21. Dezember 2009

Raus aus dem Elfenbeinturm

Philosophie studiert – und dann?

Von Gunda Achterhold




13. Oktober 2009 
Ihr Fachwissen ist selten gefragt, dafür umso mehr ihre analytischen Fähigkeiten und ihr strukturiertes Denken. Und ein hohes Anpassungsvermögen. Denn die meisten Philosophen bleiben nicht im Wissenschaftsbetrieb, sondern landen als Quereinsteiger in der freien Wirtschaft.

„Was willst du denn damit werden?!“ Wer sich auf das weite Feld der Geisteswissenschaften begibt, hört diese Frage ständig. Für Absolventen der einstigen Königsdisziplin gilt das erst recht: Wo werden schon Stellen für Philosophen ausgeschrieben? „Die wenigsten Arbeitgeber kommen auf den Gedanken, dass sie eine offene Stelle mit einem Philosophen besetzen könnten“, stellt Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit fest. „Wer als Philosoph einen Job finden will, muss daher ein hohes Engagement mitbringen, um potentiellen Arbeitgebern deutlich zu machen, welche Fähigkeiten er mitbringt und warum er genau auf diese Stelle passt.“ Kein Grund zu verzweifeln, die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind besser als ihr Ruf. Zumal es sich bei den Hauptfach-Philosophen um eine überschaubare Gruppe handelt: Etwa 700 bis 800 verlassen im Jahr die Hochschulen. „Es gibt zwar keine verlässlichen Zahlen, aber anhand von Verbleibstudien sehen wir, dass die meisten Absolventen nach fünf Jahren vom Arbeitsmarkt verschwunden sind“, sagt Michael Quante, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGPhil). Der Philosophieprofessor sieht für seine Studenten gute Chancen unterzukommen - allerdings eher in nicht philosophienahen Berufen. Die Vorstellung, nach dem Studium die einschlägigen Reihen der Dichter und Denker in einem Verlag zu betreuen, ist zwar ein beliebtes Bild, bleibt aber in der Regel Wunschtraum. Neben der Philosophie ein handfestes Zusatzfach zu wählen, kann deshalb von Vorteil sein. „Eine der beliebtesten Begleitdisziplinen ist zum Beispiel Jura“, stellt Michael Quante fest.

„Der Philosoph in mir kommt da durch, wo es um unkonventionelle Problemlösungen für neue Märkte geht“.

Philosophen lernen, Dingen auf den Grund zu gehen, Denkprozesse zu strukturieren, Probleme zu analysieren und Strategien für ihre Lösung zu entwerfen. Fähigkeiten, die ihnen nicht nur in einschlägigen Berufen zugute- kommen. Während die Luft in klassischen Tätigkeitsbereichen wie Wissenschaft oder Verlagswesen dünner wird, klopfen sie immer häufiger bei den Personalchefs von Unternehmen an. „In der Konzernstrategie zum Beispiel werden Leute gebraucht, die offen sind, neue Wege zu denken und über den Tellerrand hinauszublicken“, stellt Tilmann Haar fest. Zehn Jahre war der Diplom-Ingenieur und promovierte Philosoph als Produktmanager bei einer großen Telefonfirma beschäftigt. „Die Philosophie ist eine hervorragende Denk- und Logikschule - diese Methodik und Kreativität haben mir auch als Ingenieur immer sehr geholfen.“ Im Zuge der Liberalisierung auf dem Gasmarkt hat sich der 43-Jährige vor einem Jahr mit der Gründung der Firma Bürgergas selbständig gemacht. Auch da kommen ihm Strategien tagtäglich zugute. „Der Philosoph in mir kommt da durch, wo es um unkonventionelle Problemlösungen für neue Märkte geht“, stellt der Energiehändler fest. Zum Beispiel wenn es darum geht, die Perspektive zu wechseln und den Blickwinkel eines marktbeherrschenden Großunternehmens einerseits oder eines kleinen Wettbewerbers andererseits einzunehmen. „Die Methoden helfen mir, Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln, für die es noch keine Fabriken oder Fachbücher gibt.“

Die Verankerung von Philosophie und Wirtschaft sei relativ neu, sagt Michael Weegen vom Essener Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA). So sind in den letzten Jahren einige Studiengänge entstanden, die Ökonomie und Ethik miteinander verzahnen. „Auch bislang waren Philosophen bei der Jobsuche relativ erfolgreich“, betont der Projektleiter. Immerhin handele es sich um ein extrem anspruchsvolles Studium, das hoch- qualifizierte Leute hervorbringe. „Die interdisziplinären Bemühungen bieten jedoch den Vorteil, dass sich Profile für den Arbeitsmarkt besser schärfen lassen.“ Eine aktuelle Untersuchung der Universität Bayreuth zeigt, dass die Hälfte der Masterabsolventen des Studiengangs Philosophy & Economics direkt in Banken oder Unternehmensberatungen unterkommen. „Das hat uns selber überrascht, da der Studiengang keine bankenspezifischen Kompetenzen vermittelt“, stellt Philosophieprofessor Rudolf Schüßler fest. Ausschlaggebend ist seiner Meinung nach die Zusatzperspektive, der Rundumblick, den sich in Philosophie geschulte Wirtschaftswissenschaftler verschaffen. Das Angebot an Veranstaltungen an der Bayreuther Uni reiche von Aristoteles bis Hegel und sei keineswegs auf Wirtschaftsethik beschränkt. „Außerdem ist es typisch für unsere Leute, dass sie sich in fremden Kulturen umtun, die nicht Standard sind“, so Schüßler. „Die meisten wählen eine zweite Fremdsprache wie Chinesisch, Russisch oder Arabisch.“ Auf diesem Weg kann zum Beispiel der Wechsel an eine Bank mit ausgeprägtem Osteuropafokus gelingen.

Letzten Endes ist es in allen geisteswissenschaftlichen Fächern weniger erheblich, was man studiert hat, sondern dass man studiert hat. Das hat auch Katrin Schütz festgestellt. Ihre Umfrage unter Absolventen des Philosophischen Instituts der FU Berlin ergab einen durchaus positiven Befund: Über die Hälfte von ihnen hatten in kurzer Zeit, bis spätestens drei Monate nach dem Abschluss, einen Job gefunden. „Auffallend hoch war der Anteil in der Wissenschaft“, so Schütz. „Mehr als die Hälfte der Befragten waren als Wissenschaftliche Mitarbeiter, Assistenten oder Stipendiaten beschäftigt.“ Daneben prägten hauptsächlich Tätigkeiten im Journalismus, in Verlagen, Beratung und Lehrtätigkeiten das Bild. Wie sich Bachelorabsolventen künftig auf dem Markt behaupten werden, lasse sich heute noch nicht absehen. In Gesprächen mit Unternehmen stellt Praxiskoordinatorin Katrin Schütz jedoch eine aufgeschlossene Haltung gegenüber den Fähigkeiten von Philosophen fest. „Vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit, für Aufgaben im Projektmanagement oder in der Werbung werden sie gerne eingestellt.“ Unter den Studierenden selbst wiederum registriert die Wissenschaftlerin ein zunehmendes Interesse an der Philosophischen Beratung.

Thomas Gutknecht versteht sich als „Denkpartner“. In seiner Philosophischen Praxis bietet er lebensberatende Unterstützung an. „Es ist keine Therapie“, betont der diplomierte Philosoph und Theologe. „Aber wenn jemand auf der Suche ist, zum Beispiel nach einem Bruch in seinem Leben, gibt es Reflexionsbedarf.“ Thomas Gutknecht vertritt als Präsident die Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis e.V. (IGPP), eine Fachgesellschaft, die sich als Plattform und Netzwerk für den Austausch philosophischer Praktiker versteht. Diese Form der Beratung ist eine relativ neue Entwicklung und geht auf Gerd B. Achenbach zurück, der Anfang der achtziger Jahre sein „Institut für Philosophische Praxis“ gegründet hat. Ziel ist es, die Philosophie in den Alltag zu holen, im Sinne einer bewussten Lebens- und Unternehmensführung. Im Mittelpunkt steht das philosophische Gespräch. „Philosophen gelten in der Beratung zwar auch heute oft noch als Exoten, werden aber immer stärker wahrgenommen“, stellt Gutknecht fest. Ein Trend, der in Krisenzeiten deutlich an Fahrt gewinnt. „Alle stehen unter Zeitstress und fühlen sich ständig mit dem Anspruch an Veränderung konfrontiert“, so IGPP-Vorstand Gutknecht. „Der Bedarf an Orientierung wächst.“ Zugleich warnt er vor Scharlatanen: „Es ist kein geschützter Beruf, jeder kann sich praktizierender Philosoph nennen.“

Philosophen gehen aber auch als Unternehmensberater in Konzerne oder entwickeln Seminare für Führungskräfte. Seit 18 Jahren arbeiten zum Beispiel der habilitierte Philosoph Andreas Edmüller und sein Geschäftspartner Thomas Wilhelm, ebenfalls promovierter Philosoph, als freiberufliche Berater für Organisationen und Unternehmen. „Wir bieten die klassische Unternehmensberatung an, vom Teamcoaching bis hin zur Strategieentwicklung, aber mit einem genuin philosophischen Ansatz.“ Von psychologisch geschulten Beratern grenzen sie sich bewusst ab. „Werte wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit halten ein Team zusammen und sind entscheidend für die Motivation der Mitarbeiter“, so Edmüller und entwirft ein typisches Szenario: „Ein japanisches Unternehmen steht in Joint-Venture-Verhandlungen mit einem amerikanischen Geschäftspartner; beide fühlen sich im Laufe der Gespräche zunehmend über den Tisch gezogen.“ Bei Missverständnissen zwischen den Kulturen prallten sehr häufig gegensätzliche Vorstellungen von Fairness aufeinander. In so einem Fall gelte es, östliche und westliche Gerechtigkeitskonzepte zu analysieren, verständlich zu machen und über Verhandlungen einen gemeinsamen Weg der Geschäftspartner zu entwickeln, so der Privatdozent mit Blick auf Konfuzius.

Infos im Netz:

Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP)
http://www.igpp.org

Berufsverband für Philosophische Praxis
http://www.bv-pp.eu

Die Philosophie-Seiten
http://www.philo.de

Stellenausschreibungen für Philosophen
http://www.philosophers-today.com/ whats-going-on/stellenmarkt.html

Information Philosophie/Stellen
http://www.information-philosophie.de/ index.php?

Literaturtip:

Michael Niehaus/ Roger Wisniewski:
Management by Sokrates. Was die Philosophie der Wirtschaft zu bieten hat.

Cornelsen Verlag 2009, 248 Seiten, 19,95 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 62
Bildmaterial: Moni Port, Labor