13. Oktober 2008

Von wegen elitär und snobby

Generation Golf

Von Christoph Koch




30. Oktober 2006 
Von wegen elitär und snobby: Die Mitgliedschaft ein einem Golfclub ist für Studenten vielerorts billiger als in einem Fitness-Studio. Und wer unbedingt an seiner karriere feilen will, ist auf dem Golfplatz ebenfalls gut aufgehoben.

„Aaaahneiiin! Da doch nicht hin!“, ruft Luis Diechtl und stampft mit dem Fuß auf. Denn der Ball, den er gerade vom Tee des dritten Lochs aus abgeschlagen hat, sah zunächst ganz gut aus. Doch dann änderte er mitten im Flug seine Richtung und driftete zu weit nach rechts ab. Einen Meter neben der Fairway ist er im hohen Gras gelandet, dorthin macht sich Luis nun auf den Weg. Zunächst ist nichts zu finden. Zu dicht und undurchsichtig ist das wilde Rough. „Da ist er ja“, sagt Luis nach einer Weile erleichtert. Vorsichtig legt er den Ball frei, indem er einige lose Blätter und Halme beiseite nimmt. Dann, ein kurzes Rascheln, schlägt er den Ball in einem hohen Bogen sicher aufs Grün.


Luis ist 23 Jahre und damit jünger als die meisten Golfer, zumindest die in den Köpfen. Denn wenn sie nicht Tiger Woods heißen, müssen Golfspieler laut Klischee gefälligst über 50 sein, einen Schmerbauch und Knickerbockerhosen tragen, müssen viel Geld haben - aber dafür keinen Sex mehr. Dabei verjüngt sich der Golfsport: Von den 500.000 Menschen, die in Deutschland Mitglied in einem Golfclub sind, sind inzwischen 55.000 unter 21 Jahre alt. Keine Sportart wächst so schnell wie Golf: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der organisierten Spieler verdoppelt, diejenigen Golfer, die sich noch keinem Club angeschlossen haben, gar nicht mitgerechnet.

Luis zieht sich die Baseballmütze tiefer ins Gesicht, um sich gegen die blendende Sonne zu schützen. Konzentriert blickt er zwischen dem kleinen, weißen Ball und dem etwa fünf Meter entfernten Loch hin und her. Dann schwingt er den Putter kontrolliert zurück und wieder nach vorne - und locht den Ball ein. Leider nur ein Bogey. Luis studiert im achten Semester VWL an der LMU München. Ursprünglich wollte er eine Kombination aus Sport und Medien studieren, scheiterte jedoch bei der Aufnahmeprüfung am Reckturnen. Auf dem Golfplatz ist er besser, inzwischen hat er ein Handicap von 8,5, was ziemlich ordentlich ist für jemanden, der so jung ist wie er und im Grunde nur zum Spaß golft.


Als Hochschulsportart kommt Golf hierzulande kaum vor. Die Anlagen sind zu teuer, das wenige Geld in den Unikassen fließt eher in Breitensport wie Fuß- oder Volleyball. Eine seltene Gelegenheit, mit Studenten außerhalb des Freundeskreises zusammenzuspielen, sind deshalb Turniere wie das „Students Matchplay“, das dieses Jahr zum ersten Mal in Ingolstadt ausgerichtet wurde. Valentin Langen, einer der vier Hauptorganisatoren, ist Doktorand am Lehrstuhl für internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der 28jährige ist stolz darauf, internationale Teams aus Großbritannien, Schweden, Holland und der Schweiz auf den Platz bekommen zu haben: „In anderen Länder spielen Unimannschaften teilweise wöchentlich gegeneinander in Ligen sowie regionalen und nationalen Meisterschaften. In Deutschland sieht es da vergleichsweise mager aus.“

Man sucht immer nach dieser perfekten Runde, in der alles paßt - und zwar wirklich alles, jeder einzelne Schlag.“

Auch Luis hat für die LMU München an dem Turnier in Ingolstadt teilgenommen. Auf den fünften Patz sind sie gekommen. „Die Stimmung war super“, erinnert er sich. „Ich fand's einfach toll, mal mit so vielen Studenten zusammen auf dem Platz zu sein, und anschließend wurde auch noch ordentlich gefeiert.“ Aber warum kommen eigentlich nur bei einem solchen Turnier viele golfende Studenten zusammen? „Die Platzreife ist eine der größten Hürden, wenn es darum geht, Golf zum Massensport zu machen“, bedauert Luis. Und was ist mit dem Geld? „Das ist eher ein Mythos“, erklärt er. „Gerade für Studenten ist Golfspielen nicht teuer. Ich zahle in meinem Club eine Jahresgebühr von 250 Euro. Dafür kann ich dreimal Skifahren gehen - selbst das billigste Fitness-Studio würde mehr kosten.“ Im Zuge des Golfbooms gibt es auch immer mehr sogenannte „clubfreie“ Plätze, die keine Mitgliedschaft voraussetzen - und Studenten müssen fast überall nur reduzierte Greenfees bezahlen.

Luis steckt den Schläger zurück in seine Golftasche, schultert sie und spaziert zum nächsten Abschlag. Er passiert ein Wäldchen, das nächste Tee liegt auf einer kleinen Anhöhe, rundum liegen frisch abgemähte Felder. In der Ferne ruht ein Dorf mit Zwiebelturmkirche. „Von Rehen über Bussarde bis zu Fasanen habe ich hier schon fast jedes Tier gesehen“, schwärmt er, während er einen kleinen Holzstift in den Boden steckt und den Ball darauf legt. Peng, dieser Abschlag klappt besser. Auch die Ruhe, die auf einem Golfplatz herrscht, sei ihm sehr wichtig: „Oft schwirrt einem viel im Kopf herum, aber man findet in der Hektik des Alltags keine Zeit, sich in Ruhe mit einer wichtigen Entscheidung zu befassen. Wenn man mal 18 Löcher Zeit gehabt hat, das Thema sacken zu lassen, kommt man danach meistens ganz aufgeräumt von der Runde zurück.“ Mit einer kleinen Pitchgabel bessert er das Grün an der Stelle aus, wo der Einschlag seines Balles eine tiefe Delle hinterlassen hat. Dann redet er weiter: „Oder wenn man mal so richtig schlechte Laune hat: Man geht einfach auf die Driving Range und kloppt ein paar Bälle raus, danach ist der Zorn meistens verraucht.“

Immer mehr Menschen nutzen Golf als Streßbewältigung, Nachdenkzeit oder Naturerlebnis: 162 neue Golfplätze sind in den letzten zehn Jahren entstanden, mehr als eine Milliarde Euro wurde in dieser Zeit in Deutschland in den Bau von Golfanlagen investiert. Doch der Golfsport hat immer noch ein Imageproblem, das weiß auch Luis: „Es ist nach wie vor unangenehm, wie man in der U-Bahn angesehen wird, wenn man Golfschläger dabei hat“, stellt er fest. In den USA ist das besser, dort hat sich der Wandel zum Volkssport bereits vollzogen. An den US-Unis spielen nicht nur zukünftige Anwälte und Fondsmanager miteinander, sondern auch der gepiercte Soziologiestudent und der angekiffte Kommunikationswissenschaftler, der im Uniradio die Hip-Hop-Sendung moderiert.

„Es ist nach wie vor unangenehm, wie man in der U-Bahn angesehen wird, wenn man Golfschläger dabei hat.“

18 Löcher, knapp zehn gelaufene Kilometer und ein durchgeschwitztes Poloshirt später, sitzt Luis wieder im Clubhaus und trinkt zufrieden eine Apfelschorle. Am vorletzten Loch hat er noch einen p Birdie geschafft. Wie für jeden Golfer ist das Spiel auch für ihn Quelle von Freude wie von Frust. „Der kürzeste Golfwitz geht so: ›Ich kann'“, sagt Luis und grinst. „Einen Golfer, der wirklich mit seinem Spiel zufrieden ist, gibt es kaum. Man sucht immer nach dieser perfekten Runde, in der alles paßt - und zwar wirklich alles, jeder einzelne Schlag.“

Doch bei aller Leidenschaft kann Golf für Studenten auch handfeste Vorteile haben - nicht umsonst gilt es als die Geschäfts- und Networking-Sportart überhaupt. Auch nur ein Mythos? „Man lernt schon sehr viele Leute kennen“, gibt Luis zu. „Schließlich geht man ja meist nicht alleine über den Platz, sondern tut sich mit anderen zusammen, die man überhaupt nicht kennt und mit denen man trotzdem drei Stunden verbringt. Man ist fast immer positiv überrascht, wie nett die Leute sind.“ Und wie steht es mit den Geschäften, die angeblich massenhaft auf dem Golfplatz abgewickelt werden? „Da ist auf alle Fälle etwas dran“, gibt Luis Auskunft. „ Auch er hat zwischen Abschlag und Grün schon Jobangebote bekommen, von Kurzzeitprojekten bis zum Vorschlag, Partner in einer Firma zu werden. Doch bis er mit der Uni fertig ist, hat Luis immerhin noch ein Jahr Zeit. Und wer weiß? Vielleicht reicht es mit viel Training und Glück in letzter Minute doch noch zum Traumjob Golfprofi - und Luis's; erster richtiger Arbeitsplatz ist die PGA-Tour.

GLOSSAR:
GOLF -CHINESISCH ENDLICH VERSTEHEN

Abschlag Bereich, aus dem der erste Schlag einer Spielbahn gemacht wird (auch Tee genannt). Mit Abschlag wird auch der Schlag von dort bezeichnet.

Birdie Absolvieren eines Lochs mit einem Schlag unter Par

Bogey Absolvieren eines Lochs mit einem Schlag über Par

Bunker Bereich des Golfplatzes, der mit Sand gefüllt ist. Schlägt ein Spieler den Ball hinein, muß er ihn aus dem Bunker herausschlagen.

Driving Range Übungsanlage, auf der Abschläge trainiert und verbessert werden können.

Fairway Als Fairway bezeichnet man die Spielfläche zwischen dem Abschlag und dem Grün. Der Rasen der Fairway wird kurz geschnitten, jedoch nicht ganz so kurz wie auf dem Grün.

Greenfee Platzbenutzungsgebühr, meist vor der Runde im Clubsekretariat zu entrichten.

Grün/Green Bereich des Golfplatzes direkt um das Loch. Der Rasen des Grüns wird sehr kurz geschnitten.

Handicap Festgesetzte Vorgabe jedes Spielers, also Anzahl an Mehr-Schlägen, die er für den Platz gegenüber dem Platz-Par benötigt.

Par Vorgabe, Anzahl von Schlägen, die für jedes Loch (aufgrund seiner Länge) festgelegt ist.

Pitchgabel Kleines Werkzeug zum Ausbessern der Einschlaglöcher auf dem Grün.

Platzreife/Platzerlaubnis Voraussetzung, um auf einem Golfplatz spielen zu können. Sie erfordert theoretische und praktische Grundkenntnisse (Golfregeln, Etikette, spielerische Fähigkeiten).

Putt Schlag auf dem Grün in Richtung Loch

Rough Hohes Gras neben dem Fairway

Tee a) Stift, meist aus Holz, der in die Erde gesteckt und auf den der Ball beim Abschlag gelegt wird
b) Platz, von dem abgeschlagen wird

Text: Hochschulanzeiger Nr. 86, 2006
Bildmaterial: Christoph Koch