12. Dezember 2009

Sonderfahrzeuge brauchen besondere Behandlung

Gepanzerte Limousinen für Politiker

Von Peter Trechow




20. Oktober 2008 
Nicht nur Entwickler, die das ganze Auto im Blick haben und teilweise noch in Handarbeit fertigen, auch Prüforganisationen tragen dazu bei, dass Taxis, Behörden- oder Behindertenfahrzeuge sicher im Verkehr mitlaufen. Wer hier einsteigen will, muss viel können - und manchmal auch einen langen Atem haben.

Zukunftsforscher erwarten, dass Autofahrer künftig in Staus auf Autopilot schalten, anstatt selbst zu lenken - Folkert Jürgens hat es schon heute mit autonomen Fahrzeugen zu tun. „Erst kürzlich haben wir hier einen Radlader zugelassen, der im Rottebereich eines Kompostierbetriebs fahrerlos manövriert“, berichtet der Fachgebietsleiter Gesamtfahrzeuge am Institut für Fahrzeugtechnik und Mobilität (IFM) des TÜV Nord.


Auf dem Betriebshof weisen Bildverarbeitungssysteme und Leitdrähte dem Radlader den Weg. Mit Fahrer darf er auch auf die Straße. Dafür gilt es jeder potentiell gefährlichen Eventualität vorzubeugen und zahlreiche Vorschriften zu beachten. Hersteller von Sonderfahrzeugen ziehen in solchen Fällen in der Regel externe Berater hinzu. Solche Beratung gehört zum Tagesgeschäft für Jürgens und sein 14-köpfiges Team. Sie nehmen alle erdenklichen Fahrzeugtypen, Anhänger oder Einzelbauteile unter die Lupe und erarbeiten mit ihren Herstellern die Voraussetzungen für die ersehnte Zulassung. Oft zieht sich so ein Beratungsprozess von der Konzeptphase bis zur Zulassung hin. Die Beratung im Vorfeld der Zulassung ist fester Bestandteil des Geschäfts von Prüforganisationen. Daneben übernehmen sie natürlich die technische Überwachung. Das Gros der 2.700 Mitarbeiter im Bereich Mobilität des TÜV Nord führt Haupt- und Abgasuntersuchungen an Fahrzeugen durch und nimmt Führerscheinprüfungen ab. In diesem Bereich herrscht enormer Ingenieurbedarf. Noch 2008 will der Konzern 140 Ingenieurstellen besetzen, die meisten davon mit Absolventen. „Ein Einstieg als Prüfingenieur kann durchaus das Sprungbrett sein, um später an unser Institut zu wechseln“, erklärt IFM-Leiter Klaus Dittmar. Der Job am IFM sei allerdings anspruchsvoll. Um eine der 10 bis 15 Stellen jährlich zu ergattern, sollten Bewerber neben der Begeisterung für Fahrzeugtechnik eine gründliche Ausbildung, Sprachkenntnisse, sicheres Auftreten und die Bereitschaft zu Reisen mitbringen. „Die Kundschaft kann frei wählen, welche Organisation sie mit der Zulassung beauftragt. Wir müssen also mit Leistung überzeugen“, erklärt so der IFM-Leiter. Für die 140 Mitarbeiter heißt das: permanente Weiterbildung, Spezialisierung auf (rechtliche) Spezialgebiete und internationale Projektarbeit.

Die Typzulassung von Fahrzeugen folgt heute weitestgehend EU-Vorschriften. Die Ingenieure prüfen am Institut oder vor Ort bei Herstellern neueste Modelle, die auf dem europäischen Markt zugelassen werden sollen. Auf Basis ihrer Prüfberichte erteilt dann das Kraftfahrtbundesamt die EG-Zulassung. Die Mitarbeiter am IFM gehören also zu den Ersten, die neue Modelle in die Hände bekommen. Und sie haben es oft mit Spitzentechnik zu tun. „Elektronische Lenkungen und Bremsen, die im normalen Auto noch Zukunftsmusik sind, haben wir in Sonderfahrzeugen schon vor zehn Jahren geprüft und in Absprache mit den Genehmigungsbehörden zugelassen“, berichtet Jürgens. Auch die Prüfer betreten in solchen Fällen Neuland.

Häufig testen die Prüfer um Jürgens auch gepanzerte Limousinen für Politiker und Wirtschaftslenker. Natürlich dürfen die tonnenschweren Sonderfahrzeuge keine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellen. Die Tester analysieren auf Prüfständen und Versuchsstrecken, ob Bremsen, Fahrwerk und Räder korrekt ausgelegt sind. Auf die Sicherheitsscheiben achten sie besonders. So dick und gebogen, wie sie sind, kommt es leicht zu Linseneffekten. „Wir prüfen auf Verkehrstauglichkeit“, stellt Dittmar klar. Zur Panzerfaust greifen die Prüfer also ebenso wenig wie die Entwickler der Hersteller. Solche Tests führen staatliche Materialprüfungs- und Beschussämter unter höchster Geheimhaltung durch.

Das tut der Spannung laut Michael Günther keinen Abbruch. Der Maschinenbauingenieur ist Trainee im Bereich Sonderfahrzeuge bei Daimler. „Unser Bereich hat vier Sparten: Behördenfahrzeuge, Taxi und Guard sowie eine, die sich um individuelle Kundenwünsche kümmert“, erklärt er. Aktuell wirkt Günther an der Neuauflage der Staatslimousine S 600 Pullman Guard mit. Die um eine Türbreite gestreckte S-Klasse verbindet Schutz vor Terrorangriffen mit höchstem Komfort - unter anderem zählt ein Büro zu den Einbauten. Günther kümmert sich ums gute Klima. „Ich optimiere zusammen mit den Entwicklern des Lieferanten das Bedienteil der Klimaanlage im Fond des Pullman“, berichtet er.

Der Bereich Behördenfahrzeuge ist sein „Zielbahnhof“ im CAReer-Programm. Ehe er hier seine feste Stelle einnimmt, wird er ein halbes Jahr im Vertrieb der sondergeschützten E-Klasse arbeiten und für sechs Monate in Brasilien im Nutzfahrzeugbereich mitwirken. Der Reiz für Sonderfahrzeuge hat sich für den Jungingenieur erst entwickelt. Er sagte spontan zu, als ihm Daimler die Stelle im Anschluss an seine Diplomarbeit im Unternehmen anbot - und hat es nicht bereut. Denn der Geschäftsbereich bietet eine spannende Verbindung aus Manufaktur und Linienfertigung. Während bei Pullman und anderen Sonderschutzfahrzeugen viel Handarbeit im Spiel ist, laufen nebenan Taxis oder Polizeifahrzeuge vom Band.

Zu tun gibt es reichlich. „Alle Sonderfahrzeuge machen jeweils die Modellwechsel und Modellpflege mit“, erklärt der junge Ingenieur. Die Konstrukteure und Entwickler arbeiten also an verschiedenen Modellen und behalten dabei jeweils das Gesamtfahrzeug im Blick. Zugleich sind ein offenes Ohr am Zuliefermarkt und ständige Weiterbildung wichtig. Um mit den Experten aus den Fachabteilungen bei Daimler Fahrdynamik oder Motorisierung abzustimmen, müssen die Sonderfahrzeugentwickler auch über deren Neuentwicklungen auf dem Laufenden bleiben. Zudem hält auch in Sonderfahrzeugen die Elektronik Einzug. „Wir brauchen Ingenieure, die über Fachgrenzen hinausdenken“, erklärt Günthers Teamleiter Christoff Rothfuss. Mechatroniker seien dank ihrer breiten Ausbildung willkommen. Und Bewerber aus dem Maschinenbau sollten auch etwas von IT oder Elektronik verstehen.

Auch bei TÜV Süd sind die Einstiegschancen für Nachwuchsingenieure hervorragend. „Wir haben allein im Bereich Autoservice jährlich etwa 100 Positionen für Nachwuchsingenieure aus Maschinenbau, Fahrzeug- und Elektrotechnik zu besetzen“, berichtet Kerstin Minderlein, HR-Referentin beim TÜV Süd. Gefragt seien praktisch veranlagte Bewerber, die selbst gern schrauben und sich auch mal unter ein Fahrzeug legen. An der konzerneigenen Akademie bildet der TÜV Süd sie zwei Jahre lang zu Sachverständigen fort.

Insgesamt vergibt der süddeutsche TÜV sogar 400 Stellen jährlich, vier Fünftel davon für Ingenieure. Affinität zur Fahrzeugtechnik ist auch bei Einsteigern im Automotive-Bereich gefragt. Sie beraten Hersteller bei der Entwicklung neuer Modelle, betreiben Marktforschung oder testen neu entwickelte Systeme und Fahrzeuge im Fahrversuch und in Prüfzentren. „Auch für dieses Projektgeschäft suchen wir Ingenieure“, erklärt Minderlein, „auch Wirtschaftsingenieure“. Sie sind in der Regel bundes- und weltweit im Einsatz. Der Konzern hat Niederlassungen auf allen Kontinenten und entsendet regelmäßig Spezialisten, um vor Ort die Einhaltung seiner Qualitätsstandards zu gewährleisten. Solche Einsätze, die Beratung der Hersteller und Zulassung der Fahrzeuge erfordert gestandene Persönlichkeiten. Die Sachverständigen sind dagegen eher regional unterwegs und haben es vor allem mit Autofahrern und Werkstätten zu tun. Was nicht heißt, dass sie auf der Stelle stehen. „Gerade in unseren Prüfstellen und Niederlassungen haben wir viele Führungspositionen zu besetzen“, wirbt Minderlein.

Eines der modernsten Prüfzentren hierzulande betreibt die Dekra in Klettwitz am Lausitzring. Hier prüfen die Ingenieure Fahrzeuge und Bauteile vom Prototypenstadium bis zur Serienreife oder helfen bei der Straßenzulassung von Sonderfahrzeugen. Dafür stehen High-Tech-Labors für Schwingungs- und Geräuschmessungen, Crashtests oder Leistungs- und Abgasanalysen bereit. Dienstleistungen rund um Fahrzeugsicherheit und Unfallforschung runden das Angebot des Centers ab. Ein weiteres Crash-Test-Center betreibt das Unternehmen in Neumünster.

Hauptsächlich führt die Dekra in 82 Niederlassungen sowie in 39.000 Autowerkstätten Haupt- und Abgasuntersuchungen durch und nimmt als „Technische Prüfstelle“ in den neuen Bundesländern auch Führerscheinprüfungen ab. Berufseinsteiger werden zunächst intern zu Prüfingenieuren qualifiziert. Weil das Unternehmen seit Jahren wächst, ist der Bedarf hoch. „Bundesweit suchen wir aktuell bis zu 300 Ingenieure“, so Simone Schwander, Leiterin Personalbeschaffung und -betreuung im Automotive-Bereich. Die Stellen richten sich hauptsächlich an Absolventen aus Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Mechatronik und Elektrotechnik. Bewerber aus anderen Fachrichtungen sind ebenfalls willkommen.

„Grundlage, um bei uns einzusteigen, ist die Ausbildung zum Prüfingenieur“, so Schwander. Danach stehen Einsteigern verschiedene Richtungen offen, sei es als Schadensgutachter, Sachverständiger für spezielle Fahrzeugarten oder Bauteile, Unfallforschung oder die Tätigkeit im Technologiezentrum. Formuliert ein Mitarbeiter solche Ziele, unterstützt ihn das Unternehmen mit gezielter Weiterbildung. Auch der Alltag in den Niederlassungen stellt hohe fachliche Anforderungen. Die Ingenieure haben es mit verschiedensten Fahrzeugen zu tun, Sattelschlepper oder Mopeds, Oldtimer, getunte Kleinwagen oder Baufahrzeuge. Für Abwechslung ist also ebenso gesorgt wie für Verantwortung - das Urteil der Prüfer ist entscheidend für die Verkehrssicherheit. Auch die Aussicht auf Fach- und Führungskarrieren im wachsenden Unternehmen stimmt. Die Dekra rekrutiert sie in der Regel aus den eigenen Reihen. Die geringe Fluktuation (weniger als 3 Prozent) zeigt, dass hier so mancher Einsteiger eine Stelle fürs Leben findet.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 68
Bildmaterial: Daimler