12. Dezember 2009

Festanstellungen für Journalisten sind rar

Mehr Perspektiven für Freiberufliche

Von Peter Trechow



20. November 2006 
Selbst nach Volontariaten in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten oder nach Abschluß renommierter Journalistenschulen bleibt dem Nachwuchs oft nur der Weg in die Selbständigkeit. Dort allerdings brauchen Einsteiger tragfähige Netzwerke, gute Nerven und eine satte Portion Zuverlässigkeit und Fleiß.

Unbefristete Arbeitsverträge mit betrieblicher Altersvorsorge und ähnlichen Sozialleistungen sind in der Medienbranche ein Auslaufmodell. Über ein Drittel der etwa 70.000 hauptberuflichen Journalisten arbeitet hierzulande freiberuflich. Laut Deutschem Journalistenverband (djv) steigt ihr Anteil rasant.

Einsparungen, Entlassungen, Outsourcing und die zunehmende Vielfalt im Medienmarkt hätten dazu geführt, daß die Zahl der freien „Wortarbeiter“ unter den Versicherten der Künstlersozialkasse (KSK) im Herbst 2005 doppelt so hoch war wie ein Jahrzehnt zuvor. Mit einer Trendwende ist nicht zu rechnen, Neueinstellungen sind auch für 2007 kaum geplant. Dabei mangelt es keineswegs an Arbeit, denn für Themenvorschläge freier Journalisten zeigen sich Redaktionschefs offen.

Das Gros der freien Journalisten verdient miserabel. Laut Künstlersozialkasse (KSK) liegt ihr Einkommen im Schnitt bei 13.570 Euro im Jahr. Allerdings stammen die Angaben zum Einkommen von den Versicherten und werden von der Kasse nicht kontrolliert. Doch auch andere Studien setzen die durchschnittlichen Einkünfte freier Journalisten zwischen 10.000 und 30.000 Euro jährlich an. Die schlechten Verdienstmöglichkeiten wiederum dürften der wesentliche Grund dafür sein, warum die Zahl der hauptberuflichen freien Journalisten stetig abnimmt: Es wird eben immer schwieriger, ausschließlich vom Schreiben zu leben. Gerade wer überwiegend für Tageszeitungen arbeitet, muß sich entweder nach einem zweiten Standbein umsehen oder sparsam leben. Oder seinen Kontostand ab und zu mit gutbezahlten PR-Aufträgen aufbessern. Von den Bäumen wachsen solche Aufträge aber nicht. Manche Agentur knüpft zudem die Bedingung an die Zusammenarbeit, daß freie Journalisten den Redaktionen PR-Texte als Kuckuckseier unterjubeln. Auch Insider aus Hörfunk und TV berichten von einer Flut unternehmensfinanzierter Beiträge, die mancher Privatsender gern ausstrahle. Für sie ist es kostenlos gefüllte Sendezeit. Für Journalisten sind derartige Werbebeiträge eine Konkurrenz, gegen die nur Qualitätsbewußtsein in den Redaktionen schützt.

Die Arbeit festangestellter Redakteure verändert sich zusehends. Laut einer Repräsentativbefragung deutscher Journalisten im Auftrag der ARD/ZDF-Medienkommission beläuft sich ihr Zeitaufwand für Recherche inzwischen auf weniger als zwei Stunden täglich. Tendenz rückläufig. Dagegen nehme der Zeitaufwand für technische und organisatorische Aufgaben stark zu. Das bestätigt die Kölner Hörfunk-Redakteurin Andrea Rönsberg, die seit sechs Jahren teils freiberuflich und teils mit Zeitverträgen für Radioredaktionen tätig ist. Aktuell arbeitet sie als Off-Air-Redakteurin beim WDR-Jugendsender Eins Live, wo sie das Programm eher organisiert und managt, als selbst Beiträge zu gestalten. „Manchmal frage ich mich, ob ich das so eigentlich will“, räumt sie ein. Schließlich ist sie eine hochqualifizierte Expertin für nordamerikanische Politik, die in ihrer jungen journalistischen Karriere weit gereist ist und auf eine fundierte Ausbildung als Volontärin der Deutschen Welle bauen kann. Doch momentan ist sie vor allem froh, überhaupt wieder eine Stelle beim Radio zu haben.

Als Journalistin, die oft zwischen fester und freier Arbeit wechselte, nimmt sie berufliche Sicherheit als etwas sehr Flüchtiges wahr. Darin liege auch ein Reiz. „Im Journalismus geht es eigentlich immer weiter“, sagt sie, „und meistens gut.“ Rönsbergs Erfahrungen sind aber nur bedingt repräsentativ. Sie spricht vier Sprachen fließend, was ihr viele Türen geöffnet hat.

So kam sie bei CNN Washington von heute auf morgen zu einem Praktikum, weil der spanische Ableger des Senders dringend Mitarbeiter suchte, und bei der Deutschen Welle arbeitete sie in der englischsprachigen Redaktion und konnte eine Wahlstation in Australien einlegen.

Selbst Absolventen von Eliteschulen finden kaum noch die Sicherheit fester Stellen.

Solche Chancen sind es, die Journalismus für viele zum Traumberuf machen. Doch selbst Absolventen von Eliteschulen finden kaum noch die Sicherheit fester Stellen. Ein kompletter Jahrgang der Henry-Nannen-Schule machte diese Not 2003 zur Tugend und gründete den Journalistenverbund Plan17. Im Netzwerk sind Absolventen mit Festanstellung ebenso eingebunden wie Freiberufler. Die solidarische Gründung fand enormes Medienecho. Doch der Netzwerkgedanke hätte wohl auch so getragen. Wenn 17 Top-Journalisten ihre Kontakte teilen, braucht dem einzelnen nicht bange zu sein. Inka Schmeling, die als Freie im Verbund arbeitet, hatte keinerlei Anlaufschwierigkeiten und sitzt zwei Jahre nach der Gründung fest im Sattel. Sie schreibt vor allem (gut bezahlte) Magazinbeiträge. „Für Tageszeitungen arbeite ich eigentlich nur, wenn mich ein Thema reizt und ein gewisses Renommee verspricht“, sagt sie.

So wählerisch können nicht alle Berufseinsteiger sein. Gerade in der Anfangsphase, wenn es darum geht, sich einen Namen in Redaktionen zu machen, können freie Journalisten nicht einmal mit regelmäßigen Einnahmen rechnen. Um ihre laufenden Kosten decken zu können, sollten sie ein gewisses finanzielles Polster mitbringen. Das hilft zudem, um in Saure-Gurken-Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren und am Schreibtisch zu bleiben, wenn die ersten Exposés nicht fruchten. Engagement und Fleiß bleiben auch nach den ersten Aufträgen wichtig. Nur wer erreichbar ist und zuverlässig liefert, kann mit Folgeaufträgen rechnen. Wenn das Telefon längere Zeit still bleibt, ist es durchaus sinnvoll, sich bei den Redakteuren mit konkreten Textvorschlägen in Erinnerung zu bringen.

Freie sollten vor Angeboten in Print, Hörfunk und Fernsehen unbedingt recherchieren, wie ein Thema ins jeweilige Format passen könnte. Rönsberg wundert sich als Redakteurin immer wieder, wie lax es mancher freie Kollege bei Beitragsangeboten angehen läßt. „Wer anruft, ohne mal in unser Programm reingehört zu haben, hat keine Chance“, sagt sie. Dabei geht es ihr wie den meisten Redakteuren: Häufig sucht sie händeringend gute Themenvorschläge und Beiträge. Wer die erste schwierige Phase überstanden hat, kann über die Auftragslage in der Regel nicht klagen. Spätestens in dieser Phase macht sich das Arbeiten in Netzwerken bezahlt, um Auftragsspitzen und -löcher ausgleichen zu können.

KÜNSTLERSOZIALKASSE (KSK)

Selbständigen hauptberuflichen Journalisten, Publizisten und Künstlern bietet die Künstlersozialkasse sozialen Schutz in der gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Die Kasse trägt wie ein Arbeitgeber die Hälfte der Anteile, wobei die Zuschüsse vom Bund und Unternehmen, die Kunst und Publizistik verwerten, getragen werden. Wieviel ein Versicherter an die KSK abführen muß, hängt von seinen Einnahmen ab, die nach drei Berufsjahren mindestens 3.900 Euro im Jahr umfassen müssen.

http://www.kuenstlersozialkasse.de



HILFE FÜR EINSTEIGER

Berufseinsteiger finden auf den Webseiten des Deutschen Journalistenverbands (djv) und bei der Deutschen Journalisten Union (dju) umfangreiche Informationen. Der djv hat darüber hinaus die Initiative Journalisten21 gestartet, die sich mit der Qualität der Ausbildung im Journalismus beschäftigt.

http://www.djv.de http://www.dju.verdi.de http://www.journalisten21.de

Online-Communities und journalistische Bürogemeinschaften bieten konkrete Hilfe, Anregungen und auch Trost, wenn die Geschäfte mal nicht laufen:

http://www.jonet.org http://www.jungejournalisten.de http://www.texttreff.de (von und für Frauen)

Text: Hochschulanzeiger Nr. 87, 2006