19. Juni 2006
Wer bei einem französischen Unternehmen in Deutschland arbeitet, lernt schnell: Hier ticken die Uhren anders. Meetings müssen nicht immer unbedingt pünktlich beginnen, Abweichungen von der Tagesordnung sind nicht ungewöhnlich und schon gar nicht unprofessionell, man investiert viel Zeit für Konversation. Michel und Marianne sind sehr unterschiedliche Kollegen.
Unsere Arbeitssprache ist Englisch. Es ist aber von Vorteil, wenn man auch Französisch spricht, weiß Anika Knauf. In Meetings komme es vor, daß Entscheidungsträger plötzlich in ihre Muttersprache wechseln - gerne dann, wenn es besonders spannend wird. Insgesamt sei die Unternehmenskultur bei Saint-Gobain sehr international geprägt, findet die 26jährige, die im internen Audit arbeitet: Eine Abteilung, die in der Hauptsache das Risikomanagement und die Jahresabschlüsse von Tochtergesellschaften prüft.
Rund 100 Unternehmen zählen heute zur Saint-Gobain-Gruppe, die mit 200.000 Mitarbeitern einen jährlichen Umsatz von 35 Milliarden Euro (2005) erwirtschaftet: Unter anderem gehören Sekurit Autoglas dazu, Isover Dämmstoffe, Rigips und der Raab Karcher Baufachhandel. Hierzulande arbeitet Saint-Gobain schon seit über 150 Jahren. Dennoch gibt es Besonderheiten, die auf die französischen Wurzeln hinweisen.
Zum Beispiel treffen sich internationale Manager regelmäßig nicht nur zum Zweck der Information, sondern auch zum sozialen Austausch. Das ist etwas, das in Frankreich sehr wichtig ist, sagt die Absolventin des Europäischen Studiengangs Wirtschaft an der FH Aachen. Im Umgang mit den französischen Kollegen sei es entscheidend, sich Zeit für eine freundliche Begrüßung zu nehmen, beim Kaffee zu plaudern und auch mal ein gemeinsames Abendessen zu genießen.
Die emotionale Schiene muß viel stärker beachtet werden, unterstreicht auch Personaldirektor Reinhard Runte. Gepflegte Konversation sei in Frankreich ein Zeichen von Respekt und Achtung gegenüber dem Gesprächspartner. Es ist ratsam, bei Meetings nicht einfach die Tagesordnung durchzupflügen und sich auch nicht nur auf Argumente zu konzentrieren, weiß Runte. Die Sitzung ein bißchen verspätet zu beginnen und dann zwischen den Punkten der Tagesordnung hin- und herzuspringen, sei durchaus üblich.
Undenkbar, daß ein Berufseinsteiger den Vorgesetzten seines Chefs direkt anspricht.
So locker dieses Verhalten auch wirkt, das französische Management ist strikt hierarchisch: Der Chef entscheidet, die Mitarbeiter führen aus, erklärt der Personalleiter. Wichtig sei das unbedingte Einhalten des Dienstwegs: Undenkbar, daß ein Berufseinsteiger den Vorgesetzten seines Chefs direkt anspricht.
Andererseits gewährt die Zentrale in Paris ihren Gesellschaften in Deutschland und Mitteleuropa mehr Freiheiten, als dies ein amerikanisches oder schweizerisches Unternehmen typischerweise zulassen würde, schätzt Runte. Im Personalmanagement seien die französischen Einflüsse weniger spürbar. Mit einer Ausnahme: Wenn eine deutsche Abteilung gemeinsam mit den französischen Kollegen rekrutiert - für internationale Positionen in Forschung und Entwicklung zum Beispiel - plädieren die Deutschen für strukturierte Auswahlgespräche und Assessment-Center, während die Franzosen oft noch auf die Kunst der Graphologie setzen.
In unseren Auswahlprozessen mit den Bewerbern treten unsere französischen Wurzeln eher in den Hintergrund. Wichtig sind jedoch Französischkenntnisse für bestimmte Positionen, erklärt Andreas Pichler, Director Human Resources beim Modeunternehmen Orsay in Willstädt. Auch hier ist die Unternehmenskultur international: Neben dem französischen Mutterhaus arbeiten Zentralen in Deutschland und Polen; die Mitarbeiter kommen aus vielen Kulturen.
In der Zusammenarbeit ergänzen sich die deutsche und französische Mentalität sehr gut, findet der Personaldirektor: Die französischen Mitarbeiter sind eher flexibel, spontan, charmant. Unsere deutschen Mitarbeiter sind zielgerichtet, pragmatisch, detailorientiert. Projekte werden nicht einfach stur nach Plan umgesetzt: Flexibilität und Spontaneität bereichern unseren Alltag, formuliert Pichler.
in Stück Frankreich ist vor allem in der Kommunikation spürbar, sei es zwischen einzelnen Orsay-Abteilungen oder innerhalb der Teams: Zeit für einen kleinen Austausch mit den Kollegen finden wir immer, betont Pichler. Der Wechsel zwischen den Sprachen Deutsch und Französisch sei dabei typisch, ebenso die Anrede mit dem Vornamen. Eine Gepflogenheit aus der französischen Kultur, erklärt der Personaldirektor des Modehauses.
Hierarchien sind in französischen Unternehmen steil, und ein Patron ist wesentlich mehr als ein Chef.
Auch wenn die Anrede mit Jean und Marianne sehr familiär erscheint: Frankreich-Experte Edmund W. Schiffels, Professor für BWL und internationales Management und Logistik an der FH Konstanz, bestätigt die Einschätzung von Saint-Gobain-Personaldirektor Runte: Hierarchien sind in französischen Unternehmen steil, und ein Patron ist wesentlich mehr als ein Chef: Der französische Patron verfügt über die begehrte Macht, ob als Familienoberhaupt, als Schichtführer in der Fabrik, als Abteilungsleiter in einer Bank, als Président Directeur Générale einer AG oder gar als Staatspräsident, so Schiffels. Der typische Franzose akzeptiert diese Macht und weiß, wie er mit ihr spielen muß. Durch diplomatisches Parlieren versucht man, daß der Patron eben genau das will, was man selbst will, hat Schiffels beobachtet. Der Patron seinerseits höre zu, um zu erkunden, wer ihn am ehesten bei der Aufrechterhaltung seiner Entscheidungsmacht unterstützt.
Aus diesem Grund verstehen Franzosen und Deutsche etwas völlig anderes unter einem Konzept: Formuliert ein deutscher Mitarbeiter ein solches Konzept, beinhaltet dies zumeist eine bis ins Detail gehende Planung. Die Folge: Die französische Seite fühlt sich von der deutschen Dampfwalze überrollt. Sie wehrt sich, indem sie blockiert. Für sie ist es wesentlich, sich zunächst gegenseitig diplomatisch abzutasten: Welche Einstellung hat jede Seite zum fraglichen Thema? Ein französisches concepte ist deshalb nie mehr als eine Sammlung von Ideen oder Gedanken.
Si vous voulez heißt : Ich lasse die Sache einfach liegen.
Und noch etwas sollten Berufseinsteiger und Young Professionals in französischen Unternehmen unbedingt wissen: In geschäftlichen Auseinandersetzungen argumentiert ein deutscher Geschäftspartner tendenziell sachlich, geradlinig und fest, während sein französisches Gegenüber diplomatisch spricht. Ist der Franzose in der übergeordneten Position, wird er ohnehin tun, was er als Patron für richtig hält. Ist er in der untergeordneten Position, sagt er Si vous voulez. Das heißt übersetzt: Wie Sie wollen, bedeutet aber: Ja, ja, reden Sie nur. Ich lasse die Sache einfach liegen.