30. August 2008

Studieren in Oslo

Und zum Mittagessen nach Ikea

Von Karsten-Thilo Raab




18. Juni 2007 
Norwegens Hauptstadt steht im Ruf, eines der teuersten Pflaster der Welt zu sein. Warum die 500.000-Einwohner-Stadt am Fuße des Holmenkollen dennoch bei ausländischen Studenten so beliebt ist? „Weil das Studieren hier noch Spaß macht, es keine überfüllten Hörsäle oder ausgebuchten Seminare gibt und wir alle unseren eigenen Arbeitsplatz an der Uni haben“, sagt Ulrike Katrin Peters, die nach ihrem Studium in Deutschland den neuen Luxus in Oslo zu schätzen weiß.

Norwegische Studenten sind fleißig. Mindestens sechs bis acht Stunden am Tag verbringen sie an der Uni - wie bei einem normalen Job. An diese verschärften Studienbedingungen musste sich Ulrike Katrin Peters zwar erst einmal gewöhnen, aber sie hat es gern getan: „Ein Studium an der Universität von Oslo ist ein echter Quantensprung verglichen mit einer anonymen Denkfabrik wie der Uni in Essen, wo die Studenten häufig nur als Matrikelnummer wahrgenommen werden“, schwärmt die gebürtige Oldenburgerin, die im Ruhrgebiet Gestaltungstechnik und Germanistik auf Lehramt studierte und nun über das Erasmus-Programm der Europäischen Union nach Norwegen gekommen ist.


„Ich hatte gedacht, wenn ich in Oslo Germanistik studiere, dann werde ich als Muttersprachlerin einen leichten Stand haben. Aber weit gefehlt“, so Peters mit Blick auf das ungemein intensive Studium und die strenge Disziplin an der Universitetet i Oslo. Dass die 25-Jährige erst einmal Norwegisch lernen musste, war hingegen von Anfang an klar. Gleich zu Beginn des Semesters wurde den ausländischen Studenten in speziellen Kursen das notwendige sprachliche Rüstzeug vermittelt. Dabei käme man hier auch mit Englisch prima durch. Denn in Oslo oder besser gesagt in ganz Norwegen gibt es kaum jemanden, der nicht fließend Englisch spricht. Englisch ist wie in Deutschland Schulpflichtfach und alle britischen und amerikanischen Filme werden im Fernsehen und Kino immer im Original ausgestrahlt.

In Norwegen wird Gastfreundschaft großgeschrieben. Das hat auch Peters schon wenige Tage nach ihrer Ankunft in Oslo erfahren. Zu Ehren der studentischen Gäste aus aller Herren Länder hatte die Universität zu einer offiziellen Begrüßung und einem Empfang in der altehrwürdigen Universitätshalle direkt an der Prachtmeile der Stadt, der Karl Johanns Gate, geladen. Im Rahmen der kleinen Feierstunde erhielten die Gaststudenten aus Händen der Professoren und Dozenten personalisierte Willkommensurkunden. Danach folgte die Einteilung in sogenannte „Buddy Groups“, kleine Grüppchen von maximal acht Personen, die von einem älteren Studenten ehrenamtlich betreut werden. Bei den „Buddys“ handelt es sich entweder um norwegische Studenten aus einem höheren Semester oder um einen ausländischen Studenten, der an der Universitetet i Oslo „hängengeblieben“ ist und sich daher bestens mit den potentiellen Sorgen und Nöten der Neuen auskennt. „Buddys helfen nicht nur bei allen Fragen rund um das Studium, sondern stellen regelmäßig gemeinsame Ausflüge, Partys oder Ähnliches auf die Beine“, erläutert Peters das Aufgabenspektrum der Volunteers. Der wichtigste Treffpunkt für alle Austauschstudenten ist das „Bok Cafe“ (Buch-Café) an der Uni, in dem jeden Freitagnachmittag eine „International Coffee Hour“ stattfindet - mit Gratiskaffee und -keksen und ebenfalls organisiert von den Buddys. Hier werden nicht nur die aktuellen Probleme wie beispielsweise das Sprachkurspensum diskutiert oder Tipps ausgetauscht, wo es gerade billige Sonderangebote für Lebensmittel gibt, sondern auch die Verabredungen fürs nächste Wochenende klargemacht.


Kaum ein Student, der während seines Osloaufenthalts nicht wenigstens einmal an einem Wochenende eine Wanderung in die „Studenterhytta“ unternimmt - einer Hütte in der Nordmarka, einem riesigen Waldgebiet vor den Toren der Stadt. „Bis dahin ist man schon einige Stunden unterwegs“, erzählt Peters, der es während ihres Frischluftausflugs so ergangen ist wie fast allen anderen Kommilitonen auch: Spätestens mit den qualmenden Socken vor dem Kamin ist die Liebe zur Natur im nordischen Königreich geweckt.

„Eines der ersten Worte, die man hier lernt, ist ›Friluftsliv‹, also das ›Draußensein‹ an der frischen Luft. Damit verbindet sich ein Lebensgefühl, das fast alle Norweger in sich tragen“, erklärt die 25-Jährige, die von dem Bazillus Naturerlebnis ebenfalls erfasst worden ist. Was in einer Stadt am Meer, in der riesige Waldgebiete, schöne Seenlandschaften und malerische Fjordinsel binnen weniger Minuten bequem zu erreichen sind, kaum verwundert. Hinzu kommen die erstklassigen Wintersportmöglichkeiten vom Rodelvergnügen über Schlittschuhlauf und Skisprung bis zum Alpinski. Dass in den langen, schneereichen Wintern die Studenten mit Langlaufskiern zur Uni kommen, darüber wundert sich hier niemand.


Das Gros der Studenten ist entweder im Stadtviertel Sogn oder in Kringså zu Hause. Hier hatte auch Ulrike Katrin Peters einen Platz in einer Studenten-WG gefunden - mit Blick über den Fjord und direkt an der Nordmarka gelegen. „In Kringså gibt es einen Supermarkt und ein Postamt, das immer gut besucht ist, denn hier kommen die Survival-Pakete aus der Heimat an“, erinnert sich Peters nur allzu gerne an die Schokoladenlieferungen ihrer Eltern aus dem Ammerland. „Die Lage ist schon ideal. In fünf Minuten ist man an einem malerischen Waldsee, wo man im Sommer baden und im Winter Schlittschuh laufen kann. Und während der Mitternachtssonne haben wir nachts viele Stunden mit selbstgebrautem Bier auf dem Steg verbracht.“

Tatsächlich waren die merkwürdigen Gebilde auf den Fluren so etwas wie Minibrauereien. Hier haben die Studenten ihr eigenes Bier hergestellt.


Apropos Bier: In dem skandinavischen Land ist der Gerstensaft ungleich teurer als beispielsweise in Deutschland. Noch mehr schlägt der Kauf einer Flasche Wein oder anderer Alkoholika zu Buche. Nicht von ungefähr drängt sich gerade mit Blick auf die Studentenpartys, die fast an jedem Wochenende in Kringså oder Sogn steigen, die Frage auf, wo es momentan das günstigste Bier der Stadt gibt. „Am Anfang habe ich mich noch über die seltsamen Kisten gewundert, die im Studentenwohnheim auf den Fluren mit einer Wolldecke abgedeckt herumstanden“, erinnert sich Peters an das seltsame Gluckern in den Plastikbehältern, das sie den ganzen Studienaufenthalt in Oslo begleiten sollte. „Tatsächlich waren die merkwürdigen Gebilde auf den Fluren so etwas wie Minibrauereien. Hier haben die Studenten ihr eigenes Bier hergestellt.“ Bald wusste sie auch, warum sich die Investition in solche Anlagen lohnt: Die bescheidenen technischen Voraussetzungen und die Zutaten für das Gebräu sind in Norwegens Kapitale nämlich verhältnismäßig günstig zu erwerben und rechnen sich auf längere Sicht.

„Unter den Studenten herrscht eine Art Konkurrenzkampf, wer das leckerste Bier braut und die coolsten Logos und Labels für die Flaschen kreiert“, schmunzelt die gebürtige Oldenburgerin über die Hobbybrauer, deren bescheidene Braukunst in der Regel überraschend wohlschmeckende Biervarianten hervorbrachte - Kopfschmerzen nicht ausgeschlossen. Das preisgünstigste Bier gibt es übrigens im „Fiasko“, einer kleinen, kultigen Bar zwischen Busterminal und Hauptbahnhof. Das Glas kostet umgerechnet knapp 3 Euro.


Einer der beliebtesten und ungewöhnlichsten Studententreffs in Oslo ist daneben das schon legendäre „Underwater Pub“. Hier gibt es jeden Dienstag- und Donnerstagabend ein kostenloses Konzert von Studenten der Opernschule und mittwochs spezielle Studentenangebote. Die Kneipe selbst erinnert an eine funkelnde Unterwasserwelt und ist mit Aquarien vollgestopft. „Wenn man zur Decke schaut, sieht man den Rumpf eines Bootes, so dass man das Gefühl hat, unter dem Boot durchzutauchen“, beschreibt Peters die Atmosphäre.

Thema Nummer eins unter den ausländischen Studenten: Wo kann man sparen, wo ist was gerade günstig? „In Oslo kann man als Student nicht kaufen, worauf man Lust hat, sondern man nimmt das, was gerade im Angebot ist“, erinnert sich Peters an die horrenden Preise in Oslo. Nicht nur unter Studenten beliebt ist deshalb das Selbstbedienungsrestaurant „Krishnas Cuisine“, das sich im ersten Stock direkt gegenüber der T-Bahn-Station befindet und das immer frische und leckere „dagens rett“ auf der Speisekarte hat. Das vegetarische Tagesgericht mit Salat und Brot wird von den Jüngern Krishnas zubereitet und für rund 40 Kronen (circa 5 Euro) feilgeboten. „Vielleicht nicht gerade norwegisch, aber sehr gemütlich und irgendwie kultig“, meint Peters.

„In Oslo kann man als Student nicht kaufen, worauf man Lust hat, sondern man nimmt das, was gerade im Angebot ist.“

In unmittelbarer Nähe ist auch das Delikatessgeschäft „Smør Petersen“ angesiedelt. Ein Rundgang durch das traditionsreiche Geschäft verschafft einen guten Überblick über die kulinarischen Köstlichkeiten Norwegens - angefangen von „graved laks“, geräuchertem und eingelegtem Lachs, über „brunost“, einem dunkelbraunen, leicht nach Karamell schmeckenden Ziegenkäse, bis hin zu „flatbrød“, einem hauchdünnen Knäckebrot. Und natürlich mangelt es in dem Feinschmeckerladen nicht an Möglichkeiten, die eine oder andere Spezialität kostenlos zu testen.

„Smør Petersen ist natürlich nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die man als Tourist gesehen haben muss“, so Peters. Das kulturelle Angebot der Stadt sei riesig, und vieles sei selbst für Studenten erschwinglich. Im Sommer werden beispielsweise kostenlose Führungen durchs „Kongelige Slott“ dem königlichen Schloss angeboten. Ein Muss ist ferner ein Spaziergang im angrenzenden Schlosspark. An der 1848 fertiggestellten Residenz, dem Wohnsitz der königlichen Familie, kann man täglich um 13.30 Uhr der traditionellen Wachablösung beiwohnen. Nur wenige Gehminuten vom Schloss entfernt befindet sich an der Universitetsgaten die National-Galerie - für Kunstliebhaber eine der ersten Adressen in Norwegen und für Studenten eine gute Gelegenheit, gratis die Werke aller großen skandinavischen Maler, aber auch Arbeiten von El Greco, Edouard Manet, Paul Cézanne, Claude Monet und Pablo Picasso zu sehen. Bekanntestes Exponat ist „Der Schrei“ (1893) von Edvard Munch.

„Eintritt frei“ heißt es auch für den zentral gelegenen Frogner Park, wo der Bildhauer Gustaf Vigeland (1875-1948) mehr als 200 monumentale Skulpturen aufstellte. An warmen Tagen und vor allem am 17. Mai, dem Nationalfeiertag, verwandelt sich Oslos beliebteste Grünanlage in eine riesige Picknicklandschaft.

Empfehlenswert ist auch der Besuch der Museumshalbinsel „Bygdøy“. Hier befinden sich das Kontiki-Museum, zu dessen Schätzen unter anderem das Papyrusschiff zählt, mit dem Thor Heyerdahl 1970 von Marokko nach Barbados segelte, das Fram- und Wikingerschiffmuseum sowie das Freilichtmuseum, in dem man ohne Probleme einen ganzen Tag verbringen kann. „Während diese Museen allesamt kostenpflichtig sind, öffnen andere Sammlungen ihre Pforten gratis“, weiß die Studentin. So das Norwegische Architekturmuseum an der Kongens Gate, wo ein Streifzug durch 1.000 Jahre norwegische Baukunst unternommen werden kann, oder das Zollmuseum. Das Filmmuseum an der Dronningensgate arbeitet die Geschichte der bewegten Bilder anschaulich auf und verschafft einen Überblick über die Produktionen aus Norwegen. Frei zugänglich sind auch das Naturhistorische Museum und der angrenzende Botanische Garten. Allein der Alpengarten enthält mehr als tausend Pflanzen. Neben einem Duftgarten wachsen hier auch Pflanzen aus tropischen Gefilden.

Bei schlechtem Wetter lohnt ein Abstecher zur Deichmannske Bibliothek. „In dieser traditionsreichen, edlen Bibliothek findet man auch alle wichtigen internationalen Zeitschriften zur kostenlosen Lektüre“, so Peters, die sich hier regelmäßig über die wichtigsten Neuigkeiten aus Deutschland auf dem Laufenden hielt. Alternativ darf auch im Goethe-Institut im Stadtteil Grønland kostenlos in aktuellen Zeitungen und Zeitschriften gestöbert werden.

Als offener Geheimtipp unter den Studenten Oslos gilt eine kostenlose Fahrt mit dem Bus, der im Stundentakt vom alten Universitätsgebäude an der Karl Johanns Gate zum Möbelhaus Ikea verkehrt. Die Tour führt an einer Reihe von Sehenswürdigkeiten vorbei und verschafft einen guten Überblick über die einzelnen Stadtteile. Außerdem unschlagbar günstig: Das Mittagessen bei dem schwedischen Möbelgiganten.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007