02. Dezember 2008
Forschende Pharmakonzerne stecken in der Bredouille: Einerseits müssen sie neue Arzneien entwickeln, um sich auf dem Markt zu behaupten, andererseits wächst mit jedem Nachahmerpräparat das Risiko, dass sich die hohen Investitionskosten nicht mehr rechnen. Die Folge: Gerade forschende Unternehmen sparen, wo sie nur können. Dennoch werben sie weiter um Absolventen. Denn langfristig können sie ihre Marktanteile nur durch Innovation und frische Patente verteidigen.
Wir bieten eine Vielzahl herausfordernder, anspruchsvoller Aufgaben, wirbt Pfizer Deutschland auf seinen Karriereseiten. Ein Blick in die Wirtschaftsnachrichten vermittelt derzeit ein anderes Bild. Der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer schränkt die teure Entwicklung neuer Medikamente drastisch ein, meldeten die Agenturen im September. Der strategische Schwenk sei Teil eines milliardenschweren Sparprogramms, in dem über 10.000 Stellen wegfallen sollen.
Ähnlich die Situation bei Sanofi-Aventis oder bei Europas größtem Pharmakonzern Glaxo Smith Kline. Auch sie werben um Nachwuchskräfte, während zugleich Sparprogramme laufen. Und bei der Berliner Schering AG fielen zuletzt im Zuge der Übernahme durch Bayer 800 ihrer 6.000 Stellen weg. Eine aktuelle Studie der Roland Berger Strategy Consultants identifiziert denn auch Kostensenkung als Top-Thema der Branche. Das Urteil der Berater gründet auf einer Branchenumfrage, an der 20 der 30 weltgrößten Pharmakonzerne teilnahmen. Insgesamt repräsentieren die Befragten über die Hälfte der globalen Pharma-Umsätze.
Laut Studie sind Sparprogramme bereits seit zwei Jahren an der Tagesordnung. Gespart wird in nahezu jedem Bereich, ob Vertrieb, Produktion, Distribution, Logistik oder Marketing. Die Analysten sehen darin nur die Ouvertüre. Viele Manager seien zwar der Ansicht, durch isolierte Kostensenkung schnell und effektiv Erfolge zu erzielen. Doch das verschafft den Unternehmen allenfalls eine kurze Verschnaufpause, stellt Aleksandar Ruzicic, Co-Autor der Studie, klar. Langfristig müssen sie ihre gesamte Wertschöpfungskette unter die Lupe nehmen.
Gerade die forschenden Arzneimittelhersteller haben mit enormem Preisdruck zu kämpfen. Generika-hersteller machen ihnen die Einnahmen ihrer lukrativsten Arzneien streitig, sobald der Patentschutz ausläuft. Gleichzeitig steigt der Preis der Arzneimittelentwicklung unaufhaltsam. Heute kostet es mehr als dreimal so viel wie vor 20 Jahren, eine neue Arznei auf den Markt zu bringen. Ob sich die Investitionen da noch lohnen, ist keineswegs mehr sicher. Dennoch bleibt den forschenden Unternehmen keine andere Wahl, als ins Risiko zu gehen, um neue Verkaufsschlager zu entwickeln und mit neuen Patenten abzusichern. Fast 6 Milliarden Euro hat allein Pfizer dafür 2007 weltweit aufgewandt.
Laut Verband Forschender Arzneimittelhersteller haben die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen auch hierzulande stark zugelegt. Zwischen 1995 und 2006 stiegen die Etats um über 80 Prozent auf knapp 4,4 Milliarden Euro jährlich. Bislang war dies immer auch mit einem Beschäftigungsaufbau verbunden. Die Zahl der Stellen bei den forschenden Pharmaherstellern wuchs in den letzten zehn Jahren von 73.000 auf 95.000, davon rund 16.500 im F&E-Bereich. Doch nun hat der Kostendruck den Jobmotor vorerst abgewürgt. Viele Befragte in der Roland-Berger-Studie sehen mangelnde Forschungsproduktivität als Grundübel der Branche. Es setzt ein Nachdenken darüber ein, wie sie zu steigern ist.
Wohin die Reise geht? Ein Trend ist Outsourcing. Nach Analyse der Berater hat die Pharmabranche einen ungewöhnlich hohen Integrationsgrad. Die Unternehmen müssen sich fragen, wie sie schlankere und dynamischere Prozesse erreichen können. Was sind Kernkompetenzen, welche Bereiche zählen nicht dazu? Die Antworten auf diese Grundsatzfragen werden über die zukünftigen Gewinner und Verlierer der Branche entscheiden, sind die Consultants überzeugt. Doch diese Antworten sind nicht in Sicht. Der pharmazeutischen Industrie fehlt ein klares Zukunftsbild, so ihre Diagnose.
Diese Unklarheit macht sich auch auf dem Stellenmarkt bemerkbar. Zwar antworten Pfizer, Sanofi-Aventis und Bayer Schering Pharma auf die Frage, ob sie derzeit überhaupt Bedarf an Absolventen haben, übereinstimmend mit ja. Doch keines der Unternehmen will augenblicklich Prognosen über die Zahl der Einstellungen abgeben. Dafür gewähren sie Einblick ins abgelaufene Jahr. Bei Pfizer Deutschland sind 30 Einsteiger als Trainees und Direkteinsteiger untergekommen, bei Sanofi-Aventis waren es auf Anfrage 45 neue Mitarbeiter mit akademischem Hintergrund und rund 100 Fachkräfte, und Bayer Schering Pharma hatte anderes zu tun, als junge Mitarbeiter zu integrieren: Gerade am Standort Berlin wurden wegen der Integration der Schering AG in den Bayer-Konzern und den damit verbundenen organisatorischen Veränderungen nur in Einzelfällen Hochschulabsolventen rekrutiert, erklärt die Presseabteilung.
Dafür bestätigt Sanofi-Aventis, dass Bedarf an qualifizierten Fachkräften und Akademikern durchaus vorhanden sei, auch wenn wegen Umsatzeinbußen 380 Stellen in Vertrieb und Marketing wegfallen. Wir rekrutieren auch dieses Jahr in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktion und Fertigung oder Vertrieb und Marketing, erklärt Katrin Köhler aus dem HR-Recruitment des Konzerns. Aufgrund der schwierigen Marktbedingungen allerdings verhaltener als im Vorjahr, schränkt sie ein. Dennoch: Sanofi-Aventis bietet seine verschiedenen Traineeprogramme laut Köhler uneingeschränkt an. Erst im Oktober seien 18 junge Naturwissenschaftler, Pharmazeuten und Chemieingenieure ins Betriebsassistentenprogramm gestartet. Und zum 1. Januar 2009 gehen in Marketing sowie Medical & Public Affairs zwei weitere Traineeprogramme an den Start.
Der deutsch-französische Konzern betreibt laut Köhler auch weiterhin aktives Hochschulmarketing im naturwissenschaftlich-technischen Umfeld. Unser Schwerpunkt bleibt auch künftig auf Forschung und Entwicklung, stellt sie klar. An den Forschungsschwerpunkten der weltweit 25 F&E-Zentren soll sich nichts ändern. Deshalb sei man bemüht, auch weiterhin die besten Naturwissenschaftler zu rekrutieren.
Auch Martin Fensch, Director Communications von Pfizer Deutschland, macht Bewerbern Hoffnung: Es geht uns nicht darum, weniger Engagement in den Fortschritt der Medizin zu investieren, sondern die Prioritäten in unserem Forschungsportfolio anders zu setzen. Für die diversen Traineeprogramme suche Pfizer Bewerber. Auch ein Direkteinstieg sei nach wie vor möglich, vor allem für Absolventen aus Natur- und Ingenieurwissenschaften. Möglichkeiten gibt es in Medizin, Arzneimittelzulassung und -sicherheit sowie in der klinischen Forschung oder im tiermedizinischen Bereich. Bewerber sollten teamfähig, kreativ, selbstbewusst und durchsetzungsfähig sein und darüber hinaus mobil und flexibel. Zudem gewährt das Unternehmen gut 60 Praktikanten jährlich frühzeitige Einblicke in die Abläufe eines Global Players der Pharmabranche.
Bayer Schering Pharma bietet sogar 120 Praktika pro Jahr. Die von Berlin aus geführte Division trug 2007 mit weltweit 37.000 Mitarbeitern zwei Drittel zu den knapp 15 Milliarden Euro Gesamtumsatz der Bayer Healthcare bei. In Relation zu den imposanten Zahlen ist der Personalbedarf gering. Die Latte für Bewerber liegt hoch. Sie sollten zwei bis vier Jahre Berufserfahrung, eine Promotion und möglichst ein Spezialgebiet mitbringen. Wer zudem auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium in Medizin, Chemie, Pharmazie, Biowissenschaften oder Biotechnologie zurückblickt, kann sein Glück bei den Berlinern versuchen.