19. Juni 2006
Elektronische Patientenakten, automatisierte Befundbeschreibungen, schmerzlose Diagnosen wie EKG, Ultraschall, Computer- und Magnetresonanztomographie - bei all diesen Errungenschaften des modernen Gesundheitswesens haben Medizininformatiker ihre Finger mit im Spiel. Das Problem ist nur: Es gibt zu wenige von ihnen. Der Nachwuchsmangel hat schon heute katastrophale Ausmaße.
Schon der Blick in die Krankenhäuser der Gegenwart macht deutlich, wie breit das Arbeitsfeld für Medizininformatiker bereits heute ist. Und es wird noch vielfältiger. Entsprechend wächst der Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften. Doch die Universitäten kommen mit der Ausbildung kaum hinterher.
Von überdurchschnittlich guten Jobperspektiven für Absolventen der Medizininformatik in den kommenden Jahren geht auch Professor Tolxdorff, Leiter des Instituts für Medizininformatik an der FU Berlin, aus. Es ist schon heute für Kliniken und die Industrie nicht leicht, Nachwuchskräfte zu finden, die sowohl die ingenieurtechnischen Komponenten eines Informatikers mitbringen als auch den Idealismus und vor allem die spezifische Terminologie eines Mediziners, macht der Informatiker die Schwierigkeiten der Fächerkombination deutlich.
Der Personalleiter Roland Polte von Siemens Medical Solutions geht sogar noch einen Schritt weiter: Ich habe den Eindruck, daß die Branche der medizinischen Informatik im Vergleich zu anderen Fachrichtungen der Gesundheitsbranche weitaus stärker anzieht. Als eigenständiger Studiengang wird Medizininformatik dennoch nur an wenigen Universitäten angeboten. Als Studienrichtung innerhalb der Informatik oder als Nebenfach ist Medizininformatik inzwischen häufiger zu finden. In Einzelfällen wird auch Medizinstudenten während des Studiums die Möglichkeit geboten, sich fachliche Medizininformatikkenntnisse anzueignen. Allerdings ist hier oft eigenverantwortliches Engagement gefragt.
Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften steigt dabei ebenso rasant wie die Umsätze der Branche.
Die Bedeutung der Medizininformatik in Krankenhäusern und Arztpraxen läßt sich mit der Arbeit eines Labormediziners vergleichen, der die Patienten zwar nicht selbst sieht - aber dessen Organfunktionen überwacht, verdeutlicht Tolxdorff die Relevanz, die Medizininformatik mittlerweile bekommen hat. Telemedizinische Service-Center, Tele-Radiologie oder Tele-Pathologie sind keine Science-Fiction-Visionen, sondern alltägliche Szenarien, wie sie heute an großen Krankenhäusern und Unikliniken schon gang und gäbe sind. Zeitnahe Ferndiagnose anhand digital übermittelter Bildausschnitte, computererzeugte Einblicke in den menschlichen Körper oder über das Internet gesteuerte Mikroskope zur Untersuchung von Gewebeproben - die Medizininformatik geht in riesigen Innovationsschritten in Richtung Zukunft.
Es passiert sehr viel in der Branche, urteilt auch Professor Klaus Kuhn, erster Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik (GMDS). Vollständige Prozesse müssen mit der Medizintechnik reorganisiert werden. Gerade unter dem Aspekt der geplanten Einführung elektronischer Gesundheitskarten, digitaler Rezepte und elektronischer Patientenakten stünden in Kliniken, Krankenhäusern und Praxen umwälzende Veränderungen der Infrastruktur an, weiß der Professor am Institut für Medizininformatik der TU München.
Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften steigt dabei ebenso rasant wie die Umsätze der Branche: Waren es im Jahr 2000 noch rund 24 und 2004 38 Milliarden Euro, so prognostiziert die Unternehmensberatung Boston Consulting Group für das Jahr 2008 einen Branchenumsatz von rund 60 Milliarden - nahezu eine Verdoppelung. Ähnliches wird wohl für den Bedarf an Fach- und Führungsnachwuchs gelten.