15. Dezember 2009

Gesundheitswesen

Eine Branche explodiert

Von Anne Koschade, Florian Vollmers



19. Juni 2006 Keine Branche unterliegt derzeit einem stärkeren Wandel als das Gesundheitswesen: Technologischer Fortschritt und demographische Entwicklungen lassen einen gigantischen Wachstumsmarkt am Horizont erscheinen, Pharmaunternehmen liefern sich wahre Übernahmeschlachten, gleichzeitig drängen allerorts Kostensenkungen. Daß dies auch immense Auswirkungen auf den Health-Care-Jobmarkt hat, liegt auf der Hand.

In sechs große Wellen teilt der russische Zukunftsforscher Leo Nefiodow die wirtschaftliche Entwicklung der Menschheitsgeschichte: Am Anfang stand zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Industrialisierung mit der Dampfmaschinenrevolution. Es folgten Stahl- und Eisenbahnbau, dann Elektrotechnik und Chemie, schließlich Automobilindustrie und Kommunikationstechnik. Die jüngste Welle ist laut Nefiodow bereits 1980 angelaufen und wird noch bis zum Jahr 2050 andauern: Der Zukunftsforscher meint damit den explodierenden Gesundheitsmarkt und die gewaltigen Umwälzungen, die ihn begleiten.

Tatsächlich ist das Gesundheitswesen eine der rar gewordenen Wachstumsbranchen: Mehr als vier Millionen Menschen finden auf dem deutschen Health-Care-Markt Beschäftigung, gut 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in Kliniken, Arztpraxen und Pharmaunternehmen erwirtschaftet. Die Aussichten für die Branche sind gut: „Das Marktvolumen der gesundheitlichen Versorgung wird sich bis zum Jahr 2020 von heute rund 234 Milliarden Euro auf etwa 500 Milliarden nahezu verdoppeln“, prognostiziert Rudolf Böhlke, Health-Care-Experte bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Hintergrund sind die demographische Entwicklung und die damit steigende Lebenserwartung. Eine ebenso wichtige Rolle spielen technologische Innovationen, die es ermöglichen, daß neue Krankheitsbilder entdeckt und früher therapierbar gemacht werden.

Ärzte werden zu regelrechten Gesundheits-Coaches und Beratern.“

Für Jobsuchende sind das in erster Linie positive Nachrichten: Denn die Gesundheitsbranche wird immer einer der personalintensivsten Märkte bleiben. Das meiste Health-Care-Personal läßt sich eben nicht durch Maschinen ersetzen. Und deshalb wird sich das wachsende Marktvolumen auch in einer verstärkten Nachfrage nach Fach- und Führungsnachwuchs widerspiegeln. Allerdings stehen gewaltige Umwälzungen bevor, die auch Auswirkungen auf den Jobmarkt für Akademiker haben.

„Der Health-Care-Bereich wird völlig veränderte Strukturen aufweisen, die Hochschulabsolventen äußerst interessante, neue Einstiegsmöglichkeiten bieten“, faßt Rudolf Böhlke von Ernst & Young zusammen. So würden nicht nur kaufmännische Anforderungen in medizinischen Einrichtungen verstärkt nachgefragt. Auch die Marketingaktivitäten der Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt würden in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden. „Dabei werden die Grenzen zwischen Medizin und Lifestyle verwischen“, schätzt Böhlke. Krankenhäuser der Zukunft würden unter einem Dach nicht nur ambulante, stationäre und präventive Versorgung anbieten, sondern ein komplettes Gesundheitspaket bis hin zu Wellness, Fitness und Kosmetik. „Die größten dieser Unternehmen werden renditestarke und erfolgreiche Aktiengesellschaften sein“, schätzt man bei Ernst & Young. „Aus Anstalten werden Gesundheitszentren, die mehr einem Hotel als einem herkömmlichen Krankenhaus gleichen.“

„Die Grenzen zwischen Medizin und Lifestyle werden verwischen.“

Auch der Arztberuf werde sich grundlegend wandeln: „Patienten, die künftig selbst über Investitionen in ihre Gesundheit entscheiden müssen, werden schnell überfordert sein“, erklärt Böhlke. „Dabei werden Ärzte nicht mehr allein für medizinische Probleme verantwortlich sein. Sie werden zu regelrechten Gesundheits-Coaches und Beratern.“

Was die Branche entscheidend umwälzen wird, sind die steigenden Kosten im Gesundheitswesen und die dadurch notwendigen Einsparungen. Eine der Folgen: Jeder einzelne wird künftig über die eigene Geldbörse bestimmen müssen, wie viel ihm die Qualität der Versorgung wert ist. „Bei Investitionen und Konsum denken die meisten heute noch ans Auto oder an Urlaub“, sagt Böhlke. „In Zukunft werden wir dabei auch an hochqualitative Dienstleistungen im Gesundheitsbereich denken.“ Denn der Staat werde sich in den kommenden Jahren weiter aus der Versorgung zurückziehen. Eine stärkere Wettbewerbsorientierung und mehr Eigeninvestitionen der Patienten würden dazu führen, daß 2020 rund 30 Prozent der Gesundheitskosten selbst aufgebracht werden müßten - heute sind es nur 12 Prozent.

Dies ist auch Thema der Gesundheitsreform, eines der heikelsten Vorhaben der Bundesregierung. Daß die Reform kommen muß, gilt vielen als unumgänglich. Denn ein Finanzloch nach dem anderen tut sich auf - und das, obwohl die Belastungen für Versicherte und Arbeitgeber seit Jahren steigen. Das Ergebnis: Auch im nächsten Jahr soll es nach Prognosen ein Milliardendefizit geben. Analysten wissen, daß das deutsche Gesundheitswesen nicht schlank genug organisiert ist und ineffizient arbeitet. Die Folge dieser Entwicklung: Fachkräfte in Management- und Controllingpositionen werden in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens dringend benötigt und damit auch zur immer knapperen Mangelware. Das gleiche gilt für Datenspezialisten und Medizintechniker.

Analysiert man den Stellenmarkt im Gesundheitswesen, so ist der Anteil der gesuchten Akademiker mit rund 8 Prozent im Vergleich zu anderen Branchen noch äußerst niedrig - aber damit ungeheuer ausbaufähig. Denn daß künftig mehr Berufe mit Hochschulausbildung gefragt sein werden, darüber sind sich Health-Care-Experten seit langem einig. Eine Auswertung des Adecco-Stellenindexes hat gezeigt, daß Mediziner immer noch die am stärksten gesuchte Absolventengruppe im Gesundheitswesen sind. Die deutlich zweitstärkste Gruppe sind die Betriebswirte, ihnen folgen Psychologen, Sozialpädagogen und Informatiker.

Wie sehr die Jobchancen für Hochschulabsolventen in der Health-Care-Industrie wachsen, zeigt das Beispiel der Innovex GmbH in Mannheim, eines der führenden Anbieter im Bereich Outsourcing von Produktentwicklungs-, Marketing- und Sales-Dienstleistungen. „2005 war das erfolgreichste Jahr in der Geschichte unseres Unternehmens, und auch die Zahl der Akademiker unter unseren Mitarbeitern ist stark gestiegen“, berichtet Recruitment-Director Carlos Quevedo. Knapp 540 Neueinstellungen tätigte das Unternehmen, in diesem Jahr rechnet man bei Innovex sogar damit, die magische Zahl von 1.000 Mitarbeitern zu überschreiten.

„Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ändern sich immer schneller, die Reaktionszeiten werden immer kürzer.“

Der Erfolg des Dienstleisters ist ein Indikator für grundlegende Wandlungen auf dem Health-Care-Markt. „Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ändern sich immer schneller, die Reaktionszeiten werden immer kürzer“, weiß Monika Beintner, Mitglied der Geschäftsleitung bei Innovex. „Auch durch die politisch gesetzten Rahmenbedingungen lassen sich Entwicklungen immer schwerer planen.“ Insbesondere die Pharmaunternehmen bauen deshalb ihr strategisches Outsourcing aus und suchen Partner wie die Innovex GmbH.

Rund 16 Prozent des deutschen Pharmavertriebs liegt mittlerweile bei Dienstleistern wie Innovex. Besonders Naturwissenschaftler sind dort als Fach- und Führungskräfte gefragt. „Einer unserer Vorteile ist die hohe Arbeitsplatzsicherheit“, sagt Recruitment-Director Quevedo. Denn auf die Unsicherheiten im Pharmageschäft könne der Dienstleister flexibel reagieren und beispielsweise bei der Nichtzulassung eines Medikaments seine Pharmaberater sofort in neuen Projekten einsetzen. „Die Gehälter liegen bei Innovex auf demselben Niveau wie bei den herstellenden Unternehmen, und die internen Karriereperspektiven sind hervorragend“, so Quevedo. Nicht umsonst wurde Innovex zum zweiten Mal in Folge von der Zeitschrift Capital als einer von Deutschlands besten Arbeitgebern ausgezeichnet.

Rund ein Viertel seines Geschäfts erwirtschaftet Innovex in Zusammenarbeit mit jungen Biotechnologie-Unternehmen - ein weiteres Feld, auf dem Umbrüche stattfinden: Denn in der deutschen Biotech-Branche stehen Weichenstellungen an, die sowohl einen eigenständigen Industriezweig als auch ein Segment aus Ideenlieferanten der Pharmahersteller zum Ergebnis haben können. „Diese Unternehmen unterstützen wir bei Marktanalysen und Zielgruppenselektion“, berichtet Innovex-Geschäftsleiterin Beintner. „Viele Biotech-Firmen sind noch dabei, sich komplett als Unternehmen neu aufzustellen.“ Neu aufstellen - das wird sich der gesamte Gesundheitsbereich in Deutschland und weltweit, und mit ihm der Jobmarkt für den Fach- und Führungsnachwuchs.

DURCHSCHNITTSGEHÄLTER
(ohne Personalverantwortung/nach Unternehmensgröße)

Pharmaindustrie

kein < 101 MA: 38.950 Euro

mittel 101 - 1000 MA: 39.191 Euro

groß > 1001 MA: 43.965 Euro

Biotechnologie

klein < 101 MA. 38.375 Euro

mittel 101 - 1000 MA. 40.360 Euro

groß > 1001 MA. 42.000 Euro

Medizintechnik

klein < 101 MA: 37.800 Euro

mittel 101 - 1000 MA: 39.580 Euro

groß > 1001 MA: 42.227 Euro

Quelle: www.personalmarkt.de

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Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
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