24. Juli 2008

Wachstumsmarkt Non-Profit-Controlling

»Es gibt keine Kennzahl für Sozialisierung«

Von Frederic Spohr




12. Mai 2008 
Bei öffentlichen und privaten Spendern sitzt das Geld längst nicht mehr so locker, und auch staatliche Unterstützungsgelder sind knapper geworden. Das ist der Grund, warum sich immer mehr Non-Profit-Organisationen Controller leisten. Die müssen hier allerdings mehr können als nur exakte Buchführung.

35.000 Zuschauer wollen ins Stadion des 1. FSV Mainz 05, aber nur 20.000 passen rein. Kein Problem für einen scharf kalkulierenden Unternehmer: Er hebt die Ticketpreise einfach an und macht auch mit 20.000 Besuchern einen guten Schnitt. Aber der 1. FSV Mainz 05 ist ein eingetragener Verein; sein Ziel ist es, den Sport zu fördern - und nicht große Gewinne zu machen. Trotzdem muss Geld für neue gute Spieler her, sonst winkt der Abstieg. Um in solchen Konflikten die beste Balance zu finden, hat Mainz jetzt einen Controller eingestellt.

Der Fußballclub liegt damit voll im Trend. Viele Non-Profit-Organisationen (NPO) suchen derzeit Controller, um mit ihrer Hilfe effizienter zu wirtschaften und zugleich ihre Ziele besser zu verwirklichen. Für Controller eröffnet sich damit ein großer Markt: Mehr als zwei Millionen Beschäftigte arbeiten im NPO-Bereich, so Schätzungen. Das sind über 6 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Sie verdienen ihr Geld bei Organisationen wie der Welthungerhilfe, bei Verbänden und Stiftungen oder auch in Krankenhäusern.

Und bei vielen NPOs tut sich was: Die Organisationen merken, dass sie sich weiter professionalisieren müssen. Controller sind deswegen gefragt, sagt Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Einer der Gründe: Der Staat unterstützt NPOs nicht mehr so sehr wie früher und guckt ihnen mehr auf die Finger, sagt Priller. Nur wer strenge Regeln einhält, kann mit Steuervergünstigungen rechnen. Und auch die Öffentlichkeit ist wachsamer geworden und fordert Transparenz: Wer in den Verdacht gerät, ein Schlendrian zu sein, muss mit leeren Spendenbüchsen rechnen - die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks Unicef verlor ihr Spendensiegel, nachdem bekannt geworden war, dass die Führung Spendengelder in dunkle Kanäle gelenkt hatte.

Spender haben heute auch die Wahl: Immer mehr Organisationen tummeln sich auf dem Markt der Wohltätigkeit. Und manche Institutionen haben inzwischen private, gewinnorientierte Konkurrenz bekommen - zum Beispiel Krankenhäuser.

NPO-Controller haben prinzipiell ähnliche Aufgaben wie ihre Kollegen in der freien Wirtschaft, und sie arbeiten mit den gleichen Methoden: Sie sammeln Zahlen, analysieren sie und geben schließlich Empfehlungen an die Geschäftsführung. Doch ein profitorientiertes Unternehmen hat ein klares Ziel, das in Zahlen ausgedrückt werden kann: den Gewinn. Eine NPO hat dagegen ein abstraktes, ideelles Motiv. Umweltschutz oder Menschenrechte zum Beispiel lassen sich kaum in Zahlen fassen.

Für ein Jugendheim etwa ist eine einzige zentrale Küche viel kostengünstiger als kleine Küchenzellen in allen Zimmern. Die Jugendlichen sollen aber lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, also auch selbst zu kochen. So etwas kann man nicht rechnen. Es gibt keine Kennzahl für Sozialisierung, sagt Horst Jobelius, Leiter der Arbeitsgruppe Sozialwirtschaft beim Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller (BVBC). Für Jobelius sind Soft Skills deswegen für NPO-Controller wichtiger als für ihre Kollegen in der freien Wirtschaft. Sie müssen mit den Trägern auskommen, mit Klienten, mit Vereinsmitgliedern, Spendern und der Öffentlichkeit. Den typischen Controller, der den Zahlenknecht macht, wird man bei NPOs nicht finden.

Die meisten NPO-Controller kommen derzeit noch aus der freien Wirtschaft. Viele von ihnen haben aber davor bereits ehrenamtlich in einer Organisation mitgeholfen und sich dann dafür entschieden, dort hauptamtlich zu arbeiten. Auch Hochschulabsolventen, die direkt bei einer NPO einsteigen wollen, haben bessere Chancen, wenn sie schon einmal ehrenamtlich gearbeitet haben. Wer NPO-Controller werden möchte, sollte aber eins bedenken: In Unternehmen gelten NPO-Controller manchmal als zu weich, sagt Jobelius. Das stimmt zwar nicht - dennoch kann der Wechsel in die freie Wirtschaft schwierig sein.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 66
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor