06. September 2008

Wo bleibt das Privatleben

„Die 60-Stunden-Woche ist bei uns die Regel – aber nicht immer einzuhalten“

Von Peter Trechow




23. Juni 2008 
Um die Welt jetten, von Montag bis Donnerstag in Hotels leben und Familie und Freunde nur an Wochenenden sehen? Darauf haben auch karriereambitionierte Berufseinsteiger selten Lust. Deshalb heißt es auch in der Beraterbranche: Hochschulabsolventen lockt man nicht nur mit Geld und tollen Projekten, auch die Work-Life-Balance muss stimmen.

„Work-Life-Balance ist definitiv ein Branchenthema, weil die Attraktivität des Beraterberufs mit der Balance zwischen Berufs- und Privatleben steht und fällt“, erklärt Michael Donat, Personalleiter der Management- und Technologieberatung BearingPoint. Den Beleg dafür liefert das Berliner Trendence-Institut im Deutschen Absolventenbarometer 2007, in dem über 80 Prozent der Befragten Work-Life-Balance als wichtigen Faktor bei der Arbeitgeberwahl nennen. „Die Mehrzahl der Studierenden und Absolventen ist nicht bereit, ihr Privatleben für die Karriere zurückzustellen“, resümieren die Autoren.

„Für 25-Jährige ist das Leben aus dem Koffer eher aufregend als lästig. Wenn sie heiraten, eine Familie gründen und vielleicht auch ein Haus bauen, ändert sich das.“

Wie geht eine Branche damit um, die sich zu harter Arbeit bekennt? „Die 60-Stunden-Woche ist bei uns die Regel“, räumt Diana Eid, Recruiting-Leiterin bei Bain & Company Germany, ein. Ihr Unternehmen nehme das Thema sehr ernst. „Die Woche über arbeiten unsere Berater intensiv. Am Freitag ist dafür möglichst um 18 Uhr Schluss, und an Wochenenden ist es absolut verpönt, zu arbeiten“, berichtet sie. Partner würden bei Bain auch daran gemessen, wie gut ihr Team die Wochenarbeitszeit einhält - mehr als 60 Stunden sollten es laut Eid nicht sein. Die Führungskräfte seien hier auch als Vorbilder gefragt. Allerdings macht sie keinen Hehl daraus, dass das 60-Stunden-Ziel nicht immer einzuhalten ist: „Gegen Projektende und vor Vorstandspräsentationen gibt es natürlich Peaks.“

„Wer in die Beratung einsteigt, weiß, dass in heißen Projektphasen viel Arbeit angesagt ist“, bestätigt Donat. Weil solche Hochphasen unumgänglich sind, gehe es darum, einen vernünftigen Ausgleich zu finden. „Um sinnvolle Angebote machen zu können, messen wir einmal monatlich in Umfragen, wie zufrieden unsere Consultants mit ihrer Work-Life-Balance sind“, berichtet er. Seit einem Jahr befragt Bearing-Point monatlich jeweils 10 Prozent der Mitarbeiter. „Die Ergebnisse sind recht konstant: Ein Fünftel ist unzufrieden, 80 Prozent geben an, dass ihre Work-Life-Balance stimmt oder zumindest akzeptabel ist“, erklärt der Personalleiter.

Donat hält regelmäßige Analysen für unabdingbar, weil die Haltung der Mitarbeiter einem ständigen Wandel unterliegt. Jungberatern sei es wichtig, die Welt zu sehen und sich zu profilieren. „Für 25-Jährige ist das Leben aus dem Koffer eher aufregend als lästig“, sagt er. „Wenn sie heiraten, eine Familie gründen und vielleicht auch ein Haus bauen, ändert sich das.“ So mancher entscheide sich dann für ein geregeltes Leben und wechsle zu Kunden. „Als Berater müssen sie einfach mobil bleiben, weil unsere Kunden weit gestreut sind“, so Donat. Zwar nehme die Reisetätigkeit mit dem Aufstieg im Unternehmen ab, während die Hoheit über die eigene Zeit zunehme, doch auch Manager reisen regelmäßig zu Kunden und Projektteams.

Während der Aderlass an die Kunden kaum zu stoppen und laut Donat bis zu einem gewissen Maß auch normal ist, versucht Bearing- Point, dem unzufriedenen Fünftel entgegenzukommen. „Wir klären, was für die Mitarbeiter nicht stimmt, und versuchen, ihnen durch Teilzeit, flexiblere Arbeitszeit durch Arbeit im Home-Office, Auszeiten oder einige Wochen ohne Reisen entgegenzukommen“, berichtet er. Wichtig sei es, im ständigen Dialog zwischen Beratern und Projektleitern individuelle Lösungen zu finden. Gerade längere Auszeiten sind laut Eid auch bei Bain ein beliebtes Mittel, um den Kopf frei zu bekommen und wieder aufzutanken. Daneben biete ihr Unternehmen Beratern die Möglichkeit, für ein halbes Jahr oder länger das Büro zu wechseln und sich einen Tapetenwechsel zu verschaffen. Bain helfe in solchen Fällen, eine Wohnung zu finden, den vorübergehenden Umzug zu organisieren, trage die Kosten und gewähre zusätzliche Urlaubstage.

Neben individuellen Problemlagen und Ermüdungserscheinungen bemühen sich die Beratungen auch, ihre Mitarbeiter bei strukturellen Problemen zu unterstützen. Gerade beim Thema Familiengründung sind übergeordnete Lösungen gefragt. So ist Bearing-Point aktuell mit einer Agentur im Gespräch, die bundesweit flexible Kinderbetreuung anbietet. Bei Bain nehmen mittlerweile viele Väter eine Auszeit nach der Geburt ihrer Kinder. Und um Beraterinnen nach ihrer Erziehungszeit den Wiedereinstieg ins Geschäft zu erleichtern, bietet die Beratung laut Eid flexible Teilzeitmodelle. Teilweise würden die Frauen auch auf eine interne Leitungsfunktion wechseln. „Wie genau es organisiert wird, hängt ganz stark von den mittel- und langfristigen Zielen der Einzelperson ab“, erklärt die RecruitingManagerin.

Derart familienfreundlich geben sich inzwischen viele Beratungshäuser. Ein Hinweis darauf, dass die Branche im knappen Talentmarkt verstärkt junge Frauen umwirbt. Das Signal: „Auch als Mütter habt ihr bei uns Perspektive“. Laut Beraterverband BDU will die Branche den Anteil weiblicher Berater von derzeit 18 Prozent bis 2010 auf 25 Prozent erhöhen. Bearing-Point hat laut Donat rund 21 Prozent Frauenquote. Zwei der weiblichen Managing Directors (die höchste Stufe der Karriereleiter) würden als Mütter in Teilzeit arbeiten. „Um den Beraterberuf attraktiv zu gestalten, brauchen wir eine große Vielfalt an Arbeitszeitmodellen“, ist der Personalleiter überzeugt.

Das Anliegen, mehr Frauen in Beraterteams zu locken, ist allein durch den Fachkräftemangel nicht zu erklären. Die Branche setzt damit eine alte Erkenntnis um: So wie Gesellschaften unter dem Einfluss neuer kultureller Einflüsse aufblühen, steigt auch die Qualität der Projektarbeit mit der Vielfalt in den Teams. Die IBM Global Business Services bekennt sich ausdrücklich zur Diversität ihrer Mitarbeiter. Es gehört laut Recruiting-Managerin Bettina Gerlach zur Kultur des Unternehmens, gemischte Teams zusammenzustellen, in denen jüngere und ältere, männliche und weibliche Berater unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung oder auch sexueller Identität zusammenarbeiten. Ein schwul-lesbisches Mitarbeiternetzwerk, behindertengerechte Gebäude und Arbeitsplätze sowie eine bunt gemischte Belegschaft zeugen davon, dass sie nicht von einem Papiertiger spricht. „Das Thema ist bei uns nicht erst seit gestern auf der Tagesordnung“, erklärt Gerlach.

Auch beim „Modethema“ Work-Life-Balance hat IBM einiges zu bieten. Schon seit 1999 können alle Mitarbeiter ihre Arbeitszeit zwischen 6 und 20 Uhr eigenverantwortlich und souverän einteilen - wenn es der Projektalltag erlaubt, auch im Home-Office. Statt Anwesenheitskontrolle herrscht das Prinzip Vertrauen. „Natürlich müssen wir uns als Unternehmensberatung nach den Wünschen unserer Kunden richten“, räumt sie ein, „und vor Tests oder dem Start neuer IT-Systeme geht es meist hoch her.“ Doch in ruhigen Phasen könnten sich die Mitarbeiter ihre Zeit zurückholen. Seit 2001 hat die Beratung auch ihre eigene Elternzeitregelung. „Unsere Mitarbeiter können die dreijährige gesetzliche Elternzeit auf bis zu sechs Jahre pro Kind ausdehnen“, berichtet Gerlach. Diese Regelungen würden für alle IBM-Mitarbeiter gelten, und zwar vom ersten Tag an.

Nicht nur Familiengründungen protegiert die Beratung, Mütter und Väter können auch anschließend mit Unterstützung rechnen. So kooperiert IBM mit einer Agentur, die Betreuer für Kinder oder für pflegebedürftige Angehörige vermittelt, sie bietet betreute Sommercamps für Mitarbeiterkinder, und es gibt ein Mentorenprogramm, in dem erfolgreich in den Beruf zurückgekehrte Mütter Kolleginnen bei deren Wiedereinstieg ins Beraterleben beraten. „Wir wollen, dass Frauen nach ihrer Erziehungszeit zurückkehren und ihre Kompetenz wieder bei uns einbringen“, so die Recruiting-Managerin, „und wir unterstützen sie dabei, um ihnen einen allzu holprigen Start zu ersparen“. Dabei seien Teilzeitmodelle an der Tagesordnung, die sich aufgrund der Unternehmensgröße relativ gut mit dem Projektgeschäft verbinden lassen. „Weil wir fast in jeder deutschen Stadt Projekte haben, können wir die Beraterinnen meist in Heimatnähe einsetzen oder sie in großen Teams für ein bis zwei Tage die Woche einsetzen“, ergänzt sie.

Gerlach hat selbst erfahren, wie wertvoll diese Flexibilität werden kann. Ihr Mann erkrankte Mitte der 90er Jahre an Krebs. Sie hat ihn in den letzten beiden Jahren im Kampf gegen die Krankheit begleitet, fuhr ihn zu seinen Behandlungsterminen und musste ihn aufgrund zunehmender körperlicher Schwäche auch pflegen. Das alles war mit ihrem Beraterjob nicht mehr zu vereinbaren. In dieser Situation bot ihr IBM ihre heutige Stelle als Recruiting-Leiterin an. Sie übergab damals ihr laufendes Beratungsprojekt an einen Kollegen und arbeitete fortan in ihrer Heimatstadt. Je schlechter es ihrem Mann ging, desto mehr erledigte sie von zu Hause aus. „Ich hätte mir auch eine Auszeit nehmen können“, sagt sie, „doch ich wollte gerne weiter arbeiten - als Ausgleich und als Verbindung zur Welt.“ Letzten Herbst starb ihr Mann. Heute ist sie froh, dass sie in der letzten Zeit bei ihm war und ihren Beruf trotzdem behalten konnte.

Die typische Beraterwoche...

„... gibt es nicht“, antworten die Consultingunternehmen unisono. Zu vielfältig die Projekte, Aufgaben und Problemstellungen, zu verschieden Teamgrößen und Dauer der Projekte und zu variabel die Einsatzorte. Doch die Vielfalt folgt einem Grundrhythmus. Capgemini nennt es die 5:4:3-Regel. Fünf Tage die Woche sind Berater für ihre Kunden da, davon vier Tage vor Ort, wofür sie zwischen Montag bis Donnerstag drei Nächte im Hotel verbringen. Donnerstag geht es dann oft mit der letzten Maschine nach Hause. Freitag ist Bürotag, an dem die Berater weiter für die Kunden arbeiten, sich aber auch über ihre Projekte austauschen und über anstehende neue Projekte informieren. Das Wochenende ist frei. Montag früh geht es dafür mit der ersten Maschine wieder los. Wohlgemerkt handelt es sich um einen Rhythmus - nicht um ein Gesetz. Aus Singapur fliegen auch reiselustige Berater nicht fürs Wochenende nach Hause. Mancher Kunde legt Wert darauf, dass die Berater fünf Tage die Woche vor Ort sind. Und vor Vorstandspräsentationen ist die sonst verpönte Wochenendarbeit eher die Regel als eine Ausnahme. Das Ganze summiert sich auf 50 bis 80 Wochenstunden - der Branchendurchschnitt dürfte bei 60 Stunden liegen. Damit die Consultants bei dieser hohen Belastung nicht ausbrennen, bieten ihnen die Beratungen nach etwa drei Jahren die Option, für einige Monate auszusetzen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 45
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor