28. Januar 2008 Bunte Buchstaben auf den Stromkästen, Phantasiegemälde an den Hauswänden, dumme Tags in der U-BahnGraffiti prangen in Berlin an jeder noch so kleinen Fläche. Für die einen sind sie ein Ärgernis - für die anderen ein Lebensgefühl. Für Sebastian ist es Kunst: Der Berliner sprayt legal auf Graffiti Jams oder Halls Of Fame.
Rein in den Dönerschuppen und ab durch die Hintertür zur kleinen Treppe, die in den verborgenen und verwilderten Hof eines Berliner Kulturzentrums führt. Eine besprühte heruntergekommene Baracke rechts, bemalte Wände links, von Bäumen umrandete Graffitis am angrenzenden S-Bahn-Bogen, sogar die Mülltonnen sind komplett mit der Spraykunst bedeckt. Mittendrin steht das Überbleibsel eines Graffiti-Events vom Wochenende: eine Hall Of Fame. Sebastian, alias Pekor, 23 Jahre alt und Bachelorstudent für soziale Arbeit, legt gleich mit der Grundierung los. Er übermalt die Hall Of Fame kurzerhand mit roter Farbe, um Platz für neue Graffiti zu schaffen. Schon zückt er die Spraydose, und die First Outlines an der Wand fügen sich mehr und mehr zu einem Piece zusammen. Ein Geruch, der an Terpentin und Imprägnierspray für Lederschuhe erinnert, beißt in der Nase. Aber Sebastian scheint den Farbgeruch nicht mehr wahrzunehmen. Hochkonzentriert geht er immer wieder ein paar Schritte weg von seinem Kunstwerk, begutachtet und verfeinert es. Wenn ich sprühe, ist es jedes Mal ein Selbstportrait: durch den Namen, den man sich als Writer gibt und an die Wand malt, und durch die Art und Weise, wie man es macht, erklärt er. Die große Kunst sei es, die eigene charakteristische Linie zu finden.

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Um seinen eigenen Style zu entwickeln, hatte Sebastian viel Zeit: Ich hab schon in der zweiten Klasse angefangen, Comics nachzuzeichnen. Und beim Einkauf mit Mama gefielen mir die Schriftzüge, die ich an allen möglichen Wänden sah. Als seine Schwester dann das Buch Graffiti Art - Deutschland anschleppte, leckte Sebastian Blut und tauchte in die Graffiti-Welt ein. Stundenlang malte er Graffiti von seinem favorisierten Writer Zebster nach. Sein erstes Piece brachte er zusammen mit seinem Cousin in einem alten Heizwerk an die Wand. Das steht heute noch, erzählt er mit hörbarem Stolz. Die richtigen Techniken fürs Sprayen lernte er dann allerdings erst bei einem Workshop in einem Jugendzentrum. Obwohl ich schon lange Skizzen für Graffiti gemacht hatte, wurde mir schnell klar, dass ich ganz vorne anfangen musste, berichtet er. Statt munter Buchstaben wild zu verzerren, musste er erst mal lernen, den Aufbau der Buchstaben zu verstehen und simple Buchstaben zu sprühen. Erst danach konnte er experimentieren.
Inzwischen führt Sebastian im Rahmen seines Praxissemesters beim Hip-Hop-Stützpunkt in Berlin selbst Jugendliche in die Kunst der Graffiti und der Human Beatbox ein. Was Beatbox ist? Sebastian zeigt es schnell: Er stößt Töne hervor, schnalzt dabei die Zunge, bläht die Wangen auf und hört sich dabei selbst an wie ein zurrendes Instrument, er macht schlichtweg Percussion mit dem Mundraum. In seiner elfköpfigen Band Oralic Soundmachines geht es nur ums Musikmachen ohne Instrumente mit dem Mund und dem Mikrofon. Beatbox, Rap und Breakdance gehören ebenso wie Graffiti zur Hip-Hop-Kultur. Übergeschwappt ist das Phänomen Graffito von New York nach Deutschland über Filme wie Beat Street, Style Wars oder Wild Style in den 1980er Jahren. In Wild Style kann man Breakdance-Einlagen, Auftritte von Hip-Hop-Größen wie Grandmaster Flash und natürlich illegales Bombing auf New Yorker U-Bahn-Zügen bestaunen.

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Bombing war aber nicht nur in den 80ern ein heißes Thema in New York. Auch heute verfolgt und kriminalisiert die Stadt illegale Writer. Erst kürzlich wurde Alan Maridueña mit dem Writer-Pseudonym Ket dingfest gemacht. Er soll U-Bahnen besprüht haben. Komisch daran ist nur, dass er seit 20 Jahren als etablierter Graffiti-Künstler arbeitet und längst keine U-Bahnen mehr besprüht wie in den 80ern. Im schlimmsten Fall hätten ihm sogar 42 Jahre Zuchthaus blühen können. Auch in Sebastians Heimat haben illegale Sprayer es nicht leicht. Schon seit 1994 gibt es die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin (GE GiB) der Polizei und des Bundesgrenzschutzes. Und der Berliner noffiti e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, den illegalen Bildern an den Berliner Gemäuern den Garaus zu machen. Der Verein sucht den Dialog mit Sprayern oder startet Säuberungsaktionen. Unverantwortlich sind leider die neuerdings anzutreffenden Flusssäure-Graffiti: An Fensterflächen jeglicher Art ätzen die Übeltäter ihr Tag mit Flusssäure in die Scheiben. Die Säure selbst kann schwere Verletzungen hervorrufen. Während die hochgiftigen Graffiti Gott sei Dank Ausnahmeerscheinungen von wenigen sind, ist das illegale Sprayen ohne Säure Alltag.
Es gibt nichts Schöneres, als ein Bild zu sprühen. Danach setzt extreme Entspannung, Freude und Genugtuung ein.
Künstler, die illegal sprühen, sind in der Szene anerkannter, liefert Sebastian als mögliche Erklärung für die illegalen Wandverzierungen. Und auch der 25-jährige Lehramtsstudent mit dem Künstlernamen Smoofiws kann das bestätigen: Man sprüht seinen Namen an die Wand und will ihn bekannt machen. Deshalb machen viele es illegal! Fame, das ist für viele Graffiti-Künstler die treibende Kraft. Der 21-jährige Geschichtsstudent TOMB begeistert sich: Für mich ist Sprayen ein Adrenalinstoß. Und wenn ich meinen Namen sehe, ist es eine Befriedigung, dass andere ihn auch sehen können! Sebastian zieht aus dem Sprayen mehr als einfach nur Fame: Es gibt mir Ruhe, es ist meditativ! Und für den 32-jährigen Nema-one ist es eine Erfüllung: Es gibt nichts Schöneres, als ein Bild zu sprühen. Danach setzt extreme Entspannung, Freude und Genugtuung ein.
Um ihrer Leidenschaft frönen zu können, riskieren viele Sprayer Kopf und Kragen. Sebastian berichtet von Ruzd79, einem der aktivsten Writer Berlins, der zu einer hohen Geldstrafe verdonnert wurde und sich letztendlich vor einen Zug geschmissen hat. Bei vielen, die exzessiv das Graffiti-Leben führen, kommt neben Sachbeschädigung durch illegale Tags oft auch Diebstahl oder Dealerei dazu, um an Geld zu kommen. Häufig haben sie ihre Ausbildung versaut, erklärt Sebastian. Denn wer nachts zum Sprayen unterwegs sei, bleibe am nächsten Morgen natürlich lieber liegen. Und wenn man erst mal beim Sprühen erwischt wurde, dann fliegen meistens die anderen kriminellen Dinge mit auf, und der Knast wartet. Lebensbedrohlich wird es beim Roof Top, das vom Sprayer viel körperliches Geschick abverlangt. Dabei klettert man auf Häusern herum, seilt sich dann ab und sprüht an Wände, Dachkanten oder Schornsteine oder malt mit Fassadenfarbe und Teleskopstangen von oben nach unten.

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Sebastian weiß nur von einer Frau, die sich das traut - zudem illegal. Graffiti sind sehr stark männlich dominiert. Vermutlich weil man typische Jungensachen drum herum macht: sich treffen, trinken, alles vollschmieren. Das ist Frauen oft zu blöd! Die Frauen, die er kennt, sprayen legal. Und das kann man besonders gut auf Graffiti Jams. Die 20-jährige Grafikstudentin Anna ist extra für die Graffitibox Summer Jam aus Hannover nach Berlin gekommen. Ich kenne nur zwei Frauen persönlich, die sprayen. Es ist schade, bedauert sie. Bei ihr hat sich der Einstieg ins Metier so ergeben: Ich habe immer schon viel gezeichnet, und irgendwann wollte ich den Jungs mal einen Hintergrund machen. Und sie meinten, ich solle einen Style versuchen. Danach wurde ich in die Crew aufgenommen!
Ob männlicher oder weiblicher Graffiti-Begeisterter: Alle suchen nach straffreien Sprühmöglichkeiten. Smoof-iws betont: Wir suchen immer wieder legale Wände! Und Sebastian fände es schön, wenn man ein paar Flächen zum Sprühen bekäme, die sonst vermutlich nur für Werbezwecke genutzt würden: Am besten an schönen Stellen, an denen viele Leute vorbeikommen, damit man auch in der Öffentlichkeit etwas machen kann. Aber solange das nicht möglich ist, fährt Sebastian zu Graffiti Jams oder nimmt Angebote von Institutionen wahr, bei denen man sich legal selbstverwirklichen kann, wie auch auf dem verwunschenen Hof des Berliner Kulturzentrums. So bleiben die Sprayer und ihre aufwendigsten Graffiti oft unter sich, ganz zum Bedauern Sebastians: Wenn mehr Leute sehen würden, dass man auch schöne Sachen sprayen kann, würden Graffiti auf mehr Akzeptanz stoßen!