13. Oktober 2009 Wer im Krisenjahr 2009 einen Job bei einer Unternehmensberatung sucht, muss sich auf eine Menge Konkurrenz einstellen. Und bei der Besetzung der freien Stellen gilt mehr denn je: Der Bessere ist der Feind des Guten.
Was schmeckt den Leuten in Arizona? Worauf muss man beim Geschäftemachen in Brasilien achten? Oder in Chile? Fünf junge Leute reden sich die Köpfe heiß über solche Fragen - und haben eigentlich keine Ahnung. Trotzdem versuchen ein Arzt, ein Psychologe, ein Jurist, ein Mathematiker und eine Ingenieurin gemeinsam, Strategien für diese Supermarktkette zu entwerfen, die partout den amerikanischen Kontinent erobern soll. Das Ganze ist fiktiv, der Ehrgeiz aber echt: Die fünf spielen auf Einladung der Boston Consulting Group (BCG) zwei Tage lang Unternehmensberater. Und das Ganze ist Teil des Recruitings.

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Nach wie vor sucht BCG nämlich für seine Beraterteams auch Kandidaten, die nicht Wirtschaft studiert haben. Bewerbungen von BWL-Absolventen bekommt das Beratungsunternehmen ohnehin mehr als je zuvor. 170 Berater will BCG im Krisenjahr 2009 einstellen, 2008 waren es noch 200. Natürlich sind auch wir vorsichtiger geworden, sagt Geschäftsführer Christian Greiser. Niemand weiß, wie die Krise sich entwickelt. Trotzdem wollen wir weiter wachsen. Auch McKinsey ist klar gegen einen Einstellungsstopp: Wer in drei bis vier Jahren ausreichend viele Projektleiter haben wolle, müsse eben jetzt genug junge Mitarbeiter einstellen. Allerdings rekrutiert der Marktführer weniger Nachwuchs als in den Vorjahren.
Es gibt indes auch Beratungsfirmen, die momentan gar nicht mehr einstellen. Die Situation hat sich gedreht, sagt Klaus Reiners, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). Während die Consultingbranche in den letzten Jahren in hohem Maße Bewerber gesucht hat und ein regelrechter Kampf um Talente herrschte, ist es für die Hochschulabsolventen jetzt schwieriger geworden. Insgesamt würden im Durchschnitt nicht mehr so viele Bewerber wie in den letzten Jahren eingestellt, denn weniger Aufträge von Klienten bedeutet weniger Bedarf an Beratern. So stürzen sich jetzt noch mehr Hochschulabsolventen auf die zu vergebenden Stellen. Bei Deloitte Deutschland zählte man bis Juni mehr als 5.700 Bewerber auf knapp 250 offene Beraterstellen im Geschäftsjahr 2009.
Unternehmensberatungen, die trotz Krise Leute suchen, schöpfen aus dem Vollen. Da wir im Moment sehr viele qualifizierte Bewerbungen erhalten, können wir daraus die Besten auswählen, freut sich der Personalchef von Roland Berger, Per Breuer. Seine Kollegin Christina de Bakker, Leiterin Recruiting und Personalmarketing bei Deloitte, sieht noch einen anderen Effekt der Krise: Früher haben wir vor allem mit den Banken konkurriert, aber Bereiche wie Investmentbanking haben durch die Krise stark an Attraktivität verloren. Das ist natürlich von Vorteil für uns.
Für die Bewerber bedeutet das vor allem: Die Anforderungen, die ja vor der Krise schon hoch waren, sind noch einmal gestiegen. Wenn der Markt eng ist, wird natürlich noch genauer hingeschaut, weiß BDU-Sprecher Klaus Reiners. Wer schon Arbeitserfahrung mitbringe oder am besten sogar schon einmal bei einer Unternehmensrettung gewesen sei, habe mit seiner Bewerbung in Krisenzeiten bessere Chancen. Sogar eindeutig qualifizierte Anwärter werden im Moment erst einmal auf der Warteliste geparkt. Das Nadelöhr ist enger geworden. Das sieht auch Iris Latzke so, Recruiting-Managerin bei A.T. Kearney: Früher haben wir auch hin und wieder sogenannte Let's-try-Bewerber eingeladen, die rein vom Lebenslauf noch nicht ganz zu 100 Prozent überzeugt haben, um vielleicht im Gespräch noch das besondere Potential zu entdecken. Das gibt es jetzt nicht mehr.
Früher haben wir auch hin und wieder sogenannte Let's-try-Bewerber eingeladen. Das gibt es jetzt nicht mehr.
Bei den Einstellungen achten die Beratungsfirmen nach wie vor auf einen ausgewogenen Ausbildungs-Mix: Bei BCG arbeiten rund 50 Prozent Wirtschaftswissenschaftler, 20 Prozent Ingenieure, 20 Prozent Natur- und 10 Prozent Geisteswissenschaftler. Auch bei McKinsey beträgt das Verhältnis von Wirtschaftlern und Absolventen anderer Studienausrichtungen etwa 50 zu 50. Die Beratungsfirma A.T. Kearney, die mit drei Vierteln noch einen klaren Überhang an Absolventen der Wirtschaftswissenschaften hat, will den Anteil an Nicht-Ökonomen ausbauen. Doch egal, was der Bewerber studiert hat, die Beratungsunternehmen suchen vor allem nach brillanten Absolventen, die sich in speziellen Bereichen bewährt haben. So sei das auch bei Roland Berger, bestätigt Personalchef Breuer: Für unsere Projekte im Gesundheitssektor sind Bewerber mit medizinischem Hintergrund und Expertise im Krankenhaus- und Klinikmanagement sehr gefragt. Die gesuchten Profile seien eben mitunter sehr speziell.
Solche Exoten sucht auch BCG bei seinem Recruiting-Workshop. Und die Personaler haben ein Auge auf den Nachwuchs, der sich gerade den Kopf über Supermarktstrategien für den amerikanischen Kontinent zerbricht. David Kremer, der seit kurzem als Arzt arbeitet, ist zum Beispiel ein Hoffnungsträger für die Medizinsparte. Was das Unternehmen sich von ihm verspricht, ist also klar - aber was fasziniert den Arzt am stressigen Beraterberuf? Als Consultant müsste er schließlich jeden Tag mindestens zehn Stunden arbeiten, viel Zeit im Flugzeug verbringen, würde Freunde und Familie nur selten zu Gesicht bekommen. An diesen Arbeitsumständen lassen auch die Berater, die sich bei BCG um die Bewerber kümmern, keinen Zweifel.
David Kremer schreckt all das nicht ab. Er sieht vor allem die positive Seite: Es ist die Abwechslung, die mich reizt. Und das Gefühl, etwas verändern und prägen zu können. Da käme wenigstens keine Langeweile auf. Er ist unter den fünf Teilnehmern derjenige mit der meisten Arbeitserfahrung und bereits Wortführer am BCG-Tisch. Doch auch die anderen Workshop-Teilnehmer wissen ziemlich genau, warum sie hier sind. Sebastian Fontaine, der gerade an seiner Doktorarbeit in Jura schreibt, sucht nach Alternativen zur reinen Rechtspflege: Wirtschaft und Jura, sagt er, sind für mich eine absolut spannende Kombination, die einem viele Möglichkeiten eröffnet.
Den Mathematiker Thomas Müller reizt der Gedanke, dass die Netzwerke, die man als Berater aufbaut, eine große Hilfe bei der späteren Jobsuche sind. Sein Kalkül: In den ersten Jahren nach dem Studium kann ich mir diese Arbeit gut vorstellen. Später, wenn er Familie habe, könnte er dann seinen Erfahrungsschatz aus der Beraterzeit nutzen, um sich woanders zu bewerben. Zum Beispiel bei einem früheren Klienten. Die Berater, die beim Workshop die Studenten betreuen, betonen jedenfalls immer wieder: Einmal ausgewählt, hilft der Stempel BCG im Leben häufig weiter. Die harte Consulting-Zeit gilt mithin als eine Art Trainingslager für Führungsaufgaben.
Geld ist während der Gespräche eher kein Thema. So kennt es auch Karl Tomm, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU): Beim Recruiting spielen die Gehälter keine Rolle. Die Studenten wissen ohnehin, dass es genug sein wird. Genug - das bedeutet im Falle einer großen Unternehmensberatung beim Einstieg etwa 69.000 Euro, später an der Spitze können es Gehälter von über 300.000 Euro im Jahr (siehe auch Tabelle) werden - und das trotz Wirtschaftskrise. Branchensprecher Reiners bestätigt: Auch wenn die Gehälter nicht mehr weiter wachsen, so bleibt zumindest der Status quo erhalten. Die Unternehmensberatungen liegen als Arbeitgeber bei den Benefits und Löhnen noch immer weit oben. Falls sich ein Bewerber darunter nichts Konkretes vorstellen kann, hilft vielleicht die Formulierung der Unternehmensberatung Roland Berger weiter: Nach wie vor bieten wir ein sehr attraktives Gehalt mit zahlreichen Zusatzleistungen wie Dienstwagen und leistungsabhängigen Prämien.
Was alle verbindet, die sich in diesen Tagen in Düsseldorf beim BCG-Workshop die Köpfe über die richtigen Supermarktstrategien zerbrechen, ist das gute Gefühl, überhaupt für diese exklusive Vorauswahl in Frage gekommen zu sein, den harten Kriterien der Branche also zu entsprechen. Natürlich schmeichelt mir das, wenn ich ehrlich bin, sagt Mediziner David Kremer und lacht. Manche Berater, so scheint es, machen den Job ganz einfach deswegen, weil man sie lässt.