22. August 2008

Campus-Export

Studieren an US-Universitäten in Europa

Von Anna Gielas




23. Juni 2008 
Die Boston University ist eine von rund 25 amerikanischen Universitäten, die einen Übersee-Campus in Europa besitzen, an dem europäische Studenten Bachelor- und Masterstudiengänge absolvieren können. Derzeit wachsen die Immatrikulationszahlen stetig, das Modell „Export-Uni wird zum neuen Trend.

Clara Scholz hat ihren Master of Science in Management an der Boston University abgeschlossen. Dabei ist die 26-Jährige nie in den USA gewesen. Multinational Tactics und andere Kurse hat Clara in Brüssel besucht, auf dem Overseas Campus der Boston University.


Ursprünglich war der Übersee-Campus nicht für europäische Studenten eingerichtet worden. Vielmehr sollte er angehenden amerikanischen Studenten einen Anreiz bieten, sich an dem Hauptcampus in Boston zu immatrikulieren. In den USA gilt es grundsätzlich als Pluspunkt für eine Hochschule, wenn sie ihren Studenten Auslandssemester in Übersee bieten kann, während derer sie nahtlos weiterstudieren und auf diese Weise einen Zeitverlust vermeiden können. Die Paul H. Nitze School of Advanced International Studies (SAIS) offerierte amerikanischen Studenten bereits im Jahr 1955 erste Kurse zu Internationalen Beziehungen. Mittlerweile können europäische Studenten am SAIS in Bologna Masterstudiengänge absolvieren - und das Studienangebot ist gefragt: Jährlich immatrikulieren sich Studenten aus 30 europäischen Staaten an dem SAIS-Overseas Campus. Ebenfalls in Italien bietet die John Cabot University seit 1972 Kurse und mittlerweile auch Bachelorstudiengänge an. Ihr Hauptcampus befindet sich in Delaware, an der US-amerikanischen Ostküste. Rund 7.000 Kilometer trennen ihn von dem italienischen Campus in Rom. Trotz unterschiedlicher Kontinente und verschiedener Gesetzgebungen zur akademischen Bildung wurden die John Cabot University und die SAIS als edukative Institutionen in Italien und aufgrund entsprechender EU-Regelungen auch europaweit anerkannt.

Das Studium an einem Übersee-Campus hat mehrere Vorteile gegenüber staatlichen deutschen Universitäten, einer liegt beispielsweise in der Kursstärke. In Claras Seminaren saßen kaum mehr als 15 Studenten. Damit wird das Studenten-Professoren-Verhältnis verbessert und eine individuelle Betreuung durch die Dozenten ermöglicht. Zudem verfügen die Lehrenden über breit gefächerte und in vielen Fällen jahrelange Praxiserfahrung, von der die Studenten profitieren können. Diese Praxiserfahrungen stehen im starken Kontrast zum deutschen öffentlichen Akademiewesen, das beispielsweise in puncto Geisteswissenschaften oftmals die Kritik einstecken muss, es sei weltfremd und nicht realitätsbezogen genug. Dagegen können Studenten am SAIS, die beispielsweise politische Wissenschaften studieren, dank praxiserprobter Professoren wertvolles Know-how aus Governance und Administration lernen.

Dennoch ist unklar, ob die ganze Qualität der amerikanischen Lehre, die in internationalen Rankings regelmäßig bescheinigt wird, tatsächlich exportiert werden kann. Die Universitäten betonen zwar, ihre europäischen Kurse seien genauso gut wie die amerikanischen, dennoch entsenden sie nur wenige ihrer Forscherkoryphäen nach Europa. Um diesen Mangel auszugleichen, nehmen die Universitäten nach eigenen Aussagen europäische Spitzenprofessoren und Experten der jeweiligen Disziplin unter Vertrag.

Bei der Selektion der Studenten sind die Ableger der US-amerikanischen Universitäten nach eigenen Angaben nicht minder wählerisch: Die Aufnahmekriterien diktieren in den meisten Fällen bestimmte Notendurchschnitte, außerdem werden Empfehlungsschreiben und weitere Unterlagen erwartet, die bei einer Immatrikulation an deutschen Universitäten nicht gang und gäbe sind. Trotz amerikanischer Aufnahmestandards sind die Studiengebühren an einem Übersee-Campus meistens moderater als in den USA. Clara hat für ihr gesamtes Studium insgesamt rund 21.000 Euro bezahlt. Diese Summe entspricht eher den Gebühren einiger deutscher Privatuniversitäten als den amerikanischer Hochschulen: Ein Boston-University-Student bezahlt am Hauptcampus pro Semester rund 18.000 Dollar.

Ein Übersee-Campus ist vor allem für diejenigen interessant, die später einmal in den USA Karriere machen möchten, aber beispielsweise nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel für ein Studium in den USA verfügen. Für sie kann das Übersee-Modell zu einem Sprungbrett in die Vereinigten Staaten werden.

Für Studenten, die eine akademische Laufbahn in den USA anstreben, können sich durch Studiengänge am Overseas Campus theoretisch die Türen zu Hochschulen in den USA öffnen: Wer beispielsweise in Bologna seinen Master macht und in den USA promovieren möchte, der hat gute Aussichten, zur Promotion am SAIS-Hauptcampus in Washington DC zugelassen zu werden.

Ob jedoch ein Studium an einem Übersee-Campus auch hilfreich für eine europaweite Karriere sein kann, ist fraglich: Die meisten Personaler in Deutschland und Europa haben noch nicht von dieser Studienmöglichkeit gehört. Daher werfen sich den Arbeitgebern bei einem Blick in die Bewerbungsmappe die Fragen auf, warum der Kandidat nicht einfach an einer europäischen Universität studiert hat oder aber, zumindest für einen Teil des Studiums, an eine Hochschule in den Vereinigten Staaten gegangen ist.

Die Entscheidung für oder gegen das Studium an einem Übersee-Campus will also gut überlegt sein. Und auch die Entscheidung zugunsten einer bestimmten Hochschule sollte erst nach sorgfältiger Recherche gefällt werden. Denn alle Anbieter suggerieren in bunten Bildern und werbeträchtigen Texten, ihre Ausbildung könne die beruflichen Aussichten erheblich verbessern. Aber kontinuierliche Statistiken über Alumni-Werdegänge werden an den meisten Übersee-Hochschulen erst seit kurzem erhoben und sind noch zu unvollständig, um eine klare Aussage über Vorteile des Studiums machen zu können. Meistens werben die Institutionen mit Lebensläufen einiger ausgesuchter Ehemaliger, deren Erfolge jedoch nicht generalisierbar sind.

Klarheit über die Vor- und Nachteile des Studiums an einem Übersee-Campus wird sich also erst in den kommenden Jahren herauskristallisieren. Der Trend des Campusexports bleibt trotzdem bestehen, und die Werbetrommeln der Hochschulen schlagen nicht nur in Europa laut: Die Boston University beispielsweise hat ihr Angebot mittlerweile auch auf Asien ausgeweitet und erfreut sich dort steigender Beliebtheit. Umgekehrt entdeckt auch Asien den lukrativen Trend für eigene Zwecke. Die Malaysian University zum Beispiel hat im vergangenen Jahr zwei „Ableger“ außerhalb Asiens errichtet, einer davon befindet sich in London. Laut Line Verbik, Research Manager beim Recruiting-Dienstleister Hobsons in Großbritannien, wird der Uni-Export in Zukunft zunehmend auf Interesse seitens europäischer Studenten stoßen.

Eine Auswahl amerikanischer Übersee-Institutionen in Europa:

Boston University Brussels
Brussels Graduate Center
Blvd. du Triomphe, 174,
Triomflaan
1160 Brüssel, Belgien
brussels@bu.edu http://www.bu.edu/brussels
Studiengebühren: zwischen 7.000 und 24.000 Euro pro Studiengang.*
Kurzinfo: Es werden mehrere Masterabschlüsse angeboten, unter anderem Master of Arts in International Relations sowie der Master of Science in Administrative Studies mit einem Schwerpunkt auf Financial Economics. Darüber hinaus können an dem Übersee-Campus auch einzelne Kurse belegt werden.

Huron University
46-47 Russell Square
Bloomsbury
London WC1B 4JP, Großbritannien
kkelawan@huron.ac.uk http://www.huron.ac.uk
Studiengebühren: Das akademische Jahr (neun Monate) kostet 12.500 britische Pfund.*
Kurzinfo:
Die Uni bietet vier Bachelor- und fünf Masterstudiengänge: BSc Business, BA International Relations, BA Communications und BA Humanities; MA International Relations, MA Diplomacy, MA Conflict Resolution, MA London Studies sowie den MA Global Political Economy.

John Cabot University
Via della Lungara 233
00165 Rom, Italien
admissions@johncabot.edu http://www.johncabot.edu
Studiengebühren: rund 6.500 Euro pro Semester*
Kurzinfo: Die Universität bietet neun Bachelorstudiengänge, unter anderem Economics and Finance. Es werden keine Masterprogramme durchgeführt, dafür Associate-of-Arts-Studiengänge. Der Associate-of-Arts-Abschluss wird von US-amerikanischen sowie kanadischen staatlichen und privaten Colleges verliehen, aber Vorsicht - er wird in Europa nicht als akademischer Grad anerkannt. Er wird jedoch als das Äquivalent zum britischen Foundation Degree und dem Diplme d'études universitaires générales (DEUG) betrachtet.

SAIS Bologna
Via Belmeloro, 11
40126 Bologna, Italien
Kontaktformular auf der Website http://www.jhubc.it
Studiengebühren: Ein akademisches Jahr (neun Monate) kostet 25.580 Euro.*
Kurzinfo: Angeboten werden drei unterschiedliche Masterstudiengänge, der Master of Arts in International Relations (M.A.), Master of Arts in International Affairs (MAIA) und der Master of Arts in Public Policy (MIPP). Außerdem wird auch ein einjähriger Lehrgang zu Internationalen Studien angeboten (One-Year Diploma in International Studies). Außerdem werden zwei zwischen-institutionelle Masterstudiengänge angeboten: Das MAIA-MBA Programm ist eine Kooperation zwischen dem SAIS Bologna und der Bocconi School of Management sowie ein MAIA-MAIS Programm, bei dem das SAIS mit der Diplomatischen Akademie in Wien kooperiert.

Georgia Tech Lorraine
2-3 Rue Marconi
57070 Metz, Frankreich
info@georgiatech-metz.fr
http://www.georgiatech-metz.fr
Studiengebühren: zwischen 2.800 und 4.000 US-Dollar pro Semester*
Kurzinfo: Am Georgia Tech in Metz können Studenten zwischen dem Master of Science (MS) oder dem Master of Science in Mechanical Engineering (MSME) wählen. Außerdem steht das Double-Degree-Programm zur Wahl und bietet einen zweifachen Masterabschluss, den amerikanischen von der Georgia Tech University sowie einen französischen. Darüber hinaus können Sommerkurse besucht werden.

Saint Louis University
Madrid Campus
Avda. Del Valle 34
28003 Madrid, Spanien
admissions@madrid.slu.edu http://spain.slu.edu/index.html
Studiengebühren: 7.400 Euro pro Semester*
Kurzinfo: Der Overseas-Campus bietet Masterstudiengänge der spanischen und englischen Sprache an. Außerdem gibt es die Wahl zwischen sieben Bachelorstudiengängen: Economics, International Business, English, International Communication, International Nursing, International Relations und Spanish Language and Literature.

American University
6, rue du Colonel Combes
75007 Paris, Frankreich
admissions@aup.edu http:// http://www.aup.fr
Studiengebühren: Ein akademisches Jahr kostet rund 34.000 Euro.*
Kurzinfo: Neben einer großen Aus-wahl einzelner (Sommer-)Kurse und 12 Undergraduate-Programmen (Bachelor) werden sechs Masterstudiengänge angeboten, unter anderem der Master of Arts in Middle East and Islamic Studies sowie Master of Public Administration in Strategic Public Policy.

*Die Studiengebühren sowie die Aufnahmekriterien können zwischen den jeweiligen Studiengängen und (Sommer-)Kursen variieren, genaue Informationen gibt es auf den jeweiligen Webseiten.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 119
Bildmaterial: Dana Zimmerling