17. Dezember 2009

Zukunftsmarkt Telematik

Informatiker sollen Ordnung ins Gesundheitschaos bringen

Von Peter Trechow




14. April 2009 
Noch wimmelt es im Gesundheitssystem von informationstechnischen Insellösungen. Die E-Health-Branche will sie vernetzen. Dafür suchen die Unternehmen Informatiker mit Bewusstsein für Datenschutz und Vorkenntnissen aus dem Medizinbetrieb.

A? B? Oder vielleicht 0? Schon die Frage nach der Blutgruppe stellt viele Patienten vor Probleme. Bei Impfungen, Kinder- oder Erbkrankheiten müssen sie erst recht passen. Das Chaos des Einzelnen spiegelt sich im Chaos des Systems: Allein in deutschen Arztpraxen sind über 200 verschiedene IT-Systeme im Einsatz, deren Hersteller sich lange nicht um Standardisierung scherten.

Arztwechsel oder Umzüge bedeuten in der Regel, dass Untersuchungen wiederholt werden müssen. Auch sonst fließen Informationen zwischen Ärzten, Kliniken, Apotheken und Kassen zäh. Wichtigste Schnittstellen: Drucker, Briefkästen und das Gedächtnis der Patienten. „Als eine von wenigen Branchen nutzt die Gesundheitswirtschaft bisher noch nicht die Vorteile effizienter Vernetzung“, sagt Dirk Schuhmann, Sprecher der Walldorfer Inter-Component-Ware AG (ICW). Doch das ändert sich. Die ICW selbst trägt seit ihrer Gründung 1998 dazu bei und ist dabei schon auf 690 Mitarbeiter weltweit gewachsen. Firmenphilosophie ist es, auf den historisch gewachsenen IT-Strukturen aufzusetzen und die vielfach isolierten Dateninseln der Gesundheitsbranche mit intelligenten Software- und Hardware-Lösungen zu verbinden.

Wie die ICW arbeiten zahlreiche IT-Unternehmen mit Hochdruck an einem „elektronischen Gesundheitssystem“. E-Health-Anwendungen sollen für mehr Qualität und vor allem für mehr Effizienz im Gesundheitssystem sorgen. Der Markt wächst um stabile 5 bis 6 Prozent jährlich und steht hierzulande vor einem Durchbruch. Dieses Jahr soll nach mehrmaligem Aufschub der Roll-out der „elektronischen Gesundheitskarte“ (eGk) beginnen.

Für dieses Großprojekt haben Spitzenverbände des deutschen Gesundheitssystems vor vier Jahren die Gematik, die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH, ins Leben gerufen. Sie entwickelt eine übergeordnete „Raumordnung“ für die IT-Landschaft im Gesundheitswesen - von verborgenen Servern bis zu der Gesundheitskarte, die künftig alle 80 Millionen Versicherten mit sich tragen sollen. Sofern es die Karteninhaber wollen, wird sie Notfallinformationen und Befunde speichern. Pflicht wird dagegen das elektronische Rezept. Die Datenhoheit liegt aber beim Patienten. Nur mit der eGK und seinem Pin können Ärzte, Zahnärzte oder Apotheker auf die Daten zugreifen, sofern sie über einen eigenen Software-Schlüssel für Heilberufler verfügen.

Die elektronische Gesundheitskarte ist Teil eines großangelegten Netzwerks. Wenn alles klappt, wie es sich die Planer vorstellen, werden in Zukunft über 123.000 niedergelassene Ärzte, 65.000 Zahnärzte, 2.200 Krankenhäuser, 21.000 Apotheken und die Krankenkassen sicher und ohne Medienbrüche kommunizieren können. Die Gematik wird das Netz schrittweise zur Datenautobahn für Telematikanwendungen ausbauen. Patienten und junge Ärzte könnten dann bei kniffligen Befunden Spezialisten aus aller Welt zu Rate ziehen. Kleinere Malaisen ließen sich in Telesprechstunden ohne Anfahrten und Wartezeiten behandeln. Oder Ärzte könnten sich anhand elektronischer Patientenakten schon auf Notfallpatienten vorbereiten, solange diese noch auf dem Transport in die Klinik sind.

Der Roll-out der eGk stößt die Tür zu dieser neuen E-Health-Welt auf. Hinter den 200 Experten der Gematik liegt viel Spezifizierungs- und Planungsarbeit. Doch neue Aufgaben stehen an: Als Architektin der Telematikinfrastruktur und Zulassungsstelle für Software, Hardware und neue Telematikdienste hat das Berliner Unternehmen alle Hände voll zu tun. Aktuell sucht es eine ganze Reihe zusätzlicher Software-Entwickler, -Tester und -Architekten. Sie sollten programmieren können, sich mit serviceorientierten Architekturen auskennen und auch konzeptionell und analytisch überzeugen. Für viele der ausgeschriebenen Stellen setzt die Gematik Berufserfahrung voraus. Doch Gematik-Sprecher Daniel Poeschkens betont: „Bei uns haben auch fachlich überzeugende, engagierte Absolventen eine Chance.“

Auch bei der ICW bringen Idealbewerber neben einem Informatikabschluss Kenntnisse der Abläufe im Medizinbetrieb und aktueller Datenschutztechnologien mit. Darüber hinaus spricht das Unternehmen aber auch explizit Berufseinsteiger an. „Wir suchen Entrepreneure, die Lust haben, mit uns in einem jungen, globalen Markt zu wachsen“, sagt Schuhmann.

Doch was erwartet Informatiker im E-Health Bereich? Christoph Brunner blickt auf acht Jahre in der Branche zurück, die Hälfte davon als Produktmanager bei der ICW. „Ich begleite die Entwicklung unseres Software Development Kit (SDK) und des E-Health-Kiosk“, berichtet er. Dahinter verbirgt sich ein Info-Terminal, an dem Versicherte künftig in Arztpraxen, Kliniken, Apotheken oder Kassenfilialen auf ihre Karte zugreifen und ihre Daten verwalten sollen. Das kostenlose SDK erlaubt es auch anderen Unternehmen, ihre Systeme an die E-Health-Welt anzudocken. Zudem sind Schnittstellen für den Datentransfer mit vorhandenen Praxis- oder Kliniksystemen darin angelegt.

„Im Produktmanagement definieren und spezifizieren wir die Anforderungen und Funktionen des E-Health Kiosk, die unsere Entwickler umsetzen“, sagt Brunner. Zudem wirken Kollegen aus der Qualitätssicherung am Entwicklungsprozess mit. Die drei Disziplinen arbeiten Hand in Hand und korrigieren sich gegenseitig. Ein lernendes System, in das die Produktmanager viele Impulse aus dem Markt einbringen. „Wir sprechen dafür mit Partnerfirmen, mit Ärzten, Apothekern und Kassen“, erklärt er. Ihre Wünsche gelte es dann, in Software zu übersetzen.

Brunner hat sich schon im Studium damit beschäftigt, wie Datenverarbeitung im Gesundheitsmarkt über die Systemgrenzen hinweg funktionieren könnte. Neben seiner Informatiker-Fachsprache ließ er sich auch auf die Sprache im Medizinbetrieb ein, „weil ich Gesundheitstelematik als einen zukunftsweisenden Ansatz sehe“, sagt er. Studenten, die hier ebenfalls ihre berufliche Zukunft sehen, rät er, jede Gelegenheit zur Praxis zu nutzen: Software- und Netzwerk-Architekturen entwickeln, programmieren oder Praktika im Gesundheitswesen. „Mittlerweile stoßen auch vermehrt Absolventen aus der Medizinischen Informatik zu uns“, berichtet Brunner. Er ist davon überzeugt, dass sie eine Art Gründerzeit der Branche erleben werden. Denn die neue Datenautobahn werde neue Anbieter mit neuen Geschäftsideen auf den Plan rufen. Die ICW trifft natürlich Vorkehrungen, um dabei kräftig mitzumischen. Etwa mit ihrer elektronischen Gesundheitsakte, in der Versicherte ihre Gesundheitsdaten und -dokumente verwalten können. Auf der webbasierten Akte lassen sich auch große Dateien wie Röntgen- oder Ultraschallbilder archivieren, etwa um bei Spezialisten Zweitdiagnosen einzuholen. Solche Gesundheitsakten sollen in Zukunft die eGk ergänzen. Bei der ICW ist dieser Teil des Zukunftsmarktes „Gesundheitstelematik“ schon heute Realität.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitstelematik wächst

Elektronische Gesundheitsdienste haben laut EU das Potential, zum drittgrößten Teilbereich der Gesundheitsbranche zu wachsen - mit 11 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Weltweit schätzt die Europäische Kommission das Umsatzpotential für E-Health-Lösungen auf 60 bis 70 Milliarden Euro jährlich. Die Boston Consulting Group schätzt das Einsparpotential durch E-Health-Anwendungen in Deutschland auf 7 Milliarden Euro pro Jahr.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 101, 2009, Seite 36
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor