12. Dezember 2009

Physikerinnen

Starke Persönlichkeiten

Von Gunda Achterhold




31. Januar 2005 
Frauen in der Physik sind hochmotiviert und ziehen die akademische Laufbahn anstandslos durch. Erst nach der Promotion öffnet sich die Schere.

„Irgendwer muß halt anfangen", sagt Myrjam Winning. Für die promovierte Physikerin war von Anfang an klar, daß sie in der Wissenschaft bleiben würde. „Ich habe Spaß an der Forschung und daran, Wissen zu vermitteln." Zur Zeit ist die Leiterin einer Forschungsgruppe am Institut für Metallkunde und Metallphysik der RWTH Aachen mit ihrer Habilitation beschäftigt und fest entschlossen, möglichst zügig eine Professur zu bekommen. Ein ehrgeiziges Ziel. In ganz Deutschland gab es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2003 nur 37 Professorinnen für Physik. Ein selbst für traditionelle Männerdomänen verschwindend geringer Anteil von drei Prozent. Wie hart die Konkurrenz ist, das weiß auch Winning. Die Herausforderung spornt sie an: „Je mehr Physikerinnen in gehobene Positionen kommen, desto stärker können sie nach unten wirken."

Als Ansporn und Ermutigung für junge Physikerinnen ist auch der Hertha-Sponer-Preis gedacht, den die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) in diesem Jahr zum dritten Mal an eine Nachwuchswissenschaftlerin vergeben hat. Myrjam Winning ist für die Erforschung wandernder Feinstrukturen in Metallen ausgezeichnet worden. „Es ist enorm motivierend, wenn wissenschaftliche Leistungen auch über den Kreis der Fachkollegen hinaus Anerkennung finden", sagt die 33 Jahre alte Forscherin. Vor vier Jahren hat der 1998 gegründete Arbeitskreis Chancengleichheit (AKC), der sich in der DPG für Physikerinnen stark macht, den Preis initiiert. Die mit 3.000 Euro dotierte Auszeichnung, die an die Physik-Pionierin Hertha Sponer erinnert, soll jungen Wissenschaftlerinnen Vorbilder schaffen.

Physik gehört zu den Studienfächern mit traditionell niedrigem Frauenanteil. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl zwar leicht gestiegen, mit etwa 23 Prozent allerdings auf einem niedrigen Niveau geblieben. Frauen, die sich für ein Physikstudium entscheiden, wissen, daß sie sich nicht in der Masse verstecken können. Ihr Profil ist wissenschaftlich bestätigt: Physikerinnen sind hochmotiviert, bringen beste Voraussetzungen mit und ziehen die akademische Laufbahn konsequent durch. Offensichtlich starke Persönlichkeiten, die sich auf dem Arbeitsmarkt trotzdem weitgehend auf die hinteren Plätze verweisen lassen. Die sogenannte „leaky pipeline", die den Schwund von Akademikerinnen in der Aufstiegsphase beschreibt, setzt bei Physikerinnen erst nach der Promotion ein. „Wenn es um die Macht geht, zum Beispiel um die Berufung zu einer Professur, treffen viele Frauen auf eine subtile und effektive Anhäufung von kleinen Nachteilen", sagt Monika Bessenrodt-Weberpals, Vorsitzende des AKC. „Frauen schreiben sich Hindernisse eher selber zu, während Männer sie den Strukturen anlasten."

„Es gibt immer mehr Firmen, die sich die Frauenförderung aus ökonomischen Gründen auf die Fahnen schreiben."

Eine vom Arbeitskreis betriebene Studie zur Chancengleichheit von Physikerinnen und Physikern hat schwarz auf weiß ergeben, was viele vermuteten. Während Männer sich wesentlich stärker in die privatwirtschaftliche Forschung umorientieren und sich damit in die gehobenen Gehaltsklassen katapultieren, ordnen sich Frauen eher in familienkompatiblen Bereichen, etwa als Lehrerin oder in öffentlichen Behörden ein. Überrascht waren die Wissenschaftlerinnen der DPG vom Ausmaß der beruflichen Unzufriedenheit gerade unter erfahrenen Kolleginnen. Die Häufung von Nachteilen etwa bei Gehalt, Ausstattung oder Auszeichnungen führt im Laufe eines Berufslebens zu einer demotivierten Haltung. „Konkret werden Physikerinnen von ihren Vorgesetzten weniger gefördert als Physiker, indem sie beispielsweise seltener zur Publikation oder zu Tagungsbeiträgen aufgefordert werden", so Bessenrodt-Weberpals. Doch selbst wenn Physikerinnen ihr Können unter Beweis gestellt haben, wird ihnen prinzipiell die Versorgung der Familie zugeschrieben. Ein deutlicher Karriereknick bei der Vergabe attraktiver Posten, stellt die DPG-Studie fest. Alarmierende Befunde - auch mit Blick auf Europa. In der industriellen Forschung sind nur halb so viele Frauen vertreten wie im akademischen Bereich. Unter den Erfinderinnen stellt Deutschland mit mageren 4,6 Prozent sogar den niedrigsten Anteil. Und das, obwohl Deutschland fünfzig Prozent aller Patentanmeldungen vorweisen kann. Bis 2010 muß die Europäische Kommission die Zahl der Wissenschaftlerinnen in der industriellen Forschung um 700.000 erhöhen, wenn sie im internationalen Vergleich auch weiterhin eine führende Position einnehmen will. Eine Vorgabe, bei der sich Schlußlicht Deutschland mit seinem Anteil von Forscherinnen unter zehn Prozent nicht eben federführend einbringen wird.

„Auch wenn die Zahlen dagegen sprechen, es beginnt, sich etwas zu verändern", stellt die Vorsitzende des AKC dennoch mit vorsichtigem Optimismus fest. „Es gibt immer mehr Firmen, die sich die Frauenförderung aus ökonomischen Gründen auf die Fahnen schreiben." Zugleich wächst der weibliche Einfluß bei der für die Karriere so wichtigen Besetzung von Gremien, Kuratorien und Vortragsveranstaltungen. „Anfangs hat man den Arbeitskreis Chancengleichheit belächelt", so Bessenrodt-Weberpals. „Heute sucht man unseren Rat." Die Professorin für Experimentalphysik hat beratende Funktion beim Vorstandsrat und greift gezielt ein, wenn sie Mißverhältnisse sieht. Etwa bei den Planungen für das World Year of Physics im Jahr 2005, das an die Einstein-Arbeiten von 1905 erinnert. „Es bedurfte einiger Anstrengungen, aber Frauen sind bei diesen Veranstaltungen als Rednerinnen sogar überproportional eingeladen", konstatiert sie mit leisem Stolz.

Auch für Myrjam Winning sind die Sorgen um den weiblichen Physiknachwuchs eine Frage der Zeit. Sie selbst hat sich in ihrer beruflichen Entwicklung nie benachteiligt oder gar behindert gefühlt. Erfahrungen, die sie auch als Forschungsleiterin bestätigt sieht. In ihrer Gruppe ist das Verhältnis von Studenten und Studentinnen ausgewogen. „Die Frauen bringen ein enormes Selbstbewußtsein mit."

Weitere Informationen unter:

Deutsche Physikalische Gesellschaft e.V. (DPG) dpg@dpg-physik.de http://www.dpg.de



Arbeitskreis Chancengleichheit (AKC) Sprecherin: Prof. Dr. rer. nat. Monika Bessenrodt-Weberpals Max-Planck-Institut für Plasmaphysik mob@ipp.mpg.de http://www.physikerin.de



Dr. rer. nat. Myrjam Winning Institut für Metallkunde und Metallphysik der RWTH Aachen Tel.: 02 41 80/2 68 99 Fax: 02 41 80/22 301



Interessante Links:

She Figures: die größte Sammlung europäischer Daten zum Thema Frauen in der europäischen Forschung http://www.europa.eu.int/comm/research/science-society/highlights_de.html



Kompetenzzentrum Frauen in der Wissenschaft http://www.cews.uni-bonn.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: Moni Port, Labor