30. August 2008

Jobgarantie für Hochschulabsolventen

Informatik studiert – und dann? Fünf Portraits

Von Gunda Achterhold und Christoph Koch



Kerstin Menne
23. Juni 2008 
Wir haben fünf Informatiker getroffen, die in unterschiedlichen Bereichen einen Job gefunden haben.

Business-Analystin

„Mich hat die Abwechslung gereizt.“ Für Kerstin Menne stand schon während des Studiums fest, dass sie in eine Unternehmensberatung gehen würde. Seit Anfang 2006 ist die promovierte Informatikerin bei Logica in Deutschland am Standort Frankfurt beschäftigt, einem internationalen Anbieter von IT- und Beratungsdienstleistungen. „Ich lerne viele unterschiedliche Firmen kennen, arbeite mit neuesten Technologien und habe immer mit Menschen zu tun“, fasst die 31-Jährige die großen Pluspunkte ihres Jobs zusammen. Als Business-Analyst bildet sie die Schnittstelle zwischen Kunden und Entwicklern. „Unser Team entwickelt auf den Kunden zugeschnittene Individualsoftware“, erklärt sie. „Ich bin dabei für Analyse und Konzeption zuständig.“ Im direkten Kontakt mit dem Kunden macht sich Kirsten Menne ein Bild von den Anforderungen, die das neue System zu erfüllen hat, und erarbeitet einen Umsetzungsvorschlag. Dieser erste Überblick geht zum Abgleich an die Kollegen in der Entwicklung, die überprüfen, was technisch möglich ist. Das endgültige Konzept entsteht im steten Austausch. „Es ist deshalb wichtig, dass ich sowohl die Sprache des Kunden als auch die der Entwickler verstehe. Technisches Know-how ist für mich Pflicht“, sagt Kirsten Menne, die sich auf J2EE-Anwendungen spezialisiert hat. Zum Consulting gehört es auch, sich immer wieder in neue Branchen und Sachverhalte hineinzudenken. „Anfangs war ich in der Telekommunikation eingesetzt, zuletzt im Bereich Transport und Logistik“, so die IT-Expertin. „Das Kundenumfeld ist natürlich immer wieder anders, aber die Methodik nimmt man mit.“ Auch auf die Soft Skills kommt es im Umgang mit den Kunden an. Workshops und Präsentationen gehören zum Arbeitsalltag der Beraterin. „Deshalb finde ich es schade, dass auch in diesem Bereich so wenig Informatikerinnen vertreten sind“, bedauert Menne. Mit maximal 20 Prozent liegt der Anteil bei Logica auf branchenüblichem Niveau. „Gerade Frauen bringen mit ihren kommunikativen Fähigkeiten auf diesem Gebiet gute Voraussetzungen mit.“

Webentwickler

Armin Bayer

Wenn die User der Internetplattform Unddu.de nicht zufrieden sind, kriegt Armin Bayer das sofort mit. „Wir bekommen wahnsinnig viel Feedback“, stellt der Informatiker fest - auf das er und seine Kollegen schnell reagieren. „Wir entwickeln in kurzen Zyklen und müssen immer nah am Release sein.“ Und damit immer bereit, auf die Wünsche der Nutzer einzugehen. Unddu.de gehört zum Internetportal web.de, einer Tochter des Telekommunikationsdienstleisters 1&1. Es bietet verschiedene Möglichkeiten, sich im Netz zu präsentieren. Mitglieder bilden Communities und können private Homepages erstellen. „Wir sind ständig dabei, Funktionen zu verbessern oder neu einzurichten, das macht die Arbeit sehr abwechslungsreich“, so Bayer. „Man sieht schnell und häufig Ergebnisse.“ Webentwickler haben es schließlich mit einer ebenso kritischen wie kommunikativen Kundschaft zu tun. „Wir dachten zum Beispiel, bei den Profilseiten würde eine einheitliche Gestaltung ausreichen, aber unsere Mitglieder wollten auch diese Daten selbst gestalten“, erzählt Bayer. Es hagelte Proteste. Das zehnköpfige Team reagierte umgehend. „Jetzt können sich die Nutzer für das Profil ein individuelles Design zusammenstellen.“ Der 35-jährige Senior-Software-Entwickler schreibt die Backend-Codes, auf denen jede Anwendung im Kern basiert. „Ich beschäftige mich nicht mit der Oberflächengrafik, sondern mit der Software dahinter, die die Eingaben des Nutzers verarbeitet“, erklärt Bayer. „Im Prinzip sorge ich dafür, dass immer die richtigen Daten auf dem Schirm erscheinen.“ Seit einem Jahr arbeitet der Wirtschaftsinformatiker und -mathematiker am Hauptsitz in Karlsruhe. Vorher war er in der Webentwicklung für einen Versicherer tätig. „Zu Software-Design und -Architektur gehört viel mehr, als Codes zu schreiben“, schwärmt er. „Es macht unheimlichen Spaß, eine Sache zum Laufen zu bringen, sie rund zu kriegen und massentauglich zu machen.“

Program Controller IT

Den Einstieg bei dem Pharma- und Chemieunternehmen Merck hat Lars Dittmann als Trainee für den Bereich Information Management gefunden. „Für mich war immer klar, dass meine Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen Business und IT sein wird“, so Dittmann. 2006 war er einer der ersten Teilnehmer des auf zwei Jahre angelegten Traineeprogramms, mit dem die Merck-Gruppe für Führungsnachwuchs in der IT sorgt. Nach nur einem Jahr wechselte Lars Dittmann übergangslos in das umfangreichste IT-Programm in der Geschichte des Unternehmens. „Nach einer großen Akquisition Anfang 2006 konsolidieren wir die verschiedenen ERP-Systeme auf der ganzen Welt“, erklärt der Wirtschaftsinformatiker. „Allein in diesem Jahr laufen Projekte in mehr als zwanzig Ländern.“ Als Controller und Projektkoordinator ist der 29-Jährige Teil des zentralen Steuerungsteams und berichtet direkt an den Leiter des Gesamtprogramms. „ERP-Systeme wie SAP oder Oracle bilden das Rückgrat eines Unternehmens: Von der Produktion über die Logistik bis hin zum Rechnungswesen, alles findet sich darin wieder“, sagt Dittmann. Vom Firmensitz in Darmstadt aus kontrolliert er die operativen Projektteams, die abwechselnd in Hessen und vor Ort arbeiten. „Ich lerne dabei sehr viel über internationales Projektmanagement.“ Auch wenn er als Koordinator nicht jedes systemtechnische Detail verstehen muss, sein Fachwissen kommt ihm auf der Schnittstellenposition zugute. „Meine täglichen Aufgaben haben zwar nicht direkt mit der Implementierung oder Entwicklung von ERP-Systemen zu tun, dennoch ist mein fachlicher Background nicht nur hilfreich, sondern im Prinzip unverzichtbar, um die Komplexität des Ganzen zu begreifen.“

Spieletester

Lars Dittmann

Oliver Haaz (39) ist mit Computerspielen groß geworden. Heute ist er Spieletester und als Abteilungsleiter beim Ubisoft-Studio „Blue Byte“ dafür zuständig, dass Spiele wie „Die Siedler“ auf dem heimischen PC reibungslos laufen. Seine Aufgabe dabei: Testabläufe organisieren und koordinieren und sich darum kümmern, dass Fehler, sogenannte „Bugs“, ausgemerzt werden. Das Klischee, dass Spieletester den ganzen Tag lang vor dem Bildschirm sitzen und zocken, stimme ganz und gar nicht. „Das hat überhaupt nichts mit Spielen zu tun“, betont Haaz. „Wir testen zum Beispiel einzelne Module, noch bevor sie überhaupt zu einem Spiel zusammengefügt werden. Oder auch ganz frühe Prototypen, die grafisch eher an ein CAD-Programm erinnern, in dem man statt einer schönen Grafik nur dünne Linien sieht.“ All das würde dem normalen Spieler kaum Spaß machen. Während der Kontrollphasen arbeiten die Tester eng mit den Entwicklern zusammen. Alles, was nicht so läuft, wie es sein soll, wird mit dem jeweiligen Programmierer besprochen. Wenn der dann die nächste Version fertig hat, geht das Testen dieses Moduls wieder von vorne los. Unzählige Testschleifen müssten durchlaufen werden, bis endlich ein kleiner Abschnitt fertig sei - und man mit dem nächsten weitermachen könne. Das große Ziel: den Spielen irgendwann die finale Qualität geben zu können. Jeder Tag biete dabei neue Überraschungen - schwer zu planen, aber durchaus etwas, was Haaz an seinem Job liebt. Als belastend empfindet er hin und wieder den Termindruck auf der einen Seite und die hohen Qualitätsansprüche auf der anderen - „das kann manchmal schon ein ziemlicher Spaßkiller sein“. Aber auch genau diese Herausforderungen seien es, die man nur als Team überstehen könne und die ein Team zusammenschweißten. Grundsätzlich kann Haaz die Spielebranche als Arbeitsplatz nur empfehlen: „Es herrscht ein angenehm lockeres Betriebsklima, Anzug- und Schlipsträger trifft man hier so gut wie nie an. Man hat mit vielen jungen Menschen zu tun, die Spaß an ihrer Arbeit haben und in gewisser Weise ihren Traum verwirklichen wollen.“

Anwendungsentwickler

Ein Programmierfehler könnte die ganze Fabrik lahmlegen. „Aber so etwas passiert nicht“, beruhigt Stefan Pfingstl. „Wir prüfen ständig alle Daten, um Fehler schon im Vorfeld zu beseitigen.“ Der promovierte Informatiker entwickelt am Produktionsstandort Burghausen Systeme für die automatisierte Produktion bei der Siltronic AG und verwaltet die Daten. Das Unternehmen mit Hauptsitz in München stellt Silizium-Wafer für die Chip-Industrie her. Jede Scheibe ist anders - dicker, dünner, größer, kleiner. „Je nachdem, was der Kunde braucht“, erklärt Pfingstl. Der Anwendungsentwickler verbindet ERP-Standardanwendungen mit Equipments, die auf die speziellen Anforderungen des Produkts zugeschnitten sind. „An der Herstellung sind verschiedene Geräte beteiligt, die unterschiedliche Daten brauchen und genau aufeinander abgestimmt sein müssen“, so Pfingstl. „Die Parameter erhalten sie von unseren Systemen.“ Jeder der zwölf Entwickler im Team ist für einen bestimmten Teilbereich zuständig und dafür verantwortlich, dass die Daten rund um die Uhr verfügbar sind. „Es geht nicht nur darum, Anwendungen möglichst kostengünstig zu entwickeln, sondern häufig auch sehr kurzfristig“, erklärt der an der TU Garching ausgebildete IT-Experte. „Die Maschinen sollen möglichst schnell integriert werden und zugleich absolut zuverlässig laufen.“ Nicht nur die permanente Pflege der Datenbanken, auch die Weiterentwicklung gehört zu den Aufgaben des Informatikers, denn das Produktionswerk im bayerischen Burghausen ist auch Entwicklungsstandort. Alle Neuerungen, die sich dort bewähren, werden auch an den anderen Standorten in Deutschland, den Staaten, Singapur und Japan installiert. Als sogenannter „Owner“ betreut Stefan Pfingstl die Systeme weltweit und bringt sie auf den neuesten Stand. „Als Informatiker in der Entwicklung zu arbeiten bedeutet, immer vorne mit dabei zu sein, wenn etwas Neues entsteht.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 58
Bildmaterial: Merck, privat