06. September 2008

Indien liegt im Trend

Enttäuschte Praktikanten

Von Nina Klotz



Christian Reitberger, Christin Herger (o.); Rebecca Holst (Dritte von rechts)(u.)
30. Oktober 2006 
Zumindest bei deutschen Studenten, die einen Praktikumsplatz suchen, der auch gleich noch eine Portion Exotik bereithält. Wir haben vor Ort mit einigen gesprochen, die sich ihren Traum erfüllt haben, und waren ganz schön überrascht: Die Begeisterung der jungen Abenteurer ist eher verhalten.

„Indien wird innerhalb der nächsten zehn Jahre zum zweiten Powerhouse Asiens emporsteigen, getrieben durch IT- und andere wissenslastige Industrien. Deshalb kann ein Praktikum in Indien zum zukünftigen Karriereturbo werden“, heißt es auf praktikum-indien.de, einer Anlaufstelle im Internet für alle, die sich über die Möglichkeiten eines Praktikums in Indien informieren möchten. Patrick Linden, Gründer der Website und selbst nun schon zum zweiten Mal Indienpraktikant, sieht vor allem Chancen für Studierende der Informationstechnologie. Aufgrund des enormen Wirtschaftswachstums in dieser Branche könne man davon ausgehen, daß viele deutsche Unternehmen in den kommenden Jahren ihre Aktivitäten nach Indien ausdehnen werden. Personaler Steffen Manke, der von seinem Arbeitgeber an einen der indischen Standorte seiner Firma entsandt wurde, sieht dies ähnlich. Genau jetzt sei der optimale Zeitpunkt für ein Praktikum. Für China beispielsweise sei es schon zu spät: „Dort ist man mittlerweile in vielen Bereichen so weit, daß die erste Generation der deutschen ›Expats‹ von Einheimischen abgelöst wird.“ Wohingegen in den nächsten Jahren viele qualifizierte Arbeitskräfte gesucht würden, die bereit sind, für ihr Unternehmen nach Indien zu gehen. Der Personaler sieht aber noch einen weiteren Vorteil: „Wenn ich ›Praktikum in Indien‹ lese, dann sagt mir das, daß der Bewerber mutig und aufgeschlossen ist, leidensfähig und alles andere als verwöhnt.“ Aus eigener Erfahrung wisse er, daß hier besonders viel Flexibilität und Zähigkeit im Berufsleben gefordert werden.


„Man lernt sich selbst besser kennen, wenn man immer wieder verschiedene Extremsituationen meistern muß. Man wird hier mit Problemen konfrontiert, die man aus Deutschland einfach nicht kennt.“

Der Anfang ist für die Praktikanten oft leichter als gedacht: „Ich wurde an meinem ersten Arbeitstag mit Fragen überhäuft: Wo kommst du her? Wie ist es bei euch zu Hause“, erzählt Christian Reitberger. Der 26jährige absolviert in der Marketingabteilung der Firma Bosch in Bangalore ein Pflichtpraktikum im Rahmen seines Studiums der European Business Studies an der FH Regensburg. Nach Pflicht fühlt es sich aber gar nicht an: Christian ist sowohl mit seinem Job als auch mit seinem Arbeitsumfeld sehr zufrieden. Dafür, daß es mit den Kollegen so gut klappt, kann und sollte jeder Praktikant aber auch etwas tun: Rücksichtnahme, Vorsicht und Respekt sind enorm wichtig. „Das fängt beim Kleidungsstil an. Man sollte unbedingt alles meiden, was als aufreizend empfunden werden könnte“, so Christians Kollegin Antje Heiermann, die für die deutschen Praktikanten in ihrer Abteilung zuständig ist. „Das geht weiter mit gewissen Themen, die am Mittagstisch nicht angesprochen werden sollten, wie etwa Ansichten über Mann-Frau-Beziehungen oder generelle Kritik an Indien.“ Grundsätzlich ist die indische Gesellschaft konservativer, als sie vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag. „Auch wenn sich viele Inder gern westlich geben, sollte man sich davon nicht täuschen lassen“, rät Heiermann.


Es kann ganz schön schwierig sein, seine Stellung unter den indischen Kollegen zu finden. „Das Obrigkeitsdenken der Inder ist extrem ausgeprägt. Oft wird Weißen mit einer Unterwürfigkeit begegnet, die weder angebracht noch sinnvoll erscheint“, so Steffen Manke. Selbst jüngere, unerfahrene Praktikanten bemerken immer wieder, daß die indischen Kollegen dazu neigen, zu „dem Westler“ aufzuschauen. „Das kann natürlich auch von Vorteil sein“, sagt Heiermann. „Praktikanten haben so die Möglichkeit, schnell viel Verantwortung zu übernehmen und bei vielen Projekten integriert zu werden.“ Auf der anderen Seite sind Praktika in Indien nicht sehr verbreitet. Indische Vorgesetzte gehen deshalb nicht davon aus, daß die Praktikanten aus dem Westen bereits Berufserfahrungen im Job aufgrund vorangegangener Praktika mitbringen. „Ich hatte das Gefühl, als Westler einfach nur eine Prestigefigur der Firma zu sein. Mit uns konnte der Chef angeben und sich rühmen, ein internationales Unternehmen zu sein“, ärgert sich Michael Valenta, der für ein siebenmonatiges Praktikum bei einer indischen Consultingfirma nach Bangalore kam. „Es ging ihm nie um internationalen Input, sondern allein um unsere Präsenz.“

Gerade deshalb wird in Indien noch mehr Eigeninitiative von den Praktikanten verlangt als anderswo. Michael mußte sich selbst um jede Aufgabe bemühen und kann rückblickend nur feststellen, daß er fachlich kaum etwas dazugelernt hat. Dazu fehlte jedes Coaching, und auch die Firmenorganisation war seiner Ansicht nach zu schlecht. Sein Resümee: „Wenn es jemandem bei seinem Auslandspraktikum nur um die Fortentwicklung seiner ›professional skills‹ geht, dann würde ich ihm von Indien abraten.“ Das sieht Christin Herger ähnlich. Die 25jährige arbeitet nach Abschluß ihres Studiums der Tourismuswirtschaft bei einem Online-Reiseführer namens Hitiki im Bereich Marketing: „Ich weiß nicht, ob man beruflich hier wirklich viel lernen kann. Mein Eindruck ist immer wieder, daß zum Beispiel IT-Praktikanten aus Deutschland den indischen Kollegen etwas beibringen und nicht umgekehrt.“ Beide sind sich aber einig, daß Indien viel zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen kann. „Man lernt sich selbst besser kennen, wenn man immer wieder verschiedene Extremsituationen meistern muß. Man wird hier mit Problemen konfrontiert, die man aus Deutschland einfach nicht kennt“, so Christin Herger.


„Wenn es jemandem bei seinem Auslandspraktikum nur um die Fortentwicklung seiner ›professional skills‹ geht, dann würde ich ihm von Indien abraten.“

Mit ihren Erfahrungen stehen Christin und Michael nicht allein da. Die meisten, die ein Praktikum in Indien absolvieren, haben ihre größten Lernerfolge eher im Bereich des „interkulturellen Problemmanagements“ und in der Aufbesserung ihrer Soft Skills. Das sieht auch Steffen Manke so und nennt ein Beispiel aus eigener Erfahrung. „Inder halten sich einfach nicht an die Terminvereinbarungen. Pünktlichkeit darf man hier nicht erwarten, sonst wird man immer wieder enttäuscht.“ Man müsse einfach lernen, damit umzugehen. „Wenn ich ein Meeting für vier Uhr ansetze, dann weiß ich inzwischen, daß ich der erste sein werde, daß die Kollegen ab zehn nach vier eintrudeln und wir um halb fünf anfangen können. Trotzdem komme ich weiterhin um vier - ich nehme mir eben etwas zum Lesen mit.“


Auch Rebecca Holst sieht ihren indischen Aufenthalt mit gemischten Gefühlen. Nach Abschluß ihres Wirtschaftsstudiums entschied sie sich für ein siebenmonatiges Praktikum bei Accenture in Bangalore: „Ich wollte unbedingt im Bereich Human Resources arbeiten, denn hier werden mitunter an einem Tag 60 Leute eingestellt - das passiert in Deutschland vielleicht im Lauf von drei Jahren.“

So sehr ihr der Job auch gefällt - Arbeiten in Indien kann auch sehr nervenaufreibend sein, erkennt Rebecca: „Wenn ich einen Auftrag an indische Kollegen erteile, beispielsweise den Konferenzraum für ein Assessment-Center vorzubereiten, dann bitte ich darum, Stühle dort aufzustellen - und nichts passiert. Ich erinnere den Kollegen ein zweites und ein drittes, oft ein viertes und ein fünftes Mal und bis dahin ist dann schon wieder ein ganzer Tag vergangen. Würde ich nicht immer wieder nachhaken, würde gar nichts passieren“, so Rebecca Holst. Man dürfe in Indien einfach nicht zu verbohrt sein. „Es kostet zu viel Energie, sich immer wieder aufs neue über solche Sachen aufzuregen. Das lernt man hier ganz schnell.“ Etwas mehr Gelassenheit und Geduld sind also unentbehrlich. Und Aufgeschlossenheit gegenüber allem anderen auch.


Es heißt, daß man Indien entweder nur lieben und oder nur hassen kann. Es gibt Tage, da kann man den Lärm einfach nicht ertragen und die Armut und das Leid auch nicht. Tage, an denen man einfach nicht über jeden Preis verhandeln will. Tage, an denen man genug hat von Reis und Koriander. Es gibt aber auch Tage, da wacht man morgens auf und stellt fest, daß es schon wieder ein sonniger Sommertag ist. Da sieht man auf dem Weg zur Arbeit einen bemalten Elefanten, hört Musik aus einem Tempel oder beobachtet eine indische Hochzeit - und fühlt sich wie im Wunderland. Das große Plus eines Praktikums in Indien: Wer Glück hat und nicht wie die meisten Inder auch an den Wochenenden arbeiten muß, der kann in seiner Freizeit das Land für wenig Geld bereisen und entdecken.

PRAKTIKASUCHE
http://www.aiesec.de Aiesec, die größte internationale Studentenorganisation, vermittelt Praktika auch nach Indien. Vor allem Studierende der Wirtschaftswissenschaften werden hier fündig.

http://www.praktikum-indien.de Hier kann ein Katalog mit über 200 Adressen indischer und internationaler Firmen für Initiativbewerber bestellt werden.



BUCHTIP
Rainer Krack:
KulturSchock Indien

Reise Know-How Verlag,
216 Seiten, 14,90 Euro

BUDGETPLANUNG

durchschittliches Praktikantengehalt: 100 bis 300 Euro/Monat

Wohnung/WG mit Einzelzimmer: 130 bis 180 Euro/Monat

WG mit geteiltem Zimmer: 50 bis 100 Euro/Monat

Thali (typisches indisches Mittagessen, bestehend aus Reis und verschiedenen Soßen) 25 bis 30 INR

Dreigängiges Abendessen (gehobene Mittelklasse) 300 bis 600 INR

Wasser (1 Liter) ca. 12 INR

Kaffee 3 INR

eine Mango 10 INR

Prepaid-Vertrag Handy 500 bis 1.000 INR

Busticket von Bangalore nach Goa (10 Std.) 250 bis 300 INR

1 Euro = ca. 58 Indische Rupien (INR)

Mit einer deutschen EC- oder Kreditkarte kann problemlos an fast allen Geldautomaten abgehoben werden.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 86, 2006
Bildmaterial: Nina Klotz