12. Dezember 2009

It's a long way

Die Cabrio-Macher

Von Peter Trechow




20. Oktober 2008 
Kann doch nicht so schwer sein, mit Tausenden Ingenieuren ein Auto auf die Räder zu stellen. Noch dazu eins ohne Dach ... Ein Blick in die unterschiedlichen Phasen des Entwicklungsprozesses zeigt, wie viele Details Jungingenieure und ihre erfahrenen Kollegen klären, be-vor der Kunde zum ersten Mal den Zündschlüssel dreht.

Vorentwicklung Dachsysteme bei Edscha
Alexander Haimerl erfährt erst spät, ob seine Vorschläge umgesetzt werden. Seit drei Jahren arbeitet der 27-jährige Maschinenbauingenieur in der Vorentwicklung Cabrio-Dachsysteme der Edscha AG. Wenn ein Hersteller ein neues Cabrio plant, erstellt er mit seinen Kollegen Machbarkeitsstudien. „Wir wägen Dachsysteme gegeneinander ab und schauen, ob und zu welchem Preis sich Designwünsche realisieren lassen“, berichtet er. In dieser Konzeptphase buhlen verschiedene Cabriohersteller um den Auftrag. Der Konkurrenzdruck ist entsprechend hoch. Haimerl vertritt in dieser Situation Materialauswahl, Einfaltmechanismus oder die Kostenkalkulation vor dem Kunden. Neben technischem Verständnis braucht er dafür eine Vertriebsader und Teamgeist. Zuletzt hat er ein halbes Jahr bei einem Kunden gearbeitet und dort eng mit dessen Karosserie- und Elektronikexperten kooperiert. Nun widmet er sich wieder der Grundlagenforschung an Dachsystemen. Die Übergänge sind fließend. Mal verbringt der Ingenieur seine Zeit am CAD-Rechner, mal präsentiert er bei Kunden oder er führt interne und externe Abstimmungsgespräche. „Die Projekte sind international“, berichtet er, „Reisen im In- und Ausland gehören dazu.“


Vorentwicklung Fahrwerk bei ZF Volker Wagner
Fahrwerksentwickler bei ZF Friedrichshafen ist eher der klassische Forscher. Der 28-Jährige entwickelt Fahrwerkskonzepte für die nächste und übernächste Fahrzeuggeneration. „Zentrale Themen sind neue, leichtere Werkstoffe, aktive elektronische Fahrwerkssteuerung und mechanische Vereinfachung“, erklärt er. Manche gute Idee strande allerdings in der Patentrecherche, mit der er sich selbst häufig befasst. Daneben konstruiert der studierte Fahrzeug- und Motorentechniker am Rechner, analysiert Fahrwerkskomponenten an Simulationsmodellen, diskutiert Auslegungsfragen mit Experten anderer Disziplinen. „Ausflüge in die Werkstatt kamen bisher eher zu kurz“, räumt er ein. Das ändert für ihn nichts am Reiz des Jobs. In der Vorentwicklung reicht es, spannende Innovationen bis in die Nähe der Serienreife zu entwickeln. Um die Details kümmern sich dann Spezialisten aus anderen Bereichen des Konzerns. „Das Arbeiten in unserer zentralen Ideenschmiede und Zukunftswerkstatt ist natürlich äußerst spannend“, freut sich Wagner.

Abstimmung Getriebe bei Porsche
Als Entwicklungsingenieur in der Getriebeapplikation bei Porsche übernimmt Simon Dylla, 30, die Feinabstimmung der Schaltvorgänge. Nach Praktikum und Diplom im Unternehmen promoviert er derzeit. Seine Aufgabe hat es in sich. Er muss für die perfekte Funktion neuer Getriebe sorgen. Dafür tüftelt er schon in der Frühphase der Fahrzeugentwicklung an der Abstimmung. Doch erst wenn das Auto erstmals fährt, kann das Feintuning beginnen. Dann überprüft der Maschinenbauingenieur mit seinen Kollegen Tausende Parameter und misst in Fahrversuchen minutiös durch, wie sich Getriebe und Sensoren unter unterschiedlichen Betriebsbedingungen verhalten. „Wir sorgen dafür, dass es auf der Rennstrecke ebenso zuverlässig arbeitet wie im Parkhaus, sich die Performance weder bei Hitze noch beim Start in eisiger Kälte ändert und dass veränderte Druckverhältnisse die Getriebehydraulik nicht beeinflussen“, fasst er zusammen. Die letztendliche Abstimmung ist das Ergebnis aufwendiger Analysen, vieler Dienstreisen mit Fahrversuchen und langer Diskussionsprozesse. Zuletzt hat Dylla die Software der Getriebesteuerung des neuen Doppelkupplungsgetriebes im Carrera angepasst. Sie liest die Fahrerwünsche aus den Sensordaten des Fahrzeugs ab und passt die Getriebereaktion an seine Fahrweise an.


Bauteilverantwortlicher für Verdecksysteme bei Audi
Mario Weiland betreut Systemlieferanten bei Audi. Der 26-jährige Wirtschaftsingenieur war zunächst ein halbes Jahr bei einem Ingenieurdienstleister für Audi tätig. Seit dem Wechsel zum Hersteller ist er Bauteilverantwortlicher für Verdecksysteme und Peripheriebauteile in einem Cabrio-Entwicklungsprojekt. Typisches Projektmanagement, in dem Weiland die Zusammenarbeit mit dem Verdecklieferanten koordiniert. „Ich bin Ansprechpartner in technischen Fragen und vertrete sämtliche Belange rund ums Verdeck gegenüber unseren anderen Fachabteilungen“, erklärt er. Das beginnt mit der Klärung, welche Vorkehrungen für das Cabrio schon auf der Modellplattform zu berücksichtigen sind. Und es endet erst, wenn er sein Mandat nach dem Produktionsstart an einen Serienentwickler abgibt. Bis dahin gibt es jede Menge Abstimmungsbedarf. Abteilungen und Zulieferer entwickeln ihre Beiträge zum Modell heute simultan, alles ist im Fluss. Deshalb braucht es „Bauteil-Botschafter“ wie Weiland, die per Telefon, Mail und im direkten Gespräch Kollegen bei Audi und Lieferanten auf dem Laufenden halten, Probleme lösen und frühzeitig Prozesse mit Experten aus Fertigung und Montage abstimmen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 74
Bildmaterial: Audi, Porsche, privat