es häufig wie Beamten. Wenn sie verraten, wo sie hingehören, holen alle anderen gleich die dummen Sprüche hervor. „Ist doch total langweilig.“ „Wenn nicht grad Messe ist, völlig tot, oder?“ Am besten gleich der Klassiker: „Nichts ist doofer als Hannover.“ Der Hannoveraner reagiert gelassen, aber ein bißchen trotzig - auch das verbindet ihn mit dem Beamten. „Hannover wird falsch verstanden“, sagt zum Beispiel Matthias Blaschke. „Die Stadt ist einfach total unterschätzt.“

Matthias Blaschke

Blaschke ist Unternehmer. Er stammt aus Minden in Westfalen und ist der erste, den wir nach seiner Meinung zum miesen Hannover-Image befragen. Mit seinem Kompagnon und drei Angestellten entwickelt er seit vier Jahren Funkmodule für Industriebetriebe - kleine Plastikkästen mit Leuchtdioden und Kippschaltern, die Hochregallager steuern und Montageroboter überwachen.

Daß Blaschke Hannover prima findet, hat ganz praktische Gründe: Mit Cebit und Hannover Messe hat das kleine Unternehmen Synertronixx GmbH die wichtigsten Branchentreffs direkt vor der Tür. Blaschke zahlt nur wenig Miete für sein Büro im Gründerzentrum, das im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Continental AG residiert, einem ehrfurchteinflößenden Direktorium mit gewaltigen Glastüren und Lichthof. Er lobt die „hervorragende Verkehrsanbindung Hannovers“. Und außerdem hat er seit seinem Elektrotechnik-Studium alle seine Freunde hier. Mit denen versteckt er sich in Stadtteilkneipen, wenn Messe ist und aufgekratzte Geschäftsleute die City unsicher machen.

Katharina Sickert

„Hannover ist WM-Stadt. Hannover 96 spielt wieder in der ersten Liga. Wir haben das größte Schützenfest der Welt.“

„Hannover ist schön grün und bietet eine hohe Lebensqualität“, sagt der 38jährige noch fast entschuldigend. „Es gibt halt nicht diese touristischen Highlights wie in München oder Heidelberg.“ Blaschke sitzt zwischen halbfertigen Platinen, Volt-Metern, Oszilloskopen und Lötkolben und schwärmt von der Komplettrenovierung der Innenstadt vor der Weltausstellung Expo 2000. „Wer heute nach Hannover kommt, hat einen ganz anderen Eindruck als früher.“

Isabella Haijtema

Daß seine Mitmenschen eher spröde sind und nicht gerade direkt auf andere zugehen, kann Blaschke bestätigen, findet es allerdings nicht schlimm. „Man muß sich ein bißchen mit den Leuten beschäftigen. Ich komme gut klar.“ Drei Dinge gibt Blaschke uns noch mit auf den Weg: „Hannover ist WM-Stadt“, betont der Techniker, auf dessen Kaffeetasse in dicken Lettern „Hier werden Sie geholfen“ gedruckt ist. „Hannover 96 spielt wieder in der ersten Liga.“ Und: „Immerhin haben wir das größte Schützenfest der Welt.“

Wobei ein Schützenfest natürlich Massenkultur ist. „Man kann in Hannover auch zum Expo Revival gehen“, sagt Katharina Sickert sarkastisch. Und sie verzieht das Gesicht über das Volksspektakel, auf dem die Landeshauptstadt ihre Weltausstellung einen Tag lang wiederbelebt: Mit Spielezirkus und Flötenbands aus den Anden. Die 28jährige Sickert, die 1999 aus dem Rheinland hergezogen ist, um am Kurt-Schwitters-Forum Kunst zu studieren, hat zwiespältige Gefühle gegenüber Hannover.

Volker Sellmeier studiert Maschinenbau an der Uni Hannover.

Zunächst einmal läuft ihr Stipendium aus. Gleich nach ihrem Abschluß hatte Sickert 2004 den begehrten Helen-Abbott-Förderpreis für bildende Kunst bekommen und damit etliche renommierte Kunst-Professoren aus dem Feld geschlagen - als eine der jüngsten Malerinnen Deutschlands. Dem anonymen amerikanischen Mäzen gefielen die lakonischen Porträts und Stilleben, die Sickert mit einer Paste aus Eigelb, Farbpulver und Leinöl auf metergroße Leinwände malt. Auf Dauer hilft das wenig: „Man schmückt sich in Hannover gerne mit Kurt Schwitters und Niki de St. Phalle“, sagt Sickert. Ansonsten stehen die Zeichen auf Abbau: Die Kunsthochschule wird 2007 geschlossen, die Atelierförderung abgeschafft, es gibt kaum Galerien, die sich um den Nachwuchs kümmern, sagt Sickert. Sie wird wohl nach Berlin oder Leipzig ziehen, weil da für junge Künstler mehr zu machen sein soll.

Andererseits hat sie sich prächtig eingelebt im Stadtteil Linden, wo Studenten-WGs und türkische Gemüsehändler sich alte Arbeiterquartiere aus roten Backsteinen teilen. „Es gibt viele nette Kneipen hier. Das Nachtleben ist in Ordnung.“ Manchmal finden sich in Hannover sogar Perlen wie „Die Bar“ auf der Limmerstraße in Linden. Da hat die Deutsch-Niederländerin Isabelle Haijtema die schönsten Läden aus Amsterdam in ihre alte Heimat Hannover importiert: Die gelernte Tischlerin baute einen großen weißen Holztisch, auf dem jetzt schicke Magazine wie brandeins und Galore ausliegen. Es gibt Kaffee und Kuchen bis abends um sechs, dann macht Haijtema zu. Der Laden läuft, auch wenn immer wieder Gäste verwundert den Kopf durch die Tür stecken und dann wieder gehen. „Wahrscheinlich, weil es nur einen Tisch gibt“, sagt Haijtema und lacht. „Wenn da einer sitzt, gilt die Kneipe hier als voll.

Edelgard Bulmahn war Bundesinnenministerin für Biödung und Forschung.

Die 30jährige, die von Amsterdam wieder zurück nach Hannover gezogen ist, hat sich „Die Bar“ gebaut, weil sie ein schönes Tagescafé vermißte. Haijtema findet es ansonsten angenehm „kleinstädtisch“ und ruhig in Hannover, aber nicht provinziell. „Viele Leute leben gerne hier. Klar sind andere Städte toller. Aber die sind ja nicht weg - wieso gleich so´n Alarm machen und dort wohnen?“ Außerdem kann Haijtema mit der „Bar“ in Hannover noch richtig punkten.
„In Amsterdam wäre das keinem aufgefallen.“

Drei Typen der Stadt

Hannover hat mir am besten gefallen, ...
als ich mir kurz vor dem Abitur verschiedene Uni-Städte angeschaut habe. Der Info-Tag für angehende Studenten war hier sehr gelungen. Die Mitarbeiter haben uns viele spannende Dinge gezeigt, und im Uni-Gebäude habe ich mich sofort wohlgefühlt. Deshalb habe ich mich für ein Maschinenbaustudium in Hannover entschieden - natürlich auch weil es nach Osnabrück keine Weltreise ist, wo meine Eltern wohnen.

Edzard Schönrock hat in Hannover seinen raumjob gefunden.

Die ersten Monate in Hannover waren hart: Ich habe gemeinsam mit 17 Leuten auf einem Gang in dem Wohnheim gewohnt, das hier nur Silo heißt. Dort habe ich es auch nur ein Semester ausgehalten, dann bin ich nach Linden-Nord gezogen. Heute wohne ich in einer WG am „Schwarzen Bär“. Die Gegend mag ich besonders gern: Hier gibt es viele junge Leute, viele Kinder, viele Grüne-Wähler und viele schöne Clubs.
Volker Sellmeier studiert Maschinenbau an der Uni Hannover.

Ich bin seit meinem Studium in Hannover, ...
schließlich ist Hannover eine Stadt zum Leben, nicht nur zum Wohnen. Sie bietet viele Grünflächen, große wunderschöne Gärten und Parks. Der Maschsee mitten in der Stadt ist eine weitere Besonderheit, genauso wie die vielen kleinen Seen in Hannover-Ricklingen. Zudem gibt es hier eine vielfältige Kultur- und Kneipenszene. Was die Hannoveraner selbst liebenswert macht? Sie sind unpreziös und geradeheraus. Meinen Besuchern zeige ich die Herrenhäuser Gärten mit dem sich anschließenden alten englischen Park und dem Berggarten.

Das ist ein Muß. Auf dem Programm stehen aber auch das Sprengelmuseum und das Rathaus. Ein besonderer Ort in der Stadt ist für mich Hannover-Linden, der bunte Stadtteil mit den interessantesten Menschen. Einen Samstag auf dem Lindener Markt mit seinem besonderen Flair muß man erlebt haben. Hannover gilt als unterschätzte Stadt - aber nur, weil viele Menschen die Stadt nicht erkunden, sondern sich lieber auf ihren Vorurteilen ausruhen.
Edelgard Bulmahn war Bundesinnenministerin für Biödung und Forschung.

Am liebsten hätte ich in Hannover studiert, ...
weil es in der Nähe war. Aber leider habe ich hier keinen Studienplatz bekommen. So bin ich nach dem Abi aus Sehnde, einem Vorort von Hannover, nach Oldenburg gezogen und habe dort Sozialwissenschaften auf Diplom studiert. Im vergangenen Jahr bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und habe in Hannover meinen Traumjob gefunden: In der Kommunikationsabteilung eines großen Einzelhandelsunternehmens.

Die Vorurteile gegenüber Hannover kann ich nicht verstehen: Für mich ist die Stadt nicht langweilig, sondern eine große Nummer. Wir haben viele Kinos und Theater. Und einer meiner Lieblingsplätze ist der Stadtwald Eilenriede, wo ich regelmäßig laufen gehe. Überhaupt mag ich an der Stadt, daß sie so grün ist, zum Beispiel am Maschsee - aber auch in meiner Nachbarschaft im Stadtteil List.
Edzard Schönrock hat in Hannover seinen Traumjob gefunden.

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Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Ilona Scheffbuch, PR, von Zubinski
 
 
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Der Laden heißt ... und der böse Wolf - der Name ist Programm: Die Kneipe in der Heesestraße in Hannover-Linden ist so gegensätzlich, wie es Rotkäppchen und ihr böser Widersacher sind. 

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Hannover steht seit 2000 vor allem für die Weltausstellung Expo 2000. Tatsächlich hat sich die niedersächsische Landeshauptstadt für das Großereignis mächtig herausgeputzt und profitiert noch heute davon. Automobilfirmen, Messen, Wissenschaft und Biotech machen Hannover zum attraktiven Standort für Absolventen.