18. Juni 2007
Nerds mit Hornbrille, die den ganzen Tag in ihrem Kabuff vorm Computer sitzen? Nix da. Eloquent, kommunikativ, sprachbegabt - das ist der Informatiker der neuen Generation! Und nur so kommt er auch bei Personalern an. Professoren sehen diese Entwicklung allerdings mit Skepsis.
Beim Anforderungsprofil sind sich alle einig: Präsentieren und repräsentieren soll er können, zuhören, verstehen und sich gut ausdrücken - möglichst gleich in mehreren Sprachen. Wer Personalentscheider der IT-Branche danach fragt, was ein Informatikabsolvent heute können sollte, erhält zuallererst einen bunten Strauß weicher Faktoren, das Fachliche kommt - wenn überhaupt - erst ganz am Schluss. Was nicht weiter verwundern mag, denn: Wer Informatik studiert hat, hat auch Ahnung von der IT-Materie, darauf ist in aller Regel Verlass. Bei den Soft Skills hingegen sieht es etwas anders aus: Die stehen weder im Stundenplan der Studenten, noch tauchen sie auf der Diplomurkunde von Absolventen auf. Und da die Bilder von introvertierten Computerfreaks noch immer in Personalerköpfen präsent sind, wird aufs gute Benehmen von Berufseinsteigern im IT-Bereich eben ganz besonders geachtet.
Die IT wird immer stärker mit Kundenbusiness und Geschäftsabläufen verknüpft, begründet beispielsweise Birgit Tenhofen, bei Siemens IT Solutions and Services in München zuständig für Recruiting und Personalentwicklung, warum sie bei der Bewerberauswahl den Fokus aufs Persönlichkeitsprofil legt. Viele unserer IT-Spezialisten haben umfangreichen Kundenkontakt und müssen dementsprechend auch dort auftreten können.
Konkret bedeutet das: Der Informatiker neuen Typs bespricht mit dem Kunden, wofür der welches Programm benötigt, berät ihn in puncto Anwendungsmöglichkeiten und entwickelt die neue Benutzeroberfläche mit ihm gemeinsam. Dafür braucht er zum einen das nötige technische Hintergrundwissen und muss zum anderen verstehen, wie die Geschäftsprozesse im Betrieb funktionieren. Wir suchen deshalb verstärkt nach Leuten mit einem doppelten Hintergrund, beispielsweise Wirtschaftsinformatiker, so Tenhofen. An der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik könnten diese gezielt auf die Wünsche des Kunden eingehen.
Um wirklich kundenorientiert arbeiten zu können, braucht ein moderner IT-Spezialist auch eine spezifische soziale Kompetenz. Neben rhetorischer Kompetenz und hochentwickelten kommunikativen Fähigkeiten gehört dazu auch das Talent zum Präsentieren. Präsentationstechniken sind neben dem Zuhören und Verstehen wichtige Soft Skills, sagt Matthias Jarke von der Gesellschaft für Informatik (GI) in Bonn. Oft vergessen, aber extrem wichtig seien auch kostenbewusstes Denken und Zeitmanagement. Ebenso wichtig sei es aber, frühzeitig praktische Erfahrungen zu sammeln und anwendungsbezogen zu lernen, wie man an Probleme herangeht. Die Fähigkeit, Lösungen zu entwickeln, muss aber gekoppelt sein an Kommunikationsfähigkeit, betont auch Jarke. Und diese Kommunikationsfähigkeit beinhalte nicht zuletzt das Beherrschen von Fremdsprachen und die möglichst genaue Kenntnis fremder Kulturen. Er empfiehlt Studenten deshalb, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, über Praktika oder Austauschprogramme schon während des Studiums ins Ausland zu gehen. Auch Birgit Tenhofen sucht gezielt nach Bewerbern, die bereits Praxis- und Auslandserfahrung haben.
Genau hierin sieht Guido Wirtz aber auch eine Gefahr: Das dauernde Betonen von Soft Skills führt auch dazu, dass Studienplanungen komplett durcheinandergeworfen werden, nur um ins Ausland zu kommen und möglichst viele Betriebspraktika zu absolvieren, warnt der Professor für Praktische Informatik an der Universität Bamberg. Neben all den neuen Anforderungen solle man vor allem die Kernkompetenz, nämlich Informatikkenntnisse, nicht vergessen. Denn exzellente fachliche Kenntnisse werden natürlich weiterhin stillschweigend vorausgesetzt, sagt Wirtz. Häufig aber führe die Umkehrung des Pflicht-Kür-Verhältnisses zu Problemen beim Studium. Er rät davon ab, sich von den Erwartungen der Personalmanager einschüchtern zu lassen. Natürlich sei ein gewisses Maß an Soft Skills unverzichtbar. Wer fachlich auf der Höhe sei und zusätzlich die Fähigkeit besitze, auf den Kunden einzugehen und diesen gleichberechtigt in die Entwicklungsprozesse einzubinden, brauche aber vor seiner beruflichen Zukunft keine Angst zu haben: Wer nah am Kunden arbeiten kann, der wird die brauchbareren Systeme bauen.
Thomas Klepper ist Personalberater bei Kienbaum Executive Consultants. Viele seiner Auftraggeber kommen aus der IT-Branche.
? Herr Klepper, was muss ein Informatiker bieten, damit er für Sie von Interesse ist?
: Der ITler von heute muss das Business kennen, er darf nicht ungepflegt sein, sondern tritt wie ein Berater auf. Er ist eloquent und bringt die Dinge auf den Punkt. IT war früher ein isoliertes Gebilde im Unternehmen, heute dagegen ist es mit allen Bereichen vernetzt. Der Programmierer mit den Birkenstocks im Kämmerlein ist eine ausgestorbene Spezies.
? Veränderungen bringen oft neue Probleme mit sich. Wie hat sich der Aufgabenbereich des modernen Informatikers entwickelt?
: IT und Business wachsen zusammen, das führt oft zu einem Kommunikationsproblem, einem tatsächlichen Sprachproblem. Die Beteiligten benutzen entweder unterschiedliche Worte, oder sie verstehen dieselben Worte anders. Ein ITler muss deswegen heute koordinieren können, er braucht BWL- und IT-Kenntnisse. Er muss wissen, was wofür programmiert wird, und das auch kommunizieren. Er ist quasi ein Übersetzer.
? Ist es schwer, solche Allrounder zu finden?
: Ja, definitiv! Den Typus des IT-Beraters sucht heute fast jeder. Es ist wesentlich leichter, einen CIO (Chief Information Officer/IT-Manager) oder einen klassischen ITler zu finden als so einen Spezialisten. Bei der Personalsuche gilt: je spezialisierter, desto schwieriger.