07. September 2010
   
   
 

Innovationsmanager im Interview


Die Zeiten von Daniel Düsentrieb sind vorbei. Den genialen Erfinder, der einsam und allein an neuen Technologien forscht, gibt es nicht mehr. Stattdessen etabliert sich in deutschen Unternehmen immer mehr die Funktion einer unternehmensübergreifenden Stabsstelle, die zentral die Innovationsaktivitäten koordiniert. Doch was sind die wesentlichen Aufgaben eines Innovationsmanagers? Und welche Eigenschaften sollte er mitbringen? Entsteht hier ein neues, lukratives Berufsbild?

Der Hochschulanzeiger hat Innovationsverantwortliche über ihren Alltag befragt.

 
 
   

Juristen in Unternehmen

Mehr als nur Verträge prüfen

Von Peter Trechow




20. Juni 2005 
Gerichte und Verwaltungen haben ihre Einstellungen zurückgefahren und der Arbeitsmarkt für Rechtsanwälte ist angespannt. Gute Gründe für Juristen, über Perspektiven in der Wirtschaft nachzudenken. Und siehe da: In Unternehmen gibt es viele spannende Tätigkeiten.

Brigitte Nassauer hat es dann doch nicht gemacht. Während ihres Studiums wollte sie immer Anwältin in einer Großkanzlei werden. Deshalb der erfolgreiche Freischuß im ersten Staatsexamen, das Jahr in Genf, der LL.M in Oxford und schließlich ihr Referendariat in einer großen New Yorker Kanzlei. Doch als sie tatsächlich die Zusage einer internationalen Top-Kanzlei in der Tasche hatte, kam sie ins Grübeln und sagte schweren Herzens ab: „Ich hatte plötzlich Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Hektik, des Konkurrenzdrucks und der Arbeitsbelastung einer Großkanzlei", erinnert sie sich.

Dieses Leben fand sie beim Chemieriesen Bayer. „Nicht, daß sie mich falsch verstehen", sagt sie, „wir arbeiten hier auch von 9 bis 20 Uhr". Doch die Stimmung dabei sei anders. Hier arbeiten viele Frauen, der Umgang ist kollegial und sehr persönlich. Und statt einem Partner zuzuarbeiten, steht Nassauer bei Bayer von Anfang an für ihre Arbeit grade. Wann und wo immer im Konzern arbeitsrechtliche Fragen auftauchen, klingelt ihr Telefon. Ob es um Prämienzahlungen, Fortbildungen, Kündigungen oder um Teilzeitmodelle geht - Nassauers Team bemüht sich um geeignete juristische Lösungen. Wenn Bayer andere Unternehmen übernimmt, geht es besonders hoch her. Denn dann prüft die 32jährige mit ihren Kollegen, wo und zu welchen Bedingungen deren Personal im Konzern integriert wird oder inwieweit „mitgekaufte" Betriebsvereinbarungen gültig bleiben. Mehrmals im Monat vertritt Nassauer ihren Arbeitgeber auch vor Gericht. Wie viele ihrer Kollegen ist sie Syndikusanwältin. „Unsere Juristen sind alle als Anwälte zugelassen", erklärt Dr. Andreas Juhnke, Leiter der Rechts- und Patentabteilung der Bayer Business Services. Seine Abteilung dient der Bayer AG als juristischer Expertenpool - sie berät alle Konzerngesellschaften. Außer Arbeitsrechtlern und Wirtschaftsrechtlern arbeiten hier Spezialisten für Umwelt- und Technikrecht sowie für gewerblichen Rechtsschutz. Zusätzlich begleiten weitere Rechtsabteilungen das operative Geschäft des Konzerns. Dort beschäftigen sich die Juristen vor allem mit Fragen des Gesellschafts- und Kapitalmarktrechts, des Kartellrechts und der Produkthaftung. Wenn Bayer-Produkte ins Zwielicht geraten, wie zuletzt der Cholesterinblocker Lipobay, übernehmen die Juristen dort das Krisenmanagement. „Vor allem geht es dann darum, sofort weiteren Schaden abzuwenden", erklärt Juhnke. Außerdem legen die Juristen der Leverkusener Zentrale jeweils den Kurs fest und koordinieren das Vorgehen, wenn es zu juristischen Auseinandersetzungen kommt.

Englischkentnisse, Auslandserfahrungen, mindestens ein Prädikatsexamen und einschlägige Stationen im Referendariat sollten sie schon mitbringen.“

Insgesamt beschäftigt Bayer fast 50 Juristen. Fachlich sehen sie sich, laut Juhnke, auf einer Augenhöhe mit den Anwälten der Großkanzleien. Entsprechend hohe Anforderungen stellt der Konzern an seine Bewerber. „Englischkenntnisse, Auslandserfahrung, mindestens ein Prädikatsexamen und einschlägige Stationen im Referendariat sollten sie schon mitbringen", zählt Juhnke auf. Zudem achte man sehr auf soziale Kompetenz und Teamgeist - Nassauers Berichte über das Arbeitsklima bestätigen es. Die fachliche und menschliche Qualität seiner Mitarbeiter hat für den Abteilungsleiter allerdings auch Nachteile. Viele Juristen steigen in leitende Positionen in Vertrieb, Geschäftsleitung und Finanzwesen auf oder wechseln in die Vorstandsassistenz. Für Brigitte Nassauer spielt diese Option ebenfalls eine Rolle. So sehr sie ihre heutige Arbeit genießt, hat sie doch klar im Blick, daß es für sie bei Bayer noch „reichlich Spiel nach oben" gibt. Volker Ars arbeitet einige Kilometer rheinaufwärts beim Kölner Versicherungskonzern Gerling. Auch er hatte nach dem Studium die Wahl zwischen Kanzlei oder Konzern und entschied sich wie Nassauer für eine Stelle als Syndikusanwalt in der Wirtschaft. „Das Angebot war fachlich interessanter", so der 29jährige Arbeitsrechtler. Seit März 2004 arbeitet er in einer Konzerngesellschaft, die Unternehmen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung berät. Hier arbeiten Juristen, Mathematiker und Betriebswirtschaftler. Dieser interdisziplinäre Ansatz hat Ars gereizt. Dazu stellte ihm Gerling reichlich Abwechslung in Aussicht. „Ich prüfe hier beileibe nicht nur Verträge", berichtet Ars zufrieden.

„Wo lernt man das Steuerrecht besser als in einer großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft?“

Mal ist er bei Kunden, dann sitzt er wieder im Büro, recherchiert und plant mit seinen Kollegen Altersversorgungsmodelle für Betriebe. Neben den konkreten Kundenprojekten schult der junge Jurist Pensionsmanager und schreibt Beiträge in Zeitschriften und Büchern, die sein Arbeitgeber regelmäßig herausgibt. In die meisten Aufgaben ist er schon nach einem Jahr hineingewachsen. Dabei hilft ihm die überschaubare Struktur seiner Abteilung. Mit ihm arbeiten nur fünf Juristen dort, die er immer um Rat fragen kann. Ohnehin stecken sie oft die Köpfe zusammen, wenn knifflige Fragen auftauchen. „Betriebliche Altersversorgung ist juristisch weit anspruchsvoller, als man auf den ersten Blick denken könnte", freut sich Ars; er betritt gerne Neuland. Industrie, Versicherungen und Banken zählen zu den klassischen Arbeitgebern für Juristen. Dagegen rückt die Beratungsbranche erst in letzter Zeit ins Blickfeld von Juraabsolventen. Auch Guido Sodige hat nach seinem Studium zunächst eine Anwaltskanzlei in München mit aufgebaut. Zuerst war er mit seinen beiden Partnern erfolgreich. Doch nach fünf Jahren kam der Einbruch. Im Jahr 2002 verloren sie kurz nacheinander mehrere große Firmenkunden durch Pleiten, Übernahmen und Unglücksfälle. Die Krise fiel in eine Phase, in der Sodige sowieso viel über seinen beruflichen Fortgang nachdachte. „Ich stand vor der Alternative, neu zu akquirieren oder mich umzuorientieren", erinnert er sich. Letztlich entschied er sich für beides. Denn er wechselte als selbständiger Berater zur MLP AG. Ein Gutteil seiner Arbeit verbringt er nun damit, Kunden zu akquirieren. Wirbt er viele Kunden, verdient er gut. Umgekehrt ist es dasselbe, wobei MLP-Berater mit zunehmender Dauer ihrer Tätigkeit immer weniger akquirieren müssen. Ein Teil der Einkünfte führt Sodige an den Konzern ab. Dafür bietet ihm MLP eine komplette Infrastruktur, vom seriösen Briefkopf und Büro über regelmäßige Fortbildungen bis zum detaillierten Update bei Gesetzesänderungen und natürlich die auf die Kunden zugeschnittene Produktpalette. Außerdem stellt der Konzern jedem Neueinsteiger zunächst eine Grundsicherung, die er abbezahlt, wenn der Rubel rollt. In der Regel kommen Neulinge im zweiten Jahr auf 46.000 Euro, wobei die Einkünfte vom Talent und Biß abhängen. „Mit einer Beamtenmentalität kommt man hier gewiß nicht weit", warnt Sodige. Gerade zu Anfang brauchen die Berater ein dickes Fell. Bei zehn Anrufen bekommt Sodige neun teils schroffe Absagen. Auch wo er auf Interesse stößt, kommt es längst nicht immer zur Zusammenarbeit. Dennoch ist der 36jährige glücklich in dem Job. Für ihn war nur eine selbständige Tätigkeit denkbar. Allein schon, um selbst bestimmen zu können, wann und wie lange er arbeitet. „Das bringt mir einen Vorteil an Lebensqualität, der in Geld nicht aufzuwiegen ist", erklärt er. Sodige berät vor allem Ärzte. Mal schult er sie, wenn Gesetzesänderungen ihr Geschäft berühren, teils betreut er junge Ärzte bei der Niederlassung oder er plant mit gestandenen Ärzten Finanzanlagen für die Zeit nach ihrem Berufsleben. Auch wenn er dabei keine rechtlichen Details mehr klärt, hilft dem Exanwalt sein juristisches Know-how. Denn häufig berühren seine Beratungen steuer-, versicherungs- und kapitalanlagerechtliche Fragen. „Diese Rechtsgebiete waren schon früher meine Steckenpferde" berichtet er. Dagegen mußte er sich in das Berufsumfeld der Mediziner neu einarbeiten. Dabei half ihm die MLP Corporate University, die Einsteiger in den ersten zwei Jahren durchlaufen. „Wir haben da in kurzer Zeit extrem viel Stoff bewältigt", erinnert sich Sodige an äußerst anstrengende, aber sehr lehrreiche Wochen in Blockseminaren.



Den Nutzen hat er selbst erlebt. Nach einem halben Jahr als Finanzberater bekam Sodige Besuch von einem smarten jungen Mann, der sich beraten lassen wollte. Er war solvent. Die Zusammenarbeit lief gut, sie fanden schnell eine gemeinsame Linie. Doch nach einigen Treffen outete sich der Kunde per Fax als Tester. Das Geschäft war geplatzt. Doch dafür stand Sodige ganz weit oben in der Gunst des Scheinkunden. Als Berufseinsteiger hatte er für MLP Platz drei im Finanzdienstleistertest errungen. Anders als Sodige fand Annette Griebeling-Gebert ohne Umweg in die Beratungsbranche. Seit Ende 2003 arbeitet die Volljuristin bei KPMG und begleitet dort als Steuerexpertin Mergers & Acquisitions. „Ich wollte im Steuerrecht arbeiten", begründet sie ihre Entscheidung, „und wo lernt man das besser als in einer großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft?" Tatsächlich verlangt ihr der Job fachlich sehr viel ab, obwohl sie sich während und nach dem Studium intensiv darauf vorbereitet hat. Als sie anfing zu studieren, war sie mit heillos überfüllten Hörsälen und Seminaren konfrontiert. Sie reagierte mit Eigeninitiative. Bald erkannte sie die Bedeutung des Steuerrechts im Wirtschaftsrecht und begann, sich dort immer tiefer einzuarbeiten. Ihre Wartezeit zwischen erstem Staatsexamen und Referendariat nutzte sie in einer Anwaltsgesellschaft mit Schwerpunkt Steuerecht, nach dem zweiten Staatsexamen machte sie in London einen LL.M in Banking & Finance und noch bevor sie bei KPMG einstieg, absolvierte sie den theoretischen Teil der Fachanwaltsausbildung im Steuerrecht. Momentan sammelt die Syndikusanwältin die nötige Anzahl praktischer Fälle, um sich Fachanwältin nennen zu dürfen. Bei KPMG ist ihre Abteilung dafür zuständig, Firmenübernahmen und -zusammenschlüsse steuerlich zu optimieren. Bevor es zur Übernahme kommt, stehen ausführliche Due Dilligence Verfahren an, in denen Griebeling-Gebert und ihre Kollegen die Bilanzen und andere steuerlich relevanten Unterlagen analysieren. Mal prüft sie Geschäftszahlen des Käufers, mal die des Übernahmekandidaten. Dafür ist sie oft unterwegs. In heißen Projektphasen sieht sie ihren Mann und ihre Wohnung eher selten. Doch auch in ihrem Büro arbeitet sie intensiv und lange - etwa wenn sie juristische Details klärt, steuerliche Risiken und Nebenwirkungen einer Übernahme erwägt oder Ergebnisse der Due Dilligence Prüfungen in Reports zusammenfaßt. Gerade gegen Ende der Projekte macht sie oft auch Nachtschichten. Doch Griebeling-Gebert beklagt sich nicht. Ihr Mann ist ebenfalls Jurist und nicht weniger beschäftigt. „Bei uns paßt es", sagt sie. Die berufliche Verwirklichung ist ihnen beiden wichtig. Sie selbst bearbeitet bei KPMG Themen, über die sie dann im Wirtschaftsteil ihrer Zeitung liest. „Das ist spannend, juristisch sehr anspruchsvoll und vor allem - es macht mir Spaß", resümiert die 34jährige zufrieden.



http://www.bayer.de http://www.mlp.de http://www.kpmg.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 79, 2005
Bildmaterial: Moni Port, Labor