28. August 2008

Arbeitsalltag

Keiner hat mich lieb

Von Marc Steinhäuser




10. Dezember 2007 
Nur wenn es gar nicht anders geht, spricht man mit ihnen. Niemand setzt sich in der Kantine zu ihnen an den Tisch. Und zum Arbeiten schickt man sie in den dunklen Keller. Dort stecken sie dann ihre Nasen in fremde Unterlagen, haken Zahlenkolonnen ab, lesen Jahresabschlüsse vorwärts und rückwärts und denken sich unangenehme Fragen aus. Sie können nicht anders. Denn einer ihrer wichtigsten Aufträge ist es, fremden Unternehmen in die Karten zu schauen. Kein Wunder also, dass sie nicht jeder gerne im Haus hat - vor allem, wenn sie als ungebetene Gäste kommen: die Wirtschaftsprüfer.

Gerüchte über den düsteren Katakomben-Arbeitsalltag des Wirtschaftsprüfers gibt es viele. Auch Mareike Clostermann hatte von ihnen gehört. Dennoch entschied sie sich nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium in Greifswald und mehreren Praktika in einer Hamburger Kanzlei, den langen Weg zum Wirtschaftsprüfer einzuschlagen. Seit September 2006 ist die 28-jährige Prüfungsassistentin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Und auf rüden Umgang ist sie in ihrem Job bislang nicht gestoßen. Von einer geruhsamen Einarbeitungszeit konnte allerdings nicht die Rede sein. An ihrem ersten Arbeitstag war Clostermann gerade einmal zehn Minuten in der Zentrale in Köln. In der IT-Abteilung bekam sie einen Laptop in die Hand gedrückt, dann fuhr sie mit ihrem Auto 500 Kilometer nach Bayern an ihren ersten Einsatzort: sieben Wochen in Ingolstadt.

„Ich wurde mit offenen Armen empfangen“, erinnert sie sich. Allerdings nicht von dem Mandanten, einem großen Unternehmen. In den ersten Wochen bekam sie nur ihre KPMG-Kollegen zu Gesicht. „Das ist normal. Man hat nicht sofort Mandantenkontakt.“ Mit den 24 anderen KPMG-Mitarbeitern untersuchte sie den Jahresabschluss, prüfte Rückstellungen und die rechtlichen Verhältnisse des Unternehmens - und sammelte so ihre ersten Erfahrungen. Neuer Job, neue Leute, neues Umfeld: „Wenn man ein offener Mensch ist“, sagt Clostermann, „dann ist das kein Problem.“

Offenheit im Umgang erleichtert die Arbeit - allein aber reicht sie nicht aus. Zwar treten Wirtschaftsprüfer längst nicht mehr nur als Kontrolleure auf, sondern sind ihren Mandanten auch als Berater zu Diensten, zum Beispiel bei Unternehmensverkäufen, Börsengängen, Sanierungen und Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität. Aber eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es nach wie vor, „betriebswirtschaftliche Prüfungen, insbesondere solche von Jahresabschlüssen wirtschaftlicher Unternehmen, durchzuführen“, wie es in Paragraph 2 der Wirtschaftsprüferordnung heißt. Bei Kapitalgesellschaften ist die Prüfung gesetzlich vorgeschrieben - einfach nach Hause schicken kann man den Prüfer also nicht, selbst wenn er unbequeme Fragen stellt. „Wir sind verpflichtet, mit professioneller Skepsis an die Arbeit zu gehen“, sagt Clostermann. Für solche professionelle Skepsis gibt es allerdings nur selten Lob und Anerkennung aus Managermund. Da gilt es oft, sich selbst zu motivieren. Die Berliner Wirtschaftspsychologin Helen Hannerfeldt hat dafür einen schlichten Ratschlag: „Schreiben Sie abends immer auf, was Ihnen gut gelungen ist - später können Sie dann nachlesen, wie erfolgreich Sie schon gearbeitet haben.“ Schließlich, so die Psychologin, stinke Eigenlob nicht: „Es motiviert.“

Der Beruf des Wirtschaftsprüfers ist „nichts für Zartbesaitete“, das weiß auch Arbeitsmarkt-Expertin Marion Rang von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). „Es gibt einen starken Termindruck, hohe Verantwortung und ein ständig wechselndes Arbeitsumfeld“, erklärt sie. „Man muss seinen Mann oder seine Frau stehen.“ Ihr Stehvermögen muss auch die Einsteigerin Mareike Clostermann unter Beweis stellen. Bei zwei großen Mandanten - darunter ein DAX-notiertes Unternehmen - arbeitet sie im Team und kann auf den Rat der Kollegen zählen. Daneben aber begleitet sie im Alleingang Inventuren. Wenn sie dann alleine vor 40 oder 50 Inventurzählern steht, ist für Clostermann klar: „Man muss glaubhaft machen, dass man das kann.“ Dabei profitiert sie von den Erfahrungen, die sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin während ihres Studiums in Greifswald gemacht hat. Damals musste sie Vorlesungen über Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung halten - vor bis zu 300 Studenten. „Da lernt man sicheres Auftreten, und das braucht man als Wirtschaftsprüfer.“ Bis sie sich selbst Wirtschaftsprüferin nennen darf, muss sie allerdings noch etliche Inventuren und Jahresabschlüsse hinter sich bringen. In zwei Jahren will sie das Steuerprüferexamen ablegen, etwa ein Jahr später dann das Wirtschaftsprüferexamen.

Auch beim Examen kommt es nicht nur auf solide Fachkenntnisse, etwa in Rechnungslegung und Steuerrecht, an. „Für den Beruf muss man auch die entsprechende Persönlichkeit aufweisen“, sagt David Thorn, Sprecher der Wirtschaftsprüferkammer. Sicheres Auftreten ist da nur ein Punkt. Im mündlichen Teil des Examens könne es durchaus vorkommen, dass Gewissensfragen gestellt werden - wenn es um die Berufsgrundsätze geht, um Eigenverantwortung, Gewissenhaftigkeit, Unabhängigkeit und Verschwiegenheit.

Verschwiegenheit - sie bestimmt auch heute schon Mareike Clostermanns Berufsalltag. 20 Wochen im Jahr ist sie in Ingolstadt - aber mehr, als dass sie dort einen großen Mandanten betreut, erfährt man von ihr nicht. Nicht die Branche, nicht die Mitarbeiterzahl und schon gar nicht den Namen. Das gehört zum Geschäft - ebenso wie das Leben aus dem Koffer. In Köln, wo die KPMG-Zentrale ist und sie eine kleine Wohnung hat, ist Mareike Clostermann nur selten. Ihre Arbeitsorte wechseln ständig: Ingolstadt, Berlin, Düsseldorf. Der Job-Nomadin gefällt vieles an diesem Leben. „Im Hotel bekomme ich immer das Bett gemacht und das Frühstücksei serviert.“ Zwar sei man „sozial etwas außer Gefecht gesetzt“, wenn man allenfalls das Wochenende zu Hause verbringe. Aber viele ihrer Kollegen seien
zu Freunden geworden. Mareike Clostermann schätzt die Arbeit im Team. Früher, bei ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni, sei das anders gewesen: „Da hat jeder an seinem eigenen Projekt gebastelt.“

Und wenn es sie doch einmal allein in einen düsteren Keller verschlagen sollte? Natürlich würde Mareike Clostermann nicht darüber sprechen, auch Katakomben-Klienten können schließlich auf Verschwiegenheit setzen. Und bange ist ihr ohnehin nicht: „Ich nehme immer mein eigenes Sitzkissen zu den Mandanten mit“, sagt sie. „Da sitze ich wenigstens überall gleich bequem.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor