10. Dezember 2007 Sie kommen beim Vokabelpauken nicht auf Trab, Sie sind während der Vorlesung unkonzentriert und beim Lesen nicht aufnahmefähig? Wer unter Lernblockaden leidet, ist nicht blöd, sondern wendet einfach nur die falsche Technik an. Um den Eigenheiten, Tücken und Kapriolen des Hirns ein Schnippchen schlagen zu können, muss man es einfach nur durchschauen. Wie das funktioniert, erfahren Sie hier.
Der Weg vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis
Dass die Fähigkeit, zu lernen und intelligent zu kombinieren, angeboren ist, ist bekannt. Schließlich sind selbst Tiere dazu in der Lage. Und auch, dass Lernen eine selbsttätige Sache ist und sich jeder sein Wissen aktiv aneignen muss - ob mit oder ohne Lehrer -, ist unter Neurobiologen unumstritten. Aber wie sich die Mechanismen des Lernens beim einzelnen Individuum auswirken, warum die Prozesse bei den Menschen mehr oder weniger gut ablaufen, der eine mehr, der andere weniger auf bestimmte Lernhilfen anspringt, das können wir noch nicht sagen, erklärt Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Fest steht jedoch: Das menschliche Gehirn lernt nur das, was es will. Die Quote dessen, was im Allgemeinen langfristig hängen- bleibt, ist äußerst bescheiden. Höchstens 5 Prozent dessen, was täglich durch unser Bewusstsein beziehungsweise unser Kurzzeitgedächtnis rauscht, landet im Langzeitgedächtnis und wird dauerhaft fixiert, sagt Scheich.

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Für dieses Phänomen gibt es einfache Gründe: Im Bewusstsein, das die Hirnforschung in etwa mit dem Kurzzeitgedächtnis gleichsetzt, ist einfach nicht genug Platz für alles, was wir wissen wollen. Echtes Wissen, das wir hervorholen und erinnern können, muss daher ins Langzeitgedächtnis eingeschrieben werden. Und genau das ist die problematische Klippe jeden Lernens. Den Prozess der Wissensspeicherung im Langzeitgedächtnis können wir nämlich nicht bewusst steuern. Er verweigert sich Befehl und Gehorsam. Er passiert einfach - und das funktioniert ungefähr so: In der Großhirnrinde arbeiten alle Hirnteile, die sich mit einer bestimmten Materie beschäftigen, in Kombination zusammen. Wenn wir uns mit einer Materie häufig oder besonders intensiv beschäftigen, werden die Kommunikationsverbindungen zwischen den entsprechenden Nervenzellpartnern dauerhaft gestärkt. Das Hirn baut sich regelrecht um. Es werden Gene aktiviert, Proteine eingelagert - das Wissen lagert sich gleichsam ab.
Das Hirn will nicht alles wissen
Nicht jedes Wissen bekommt grünes Licht für die Speicherung im Langzeitgedächtnis. Kontrolliert wird der Zugang dorthin vom sogenannten Limbischen System, einer empfindlichen Nahtstelle zwischen vegetativ-körperlichen und seelisch-affektiven Vorgängen. Nur was wertvoll und bedeutsam genug erscheint, wird für längere Zeit in den grauen Zellen gelagert. Bedeutsam sind für das Limbische System vor allem Dinge, die wir hoch motiviert und unter emotionaler Beteiligung erleben. Ereignisse aus der eigenen Biographie haben beispielsweise Vorrang. Wer also zu einem Lernstoff gar keinen Zugang findet, sucht sich am besten jemand zur Unterstützung, der davon völlig begeistert ist, und dockt dadurch das für ihn sperrige Wissensgebiet an sein eigenes Leben an. Auch positiver Wettbewerb, wie er beispielsweise in Lerngruppen stattfindet, stimuliert in diesem Sinne das Speichern von Wissen.
Richtiges Lernen - so weit die gute Nachricht - ist ein aufregender und spannender Prozess, der die ganze Persönlichkeit in Beschlag nimmt. Wer sich das klarmacht, lernt anders. Rein neurobiologisch betrachtet gibt es nämlich nur zwei Wege, Wissen auf Dauer oder zumindest für längere Zeit zu behalten. Entweder geschieht dies a) durch lustbetontes und sinnliches Lernen - teils helfen auch negative Gefühle beim Lernen - und durch Aha-Erlebnisse, die vom Limbischen System nicht zensiert werden und direkten Zugang ins Langzeitgedächtnis haben, oder b) durch die disziplinierte Anwendung und Wiederholung des Gelernten, bei der im Gehirn stets dieselben Nervenbahnen gestärkt werden. Auf diesen beiden Prinzipien beruhen mehr oder minder alle Lerntechniken, die von Trainern und Psychologen empfohlen werden.
Lernen mit Gefühl
Motivation ist der Schlüsselbegriff des Lernens. Der Mensch lernt dann am besten, wenn er etwas davon hat. Abgesehen von allen Versprechungen, die man sich selbst macht, um seine Lernvorsätze zu halten (ein Eis essen, Freunde treffen, Urlaub machen, Freizeitvergnügungen nachgehen usw.), belohnt sich der Körper beim Lernen von ganz allein. Es gibt so etwas wie ein internes Belohnungssystem im Gehirn - ein wichtiger Mechanismus, der das Lernen fördert. Wird man mit einer neuen Aufgabe oder Herausforderung konfrontiert und findet durch Ausprobieren schließlich die Lösung, entsteht ein Aha-Erlebnis. Dieses Aha-Erlebnis verursacht kurzzeitig eine erhöhte Ausschüttung von Dopamin, was ein Glücksgefühl auslöst. Hirnforscher Scheich spricht hier gern vom Lernen unter der Dopamin-Dusche. Zugleich erhält das Gehirn einen emotionalen Print-Impuls - und es baut sich richtig und dauerhaft um. Aha-Erlebnisse prägen sich somit wie ein Stempel ins Gehirn ein.
Auch wer sich über Sachverhalte wundert, aufregt oder freut, unterstützt seine Hirntätigkeit nachhaltig. Später erinnert man sich zunächst an die Gefühle, die man mit einer Sache verbindet, und dann an die Sache selbst. Daher ist es so wichtig, sich intensiv mit den Lerninhalten auseinanderzusetzen, diese für sich zu werten und zu kommentieren, kurz: mit seinem Lernstoff ins Gespräch zu kommen.
Lernen ohne Frust
Lernen ist immer ein langer Weg. Und es ist Arbeit. Wer will, dass beim Lernen etwas hängenbleibt, muss den Stoff in kleine Pakete packen und diese Schritt für Schritt mit Wiederholungen abarbeiten. Nur durch viele kleine Erfolgs- und Aha-Erlebnisse bleibt schließlich immer mehr Stoff im Hirn hängen. Zugleich motiviert sich der Lernende durch das, was er speichert und begreift, immer wieder selbst. Die Kunst besteht daher darin, den Lernstoff so einzuteilen, dass man sich fordert, aber nicht überfordert. Sonst gerät man schnell in eine Frustrationsspirale und lernt immer schlechter. Glücklich macht aber nur das richtige, auf Erfolge hin orientierte Lernen. Zwar gilt: Aus Fehlern wird man klug. Doch Frustrationen, die überhandnehmen, sind Gift fürs Lernen. Ganz wichtig: Beim Lernen muss man sein eigenes Tempo finden und im eigenen Takt bleiben - sonst kommt der Lern-Motor ins Stocken.
Auch Ablenkung führt zu Lernfrust. Unser Gehirn ist nämlich nicht in der Lage, gleichzeitig zwei geordnete Aktivitäten nebeneinander laufen zu lassen. Wenn wir abgelenkt sind, dann wird eine andere Information teilweise das aktuelle Aktivitätsmuster überlagern. Im Bewusstsein können aber nicht gleichzeitig zwei geordnete Aktivitäten nebeneinander laufen. So fallen Teile des zunächst aktiven Netzes aus. Soll das Lernen wirklich effektiv sein, braucht man also die volle Konzentration. Musikhören, den Fernseher nebenbei laufen lassen oder lauter Straßenlärm verhindern, dass sich das Hirn mit ganzer Aufmerksamkeit seiner Aufgabe widmen kann.
Lernen mit Pausen und Wiederholungen
Pausen sind für das Lernen äußerst wichtig. Den Stoff sacken lassen oder eine Nacht darüber schlafen - das Gehirn ist dankbar dafür. Denn die Übertragung von Informationen braucht ihre Zeit. Der Transfer von Wissen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis ist eben ein komplizierter Prozess, der den ganzen Tag dauert, auch nachts nicht aufhört und unbewusst verläuft. Bei den ersten Kontakten zwischen den Nervenzellpartnern werden diese zwar angeregt, bis aber die Verbindung zwischen ihnen fest und stabil wird - bis also die Nervenzellverbindungen zum Gedächtnis beitragen können -, dauert es Stunden. Kontakte, die auch nach 24 Stunden noch vorhanden sind, haben dabei gute Chancen, auch nach mehreren Tagen noch zu existieren.
So profitiert man davon, wenn man nicht nur ständig Neues aufnimmt, sondern mehrmals am Tag Gelerntes wiederholt und vertieft. Das stärkt die Verbindung zwischen den entsprechenden Nervenzellen, die nach und nach immer belastbarer wird. Neurobiologen der Universität Lübeck konnten zeigen, dass auch der nächtliche Schlaf das Merken und Behalten nachhaltig unterstützt. Sie wiesen nach, dass an der Gedächtnisbildung sogenannte Deltawellen beteiligt sind. Diese langsam oszillierenden elektrischen Signale sendet das Gehirn insbesondere im Tiefschlaf aus. Sie sorgen dafür, dass die Eindrücke des Gehirns sortiert und ausgewertet werden. In der Nacht wird sozusagen aufgeräumt. Während in den Wachphasen ständig neue, Energie verbrauchende Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen entstehen, entscheidet sich im Schlaf, welche davon dauerhaft erhalten bleiben, und außerdem, wo und wie sie in den Lernspeicher eingebaut werden. Schlaf verfestigt neue Gedächtnisspuren nicht nur, er verändert sie auch qualitativ, sagt Jan Born, Leiter des Instituts für Neuroendokrinologie der Universität in Lübeck. Das verschafft uns am Morgen möglicherweise einen besseren Überblick über ein tags zuvor aufgetretenes Problem.
Lernen mit System
Wer schon etwas weiß, lernt leichter. Denn Wissen sucht immer nach Anknüpfungspunkten. Die Denkfähigkeit eines Menschen bemisst sich eben nicht nach der Zahl seiner Nervenzellen, sondern nach der Zahl der gebildeten Verknüpfungen zwischen diesen. Man spricht daher gern von der Netzstruktur des Denkens oder von Wissensnetzen. Wissen, das keine Verknüpfung findet, rauscht durch. Oder umgekehrt: Je mehr Wissen erworben beziehungsweise im Gedächtnis verankert wurde, desto mehr Anknüpfungspunkte für neues Wissen sind vorhanden. Die Kunst des Lernens besteht somit darin, aus dem Ur-Chaos des Wissens eine eigene, nachvollziehbare Ordnung zu entwickeln. Dabei bin ich selbst der Akteur meines Lernens.
Die Erkenntnis mag zwar manchem Pädagogen fremd sein, doch Lernen ist eine im höchsten Maße selbstbewusste Angelegenheit. Jeder Lernerfolg hinterlässt schließlich seinen Abdruck in der Persönlichkeit. So befreiend und entlastend diese Erkenntnis ist, so gilt aber auch, dass Lernen mühsam ist: Was ich nicht spontan als Aha-Erlebnis begreife, muss ich mir systematisch zu Gemüte führen. Kein Gehirn der Welt wird freiwillig wirre Fakten speichern. Wissen speichert sich in geordneten Netzen und nicht als undurchschaubarer Wollknäuel. Der Abruf des Wissens gelingt also nur reibungslos, wenn mit System gelernt wurde. Sonst hat man bei einer Prüfung das Gefühl, es liegt einem etwas auf der Zunge - aber es kommt nicht heraus. Woraus wiederum folgt, dass Disziplin, Fleiß und Wille wichtige Kategorien fürs Lernen sind. Übrigens: Werden die geistigen Fähigkeiten nicht genügend gefordert, kommt es zu einer deutlichen Abnahme der Vernetzung der Nervenzellen und damit zu einer Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit. Die volkstümliche Annahme, dass nicht gebrauchte Hirnzellen absterben, ist dabei irrig. Nur die Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden schwächer oder lösen sich auf. Nicht die Gehirnzellen machen schlau, sondern lediglich die Aktivität zwischen ihnen.
Lerntechniken - Tipps im Internet
http://www.fu-berlin.de/studienberatung/ e-learning/lernmodule/alle/ index.html Hier kann man testen, wie schnell man beim Lesen durch einen Text kommt.
http://www.pohlw.de/lernen/kurs/lern-07.htm
Eigentlich eine Seite für Schüler, die gerade deswegen auch für Erwachsene empfehlenswert ist. Hier findet man Lernhinweise für all die Dinge, die man schon in der Schule immer falsch gemacht hat.
http://www.lernen-heute.de
Die Seite des Stuttgarter Trainers Uwe Schlenther - leider etwas oberflächlich.
http://www.gedaechtnistraining.net
Gedächtnistraining, das man zwischendurch mal eben online machen kann.
http://www.braintrain.de/ltest1.html
Hier gibt es Übungen zum schnelleren Lesen, teils kostenpflichtig.