12. November 2009

Die Biotech-Branche expandiert

Jobs in der Biotechnologie

Von Peter Trechow




02. Dezember 2008 
Deutschland hat sich zu einem international führenden Biotech-Standort entwickelt. Mittlerweile sind viele einstige Start-ups etablierte Unternehmen mit großem Bedarf an hoch- qualifizierten Absolventen. Auch Dienstleister schreiben Erfolgsgeschichten, die ihr spezielles Know-how zum Teil als Berater vermarkten. Letztes Jahr schuf allein die medizinische Biotechnologie 4.000 neue Stellen in Deutschland. Ein spannendes Berufsfeld für Einsteiger.

Qiagen
Irgendwie komisch: Hört man Biotech, denkt man automatisch an Start-up. Dabei wurde beispielsweise das Unternehmen Qiagen schon 1984 gegründet und beschäftigt mittlerweile über 2.800 Mitarbeiter an mehr als 30 Standorten weltweit. „Wir wachsen stark und haben an fast allen Standorten Stellen zu besetzen“, berichtet Detlef Schlichtinger, HR-Director bei Qiagen. Junge Naturwissenschaftler und Ingenieure können hier einiges bewegen. Das Unternehmen entwickelt neue Verfahren und Geräte, um Moleküle aus Zellen wie etwa die Nukleinsäuren DNA und RNA oder bestimmte Proteine zu isolieren, für Tests aufzubereiten und vor allem für diagnostische Zwecke nachzuweisen.

Über 100 solcher molekulardiagnostischer Tests zum Nachweis und zur Früherkennung von Krankheiten wie Tuberkulose, Aids oder Gebärmutterhalskrebs hat Qiagen im Programm. Und ständig kommen neue hinzu. Weil das Unternehmen sein Know-how durch Zukäufe gezielt ausbaut und weil 450 eng vernetzte Qiagen-Wissenschaftler weltweit mit Hochdruck an neuen Verfahren arbeiten. Aktuell laufen über 200 Entwicklungsprojekte. „Dafür ziehen wir jeweils unsere Experten zusammen“, erklärt Schlichtinger. Entscheidend sind dabei Kompetenzen, nicht Standorte. Teamwork und Verständigung zwischen verschiedenen Disziplinen und Kulturen sind angesagt, oft über Tausende Kilometer hinweg. Die Kommunikation läuft per Mail, Telefon und Videokonferenz.

„Die Zeiten genialer Einzelkämpfer sind definitiv vorbei“, so der HR-Director. Entwicklungsprozesse seien heute so vielschichtig, dass nur ein Miteinander der Köpfe und Kompetenzen Erfolg verspreche. Damit sie nicht aneinander vorbei entwickeln, sondern voneinander lernen, forciert das Unternehmen regelmäßigen Austausch, etwa in sogenannten R&D-Roadshows. Dabei treffen sich Kompetenzteams aus aller Welt und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand ihrer Projekte.

Als forschende und lernende Organisation setzt Qiagen auch auf Berufseinsteiger oder Praktikanten, Diplomanden und Doktoranden. „Wenn die fachliche Ausrichtung stimmt und es menschlich passt, sind wir offen“, sagt Schlichtinger. So habe man auch Software-Ingenieure der aufgelösten Werke von Nokia und BenQ eingestellt. Als Gerätehersteller braucht Qiagen außer Naturwissenschaftlern auch fähige Kunststoffingenieure, Produktions- und Automationsspezialisten oder Software-Entwickler. Und wegen des starken Wachstums verstärken die Hildener auch Marketing, Vertrieb und Administration. Die neuen Mitarbeiter tasten sich mit Unterstützung erfahrener Kollegen „on the job“ an die speziellen Aufgaben der Biotechnologie heran. Zudem stehen ihnen vielfältige Möglichkeiten innerbetrieblicher und externer Weiterbildung offen.

Epigenomics
Auch die Berliner Epigenomics AG steht im Jahr elf nach Gründung vor der Integration vieler neuer Mitarbeiter. „Weil wir verstärkt in die Kommerzialisierung unserer Produkte einsteigen, stellen wir vermehrt im Bereich Marketing & Sales und in der Produktentwicklung ein“, berichtet die Leiterin Corporate Affairs and Human Resources, Hanen Neji. Ein Gutteil des Bedarfs sei durch Einstellungen in den letzten Monaten gedeckt, erklärt sie, doch Initiativbewerbungen interessanter Kandidaten seien willkommen. „Auch wenn wir gerade nicht mehr aktiv suchen, schauen wir uns Bewerbungen genau an und schaffen dann zum Teil die entsprechenden Stellen“, so Neji. Denn beim Lesen mancher Mappe falle auf, dass ein Bewerber durch sein Profil eine ideale Ergänzung wäre. Für Führungsposten suchen die Berliner weltweit. Im Mittelbau kommen die Wissenschaftler dagegen eher aus dem Inland. „Es gibt ja hierzulande sehr gute Hochschulen und Forschungsinstitute“, so Neji. Zum Teil lernen Nachwuchsforscher Epigenomics schon als Diplomanden oder als Doktoranden kennen, bringen ihr spezielles Wissen ein und arbeiten sich tief in die komplexe Materie ein.

Das Unternehmen entwickelt Früherkennungstests für diverse Krebsarten. Dafür analysiert es Methylierungsmuster der DNA-Bausteine und macht diese sichtbar. Fehler in den Mustern deuten auf eine frisch ausgebrochene oder im Entstehen begriffene Krebserkrankung hin, noch ehe Symptome zu spüren sind. Die Tests werden in vitro, also im Reagenzglas, mit verschiedenen Körperflüssigkeiten durchgeführt. Bisher vergaben die Berliner vor allem Lizenzen für ihre Technologie. Inzwischen bringen sie eigene molekulardiagnostische Produkte in den Markt. Damit erweitert sich auch das Spektrum der gesuchten Fachrichtungen. Neben Biochemikern, Biotechnologen und Biologen sind Mediziner gefragt, sowohl für die Entwicklung der Tests als auch für deren Vermarktung.

MorphoSys
Verstärkte Eigenentwicklung sorgt auch bei der Morphosys AG, die bereits seit 16 Jahren erfolgreich auf dem Markt ist, für Personalzuwachs. Die finanzielle Basis dafür erarbeiten sich die Münchener in umfangreichen Kooperationen. Die Liste ihrer Partner und Lizenznehmer liest sich wie ein Who's who der Pharmabranche. Der Schlüssel zum globalen Erfolg: HuCAL, eine Sammlung mit zwölf Milliarden verschiedenen humanen Antikörpern. Ein gigantischer Baukasten, aus dem gesunde menschliche Körper die passende Abwehr gegen jedweden Eindringling zusammensetzen. Morphosys bringt ihn in einem Milliliter Flüssigkeit unter. Vorteil der HuCAL-Bibliothek: Sie besteht aus menschlichen statt synthetischen oder tierischen Antikörpern.

Aktuell bemühen sich Forscher vieler Konzerne zusammen mit Spezialisten von Morphosys, aus diesem Baukasten schlagkräftige Antikörper zur gezielten Therapie von Krankheiten wie Krebs oder Rheuma zu kombinieren. Zurzeit laufen über 50 Programme. Vier sind bereits im klinischen Stadium, 20 in der Präklinik. Risiko und Kosten tragen jeweils die Kunden. Das verschafft Morphosys Freiraum für die Entwicklung eigener Antikörper-Medikamente. Etwa MOR 202. Dieser Antikörper stürzt sich gezielt auf ein Protein, das bevorzugt an der Oberfläche von Krebszellen bestimmter Leukämiearten sitzt. Erste Studien zeigen, dass dieser Angriff das Wachstum der Krebszellen stark eindämmt.

„Unsere Projektteams isolieren im Auftrag der Kunden oder auch für unsere eigenen Entwicklungen die gesuchten Antikörper“, erklärt Senior Director und Head of Global HR Silvia Dermietzel. Dabei interagieren die Teams mit den jeweiligen Partnern in verschiedensten Teilen der Welt. Jüngst hat das Unternehmen einen großen Kooperationsvertrag mit Novartis geschlossen. Zusätzlich will es eigene Entwicklungsprojekte stark ausbauen. Das alles schafft Bedarf an qualifizierten Mitstreitern. „Derzeit haben wir 30 Stellen zu besetzen“, so Dermietzel. Ein Gutteil davon sei für Absolventen und vor allem graduierte Berufseinsteiger geeignet. Voraussetzung: Sie sollten schon im Antikörperbereich geforscht haben und gutes Methodenverständnis mitbringen.

Morphosys rekrutiert weltweit und wünscht sich auch von deutschen Einsteigern erste internationale Erfahrungen und ein offenes Wesen. Fachlich hilft es ihnen selbst in den Sattel. „Wir investieren viel in die Aus- und Weiterbildung unserer Leute“, sagt die Personaldirektorin, „niemand bleibt bei uns in seiner fachlichen Entwicklung stehen.“ Das gilt auch für die wenigen Praktikanten. Morphosys bietet nur vier bis fünf Stellen jährlich, für die es weit mehr Bewerber gibt. „Wir wollen, dass sie bei uns wirklich etwas lernen und setzen deshalb auf Klasse statt auf Masse“, sagt sie.

Tipps für Gründer in der Biotech-Branche

Die Biotech-Branche ist hierzulande in regionalen Clustern organisiert. In diesen Regionen gibt es oft Gründerzentren, die Start-ups günstige Räume, Infrastruktur und Netzwerke bieten. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sämtliche Bio-Regionen in einer Broschüre zum Downloaden zusammengestellt:
http://www.bmbf.de/pub/bioregionen_in_deutschland.pdf

Eine umfangreiche Liste europäischer, nationaler und regionaler Förderadressen:
http://www.biotechnologie.de

Ein Service für Jungunternehmer mit konkretem Förderbedarf:
http://www.foerderinfo.bund.de

Der Branchenverband VFA Bio vermittelt Kontakte zwischen Biotech-Gründern und möglichen Unterstützern in renommierten Unternehmen:
http://www.vfa-bio.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 99, 2008, Seite 60
Bildmaterial: von Zubinski