29. Januar 2007
Die syrische Hauptstadt ist dabei, sich zum Lieblingsziel für einen Studienaufenthalt im Nahen Osten zu entwickeln. Aus aller Welt kommen jedes Jahr Tausende Studenten aller Fachrichtungen zum Arabischlernen hierher. Hauptsächlich, weil der syrische Dialekt so nah beim Hocharabischen liegt. Doch außerdem sind die Kosten niedrig, die Straßen sicher und Bars und Diskos zahlreich.
Es ist morgens halb neun in Damaskus, ohrenbetäubend donnert der Verkehr über die Hauptstraße zwischen altem und neuem Stadtkern. Hupen kreischen durcheinander, Auspuffrohre blasen grobkörnigen Dreck in die Luft. Am Rand versucht sich ein Dutzend Leute in einen staubgrauen, aber wohl ursprünglich weißen Minibus zu drängeln, in dem noch drei Sitze frei sind. Busfahren kommt zu den Stoßzeiten einer körperlichen Auseinandersetzung gleich - wer nicht schubst, verliert. Röchelnd vor Anstrengung setzt sich das überladene Service in Fahrt. Natascha Krüger sieht zu, wie der schmutzigweiße Fleck um die nächste Kurve biegt und verschwindet. Dann eben das Nächste, meint die junge Deutsche und seufzt. Jeden Morgen derselbe Stress. Die Studentin aus Augsburg lebt seit drei Monaten in Damaskus. Als ich das erste Mal hier war, hat mich die Stadt ziemlich eingeschüchtert, sagt die 29-Jährige. Ich habe kein Wort verstanden und mich zwei Wochen lang kaum rausgetraut. Zweimal war sie bereits für einige Wochen während ihrer Semesterferien hier. Nun ist sie gleich für ein halbes Jahr gekommen. Ich will Arabisch lernen, das braucht Zeit, erklärt sie.

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Natascha studiert Vergleichende Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt auf afrikanischer Literatur. Ich habe mich mit Postkolonialismus beschäftigt, sagt sie. Darüber bin ich in die Region gekommen. Nach ihrem Examen will sie promovieren und mit Literatur aus dem Nahen Osten arbeiten. Ich kann mir vorstellen, meine Dissertation über Rap in Palästina zu schreiben. Doch bis dahin muss sie erst die Sprache besser beherrschen. An der Uni lesen wir mittlerweile auch arabische Gedichte und Kurzgeschichten, aber alleine traue ich mich da noch nicht ran, gibt sie zu.
Amerikaner, die nach einer Karriere beim CIA streben, sitzen neben frommen Pakistanis, die Arabisch lernen, um den Koran lesen zu können.

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Die Universität liegt im Geschäftsviertel Mezzeh. Seit 1995 lernen Ausländer hier Arabisch. Der erste Durchlauf startete mit 40 Studenten. Heute, schätzt Ghassan al Saiyed, Direktor des Sprachinstituts, sind je nach Jahreszeit immer 500 bis 2.000 Ausländer in Damaskus. Die Qualität unserer Kurse ist an westlichen Universitäten bekannt, meint er. Wegen des guten Rufs des Instituts schicken amerikanische, englische und französische Universitäten regelmäßig Studenten in regierungsgeförderte Stipendienprogramme. Sicher haben die politischen Ereignisse Einfluss auf die Nachfrage, meint al Saiyed. Nach dem 11. September sind die Anmeldezahlen deutlich gestiegen. Seither ist der Nahe Osten in den Mittelpunkt globaler Aufmerksamkeit gerückt. So regen ausgerechnet die Nachrichten über islamistischen Terror das Interesse an der Region an - in den USA hat die Modern Language Association eine Verdoppelung der Arabischlernenden seit 9/11 festgestellt. Gleichzeitig gilt die Sprache als seltene, wertvolle Qualifikation: Die Chance auf eine Anstellung bei einer internationalen Organisation wie den UN wächst damit erheblich.
Damaskus ist dabei, sich zum Lieblingsziel für Studienaufenthalte zu entwickeln. Zwar ist Kairo immer noch Spitzenreiter des Nahen Ostens, doch Syrien holt auf. In den politisch isolierten, touristisch kaum erschlossenen Schurkenstaat sickert die Globalisierung nur allmählich ein und hat Kultur und Traditionen bislang wenig beeinflusst. Und um diese Kultur kennenzulernen, sind die Studenten ja hier. Zudem liegen die Preise weit niedriger als im Libanon oder in Jordanien. Darüber hinaus bietet Syrien gute Voraussetzungen für effizientes Lernen, denn Fremdsprachenkenntnisse sind hier selten. In Ägypten ist Englisch verbreitet und in Nordafrika das Französische, doch in Damaskus müssen Ausländer sich auf Arabisch durch den Alltag mühen. Da ist es natürlich von Vorteil, dass der syrische Dialekt dem Hocharabischen sehr ähnelt, betont der Institutsdirektor. Denn wer Arabisch lernt, muss sich zwei Sprachen erarbeiten. Fus'ha ist die Basis aller Dialekte von Marokko bis Irak und Sprache von Medien, Bildungswesen und Literatur. Amiye hingegen, das rein mündliche Idiom, variiert von Region zu Region stark.

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Die Universität bietet Kurse auf acht Niveaus; vier Stunden täglich werden Grammatik, Sprechen, Hörverständnis und Lesen geübt. Ab der ersten Stufe ist die Unterrichtssprache Arabisch. Der Kurs wird damit zur Konzentrationsprobe, bei der Anfänger nach jedem bekannten Bruchstück greifen müssen, um mitzukommen. Doch so lernen sie schnell: Bereits nach vier Wochen können sie die wichtigsten Verben durchkonjugieren und in der Gegenwarts-, Zukunfts- und Vergangenheitsform über sich, ihre Stadt und ihre Familie sprechen.
Die Studenten in Damaskus kommen aus allen möglichen Ländern: Amerikaner, die nach einer Karriere beim CIA streben, sitzen neben frommen Pakistanis, die Arabisch lernen, um den Koran lesen zu können. Am häufigsten sind Studenten der Arabistik und Islamwissenschaft, doch auch angehende Soziologen, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler lernen Arabisch, um sich in ihrem Fach auf den Nahen Osten zu spezialisieren.

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In der Pause setzt sich Natascha mit einer Tasse kardamomgewürztem Kaffee auf die Treppe vor dem Institutseingang. Gegenüber lächelt eine Statue des ehemaligen Präsidenten Hafiz al Assad über den Campus. Die 29-Jährige lernt auf Niveau sechs, und mit jeder Stufe steigen die Anforderungen. Pro Tag verbringt sie drei bis sechs Stunden mit Hausaufgaben. Wir müssen Texte erarbeiten, Referate halten und Aufsätze schreiben, erzählt sie, und man sieht dabei ihren Gesichtszügen die Anspannung an. Arabisch ist so schwer, dass man intensiv lernen muss, sagt sie. Sonst bringt es einfach nichts.
Nachmittags quetschen sich die Studenten wieder in die Services. Die Heimfahrt führt durch das moderne Zentrum der Viermillionenstadt. Zwischen nackten Nutzbauten aus Beton lässt das autoritäre Regime schwerbewaffnete Soldaten schaulaufen. Überall hängen Bilder, Poster und Gemälde des jungen Präsidenten Baschar al Assad. Die regierende Baath-Partei unterdrückt in Syrien jede oppositionelle Regung, doch für Ausländer hat der Überwachungsstaat einen Vorteil: Es gibt so gut wie keine Straßenkriminalität.

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So wie die meisten Ausländer lebt auch Natascha in Bab Tuma, dem Christenviertel der Altstadt. An den Ecken der verwinkelten Gassen stehen bunt bestrahlte Plastikmadonnen, dazwischen drängeln sich Schnapsläden, Mosaikwerkstätten, Internetcafés. Als die Studentin in ihre Straße biegt, ruft Ahmad, der Lebensmittelhändler, Ahleen, willkommen, Natascha. Auf dem Weg begegnet ihr eine Nachbarin. Ob es ihr gut gehe, will sie wissen. Hamdulillah, antwortet Natascha - Gott sei Dank, gehe es gut. Die Altstadt ist kein anonymer Ballungsraum, sondern ein einziges Sozialgefüge, ein Dorf, sagen die Studenten. Auch Ausländer sind nach kurzer Zeit Teil dieses Mikrokosmos, in dem jeder irgendwie mit jedem vernetzt ist.
In einem der Innenhöfe, die sich überall hinter den keksbraunen Fassaden auftun, sitzt Luise Ossenbach über ihren Büchern. Um sie herum wachsen Mandel- und Zitronenbäume, in der Mitte sprudelt ein Brunnen. Auch die 24-jährige Kölnerin studiert zum dritten Mal in Syrien. Damaskus hat mir immer gefallen, sagt sie. Vor allem hat mich die Gastfreundschaft der Syrer und ihre Begeisterung für Europäer beeindruckt. Luise studiert Islamwissenschaft, Judaistik und Germanistik in Köln. Nach acht Semestern beherrscht sie die Hochsprache bereits ziemlich gut. Nun ist sie für ein halbes Jahr in Syrien, um den Dialekt zu lernen. Wir werden in Köln ausgebildet, Quellen zu übersetzen, aber wir sprechen nicht, erklärt sie. Mit Hocharabisch kann man sich zwar verständigen, aber man stößt damit doch schnell an Grenzen. Zudem antworten die Leute auf Amiye, und das verstehe ich ja dann nicht.

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Luise belegt einen Dialektkurs an der Universität. An drei Nachmittagen hat sie drei Stunden Unterricht, für drei weitere Nachmittage hat sie sich eine Privatlehrerin gesucht. Der Kurs an der Uni ist erstaunlich gut, sagt Luise. Unsere Lehrerin redet viel und schnell. Das schult das Hörverständnis. In Rollenspielen gewöhnen sich die Studenten dann selbst ans Sprechen. Neulich haben wir das Vokabular rund um den Arztbesuch durchgenommen, erzählt die Kölnerin. Einer war Sprechstundenhilfe, einer Arzt und einer Patient. Im Gegensatz zur Hochsprache lässt sich Amiye innerhalb weniger Monate lernen - sofern man auf einer Basis von Fus'ha aufbauen kann. Grammatik und Vokabular ähneln dem Hocharabischen oftmals, sind aber drastisch vereinfacht. Den Alltag kann ich im Dialekt schon bewältigen, sagt Luise. Kleine Gespräche führen, Einkaufen, das klappt alles.
Vom Nachmittag an füllen die Studenten die Altstadt. In multinationalen Gruppen flanieren sie über den Souq al Hamidiya, den Bazar zu Füßen der majestätischen Omaiyadenmoschee. Einige von ihnen hocken mit den Händlern vor ihren Läden bei einer Tasse Tee. Andere bevölkern Kaffeehäuser und Restaurants, rauchen Wasserpfeife oder essen Mezze - kleine Gerichte - würzige Pasten, eingelegtes Gemüse, pikante Fleischspeisen. Am Wochenende trinken sie in den Diskos Bier mit Salz und Zitronensaft und lassen sich zu wummerndem, arabischen Pop von den Einheimischen beibringen, wie Dabke, der syrische Volkstanz, geht.
Freunde findet man automatisch, und das Leben hier ist angenehm, sagt Luise. Aber jetzt nach vier Wochen merke ich, dass auch vieles anstrengend ist. Auf Probleme stoße sie besonders als Frau. Zwar werde sie nicht belästigt, betont sie, die Grenzen interkultureller Verständigung verlaufen subtiler. Da etwa eine ledige Frau Verwunderung erregt, behaupten viele Ausländerinnen, verheiratet zu sein, auch wenn das nicht stimmt. Aber dann verstehen die Leute nicht, warum ich ohne meinen Mann unterwegs bin. Die Studentin zuckt die Schultern. Sie haben eben eine ganz andere Vorstellung, wie man als Frau zu leben hat.
Die Besetzung von Bab Tuma ändert sich im Vierwochentakt. Am Ende eines jeden Monats finden sich die Studenten und ihre neuen syrischen Freunde in den Bars und Diskotheken zu Abschiedspartys zusammen. Doch erfahrungsgemäß werden viele von ihnen wiederkommen, um wieder in ihrem Stammkaffeehaus Wasserpfeife zu rauchen und mit dem Gemüsehändler zu plauschen - auf Arabisch versteht sich.