19. Juni 2006
Daß die Gesellschaft immer älter wird, ist in aller Munde. Dabei sorgt das Methusalem-Komplott für ganz neue Herausforderungen in der Gesundheitsbranche. Speziell die Bereiche Medizintechnik und Diagnostik gewinnen an Bedeutung. Und die Suche nach qualifizierten Nachwuchskräften läuft auf Hochtouren.
Der 32jährige Martin Koch hat es fertiggebracht, daß sein Job gleich zwei Segmente des Gesundheitsmarkts abdeckt, denen aufgrund der Alterung der Gesellschaft eine große Zukunft vorausgesagt wird: Medizintechnik und Diagnostik. Nach mehreren Jahren in der Forschung ist der promovierte Kunststofftechnik-Ingenieur heute bei Roche Diagnostics als Fachprojektleiter Mechanik des F&E-Bereichs Diabetes Care beschäftigt. Sein Aufgabenbereich sind hochkomplexe Technologien zur Bestimmung von Blutzuckerwerten.
Die Medizintechnik ist eine sehr innovative Technologiebranche mit ausgesprochen guten Zukunftsperspektiven, von der die wenigsten Ingenieure überhaupt wissen, welches Potential sie bietet, meint Koch, der im Juli 2004 das Trainee Management Start up-Programm bei Roche Diagnostics begann. Bereits ein Jahr später wurde Martin Koch seine heutige Verantwortung übertragen: Er sitzt an der entscheidenden Schnittstelle zwischen Zulieferern, Kooperationspartnern sowie Forschern und Entwicklern und sorgt dafür, daß die neuen Blutzuckermeßgeräte nicht nur schnellere und verläßlichere Ergebnisse erzielen, sondern vor allem auch in der Handhabung für den Endverbraucher einfach und diskret funktionieren.
Die reine Forschungstätigkeit ist damit für Koch erst einmal vorbei. Den Umgang mit Personal- und Budgetverantwortung mußte er hingegen dazulernen. Aber das ist kein Problem. Wichtig ist die solide fachliche Grundlage, durch die man die nötige Selbstsicherheit gewinnt, um wichtige Entscheidungen auch durchzusetzen, sagt der Projektleiter.
Medizintechnik und Diagnostik: Sie werden mit der prognostizierten Explosion des Gesundheitsmarktes wohl am stärksten wachsen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Anzahl der über 80jährigen wird sich in den nächsten 50 Jahren mehr als verdreifachen. Die demographische Entwicklung der Bevölkerung mit einer zunehmenden Überalterung in den Industrienationen läßt den Bedarf an umfangreicher medizinischer Betreuung steigen. Zwangsläufig häufen sich altersbedingte Krankheiten und körperliche Verschleißerscheinungen, was wiederum höhere Gesundheitsausgaben mit sich bringt. Kostensenkungen durch innovative Medizintechnik werden damit immer notwendiger.
Gleichzeitig wachsen in der Gesellschaft Gesundheitsbewußtsein und das Streben nach mehr Lebensqualität. Eine vermehrte Aufmerksamkeit in der Vorsorge und eine durch Wohlstand erhöhte Nachfrage nach modernsten Behandlungsmethoden lassen eben nicht nur die Medizintechnik zum Wachstumsmarkt werden, sondern auch die sogenannte Diagnostika-Branche. Ob komplexe Röntgengeräte, neuartige Kontrastmittel zur Aufspürung von Tumoren, anwenderfreundliche Diabetes-Meßgeräte oder gentechnische Analyse von Krankheitserregern: Die Entwicklung innovativer Systeme zur Diagnose soll helfen, zukünftig immer früher und genauer Krankheiten zu erkennen und zu verhindern.
Sowohl in der Diagnostika-Branche als auch in Medizintechnikunternehmen braucht man deshalb spezialisierte Fachkräfte, die die Entwicklung vorantreiben. Neben den klassischen Naturwissenschaftlern suchen wir vermehrt auch Ingenieure, verdeutlicht Klaus Zinke, Human Resources Manager bei B. Braun Melsungen die weitgefächerten Karrieremöglichkeiten im Unternehmen. Besonders intensiv wird im Bereich Forschung und Entwicklung gesucht. Neben der Entwicklung injizierbarer, wirkstoffhaltiger Medikamente werden vor allem auch im Forschungsbereich Vernetze Infusionstechnik mit Kliniksoftware Hochschulabsolventen gesucht. Der Bedarf an ausgewählten, spezialisierten Software- und Elektroingenieuren ist also ebenfalls vorhanden, so Zinke. Ebenso wie für Ingenieure mit dem Schwerpunkt Kunststofftechnik für die Entwicklung unterschiedlicher Beschichtungstechnologien von Medizinprodukten.
Die wenigsten Ingenieure wissen, welches Potential die Medizintechnik überhaupt bietet.
Ähnliches bestätigt Anja Thies, Personalleiterin Placement & Marketing bei Roche Diagnostics, dem Marktführer im Branchensegment. Auch wenn man es im ersten Moment nicht vermuten würde, so besteht in der Diagnostika-Branche ein großer Bedarf an Ingenieuren, besonders Projektmanager werden gesucht, erläutert Thies. Als Beispiel bei Roche Diagnostics führt die Personalleiterin den Bereich der Diabetes-Forschung an, in der für die Weiterentwicklung von Blutzucker- und Blutgerinnungsmeßgeräten das Know-how von Ingenieuren unerläßlich ist.
Klaus Zinke von B. Braun Melsungen ergänzt: Gefragt sind vor allem Spezialisten, die sich bereits während des Studiums durch Praktika und wenn möglich durch wissenschaftliches Arbeiten auf ein oder zwei Bereiche fokussiert haben, so der Personaler. Zur Philosophie des Unternehmens gehöre es, gemeinsam mit Partnern, Kliniken und Universitäten Wissen gemeinschaftlich zu nutzen und die Devise des lebenslangen Lernens ernst zu nehmen. Wobei das Unternehmen seine Mitarbeiter darin auch unterstützt, vom Young Professional über den Forscher bis hin zum erfahrenen Manager. Die Branche ist viel zu schnellebig, als daß man sich auf seinen Ergebnissen ausruhen könnte, meint Zinke.
Auch Siemens sucht permanent Nachwuchskräfte für seinen Bereich Siemens Medical Solutions. Noch in diesem Jahr sollen 500 Mitarbeiter eingestellt werden - und das allein in Deutschland, weltweit sind sogar circa 3.000 Plätze zu vergeben. Ob bei der Computertomographie oder der klassischen Bildverarbeitung wie Röntgen oder Fluoroskopie - das Ziel ist es, immer früher Krankheiten diagnostizieren zu können, erläutert Roland Polte, Personalleiter für den medizintechnischen Geschäftsbereich, den gewachsenen Bedarf an Hochschülern bei der Entwicklung innovativer medizintechnologischer Projekte bei Siemens. Wichtig ist, daß im Lebenslauf ein roter Faden zu erkennen ist, der gezielt auf den Gesundheitsbereich hinführt, so der Personalleiter. Gerade die Medizintechnik verlange durch die enge Zusammenarbeit mit Ärzten in Praxen und Kliniken ein intensives Wissen über den medizinischen Workflow, über Arbeitsweisen und Terminologie. Polte rät den Hochschülern, sich frühzeitig über Praktika oder Studieninhalte dieses Know-how anzueignen. Entsprechende Kombinationsstudiengänge lieferten ideale Voraussetzungen.
In der Diagnostika-Branche besteht ein großer Bedarf an Ingenieuren, besonders Projektmanager werden gesucht.
Der 35jährige Physiker Stefan Ulzheimer ist einen solchen Weg gegangen. Schon während seines Studiums in Erlangen hat er über das Pflichtnebenfach Biomedizinische Technik die Richtung seiner späteren Karriere festgelegt. Die Arbeit am Institut für medizinische Physik war von Anfang an sehr anwendungsbezogen, erinnert sich Ulzheimer, der heute als international agierender Kooperationsmanager in der Computertomographie (CT) bei Siemens Medical Solutions tätig ist. Bereits während seiner Promotion hat sich Ulzheimer mit den Anfängen der CT am Herzen beschäftigt. Ich hatte einfach Glück, daß sich dieser Bereich als großer Boom in der Branche herausgestellt hat.
Heute sitzt Ulzheimer an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichen Kooperationspartnern und den hausinternen F&E-Abteilungen. Er stellt beiden Seiten die notwendigen Informationen über die CT-Produkte zur Verfügung und entscheidet, wie es in den einzelnen Projekten weitergeht. Auch wenn die Hauptaufgabe von Computertomographien noch auf der Diagnose von Krankheiten beruht, so werden sie vermehrt auch zur Therapie eingesetzt. Gerade Alterserkrankungen wie beispielsweise Osteoporose können dank der Entwicklung in der Medizintechnik immer schneller und sicherer diagnostiziert und behandelt werden. Ulzheimer betreut zur Zeit ein Projekt, bei dem CTs Wirbelkörper dreidimensional beobachten, die durch altersbedingte Osteoporose zusammengefallen sind. Anschließend werden sie durch das Einbringen von Zement wieder stabilisiert. Früher waren aufwendige Operationen oder belastende Medikamentbehandlungen notwendig, um den Patienten schmerzfrei zu behandeln, so Ulzheimer. Heute profitiert nicht nur der Patient durch eine leichtere Behandlung, auch Behandlungskosten können eingespart werden.