12. Mai 2008
Getreu dem Motto Internet bringt Masse - Printanzeige Klasse setzen Unternehmen gerade bei offenen Stellen für High Potentials und Young Professionals wieder verstärkt auf die klassische gedruckte Stellenanzeige. Personaler haben dafür gute Gründe - und verbinden ganz bestimmte Erwartungen damit.
Vor Jahren brachte der Bote samstags Zeitungen, die waren dick wie Bücher und schwer wie Kataloge. Das Stellenanzeigen-Innenleben der Frühstücksund Wochenendlektüre war beträchtlich. Wer einen Job zu vergeben hatte, inserierte ihn verlässlich in der örtlichen Presse. Über höher dotierte und akademische Posten konnte man sich in den überregionalen Zeitungen informieren. Nahezu vollständig bildeten sie die interessantesten Positionen in Wirtschaft und Wissenschaft ab.
Das war einmal. Dann kamen die ersten Internet-Jobbörsen, später entstanden die Online-Karriere-Center der Unternehmen. Heute ist das World Wide Web der Arbeitsmarkt schlechthin. Wer nach Talenten sucht, tummelt sich hier. Doch auf merkwürdige Weise hat die gute, alte Anzeige überlebt. Und sie gewinnt sogar wieder an Bedeutung. Dahinter steckt - Personaler geben es ungern zu - ein bisschen Frust. Denn, so die Erfahrung, bei der Flut von Online-Bewerbungen leidet oft die Qualität. Bewerbungen, die auf Printanzeigen kommen, sind durch die Bank inhaltlich und formal ansprechender als Bewerbungen, die auf Ausschreibungen im Internet bei uns eintreffen, sagt etwa Rudolf Kast, Leiter Personalwesen bei der Sick AG in Düsseldorf. Kandidaten, die klassische Bewerbungsmappen senden, überlegen genauer, was sie schreiben.
Durch die Möglichkeit zur Online-Bewerbung hat sich der Schlendrian bei der Ansprache der möglichen Arbeitgeber erst richtig breitgemacht. Auf Anzeigen in Jobbörsen bekommen Firmen sehr viele Standardbewerbungen. Die Bewerber haben die Unterlagen im System gespeichert und schicken sie schnell mal eben ab. Wenn aus Bewerbungen nicht hervorgeht, dass man sich spezifisch mit dem Unternehmen und der Position auseinandergesetzt hat, dann fehlt uns das, sagt Sick zu solchen Gewohnheiten. Und das fehlt vielen Unter nehmen. Qualitativ am meisten aus dem Rahmen fallen seiner Meinung nach Online-Initiativbewerbungen, die oft als Massen-Mailings' einfach mal so verschickt werden.
Die Sick AG akzeptiert sie noch, die Schnellhefter und Mappen mit den ausführlichen Unterlagen, und wünscht sie sich sogar. Andere Firmen investieren zwar auch wieder mehr in Printanzeigen, wickeln den Bewerbungsprozess dennoch komplett über das Internet ab, da die Bewerberauswahl in großen Häusern datenbankgestützt und teilautomatisiert abläuft.
Praktika und Einstiegspositionen findet man daher noch immer am frühesten und zuverlässigsten im Internet. Zusätzlich - so eine gängige Praxis - werden die offenen Positionen gesammelt und dann alle paar Monate in größeren Anzeigen inseriert, um als Arbeitgeber in den Stellenmärkten von FAZ, Welt, Zeit oder SZ präsent zu sein. Das Medium Zeitung wird zum Prestigeobjekt.
Anzeigen sind teuer, ein fünfstelliger Betrag ist schnell dafür ausgegeben. So sagt eine Faustregel: Je anspruchsvoller der Job und je besser dotiert er ist, desto eher steht er in der Zeitung. Der Printanzeigenmarkt wird heute wesentlich gezielter für höhere Ebenen oder für Image anzeigen und Anzeigen von Personalberatern genutzt, sagt Marion Perissutti, Recruiting-Direktorin bei L'Oréal. Und in den oberen Etagen tut sich offenbar einiges. Die Karrierechancen für Durchstarter sind derzeit exzellent. Was das vergangene Jahr angeht, schätze ich das Wachstum des Anzeigenmarkts für Stellenausschreibungen auf 8 bis 10 Prozent, der Markt für Hochqualifizierte ist hervorragend, sagt Volker Markmann, Mitglied der Geschäftsleitung Kienbaum Executive Consultants Stuttgart. Gesucht werden derzeit Führungskräfte und wirkliche Experten.
Der Stellenmarkt der überregionalen Zeitungen - und hier vor allem der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - richtet sich in erster Linie an diejenigen, die schon eine Weile in Lohn und Brot sind und als qualifiziert und erfahren genug gelten, um für den nächsten attraktiven Job in Frage zu kommen. Der Stellenmarkt am Samstag und neuerdings auch in der Sonntagszeitung der FAZ ist gleichsam Pflichtlektüre fürs Karrierepoker. Überregionale Stellen teile werden von beruflich erfolgreichen Menschen gelesen - deutschlandweit, europaweit, weltweit, sagt ein Kenner der Personalberaterbranche, der nicht genannt werden will. Hier kann man sich sehr diskret informieren. Man sieht, was auf dem Markt los ist.
Es sind Vertriebsleute, die für ihre Firma den Wettbewerb beobachten oder schauen, was bei Kunden und Lieferanten personalmäßig so passiert. Und es sind Neugierige, die - noch ehe sie zum Sportteil greifen - im Blick behalten möchten, ob irgendwo ähnliche Positionen ausgeschrieben sind, wie die, die sie selbst bekleiden. Sie lesen den überregionalen Stellenmarkt aus Gewohnheit oder aus professionellen Gründen. Und das tun sie auf dem Sofa, in der Badewanne oder beim Brunch mit Kindern und Familie.
Große Personalberatungsfirmen, die für ihre Kunden Fach- und Führungskräfte ausspähen und anwerben möchten, wissen um diese Gewohnheiten. Ihre Büros sind oft auch am späten Samstagnachmittag besetzt, um Anrufe von Interessenten entgegenzunehmen - so nach dem Motto: Vielleicht kommt man ja in entspannter Wochenendatmosphäre ganz unverfänglich mit interessanten Kandidaten ins Gespräch. Es sind die Headhunter, die nur ungern so genannt werden wollen, die im Stellenmarkt am Samstag eine beherrschende Rolle spielen. Ihre Anzeigen sind unaufdringlich, geradezu unwerblich und äußerst sachlich.
Allein mit Zauberwörtern wie Direktor, Geschäftsführer, Gruppenleiter oder Werksleiter adressieren sie eine karriereorientierte Klientel, die bei der sogenannten Direktansprache am Telefon womöglich nur genervt den Hörer einhängen würde.
Dahinter steckt Methode. Als Headhunter will man sich nicht aufdrängen, man will - zumindest im ersten Schritt - noch nicht allzu konkret werden, und man will den vielversprechenden Arbeitnehmern der Top-Liga keine allzu großen Hürden bei der Kontaktaufnahme in den Weg stellen. Schriftliche Unterlagen kommen erst später ins Spiel.
Wer samstagnachmittags bei einer Personalberatung anruft, der interessiert sich zwar für die entsprechende Position - aber unverbindlich. Man hat keine Not, verändert sich aus freien Stücken, will nicht gedrängt werden.
Das Inserat in der Zeitung gilt als Anwerbekanal mit der höchsten Erfolgsgarantie. Man kann bei XING nach Kandidaten recherchieren oder auf eigene Faust im Internet suchen, sagt Volker Markmann von Kienbaum. Durch diese Entwicklung werden wirklich gute Bewerber mittlerweile von Anfragen überflutet. Gespräche, die sich auf diese Weise mit Kandidaten ergeben, sind vielfach nicht mehr zielführend.
Die sogenannten Stellen für Fach- und Führungskräfte beginnen in der Regel ab einer Berufserfahrung von fünf Jahren und liegen zumeist im akademischen Bereich. Sie beginnen nicht unter einem Jahresverdienst von 70.000 bis 80.000 Euro. Wer als Berufseinsteiger in einem Bewerbungsgespräch gefragt wird: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? - auch der kann also in den überregionalen Stellenteilen seine Karriereoptionen studieren und ein Bild davon entwickeln, wohin die Reise bei seiner Qualifikation - weitere fachliche und Führungs erfahrungen vorausgesetzt - gehen könnte.
Und auch das ist wahr: Die überregionalen Stellenteile verkörpern die Berufswelt karriereorientierter Männer. Denn Frauen machen bei diesem Wettbewerb um die attraktivsten Positionen der Wirtschaft noch immer viel zu selten mit. Maximal kommt eine Frau auf zehn Bewerber, sagte Markmann. Für Marketingpositionen bewerben sich etwas mehr weibliche Fachkräfte, ergänzt er. Und wenn sich Frauen bewerben, dann haben sie durch die Bank eine ausgezeichnete Fachkenntnis. Im Gespräch fragen sie viel stärker als Männer nach ihren Aufgaben, dem Team, den Kollegen.
Die meisten Anzeigen haben im vergangenen Jahr übrigens Deutschlands Ingenieur-Arbeitgeber ausgeschrieben: Mit 58.319 Anzeigen ist die Zahl der Jobofferten in diesem Segment um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die Zahlen basieren auf der regelmäßigen Auswertung von 53 regionalen und überregionalen Zeitungen, durchgeführt von der Personalberatung SCS für die VDI-Nachrichten. Am begehrtesten waren demnach neue Mitarbeiter für die Forschung und Entwicklung, für die Produktion und den Vertrieb.