12. Dezember 2009

Teleinformatik

Die Telefon-Revoluzzer

Von Stefan Mauer



18. Juni 2007 
Informationstechnologie und Telekommunikation - für viele ist das schon fast dasselbe. Recht haben sie: Die Grenzen beider Berufsfelder sind fließend und verwischen immer mehr. Wer gar dabei sein will, wenn es um die Weiterentwicklung der revolutionären Internet-Telefonie geht, hat in der TK-Branche sowieso nur mit IT-Know-how Chancen.

Als im April die ersten Arcor-Kunden eine kleine Plastikbox nach Hause geschickt bekamen und sie an ihre Telefonanlage anschlossen, wurden sie Teil einer Revolution, ohne etwas davon zu merken. Denn das kleine Kästchen, das Techniker „Intelligent Access Device“ (IAD) nennen, ist der erste Schritt zur endgültigen Vereinigung von Informationstechnologie und Telekommunikation. Übersetzt bedeutet der Name in etwa „intelligentes Zugriffsgerät“. Intelligent deswegen, weil mit seiner Hilfe Sprache selbständig wird. Es wandelt Sprache in einzelne Datenpakete um, die auf ihrem Weg zum Empfänger keine festgelegten Leitungswege brauchen, sondern automatisch den richtigen Weg finden - wie bei der Übertragung im Internet. Etwas Ähnliches gibt es schon: „Voice over IP“, die Telefonie über das Internet. Der entscheidende Unterschied: Das IAD kann den Sprachpaketen Sonderrechte einräumen. Sie rasen somit auf der Überholspur durch die Datennetze. Die Anbieter nennen die neue Technik „IP-basierte Telefonie“.

„Das ist nur einer von vielen Gründen, warum IT-Fachleute aus der gesamten Telekommunikation nicht mehr wegzudenken sind“, sagt Manfred Breul vom IT- und TK-Branchenverband Bitkom. „Es fängt bei der Abrechnungssoftware an, die in Sekundenbruchteilen Tarife unterscheiden, takten und abrechnen muss, und geht weiter bei der Technik in den Vermittlungsstellen. Die Nachfrage nach IT-Know-how wird auch in Zukunft weiter steigen.“

Tatsächlich ist Arcor zwar der erste Anbieter, der auf IP-basierte Telefonie umsteigt, aber bei weitem nicht der einzige. Auch die Telekom als größter Anbieter arbeitet bereits an der Umstellung, die sie 2012 abschließen will. Klappt alles so, wie die TK-Unternehmen planen, erhöht sich die Kapazität ihrer Leitungen deutlich, ohne dass die Sprachqualität sinken würde - einfach, indem sie eine Technik aus der Computerwelt für ihre Bedürfnisse anpassen lassen.

„Die eigentliche Revolution ist aber, dass die Anbieter völlig neue Services entwickeln können, wenn die Sprache sich selbständig ihren Weg sucht“, erklärt Manfred Breul. In den Zukunftsvisionen der Branche spielt es keine Rolle mehr, wo sich der Empfänger eines Telefonats befindet - er wird trotzdem automatisch unter der richtigen Nummer erreichbar sein. Wie bei einer E-Mail kann er Telefonate überall dort empfangen, wo er sich einbucht. Automatisch und ohne Weiterleitungskosten. „Die Zukunft wird so aussehen, dass der gesamte Arbeitsplatz eines Büroarbeiters auf Knopfdruck zu ihm nach Hause verlegt wird“, erklärt Breul. „Wenn er sich vom Heimcomputer aus im Firmennetzwerk anmeldet, erkennt der Telefonanbieter des Arbeitgebers seinen Standort und legt auch das Firmentelefon auf den Heimanschluss des Angestellten.“

Als Beispiel für einen Arbeitsplatz, bei dem heute viel mehr IT-Kenntnisse als früher nötig sind, nennt Breul die Vermittlungsstellen. Die müssen in Zukunft nicht mehr für freie Leitungen sorgen, sondern die Daten wie in einem Computernetzwerk verwalten. Statt Telefonnummern könnten wir Wörter und Satzzeichen verwenden, die nicht unbedingt einer Person, sondern auch einer Funktion zugeordnet sein könnten. Irgendwann, so die Vision der Techniker, sagen wir unserem Telefon nur noch, dass wir etwa den diensthabenden Notarzt des nächstgelegenen Krankenhauses erreichen wollen - und das Gerät findet automatisch das richtige Krankenhaus, prüft den Dienstplan und verbindet mit dem entsprechenden Arzt, wo auch immer der sich gerade aufhält.

„Bis diese Vision Wirklichkeit wird, werden allerdings noch mindestens zehn Jahre ins Land gehen“, schränkt Breul ein. „Aber auch in der Übergangszeit werden IT-Kenntnisse immer wichtiger.“ Einer der Menschen, die an Übergangslösungen zwischen klassischer und IP-basierter Telefonie arbeiten, ist Daniel Dorau. Der 31-Jährige arbeitet seit sechs Jahren beim Berliner Kommunikationsspezialisten AVM. In den 90er Jahren wurde der Mittelständler bekannt mit Produkten wie der „Fritzcard“, die Computer über das damals neu entstehende ISDN-Netz der Telekom mit dem Internet verband. Heute produziert AVM unter anderem die „Fritzbox“, ein Gerät, das Internet, herkömmliches Telefon und „Voice over IP“ vereinigt.

„Ich programmiere den sogenannten Kernel der Fritzbox, sozusagen das Betriebssystem der Telefonanlage“, erklärt Dorau. Zur Telekommunikation gekommen ist er gleich nach seinem Abschluss der Technischen Informatik. „AVM hat Programmierer gesucht, die sich für Telekommunikation interessieren. Das passte.“

Als prägend für seine Arbeit bezeichnet Dorau die hohen Lernanforderungen. Zu Beginn habe er hauptsächlich mit der Funktechnologie Bluetooth gearbeitet. Heute beschäftigt er sich mit Internet- und Telefonprotokollen. „Da muss man immer auf dem neuesten Stand sein“, sagt Dorau. Meist ergäben sich seine Aufgaben daraus, dass die Entwickler sich immer neue Funktionen für die Fritzbox wünschen. „Sie konnte schon das Internet für Daten- und Sprachübertragung nutzen und zusätzlich auf die herkömmliche Telefonleitung zugreifen. Dann kamen die Entwickler und wollten, dass sie auch als Basisstation für ein Funktelefon funktioniert“, erklärt Dorau. „Dafür gab es kein Vorbild, wir mussten die Funktionen im Eigenbau in die Box integrieren.“

Den größten Teil des TK-Wissens lerne man ohnehin nicht während des Studiums, sondern durch die praktische Arbeit, hat Dorau die Erfahrung gemacht. „Wichtig ist, Interesse für die Materie zu haben und sich ständig an neue Projekte anpassen zu können.“ Wer diese Voraussetzungen mitbringt, ist in der Forschungsabteilung von AVM gut aufgehoben. Eine Ausbildung in IT ist dafür hilfreich, aber kein Muss. AVM-Sprecher Urban Bastert formuliert das so: „Von unseren 200 Entwicklern sind mehr als 180 Hochschulabsolventen. Wir schreiben aber selten einen festen Studiengang als Voraussetzung in unsere Stellenanzeigen.“

Auch für Philip Sanner verwischen die Grenzen zwischen IT und TK immer mehr. Der Westeuropa-Chef vom Personalvermittler und Projektberater Elan Computing sieht jedoch einige wichtige Voraussetzungen, die zusätzlich zum Studium erfüllt sein sollten: „Besonders gesucht ist, wer schon Berufserfahrung in der Branche hat. Wer beispielsweise zwei Jahre bei spannenden Projekten dabei war, hat damit bewiesen, dass er projektbezogen und mit schnellen Innovationszyklen arbeiten kann.“
Die wichtigsten Fähigkeiten, um Entwickler in einem TK-Unternehmen zu werden, lerne man ohnehin nicht an der Hochschule, findet auch Anke Peininger, die Chefin des Bundesverbandes Personalvermittlung. „Wer heute als Entwickler arbeitet, muss auch Übersetzer sein“, sagt sie. „Wer im Operativen denkt, hat oft eine Idee, kann sie aber nicht klar genug strukturieren. Das ist dann Aufgabe des IT-Fachmanns, der deshalb auch gut zuhören und analysieren können muss.“

Erfolgsgeschichte AVM

Beinahe jeder, der sich in Deutschland mal per ISDN ins Internet eingewählt hat, kennt die Firma AVM. Gegründet wurde sie 1986 in Berlin. Schon damals beschäftigte sich das Unternehmen mit der ISDN-Technik, welche die Telekom zu dieser Zeit in Westberlin einführte.
Den Durchbruch schaffte der Mittelständler 1995 mit Einführung der Marke „Fritz!“ und der „Fritz!Card“. Heute kennt sich AVM mit Telefonie mindestens genauso gut aus wie mit dem Internet: Seit 2004 verkauft es die Fritz!Box, ein DSL-Endgerät, das in seiner jüngsten Generation so viele Datenübertragungswege wie noch nie vereint: Es verbindet Computer per Kabel oder Funk mit dem Internet, kann Sprache von Funk- und Festtelefonen empfangen und diese dann entweder ins herkömmliche Festnetz oder ins Internet weiterleiten. 2006 kamen mehr als 40 Prozent aller in Deutschland verkauften DSL-Engeräte aus dem Hause AVM. Die Firma ist der mit Abstand erfolgreichste Mittelständler in ihrem Segment und beschäftigt an zwei Standorten in Deutschland etwa 460 Mitarbeiter, davon 200 in der Entwicklung, und machte einen Umsatz von 240 Millionen Euro.

Professor Anton Kathrein, Chef des weltweit größten Antennenherstellers Kathrein Werke:

? Wie haben sich die Jobanforderungen in der Telekommunikation in den letzten Jahren verändert, und wie sieht der Trend für die kommenden Jahre aus?
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In der Telekommunikation ist heute viel stärker als früher ein Zusammenwirken verschiedener Fachbereiche gefordert. So ist zum Beispiel die Ausbildung zum Mechatroniker entstanden aus Elementen des Maschinenbaus und der Elektrotechnik. Auch Informationstechnik als Verbindung zwischen Elektrotechnik und Informatik braucht die Branche zunehmend.

? Haben denn Nur-Informatiker überhaupt keine Chance in der TK-Branche?
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Für reine Informatiker scheint die Nachfrage in der Tat zu stagnieren. Nach einer Umfrage des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie) ist ihr Anteil am TK-Personal seit einigen Jahren stabil bei etwas unter 10 Prozent, fast die Hälfte von ihnen arbeitet demnach in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.

? Wie schwierig ist es, Mitarbeiter mit solchen Qualifikationen zu finden?
:
Momentan ist es generell schwierig, Mitarbeiter mit entsprechenden Qualifikationen zu finden, sowohl im Ingenieur- als auch im Elektrobereich. Nach der letzten Umfrage des ZVEI Bayern vom Februar 2007 können nur die Hälfte der Firmen ihre offenen Ingenieurpositionen adäquat besetzen. Allein in der Kathrein-Gruppe gibt es zurzeit in Deutschland 25 offene Arbeitsplätze, für die wir Ingenieure aller Fachrichtungen suchen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007