11. Oktober 2008

Zu hoch, zu gepresst, zu leise

Die Stimme – der verkannte Erfolgsfaktor

Von Anne Jacoby




20. März 2006 
Mit einer wohlklingenden, vollen Stimme setzen Sie sich viel leichter durch als mit Gepiepse und Genuschel. Gut zu wissen: Eine schöne Stimme ist kein Schicksal, sondern eine Sache des Trainings.

Sprechen? Das kann doch jeder! Aber wenn Sie in einen Beruf starten, in dem Sie viel sprechen müssen, stoßen Sie schnell an Ihre Grenzen: Als Lehrer ärgern Sie sich zum Beispiel, daß Schüler Ihre Schnarrstimme imitieren. Wenn Sie im Verkauf arbeiten, reden Sie sich jeden Tag heiser. Als Trainee wundern Sie sich, daß Ihre konstruktiven Vorschläge in Meetings jedes Mal überhört werden. Wenn Probleme wie diese auftauchen, stimmt etwas mit Ihrer Stimme nicht. Langfristig kann das zu Schäden an Ihren Stimmbändern führen - im schlimmsten Fall. Und täglich machen Sie sich damit das Leben schwer. Denn laut einer Studie des Soziolinguisten Albert Mehrabian hängt die Wirkung von Menschen zu 55 Prozent von ihrem Aussehen und Verhalten, zu 38 Prozent von ihrer Stimme und nur zu 7 Prozent vom Inhalt dessen ab, was sie gesagt haben.

„Die Stimme muß stimmig sein“, erklärt Gisela Jörgens, diplomierte Opernsängerin und Sprechtrainerin aus Frankfurt am Main. „Wenn Ihre Stimme genau das rüberbringt, was Sie ausdrücken möchten, fühlen sich Ihre Zuhörer wohl und folgen Ihnen gern.“ Paßt das, was Sie sagen, nicht zu dem, wie Sie es sagen, reagieren Gesprächspartner irritiert oder sogar mit Ablehnung. Das gleiche gilt, wenn Ihre Stimme nicht zu Ihnen paßt: „Frauen in Männerberufen sprechen oft viel zu tief“, weiß Gisela Jörgens aus ihrer Praxis. Aber der Versuch, mit einer hohen Stimme stimmgewaltig „ihren Mann“ im Job stehen zu wollen, führt bei Frauen leider nicht zu höheren Werten auf der Autoritäts- und Cheftauglicheitsskala. Im Gegenteil: Sie wirken gekünstelt und ruinieren sich auch noch ihr Sprechorgan. „Statt besonders tief, sollten Frauen lieber deutlich sprechen“, sagt die Trainerin mit ihrer klaren Sopranstimme. Eine solche Sprechweise stehe mindestens ebenso für Überzeugungsstärke und Kompetenz.

„Die Stimme muß stimmig sein.“

„Viel zu schnell, viel zu hastig“ wird nach Erfahrung von Gisela Jörgens gesprochen - und das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Ein Beispiel: Wer sich beim Sprechen keine Zeit für Pausen nimmt, kann nur noch flach atmen, was zu monotonem Sprechen führt, was garantiert langweilig wirkt und auch durch ein noch schnelleres Sprechtempo nicht interessanter wird. Besser wird es so: Senken Sie am Ende jedes Satzes Ihre Stimme. Gönnen Sie sich Pausen, denn Pausen unterstreichen Ihre Aussagen. Variieren Sie Sprechtempo, Sprachmelodie und Satzlängen.

Der Haken: Tips wie diese kann man hundert Mal lesen und trotzdem nicht umsetzen. Deshalb hilft gegen Gießkannenstimme, Gepiepse und Genuschel nur ein Training beim Profi. Der sollte ganz individuell auf die Herausforderungen der einzelnen Stimme eingehen. „Vor allem braucht ein Sprechtrainer gute Ohren und viel Einfühlungsvermögen“, sagt Gisela Jörgens. Ob er oder sie Gesang studiert hat, Schauspiel oder Sprecherziehung, sei dabei nicht ausschlaggebend.
Ein wichtiges Ziel des Sprechtrainings ist es, den sogenannten Eigenton eines Menschen herauszufinden - im Fachjargon: seine Indifferenzlage. Das ist die Stimmlage, in der das Sprechen am wenigsten anstrengend ist und die Stimme schön und voll klingen kann. Sie befindet sich im unteren Drittel der Sprechstimme. Um diese Lage pendeln wir im Idealfall beim Sprechen und finden immer wieder zu ihr zurück.

Wer zu hoch oder zu tief, zu leise oder zu gepreßt, zu laut oder zu undeutlich spricht, kann im Sprechtraining andere Ausdrucksmöglichkeiten ausprobieren. Wobei das gar nicht so einfach ist: Eine schüchterne Mitarbeiterin weicht womöglich vor ihrer voluminösen Altstimme zurück - mit der sie die langersehnte Gehaltsforderung locker durchsetzen könnte. Und ein Nuscheler erschrickt vor seiner messerscharfen Rhetorik, sobald er sie deutlich ausspricht.

„Stimmtraining erfordert Mut“, bringt Jörgens den engen Zusammenhang zwischen Stimme und Persönlichkeit auf den Punkt. Gerade deshalb bringt es auch mehr als schönen Schall.

Link-Tips: www.stimme-trainieren.de (Einzel- und Gruppentrainings) www.wort-und-ton.de (kombinierte Sprech- und Rhetoriktrainings)

Stimme weg? Erste Hilfe für Präsentationen und Vorträge

Überdruck ablassen
Gehen Sie auf und ab, um Ihre Nervosität abfließen zu lassen. Ballen Sie eine Hand ganz fest zur Faust, atmen Sie dabei weiter. Lösen Sie dann die Spannung - Sie atmen automatisch tief durch.

Stimmlage finden
Wenn Sie summen (hmmmmmmm), spüren Sie die Resonanzräume Ihrer Stimme. Horchen Sie in sich hinein und Sie finden Ihre bequeme Lage zum Sprechen.

Verspannungen lösen
Mit hochgezogenen Schultern und verbissenem Kiefer klingen Sie verkrampft und gepreßt. Dagegen hilft Räkeln, Gähnen und tiefes Ein- und Ausatmen.

Sich warm sprechen
Eine gute Grundspannung und Beweglichkeit der Lippen und der Zunge sorgt für eine gute Artikulation. Um die Sprechwerkzeuge warm zu turnen, eignen sich Sätze wie Tante Trude tanzt Tango, Twist und Tarantella.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor