30. August 2008

University of Western Australia

„Alles hier so unkompliziert“

Von Nadja Kirsten




20. März 2006 
Professoren, die sich um ihre Studenten kümmern, kumpelhafte Dozenten, mit denen man sich zum Grillen verabredet, dazu jede Menge Sonne, Strand und Meer. So die Klischees über das Studieren in Australien. Das Beste daran: Sie stimmen. Ein Erfahrungsbericht von Andreas Brand, 23, der zur Zeit an der University of Western Australia in Perth im achten Semester Physik studiert.

Zu meinen Professoren hatte ich gleich einen guten Draht - und zwar bereits, als ich mich noch gar nicht für die UWA entschieden hatte. Ich rief damals in den Physikabteilungen an und hörte mich um. Die Freundlichkeit der Leute ist mir sofort aufgefallen. Nach kurzer Zeit landete ich beim Dean des Departments, der hat sich richtiggehend gefreut, daß ich mich für ein Auslandssemester an der UWA interessiere, hat sich Zeit genommen für meine Fragen und mir Infos über die Kurse und Forschungsgebiete geschickt. Und konnte sich sogar gleich an mich erinnern, als ich drei Wochen später wieder anrief. Jetzt, wo ich hier bin, kann ich sagen: Das war symptomatisch. Alles lief hier bisher so unkompliziert. Zum Beispiel ist einer meiner drei Kurse eigens für mich zurechtgeschneidert worden. Ich konnte Laborprojekte und Seminare so kombinieren, wie es für mich und für die Anerkennung in Deutschland wichtig ist. Ich komme aus der Eifel, ein Großstadtmensch bin ich nie gewesen. Deshalb dachte ich, daß Perth das richtige für mich sei, besser zum Beispiel als Melbourne. Die Stadt hat zwar 1,4 Millionen Einwohner, aber verteilt über eine Riesenfläche. Es gibt alles, auch ohne lange Wege. Aber Perth ist nicht so kompakt, überall ist es grün, Palmen, Bäume, Rasen. Wir wohnen zu dritt in einer WG in Zentrumsnähe und frühstücken morgens im eigenen 20 mal 20 Meter großen Garten. Für mein Zimmer zahle ich dabei gerade mal 180 Euro. Um die nötigen Möbel zusammenzukriegen, habe ich hier gemacht, was jeder Student in Deutschland auch machen würde - ich bin zu Ikea gefahren. Zwei- bis dreimal die Woche gehe ich an den Strand - ist ja nur sieben Kilometer entfernt. Buch, Beachvolleyball, Frisbee-Scheibe in den Rucksack, anderen Leuten eine SMS schicken - man sieht sich. Ständig werden hier von der Uni aus Rundmails verschickt. Da geht's zum Beispiel darum, wann wieder auf dem Dach des Physikinstitutes gegrillt wird - das machen wir ungefähr zweimal die Woche. Studenten, Dozenten, alle sind da.


Manchmal habe ich meinen Dozenten gegenüberfast ein schlechtes Gewissen, weil sie sich so unheimlich kümmern.

Und auch die Kühlbox mit dem Dosenbier fehlt dann nicht, selbst wenn es erst vier Uhr nachmittags ist. Über eine solche Uni-Rundmail habe ich auch meinen Job gefunden. Ich arbeite zwei Tage die Woche in der nuklearmedizinischen Abteilung eines Krankenhauses, bediene Röntgengeräte oder den Computertomographen. Eigentlich hatte ich ja wenig bis keine Vorkenntnisse für den Job, aber als ich meine Bedenken bei der Vorstellung zur Sprache brachte, hieß es gleich typisch deutsch. Hier traut man den Leuten auch mal was zu, schaut, wie sie sich anstellen, und fragt nicht gleich nach der Spezialqualifikation. Ich habe einen Crash-Kurs gemacht und werde sehr gut betreut. Jedem eine faire Chance zu geben ist ohnehin so ein Prinzip, das in Australien hochgehalten wird. Ich komme hier sehr leicht ins Gespräch mit Leuten, ob an der Uni, beim Spazierengehen oder beim Warten an der Bushaltestelle. Einmal lernte ich auf einer Fähre ein Ehepaar kennen, an dessen Tisch ich saß. Kurz danach luden mich beide zu einer Grillparty ein, da traf ich wiederum Leute, und kurz darauf habe ich für einen von ihnen eine Homepage gebastelt. So läuft das hier. Ich muß allerdings aufpassen, daß ich nicht immer so direkt bin wie in Deutschland. Ich bin es gewohnt, zu sagen, was ich denke, und das kommt hier nicht immer gut an. Ein Beispiel: Kylie vom Outdoor-Club der Uni plant einen Ausflug, und es geht nicht so richtig voran. Als ich dann mal nachfrage, wie sieht es mit dem Ausflug aus?, fühlt sie sich kritisiert. Ich habe generell den Eindruck, daß ich etwas diplomatischer sein sollte als bei uns. Zwischen den Vorlesungen gehe ich oft in den Aufenthaltsraum, jeder Jahrgang hat hier einen. In unserem stehen Tischtennisplatte, Mikrowelle, Kühlschrank und Computer. Auch eine Couch und sogar eine X-Box. Ein bißchen ist's wie in einem Jugendheim. Und wenn jemand eine Frage zum Unterrichtsstoff hat, wird das schnell an der Tafel geklärt, die hier hängt. Meistens ist ja einer da, der den Stoff kapiert hat. Falls nicht, geht man zwei Treppen hoch zum Prof, und der erklärt es dann noch mal. Manchmal habe ich meinen Dozenten gegenüber fast ein schlechtes Gewissen, weil sie sich so unheimlich kümmern und ich hin und wieder auch fünfe gerade sein lasse. Einmal habe ich eine Klausur nicht mitgeschrieben, weil ich mit den vorigen Klausuren schon genug Punkte gesammelt hatte, um zu bestehen - da kamen dann gleich ganz besorgte Nachfragen. Na ja, wenn ich schon mal in Australien bin, möchte ich natürlich noch Zeit für anderes haben. Ich finde, man kann das Studium hier gut packen und sich trotzdem genug Raum für andere Aktivitäten schaffen, wenn man sich richtig organisiert. Auch ausgehen ist kein Problem, man hat die Wahl zwischen verschiedenen Vierteln. In North Bridge gibt's zum Beispiel eine Straße mit Kneipen rechts und links, da fahren samstags die Prols mit aufgemotzten Autos in Zeitlupe vorbei und lassen den Motor aufheulen, hintendrin die Mädels im Bikini - wie im Film. Die Kneipen hier sind anders als bei uns, sie sind oft eine Art Hybride: Dorfkneipe und neumodischer Club in einem und dabei möglichst auch noch ein Restaurant. Auch an der Uni gibt es Partys und Veranstaltungen - manchmal sogar ganz spezielle. Einmal im Jahr findet zum Beispiel ein Oktoberfest statt - mit Münchner Weißbier und jeder Menge Weißwürsteln.


Weitere Infos: Infos im Detail

Buchtips:

Peter Hachenberg: Studienführer Australien/Neuseeland
Bertelsmann, 2003, 167 Seiten, 14,90 Euro

Karsta und Dirk Neuhaus: Arbeiten und Studieren in Australien
ILT Europa Verlag, 2004, 187 Seiten, 11,90 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Andreas Brand