11. Oktober 2008

Spagat zwischen Kader und Studium

Wo Olympiasieger und Weltmeister studieren

Von Gunda Achterhold



Als Handballer kann man gut von dem Geld leben, das man verdient. Aber ich weiß auch, dass man nie so viel zusammenkriegen wird, dass man ausgesorgt hat.
29. Oktober 2007 
Über „die Zeit danach“ denken Athleten nicht gerne nach. Mit dem Bachelor of Arts in International Management hat die FH Ansbach eine Mischung aus E-Learning und Präsenzphasen entworfen, die auf Wettkämpfe und Trainingszeiten Rücksicht nimmt.

Walter Kiel wischt sich den Schweiß von der Stirn. Vier Stunden Betriebliche Mathematik sind auch für den Wirtschaftsprofessor und Dekan der Fachhochschule Ansbach kein Pappenstiel. Die Tafel ist übersät mit Zahlen und Formeln, die Luft steht im Raum. Aber mit hohen Anforderungen kennen sich diese Studenten schließlich aus. Alle Teilnehmer des Studiengangs „Bachelor of Arts in International Management“ (BIM) sind Spitzensportler. „Den Unterschied zu anderen Studenten spürt man deutlich“, stellt Wirtschaftswissenschaftler Kiel fest. Präsenzveranstaltungen sind für die Athleten ein seltener Luxus. „Sie nutzen diese Zeit so gut wie möglich und arbeiten ausgesprochen effektiv.“ Für die meisten der Studenten geht es nach dem Seminar direkt wieder nach Hause. Nach drei Tagen im niederbayerischen Ansbach kehren sie zu ihren Olympiastützpunkten zurück. Auch Julian Musiol packt rasch seinen Rucksack zusammen, um nicht in den Nachmittagsstau zu geraten. Der 21 Jahre alte Wintersportler macht sich auf den Weg ins thüringische Oberhof, wo er am Abend schon wieder sein Training absolvieren will.

Wenn man den ganzen Tag trainiert hat, ist man häufig viel zu ausgelaugt. Man liest etwas - und hat am Ende gar nichts mitgekriegt. Skialpinläuferin Petra Haltmayr

Spitzensport und Studium? Bis auf wenige Ausnahmen ging das bislang kaum zusammen. Oliver Bierhoff und Katja Seitzinger, beide erfolgreiche Absolventen der Fernuni Hagen, sind absolute Ausnahmen. Ein konventionelles Studium lässt sich mit dem Trainings- und Wettkampfkalendern selten vereinbaren. Schon wegen unflexibler Prüfungstermine. „Mit dem Ende ihrer Karriere setzen sich aktive Sportler nicht gerne auseinander“, sagt Bernd Heesen, Studiengangleiter des 2006 eingerichteten Ansbacher Modells. „Erfolgreiche Athleten und Athletinnen fallen deshalb nach dem Ende ihrer aktiven Zeit oft in ein berufliches Loch, weil sie sich nicht rechtzeitig um eine Perspektive gekümmert haben.“ Mit dem ganz auf die Bedürfnisse von Leistungssportlern zugeschnittenen BIM könnte sich ein Bewusstseinswandel anbahnen. Derzeit studieren 53 Nationalkaderathleten aus 15 der 20 Olympiastützpunkte in den roten Backsteingebäuden der ehemaligen Ulanen-Kaserne. Darunter so bekannte Namen wie Kati Wilhelm, der mehrfachen Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Biathlon. Vom Fechten übers Segeln bis hin zum Handball und Eishockey: In den beiden ersten Jahrgängen sind insgesamt 23 unterschiedliche Sommer- und Wintersportarten vertreten. Zulassungsberechtigt sind ausschließlich aktuelle oder ehemalige Bundeskaderathleten der olympischen Fachverbände. Für die kommende „Saison“ werden auch zwei Fußballbundesligaspieler erwartet.

„Erfolgreiche Athleten und Athletinnen fallen nach dem Ende ihrer aktiven Zeit oft in ein berufliches Loch, weil sie sich nicht rechtzeitig um eine Perspektive gekümmert haben.“

Den Unterschied zu anderen Studenten spürt man deutlich. Spitzensportler nutzen ihre Zeit so gut wie möglich und arbeiten ausgesprochen effektiv. Julian Musiol, Skispringer

„Der Sport steht für sie alle an erster Stelle“, betont Heesen. „Die haben zum Teil 20 Jahre alles dafür getan, um in ihrer Disziplin ganz oben zu sein - das stellt keiner von ihnen in Frage.“ Die Prioritäten sind klar: Das Studium wird an die durch den Sport vorgegebenen Rahmenbedingungen angepasst. „Die Studierenden können sich das Studium so dosieren, wie es sich mit allen anderen Verpflichtungen am besten arrangieren lässt“, erklärt der breitschultrige und sportlich wirkende Studiengangleiter, der selbst jahrelang im Tennissport aktiv war. Präsenzzeiten können ganz individuell aus dem Kursangebot gewählt und von Semester zu Semester variiert werden. „Nach Plan wäre das Studium in vier Jahren zu schaffen, aber wir erwarten eher einen Durchschnitt von neun bis
zehn Semestern.“ Die Athleten zahlen einen Semesterbeitrag von 400 Euro - wie alle anderen Studenten der FH Ansbach auch. Bevor er mit der logistischen Feinplanung beginnt, analysiert Heesen die Trainings- und Wettkampftermine aller Studenten, um möglichst günstige Termine für die kursabschließenden Präsenzphasen zu finden. Ganz entscheidender Vorteil des neuen Studiengangs: Prüfungstermine werden in jedem Monat angeboten.

„Ich wollte immer studieren, am liebsten Architektur“, erzählt Skispringer Julian Musiol. „Aber an einer normalen Uni wäre das nicht möglich gewesen - nur wenn der Sport leidet.“ Jetzt ist es ein Wirtschaftsstudium geworden. Schlicht und ergreifend deshalb, weil es keine Alternativen gibt. Zwei bis drei Trainingseinheiten absolviert der junge Skispringer aus dem deutschen B-Kader jeden Tag, auch am Wochenende. Koordination, Krafttraining, Technik. Zum Lernen kommt der Nachwuchsathlet erst nach 20 Uhr. Doch die Doppelbelastung ist für ihn nichts Neues. Musiol hat sein Abi an einem Sportgymnasium gemacht. „Da wurde allerdings klar vorgegeben, was und vor allem wann etwas zu erledigen war“, so der Thüringer. „Im Studium gibt es keinen Druck von außen, da muss man sich jeden Tag selbst hinsetzen und was tun.“ Die Disziplin bringt er auf. Schließlich hat er sich ganz bewusst eine Beschäftigung außerhalb des Sports gesucht. „Ich habe am Abend ein, zwei Stunden Zeit, mit denen ich etwas Sinnvolles anfangen will“, erklärt er. International Business, Betriebswirtschaft oder Sport-Marketing bringen ihn nach der körperlichen Anstrengung auf andere Gedanken. „Nach dem Abendtraining noch darüber nachzugrübeln, wie es gelaufen ist, wäre absolut kontraproduktiv.“

Doch nur wenige der BIM-Studenten kommen frisch von der Schule und sind das Lernen noch gewohnt. „Ich habe in der letzten Zeit sehr oft Kopfschmerzen“, sagt Skilangläuferin Manuela Henkel, mehrfache deutsche Meisterin, Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Langstaffellauf. „Für mich ist es eine Riesenumstellung, auf einmal so lange stillzusitzen und mich zu konzentrieren.“ Gemeinsam mit dem Biathleten Björn Weisheit nutzt sie den Seminartag in Ansbach, um mit Studiengangleiter Heesen eine Arbeit zum Thema Unternehmertum zu besprechen. „Dafür sind wir ja bestens präpariert“, witzelt Weisheit, der als Cheftechniker beim Deutschen Skiverband für ein möglichst optimales Skimaterial der Biathleten sorgt. „Im Grunde genommen ist doch jeder Sportler ein kleiner Unternehmer.“ Für Erstsemesterin Henkel wird es im Wintersemester noch schwieriger, an den Präsenzveranstaltungen teilzunehmen, ihr Kalender ist voll. „Wenn ich hier mit einem Jetlag ankomme, bringt das ja auch nichts“, sinniert die Langläuferin und wirkt dabei ein wenig ratlos. Denn eigentlich ist es ihr extrem wichtig, an den Vorlesungen teilzunehmen. „Ich bin schon so lange raus“, sagt die 33-Jährige. „Im persönlichen Austausch fällt es mir hier viel leichter, Zusammenhänge zu verstehen, als allein vor dem Computer.“ Was dafür häufig auf der Strecke bleibt, ist die Entspannung. „Das ist jetzt eigentlich meine trainingsfreie Zeit, in der sich meine Kollegen erholen“, seufzt Henkel. An diesem Abend wird sie es allerdings ruhig angehen lassen. „So viel muss heute nicht mehr sein, dafür mache ich lieber morgen eine ordentliche Einheit.“

Bernd Heesen weiß, wie anspruchsvoll der Spagat zwischen Kader und Studium auch künftig bleiben wird. „Unsere Studenten operieren an der Grenze“, räumt er ein. Das schafft nicht jeder, ohne einen Leistungsabfall im Sport zu riskieren. 10 von 33 Teilnehmern des ersten Jahrgangs haben die Uni bereits wieder verlassen. Ein relativ hoher Anteil, das sieht auch Heesen. „Aber wir wollen kein Studium light“, betont er und zählt die positiven Skills der Sportler auf: Sie bringen internationale Erfahrung und kulturelle Offenheit ebenso mit wie Ehrgeiz, Disziplin und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten. „Sie sind es gewohnt, sich durchbeißen zu müssen“, stellt der Professor fest. Erfolgreiche Beispiele geben ihm recht. Jahrelang war Skialpinläuferin Petra Haltmayr im A-Kader erfolgreich auf den Pisten unterwegs. In Ansbach gehört die 31-Jährige zum ersten Jahrgang. Als der Bachelorstudiengang für Spitzensportler etabliert wurde, machte sich die Sportlerin bereits Gedanken über die Zeit danach. Ein, zwei Jahre wollte sie noch in der ersten Reihe bleiben. Im März ist sie ihr letztes Weltcup-Rennen gefahren und trainiert seitdem vor allem im Kraftraum und auf dem Fahrrad.

„Wenn man 15 Jahre professionell Rennen gefahren ist, kann man schließlich nicht so einfach aufhören“, erklärt sie. So richtig erleichtert fühlt sich die ehemalige Spitzensportlerin noch nicht. „Eigentlich habe ich jetzt mehr Zeit für das Studium, aber ich bin diese Doppelbelastung so gewohnt, dass ich mir immer wieder neue Projekte suche, die mich fordern“, lacht die Allgäuerin. Immerhin fällt das ständige Reisen weg. „Wintersportler sind viel unterwegs“, erklärt Haltmayr. „Gerade im Sommer reisen wir dem Schnee hinterher und sind oft wochenlang weg.“ Und nicht von überall aus lässt sich zwanglos eine Internetverbindung herstellen, um die Angebote des E-Learning auch tatsächlich zu nutzen. Petra Haltmayr hatte dafür internen Support. Eine junge Teamkollegin brachte frisches Wissen aus ihrem Mathe-LK mit und half bei Bedarf gerne weiter. „Wenn man den ganzen Tag trainiert hat, ist man aber häufig viel zu ausgelaugt“, räumt die Sportlerin ein. „Man liest etwas - und hat am Ende gar nichts mitgekriegt.“ Die Kommilitonen am Tisch in der Mensa nicken. Den Zustand kennen alle nur zu gut. „Im Wintersemester habe ich gleich ein Fach weggelassen“, sagt Rodler Jan Eichhorn. Und sein Nachbar, Eishockeyspieler Andi Dörfler, bestätigt: „Während der Wettkämpfe mache ich gar nichts.“

Die Stimmung ist gut an den langen Tischen in der Mensa. Die Präsenzphasen der athletischen Managementstudenten zeichnen sich zwar nicht unbedingt am Speiseplan ab, die meisten haben sich für Backfisch entschieden. Dafür ist das Salatbüffet in den Blockwochen der Spitzensportler besonders üppig bestückt. Auch wenn viele der BIM-Teilnehmer über Wochen oder Monate ausschließlich virtuell oder telefonisch Austausch miteinander pflegen, ist der Umgangston locker. Jeder kennt jeden. Handballer Christian Rose findet die Kombination aus E-Learning und Präsenzzeiten in überschaubaren Gruppen optimal. Das klassische BWL-Studium, direkt nach dem Wirtschaftsabi, hat er schnell wieder geschmissen. „Ich war vom Kopf her auf etwas ganz anderes eingestellt, nicht auf dieses typische Aussieben im Grundstudium mit vorwiegend überfüllten Hörsälen und eher uninteressanten Kursen“, sagt der gebürtige Coburger, der 69 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft bestritten hat und heute im schweizerischen Schaffhausen spielt. Stattdessen hat er eine kaufmännische Lehre bei Puma gemacht. Danach ging es ohnehin erst mal sportlich steil nach oben. Acht bis neun Einheiten à zwei Stunden trainiert der hochgewachsene Rückraumspieler pro Woche.

„Man hat aber eigentlich trotzdem zwischendurch seine Freizeit“, so der 30-Jährige. „Zumal in der Schweiz bei weitem nicht so viele Repräsentationsverpflichtungen für Sponsoren anfallen.“ Ein reines Fernstudium wäre für ihn allerdings gar nicht in Frage gekommen. „Das geht vom Typ her nicht“, erklärt Christian Rose. „Ich bin Mannschaftsspieler und brauche ab und zu Leute um mich herum.“ Ein bis zwei Stunden täglich verbringt der Handballer am Schreibtisch beziehungsweise vor dem Computer. Ob dieser Zeitaufwand auch in den höheren Semestern reichen wird, bezweifelt er. „Noch profitiere ich von meinen Vorkenntnissen, durch Wirtschaftsabi und Lehre.“ Trotzdem ist er optimistisch, dass er den Bachelor schaffen wird. Vielleicht ist es auch eine Frage der Einstellung, mit langfristigen Investitionen kennt sich der angehende Managementexperte schließlich aus. „Als Handballer kann man gut von dem Geld leben, das man verdient“, betont der ehemalige Nationalspieler. „Aber ich weiß auch, dass man nie so viel zusammenkriegen wird, dass man ausgesorgt hat.“

Kontakt:
Fachhochschule Ansbach
Kristina Macan-Greve
Assistenz der Studiengangleitung
Residenzstraße 8
91522 Ansbach
Tel.: 0981/4877-378
bwl4sport@fh-ansbach.de

Nicht nur gut für Spitzensportler
Die Fachhochschule Ansbach ist eine von sieben Hochschulen in der Region Nürnberg. Wenn es um ein Studium der Betriebswirtschaft geht, schneidet die von 1.500 Studenten besuchte FH im CHE-Ranking auch bundesweit gut ab. Bestnoten sicherten sich der Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden, die gut ausgestattete Bibliothek, großzügige Räumlichkeiten und die hochmoderne Infrastruktur in den audiovisuellen Medien. Das mit Videoschnitt und 3D-Labor ausgestattete TV-Studio des Studiengangs Multimedia und Kommunikation wird auch von den Spitzensportlern genutzt. Der Kurs Funk- und Fernsehmoderation behandelt Themen des Sportjournalismus und bereitet auf einen sicheren Auftritt vor der Kamera vor.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
Bildmaterial: Gunda Achterhold