11. Oktober 2008

Nüsslein-Volhard-Stiftung

Finanzspritzen für Doktorandinnen

Von Gunda Achterhold



Ute Queitsch gehört zu den ersten fünf Stipendiatinnen der Nüsslein-Vollhardt-Stiftung...
20. März 2006 
In der deutschen Spitzenforschung sieht es für den weiblichen Nachwuchs trübe aus. Auf neun männliche Forscher kommt eine Frau. Das soll sich ändern. Die Nüsslein-Volhard-Stiftung greift begabten Naturwissenschaftlerinnen dort unter die Arme, wo sie Hilfe wirklich brauchen: im Haushalt und bei der Kinderbetreuung.

Eine Woche Summer School of Magnetism in Rumänien? „Das wäre normalerweise nicht drin gewesen“, sagt Ute Queitsch. Genauso wenig wie die Spülmaschine. Das Haushaltsgerät ist für die 26 Jahre alte Doktorandin ebenso ein unschätzbarer Luxus wie der intensive Austausch mit Kollegen. „Es ist einfach wichtig, an internationalen Veranstaltungen, an Tagungen und Messen teilzunehmen, sein Gesicht zu zeigen.“ Aber wie soll man das hinkriegen, als ehrgeizige Wissenschaftlerin und zugleich alleinerziehende Mutter einer fünfjährigen Tochter? „Genau da setzt die Nüsslein-Volhard-Stiftung an“, erklärt Queitsch, die am Dresdner Institut für Festkörper- und Werkstofforschung als Materialwissenschaftlerin promoviert. Seit September gehört sie zu den ersten fünf Stipendiatinnen, die auf die Hilfe der Nobelpreisträgerin und Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard zählen können.

...genau wie Melitta Naumann-Godo.

„Wir fördern die Wissenschaft, nicht die Tagesmütter“, betont Sabine List, Geschäftsführerin der Nüsslein-Volhard-Stiftung. Eine ganztägige Betreuung des Kindes wird deshalb bereits als gewährleistet vorausgesetzt. Auch der Lebensunterhalt sollte für die Zeit der Promotion schon durch eine Stelle oder ein Stipendium abgesichert sein. Über einen Zeitraum von zunächst einem Jahr, maximal drei Jahren, erhalten die Stipendiatinnen bis zu 400 Euro im Monat. Die Finanzspritze soll zusätzlichen Freiraum schaffen: Für eine Haushaltshilfe zum Beispiel oder für Haushaltsgeräte, die die Arbeit zu Hause erleichtern. Ute Queitsch ist froh, daß sie mit dem Geld zusätzliche Babysitterdienste ermöglichen kann, für Reisen zu Tagungen und die Zeit nach Kita-Schluß.

„Wenn man ernsthaft mitmachen will, dann kann man sich eine Teilzeitstelle nicht leisten.“

„Wenn ich experimentiere, kann ich nicht garantieren, um 17 Uhr fertig zu sein“, beschreibt die Forscherin das Dilemma. Der Zugang zu den Meßgeräten ist außerdem begrenzt und wird über Einschreiblisten geregelt. „Ich kann schließlich nicht immer die Kollegen bitten, mich bei den Terminen vorzulassen, weil ich mein Kind abholen muß.“

Um möglichst viele Interessentinnen in die Förderung einbinden zu können, sind Bewerbungen zweimal im Jahr möglich, jeweils zum 30. Juni und zum 31. Dezember. Knapp 100 Frauen hatten sich beim ersten Durchgang gemeldet, zehn waren persönlich eingeladen worden. Fünf von ihnen, darunter vier Physikerinnen, werden seitdem unterstützt. „Das Thema Familie spielt in dem Gespräch eigentlich keine Rolle“, erzählt Stipendiatin Melitta Naumann-Godo, Mutter einer kleinen Tochter. In der halbstündigen Befragung durch Nüsslein-Volhard und die Genetikerin Maria Leptin stand allein die berufliche Qualifikation im Mittelpunkt. „Es ging vor allem um meine Zukunftspläne“, so die Physikerin Naumann-Godo, die an der Universität Erlangen in der Neutrinoforschung promoviert. In ihrem speziellen Fall unterstützt die Stiftung gleich zwei Nachwuchswissenschaftler mit Kind: „Mein Mann ist in derselben Arbeitsgruppe Doktorand, und es war von Anfang an ausgemacht, daß wir uns die Aufgabe teilen würden.“

Wie wichtig es ist, auch informelle Termine wie das gemeinsame Mittagessen, Diskussionen oder institutsinterne Veranstaltungen wahrzunehmen, hat die junge Mutter sehr schnell festgestellt. Acht Wochen nach der Geburt des Kindes war sie zunächst halbtags wieder eingestiegen. „Wenn man ernsthaft mitmachen will, dann kann man sich eine Teilzeitstelle nicht leisten“, sagt sie heute. „Man verliert den Kontakt zu den Kollegen und ist nicht auf dem neuesten Stand. In der Spitzenforschung kann man so langfristig nicht mithalten.“

Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung
Dr. Sabine List Geschäftsführung Lembkestraße 30
45470 Mülheim an der Ruhr
Tel.: 02 08/3 01 71 25
sabine.list@cnv-stiftung.de
www.cnv-stiftung.de



Bewerbungen an bewerbung@cnv-stiftung.de

So kann das nicht gehen! Als schon wieder eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen in massiven Schwierigkeiten steckte, wollte Christiane Nüsslein-Volhard nicht länger tatenlos zusehen. Zu häufig hatte die Tübinger Professorin, die selbst keine Kinder hat, hautnah miterlebt, wie vielversprechende wissenschaftliche Karrieren an der familiären Mehrbelastung scheitern - und der deutschen Spitzenforschung verlorengehen. Ende 2004 gründete sie die nach ihr benannte Stiftung, die exzellente Doktorandinnen aus den experimentellen Naturwissenschaften in der kritischen Phase der Familiengründung finanziell unterstützt.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: privat