29. Oktober 2007 Das Studienfach Archäologie hat seit Jahren konstanten Zulauf, obwohl es kaum Stellen für Absolventen gibt. Viele Archäologen verlassen nach dem Abschluss die Hochschule und heuern in fachfremden Berufen an. Andere schlagen sich in der Forschung durch, promovieren, habilitieren sich und hoffen auf eine Professur. Oder stellen sich in die Schlange der Bewerber in der Denkmalpflege. Als Alternative kommen Freiberuf, Museen oder private Grabungsfirmen in Frage.
Keiner meiner Studienkollegen hat bis heute eine feste Stelle in der Denkmalpflege oder an Museen gefunden, sagt Wolfgang Welker. Im Jahr 2002 brachte er sein Studium der Ur- und Frühgeschichte sowie der provinzialrömischen Archäologie und Geologie in Köln zu Ende. Anschließend versuchte er sein Glück als Freiberufler. Er stieß ein Museumsprojekt im Hunsrück an, initiierte dort einen Verein für archäologisch Interessierte, schlug Kommunen Bildungs- und Tourismusprojekte vor und schrieb eine Dissertation über Römersiedlungen in der Region. Zusätzlich absolvierte er ein Aufbaustudium Museumsmanagement an der Fernuni Hagen, bei dem ihm seine ökonomischen Vorkenntnisse aus einer Banklehre und einigen BWL-Semestern zugute kamen. Es hätte klappen können, resümiert er. Genug Arbeit und Interesse der Bevölkerung an archäologischen Themen sei da. Doch letztlich saß den örtlichen Kommunen das Geld nicht locker genug, wohl auch weil die Landesarchäologie selbst um jeden Cent ringt. Welker kehrte an die Uni zurück und wird nun Erdkunde- und Mathematiklehrer. Er hatte einfach keine Lust mehr, sich weiter im Daseinskampf als freier Archäologe aufzureiben.

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Dr. Beate Bollmann, die ehrenamtlich als Pressereferentin des Deutschen Archäologenverbandes tätig ist und die Stellenbörse des Verbandes pflegt, bestätigt die Misere. Auch ihre Kommilitonen haben der Archäologie größtenteils den Rücken gekehrt und arbeiten nun im Medien- und Bildungsbereich oder wie sie selbst als Freiberufler in Museen. Die Berufsaussichten für Absolventen sind trübe, sagt sie. Zwar stelle sie jährlich etwa 100 Stellenausschreibungen aus allen Bereichen der Archäologie in die Jobbörse des Verbandes ein. Doch die wenigsten davon seien für Berufsanfänger geeignet.
Für die wenigen, die Eingang in die professionelle Archäologie finden, geht hingegen ein Traum in Erfüllung. Archäologen arbeiten oft sehr international, begleiten oder besuchen Grabungen in aller Welt und pflegen internationalen Austausch mit Kollegen. Ausdruck dieser Internationalität ist auch die Förderpraxis des Deutschen Archäologischen Instituts, das Auslandsaufenthalte von talentierten Nachwuchsarchäologen fördert. So erhalten Archäologen, die eine ausgezeichnete Dissertation verfasst haben, 17.000 Euro für ein einjähriges Reisestipendium, um ihre Kenntnis der alten Welt zu vertiefen und archäologische und historische Stätten ausführlich zu besichtigen.
Laut Statistischem Bundesamt schreiben sich jährlich 450 bis 500 Studierende in Archäologie ein, um die Jahrtausendwende waren es sogar bis zu 700. Wie viele von ihnen Archäologie als Hauptfach wählen und wie viele ernsthaft bei der Sache bleiben, ist unklar. Laut Welker munkelte man zu seiner Studienzeit, dass es sich bei vielen der fast 3.000 eingeschriebenen Archäologiestudenten im Lande um Karteileichen handele. Die Einführungsveranstaltungen waren immer voll. Im Alltag sah man aber stets nur die wenigen gleichen Gesichter, erinnert er sich. Das hatte Vorteile. Denn in der familiären Atmosphäre am Institut ließ sich prima lernen.
Eine freiberufliche Tätigkeit ist für viele der 150 Absolventen jährlich die einzige Chance, in der Archäologie Fuß zu fassen. Sie stoßen in einen Arbeitsmarkt, der von Stellenstreichungen und Sparzwang geprägt ist. Zuletzt ließen einige Unis Professuren unbesetzt und behalfen sich stattdessen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern. Auch in der Denkmalpflege regiert der Rotstift. Beate Bollmann sieht dennoch Lichtblicke. An den Unis rollt eine Pensionierungswelle an, die Platz für Nachwuchsakademiker schafft, sagt sie. Voraussetzung sei natürlich eine Dissertation. Einsteiger müssen sich für eine Wissenschaftskarriere also hinten anstellen, zumal seit Jahren viele promovierte und habilitierte Archäologen in der Warteschleife hängen und sich dabei von Befristung zu Befristung hangeln.
Nur eine kleine Gruppe hochqualifizierter Archäologen kann auf eine Festanstellung hoffen.
Pensionierungen stehen auch bei den Landes- und Kommunalarchäologen an. Um 1975 gab es einen regelrechten Archäologie-Boom, in dessen Folge hierzulande viele Stellen für Archäologen geschaffen wurden, berichtet Dr. Henning Haßmann, Leiter des Referates Archäologie beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege - und zugleich Vorstandsmitglied für Öffentlichkeitsarbeit im Verband der Landesarchäologen der Bundesrepublik Deutschland. Viele der seinerzeit Eingestellten stünden an der Schwelle zum Ruhestand. In zähem Ringen gelinge es häufig, ihre Stellen zu erhalten. Allerdings kann nur eine kleine Gruppe hochqualifizierter Archäologen auf eine Festanstellung hoffen, schränkt Haßmann ein. Eine Promotion sei dafür unabdingbar. Einerseits mache ein Doktortitel in schwierigen Verhandlungen mit Bauherren oder bei der Akquise von Forschungsgeldern vieles leichter. Und noch wichtiger: Er zeige, dass Bewerber sich im weiten Feld der Disziplin vertiefen können, ohne sich dabei zu verzetteln. In der praktischen Archäologie sind die Fähigkeit zur thematischen Eingrenzung und eine gewisse Pragmatik entscheidend, sagt er.
Ohnehin ist die Zahl der Stellen begrenzt. In Niedersachsen arbeiten weniger als 50 Archäologen im Staatsdienst, in anderen Bundesländern sind es noch weniger. Da Denkmalpflege Ländersache ist, gibt es auf Bundesebene keine Stellen und in Kommunen nur vereinzelt. Für Einsteiger eignen sich deshalb eher private Grabungsfirmen. Für sie ist wegen des Sparkurses der öffentlichen Hand und veränderter Denkmalschutzgesetze einiger Bundesländer in den letzten 20 Jahren ein Markt entstanden. Heute ist es gängige Praxis, dass Länder, Kommunen oder private Bauherren Grabungsfirmen engagieren.
Gerade in den neuen Ländern und Nordrhein-Westfalen treten sie geballt auf. Allein in Brandenburg listet der Arbeitsbereich Archäologie im Bundesverband freiberuflicher Kulturwissenschaftler über 30 Grabungsfirmen - laut Haßmann waren es zeitweise sogar über 100. Hintergrund der Ballung: In den genannten Ländern gilt das Verursacherprinzip. Bauherren, auf deren Grund Fundstellen vermutet werden, müssen archäologischen Rat einholen, ehe die Bagger anrücken. Im Fall von Funden müssen sie zudem die Kosten der Ausgrabungen tragen. Seit diese Regelung gilt, hat sich die Zahl der unter Schutz gestellten Bodendenkmäler in NRW mehr als verdoppelt.
Haßmann hofft, dass das Verursacherprinzip bald europaweit gilt. Eine entsprechende Konvention ist längst verabschiedet. Die Niederlande halten sich bereits daran, mit der Folge, dass es dort zu einem grundlegenden Wandel der Archäologie kam, berichtet der Verbandssprecher. Stellen im Staatsdienst seien weggefallen, dafür seien über 400 neue Stellen in archäologischen Firmen entstanden. Ähnliches erwartet er auch hierzulande, sollten die Vorgaben der Konvention flächendeckend umgesetzt werden.
Ein Zuckerschlecken erwartet Archäologen in Grabungsfirmen allerdings nicht. Welker berichtet, dass einige seiner Studienkollegen dort als Grabungsleiter oder Grabungstechniker tätig sind. Ihr Job setze enorme Flexibilität und Mobilität voraus. Haßmann bestätigt das, zumal die Behörden Großprojekte, etwa im Rahmen des Autobahnbaus, selbst mit befristet angestellten Grabungsfachleuten abwickeln. Für die Grabungsfirmen fallen entsprechend kleinere und kürzere Projekte ab, sagt er. Um sich im schwierigen Markt zu behaupten, arbeiten die Firmen bundesweit - heute in Bayern, morgen in NRW oder in Sachsen. Genau deshalb kam ein Grabungsjob für Welker nicht in Frage. Als Vater konnte er sich ein Leben auf gepackten Koffern nicht vorstellen. Viele lassen sich in der Hoffnung darauf ein, eine Stelle im Denkmalschutz zu ergattern, sagt er. Doch in den fünf Jahren seit seinem Abschluss sei das niemandem gelungen, den er kenne.
Allerdings ist Grabungserfahrung tatsächlich eine Voraussetzung für eine Festanstellung. Zusätzlich sollten Bewerber Lehrerfahrung und gute EDV-Kenntnisse gerade im Bereich der Geoinformationssysteme mitbringen, erklärt Haßmann. Überhaupt sollten sich angehende Archäologen nicht zu sehr spezialisieren, rät er. Wir arbeiten ständig interdisziplinär, haben ebenso mit Naturwissenschaftlern, Anthropologen oder Botanikern zu tun wie mit Bauherren, Planern, Juristen oder mit Bauarbeitern, sagt er. Außerdem verschwämmen die Grenzen zwischen Museen, Denkmalpflege und Hochschulen zusehends. Junge Forscher mit spannenden Forschungs- oder Bildungsprojekten können sich deshalb auch an die Landesarchäologen wenden, um unter deren Dach Forschungsgelder zu beantragen. Bei diesem Angebot hat Haßmann ein Problem im Kopf, das die Archäologie seit Jahrzehnten begleitet: Oft wandern Funde ins Archiv und bleiben jahrelang unbeachtet. Andere werden gar nicht geborgen, sondern nur in Karten vermerkt. Viel Arbeit für Archäologen an Unis und im freien Markt. Die Frage ist bloß, wer sie für ihre Arbeit bezahlt.