12. Dezember 2009

Angespannter Arbeitsmarkt in der Medienbranche

Traumberufe mit Tücken

Von Peter Trechow



20. November 2006 Die flaue Konjunktur der letzten Jahre hat die Medienbranche in ein Tief gerissen. Redaktionen schrumpften, freie Journalisten hatten weniger Aufträge, Verlage rangen mit der Insolvenz, und selbst im PR- und Werbebereich ging nicht viel. Die Stimmung hat sich zwar verbessert. Doch in Stellenangeboten schlägt sich das nicht nieder.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verkündet einen „spürbaren Aufwind“. Holger Jung, Präsident des Gesamtverbands der Kommunikationsagenturen verkündet: „Der Stimmungswandel macht Mut.“ Marktforscher registrieren seit 2003 kontinuierlich steigende Werbeeinnahmen der Medienwirtschaft. Kein Zweifel, die Talsohle der Jahre 2001 und 2002 ist durchschritten.

Doch wird damit alles gut für Medienschaffende? Laut Analysen des Börsenvereins melden vor allem Kleinverlage mit 250.000 bis 500.000 Euro Umsatz wieder gesundes Wachstum. Zeitschriftenverlage dieser Größe legten 2005 um über 25 Prozent zu. Doch Stellen schaffen sie deshalb noch lange nicht. Was auf Honorarbasis zu machen ist, wird von Freien gemacht. Ihre Zahl hat sich seit 1997 mehr als verdoppelt und wächst weiter. Was die Unternehmen der Medienwirtschaft wiederum gern sehen - müssen sie doch die Freien in Saure-Gurken-Zeiten nicht mitziehen und für deren Lohnnebenkosten aufkommen.

Trotz der Wachstumsprognosen der Marktforscher steht die Medienwirtschaft auf wackeligen Beinen. Der Arbeitsmarkt für Journalisten ist angespannt, meldet die Bundesagentur für Arbeit (BA) und stellt ihrer Informationsschrift für Journalisten ein Zitat der taz voran: „Als einzig krisenfest erweist sich im Journalismus nur der Ansturm auf die Ausbildungsplätze.“ Tatsächlich sind die Fakten bitter. Für 30 Studienplätze des Kölner FH-Studiengangs zum „Online-Redakteur“ stehen jährlich 300 Bewerber Schlange. Beim Bayrischen Rundfunk (BR) bewerben sich Hunderte auf 24 Volontariate. Und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) rühmt sich auf seinen Webseiten der zehn Programm-Volontariate, die er jeweils im April anbietet: „Damit haben wir unser Ausbildungsangebot für das Programmvolontariat um 50 Prozent gesteigert.“

Selbst die wenigen Auserwählten werden im Anschluß an ihre Ausbildung nur selten übernommen. Beim BR arbeiten Ex-Volontäre meist als Freie, und der WDR erklärt wachsweich, zwar Interesse daran zu haben, die Volontäre nach erfolgreich absolvierter Ausbildung zu übernehmen, fügt aber ausdrücklich an: „Eine Verpflichtung besteht jedoch nicht.“ Hunderte Interessenten für wenige Plätze - das ist ein durchgängiges Motiv bei den etwa 2.400 Volontariaten in Presse und Rundfunk, die laut Deutschem Journalistenverband (djv) jährlich angeboten werden. Und in den seltensten Fällen werden Volontäre übernommen. So wächst das Heer der Freien. „Über ein Drittel der hauptberuflichen Journalisten sind hierzulande Freiberufler, Tendenz steigend“, meldet der djv. Daneben gebe es viele Nebenberufler, die Zweit- und Drittjobs annehmen. Über 7.000 Journalisten sind es leid, am Gerangel um Jobs und Aufträge teilzunehmen. Sie haben sich arbeitslos gemeldet. Der djv geht von einer sehr viel höheren verdeckten Arbeitslosigkeit aus.

Auch die Bundesagentur für Arbeit zeichnet den Jobmarkt für Journalisten in düsteren Farben: „Selbst erfahrene, langjährig bewährte Fachjournalisten haben ihre Arbeitsplätze verloren und konkurrieren nun mit Absolventen von Journalistenschulen um Aufträge“. Mehr denn je verlagerten Medien ihre Arbeit aus Kostengründen an Freiberufler. Fazit: Abgeschlossenes Studium, Volontariat oder Journalistenschule sind keine Garantie mehr für eine vernünftige Existenzgrundlage. Der Berufseinstieg im Rahmen höchst ungesicherter Zukunftsperspektiven auf Honorarbasis ist zur Zeit die Regel, auf die sich die meisten Nachwuchsjournalisten einstellen müssen.

„Über ein Drittel der hauptberuflichen Journalisten sind hierzulande Freiberufler, Tendenz steigend.“

Ungeachtet der schlechten Aussichten ist der Zustrom in den Trendberuf Journalismus seit Jahren ungebremst. Der djv zählt 10 Journalistenschulen, 19 praxisnahe und 50 theoretische Medienstudiengänge - und alle sind überlaufen. Weil der Arbeitsmarkt die Absolventen längst nicht mehr aufnimmt, versuchen viele, in PR- und Werbeagenturen auszuweichen. Der Werbemarkt gibt sich entspannt und aufnahmefähig. Laut Nielsen Media Research legte er 2005 zum dritten Mal in Folge auf hohem Niveau zu (plus 5,3 Prozent auf 19,1 Milliarden Euro). In diesem Jahr erwarten die Marktforscher wegen der Fußball-WM sogar bis zu 8 Prozent Bruttowachstum.

Doch in PR und Werbung ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch hier stehen Bewerber Schlange: So berichtet Inka Wittmann, Personalleiterin der Agentur Jung von Matt, daß ungefähr 20 Bewerbungen pro Tag bei ihr eingehen, jährlich sammeln sich also über 5.000 Anfragen an. Und so sehr die 550 Mitarbeiter starke Agentur auch auf frische Nachwuchskräfte baut, maximal ist allenfalls für 75 Einsteiger pro Jahr Platz. Sandra von Eicken, Leiterin Human Resources der Düsseldorfer Agentur BBDO, zeichnet ein ähnliches Bild. „Angesichts der Mengen eingehender Bewerbungen kann ich keine Entspannung am Arbeitsmarkt erkennen“, erklärt sie.

Gerade in den bekannten Agenturen hängen die Trauben für kreative Quereinsteiger hoch. Agenturerfahrungen sind ein Muß in der Werbebranche. Wer sie nicht hat, kann sich zwar durch einen hellen Geist empfehlen, muß aber das Versäumte nachholen. Selbst Absolventen mit bestem Abschluß fangen ganz unten an: als Praktikanten, denen renommierte Agenturen zumindest 500 Euro im Monat zahlen, wohingegen die vielen unbekannten Agenturen ihre Praktikanten gern auch ohne Bezahlung arbeiten lassen. Praktika dauern in der Regel drei bis sechs Monate und können das Sprungbrett in einen festen Job sein - sofern eine Stelle offen ist.

Die positive Geschäftsentwicklung der Werbewirtschaft zeigt natürlich auch in Presse, Rundfunk und Fernsehen Wirkung. Die Werbeumsätze der Fernsehwirtschaft stiegen 2005 um über 4 Prozent, bei Tageszeitung gingen sie um fast ein Zehntel aufwärts, und Radiosender verbuchten zuletzt nahezu 16 Prozent Plus. Trotzdem bleibt die Medienwirtschaft verhalten. Die in den Krisenjahren 2001 und 2002 verkleinerten Redaktionen werden nicht aufgestockt, und wenn überhaupt, stellen Verlage und Sender Mitarbeiter für ihre Online-Angebote ein.

Das Zögern hat seine Ursache in einem langfristigen Strukturwandel, den die Verantwortlichen kaum einschätzen können. Gerade die Printmedien spüren die Konkurrenz durch das Internet. Immer mehr Kunden beziehen Informationen online, wo sie kostenlos und aktueller sind, als Zeitungen sie bieten können. Diverse Studien, darunter die Allensbacher Computer- und Telekommunikations-Analyse, zeigen deutlich, daß gerade die jüngeren Mediennutzer sich parallel im Internet informieren und oft sogar ausschließlich Online-Quellen anzapfen. Dazu passend sinken die Auflagen der Printausgaben von Tageszeitungen und Zeitschriften, während die Klickraten und Besucherzahlen immer neue Rekorde brechen.

Entsprechend wächst der Bedarf an Spezialisten, die in der Lage sind, Webseiten konzeptionell und inhaltlich zu gestalten. „Um der rasanten Entwicklung im Internet folgen zu können, werden von den Einsteigern neben journalistischem Gespür und Know-how vor allem fundierte technische Kenntnisse verlangt“, weiß Prof. Konrad Scherfer, der Leiter des Kölner Studiengangs „Online-Redakteur“. Die Ausbildung fährt bewußt zweigleisig und bereitet Studenten auf journalistische Tätigkeiten und PR-Arbeit vor. Denn Scherfer sieht gerade in der Wirtschaft großen Bedarf an ausgebildeten Online-Redakteuren, weil Unternehmen der Gestaltung ihrer Webseiten immer höheren Wert beimessen; schließlich gewinnen viele Kunden ihren ersten Eindruck von Unternehmen über deren Internetpräsenz.

„Wenn es mal eine Einstellung gab, dann in den Online-Redaktionen.“

Ein Jobwunder im Online-Journalismus ist nach Einschätzung des djv-Experten Michael Klehm aber kaum zu erwarten. Er geht davon aus, daß auch hier vor allem freie Mitarbeiter zum Einsatz kommen und wenige festangestellte Redakteure die Inhalte koordinieren. Scherfers Optimismus teilt er nicht. „Die Gestaltung von Unternehmenswebseiten lag bisher in Händen ihrer Pressestellen, und ich wüßte nicht, warum sich das ändern sollte“, sagt er. Das Internet sei ein zusätzlicher Informationskanal, den Verlage, Sender oder Unternehmen parallel zu ihren bisherigen Angeboten bedienen werden. Soweit irgend möglich würden sie Inhalte cross-medial aufbereiten und dabei ihre bestehenden Redaktionsapparate dabei möglichst effizient einsetzen. Allerdings räumt er ein, daß der Online-Bereich verglichen mit dem Rest der Medienlandschaft zuletzt noch am lebendigsten war: „Wenn es mal eine Einstellung gab, dann in den Online-Redaktionen.“

Der einzige wirklich entspannte Teilarbeitsmarkt in der Medienbranche dürfte die Technische Redaktion sein. In der Zwitterdisziplin zwischen Kommunikation und Technik herrscht seit Jahren akuter Fachkräftemangel. Doch müssen Journalisten und Geisteswissenschaftler hart arbeiten, um sich die nötigen technischen Grundlagen zu verschaffen. Quereinsteiger aus den Ingenieurwissenschaften haben es nach einhelliger Expertenmeinung viel leichter, in dem Beruf Fuß zu fassen. Wer es dennoch schafft, aus dem Journalistenlager in die von Normen und Richtlinien geprägte Technische Redaktion zu wechseln, findet in der Regel die Sicherheit einer festen Stelle. Doch der Traum vom Journalismus ist dann endgültig geplatzt.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 87, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
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