12. Dezember 2009

Auch Nachahmen will gekonnt sein

Der Generikamarkt sucht Pillenversteher

Von Peter Trechow




02. Dezember 2008 
Generika machen hierzulande schon über die Hälfte des Gesamtumsatzes mit Arzneimitteln aus. Anders als oft vermutet, müssen auch die Hersteller dieser Nachahmerprodukte hohen Aufwand in Forschung, Entwicklung und Zulassung betreiben. Dafür suchen sie Pharmazeuten, Biologen, Chemiker, Biotechnologen und Mediziner. Bewerbungen von Absolventen sind willkommen.

„Es ist ein gängiges Vorurteil, dass Generikahersteller nur Medikamente nachbacken“, sagt Carola Frerker, Leiterin der Personalentwicklung bei Hexal. Die Realität sieht anders aus. Weil die Originalhersteller ihre Rezepturen auch nach Patentablauf hüten, ist per se eigene Entwicklung nötig. Zudem belassen es Generikahersteller selten beim Entschlüsseln der Originale. Sie entwickeln sie weiter, ändern häufig die Darreichungsform, und nicht zuletzt verlangen Behörden Nachweise über die exakte Mixtur. Die Generika dürfen sich nämlich im Körper der Patienten nicht anderes verhalten als die Originale.

Laut Verband Pro Generika machen 16 große, mittlere und kleine Unternehmen 90 Prozent des Markts mit den nachgemachten Medikamenten unter sich aus. Bei acht von zehn Verordnungen stehen heute solche Nachahmerprodukte bereit - Tendenz steigend. Bis Ende des Jahrzehnts läuft laut Pro Generika der Patentschutz für weitere 59 Wirkstoffe aus, deren Hersteller bislang 2 Milliarden Euro jährlich damit umsetzen. Big Business also. Generika machen über die Hälfte des Gesamtmarkts aus. Natürlich sind die Hersteller der Originalarzneien nicht begeistert von Nachahmern, die Jahre vor Patentablauf mit der Entwicklung beginnen, um gleich am ersten patentfreien Tag ein Generikum in den Markt zu bringen. Denn in der Entwicklung einer Originalarznei stecken im Schnitt zwölf Jahre Arbeit und 800 Millionen Euro Investition. Doch Generika sind unabdingbar, um die Kosten des Gesundheitssystems zu zügeln. Im Schnitt unterbieten sie die Originalpreise um die Hälfte, was auch die Originalhersteller zu deutlichen Preisnachlässen veranlasst.

Teilweise mischen diese selbst im Nachahmermarkt mit. Etwa die Novartis AG, die mit Sandoz und Hexal gleich zwei führende Generikamarken in ihren Reihen hat. Hexal gehört formal zu Sandoz, ist aber eine eigene Marke. „Marketing und Außendienst sind bewusst getrennt“, erklärt Carola Frerker, „aber Entwicklung, Produktion, Administration samt Personalwesen laufen zusammen.“ Bewerber können hier zwei Fliegen mit einer Mappe schlagen: Das Recruitment beider Marken ist zentralisiert.

Aktuell bietet die 23.000 mitarbeiterstarke Generikasparte vielfältige Einstiegsmöglichkeiten, vor allem für Absolventen aus Medizin, Biologie und verwandten Fächern. In Marketing und Außendienst werden sie als kompetente Ansprechpartner für Ärzte, Krankenhausmanager oder Apotheker gesucht, in der Zulassung managen sie die Kooperation mit Behörden der Zielmärkte und auch in Forschung, Entwicklung und Projektmanagement gibt es vielfältige Aufgaben für Hochschulabsolventen.

Um in der Branche Fuß zu fassen, sollten sie schon erste praktische Erfahrungen sowie gute Englisch- und PC-Kenntnisse mitbringen. Die Lernkurve der ersten Monate ist steil. Probleme in der täglichen Kommunikation führen schnell in die Bredouille. Zudem raten Personaler dringend, sich in Praktika oder Diplomarbeiten ein Bild von den möglichen Berufsprofilen zu machen, um die Weichen bewusst stellen zu können. Denn wer sich für Zulassung oder Marketing entscheidet, findet nur selten den Weg zurück in die wissenschaftlichen Sphären der Forschung und Entwicklung. Junge Naturwissenschaftler haben beim Einstieg die Qual der Wahl.

Meist dauern einfache „Nachbauten“ drei bis vier Jahre, in denen Entwicklung, klinische Studien und internationale Zulassung parallel laufen. „Wenn wir viel modifizieren, vergehen auch mal acht Jahre, ehe ein Medikament auf den Markt kommt“, berichtet Frerker. Noch länger dauert die Entwicklung sogenannter Biosimilars (preiswertere Biotech-Arzneien). Hier investieren auch Generikahersteller ein Jahrzehnt und länger. Bei solchen Laufzeiten erklärt sich der Bedarf an Naturwissenschaftlern von selbst. Und es wird klar, dass die Aufgaben deutlich über das reine Kopieren alter Pillen hinausgehen.

Diana Fischer arbeitet seit Oktober 2007 in der Analytischen Entwicklung bei Sandoz/Hexal. Schon im Studium absolvierte die Pharmazeutin Apotheken- und Industriepraktika. Anschließend hängte sie eine Promotion in Pharmazeutischer Technologie an. Heute leitet sie ein Team von Laboranten, das Teilaufgaben in verschiedensten Entwicklungsprojekten erledigt. Wenn es ihre Zeit erlaubt, streift sie selbst den Kittel über. Meist aber übernimmt sie die Koordination mit anderen Teams, klärt Aufgaben, Lösungsansätze oder plant Laborversuche. Anfangs geht es darum, die genaue Zusammensetzung der Originalprodukte zu analysieren. Wenn das Geheimnis gelüftet ist, entwickelt sie mit ihren Kollegen Prüfmethoden, um exakte Dosierungen sicherzustellen, Verunreinigungen auszuschließen und um die Herstellungsprozesse zu kontrollieren.

Solche Analysen reichen von der einfachen Dichtebestimmung über mikroskopische Untersuchungen hin bis zur Arbeit mit Hightech-Laborgeräten. „Mit einer solchen Ausstattung zu arbeiten ist natürlich etwas anderes als die Arbeit im Uni-Labor“, freut sie sich. Der Gerätepark lasse keine Wünsche offen. Auch die eigene Perspektive stimmt. Fischer arbeitet eng mit Entwicklern in Indien, Brasilien und Nordamerika zusammen - meist per Mail, Telefon oder Videokonferenz. Sie kann sich gut vorstellen, mehr zu reisen und mittelfristig auch ins Projektmanagement zu wechseln.

Eine solche koordinierende Rolle hat Eva Zorn schon inne. Die 25-jährige Pharmazeutin stieg letztes Jahr als Projektleiterin bei Ratiopharm ein, nachdem sie das Unternehmen schon als Praktikantin und während ihrer Diplomarbeit kennengelernt hatte. Jetzt betreut sie Projekte, die am kanadischen Entwicklungsstandort der Ulmer laufen. „Ich vermittle zwischen den Entwicklern dort und den Fachabteilungen in unserem Headquarter“, erklärt sie. Dazu gehöre es, ihre Kollegen in Patent- und Studienabteilung, Zulassung oder Marketing jeweils über den Fortgang der Projekte auf dem Laufenden zu halten und vor allem die Budgets und Zeitschienen im Blick zu behalten. Meist koordiniert sie mehrere Projekte zugleich und vermittelt in den verschiedenen Projektstadien zwischen Experten unterschiedlichster Disziplinen. Um als Einsteigerin im Projektalltag zu bestehen, bildet sie sich berufsbegleitend weiter. Gerade in Fragen des Projektmanagements biete Ratiopharm vielfältige Fortbildungsmöglichkeiten, sagt sie.

Weiterbildungsangebote sind natürlich ein Muss, wo viele Berufseinsteiger zu integrieren sind. „Wir stellen 40 bis 50 Naturwissenschaftler im Jahr ein“, erklärt Brigitte Stöber-Büchler, die Leiterin des Personalmarketings bei Ratiopharm. Gefragt sind hier menschlich und fachlich offene Pharmazeuten, Chemiker und Chemieingenieure. Weil sich die Prioritäten der Projekte häufig verschieben, sollten sie geistig flexibel und lernbereit sein.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 99, 2008, Seite 64
Bildmaterial: von Zubinski