22. August 2008

Flucht vor den Studiengebühren - ab ins AUsland

Ich bin doch nicht blöd!

Von Mischa Täubner




30. Oktober 2006 
Zum einen führen Bundesländer die Bezahl-Uni ein, zum anderen rücken die europäischen Hochschulen enger zusammen. Gleich zwei Gründe, einen Blick auf die Hochschullandschaft jenseits der deutschen Grenze zu werfen. Wir haben recherchiert, in welchen Ländern das Studium am günstigsten ist.

Sie sind wütend - und suchen nach Auswegen. Viele deutsche Studenten lassen sich die von mehreren Bundesländern beschlossene Einführung von Studiengebühren nicht einfach bieten. In Internetforen rufen sie zum Aufstand aus, ziehen gegen Politiker vom Leder oder diskutieren Möglichkeiten, wie man der Gebührenlast entkommt: „Weiß hier jemand, inwiefern Studenten mit eigenen Kindern von den drohenden Studiengebühren in NRW befreit werden können?“ fragt eine Verzweifelte unter dem Pseudonym „Studentenmami“ im Forum von „Studis-Online“. In der Debattierrunde von „politik.de“ kündigte eine Schülerin namens „iron_net“ schon vor einiger Zeit an, was sie tun werde, wenn sich Hessen für die Bezahl-Uni entscheiden sollte: „Dann gehe ich ins Ausland - und komme am besten gar nicht wieder.“

Deutschlands Studenten in Finanzierungsnöten: Nicht nur, daß viele von ihnen künftig Studiengebühren zahlen müssen. Die verdichteten Stundenpläne für die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge lassen darüber hinaus wenig Zeit für einen Nebenjob. Für zwei von drei Studenten war der aber bisher eine wichtige Einnahmequelle.

Ist in dieser Situation die Flucht ins Ausland tatsächlich eine sinnvolle Alternative? Noch kommt es relativ selten vor, daß sich Deutsche für ein Vollstudium an einer Hochschule jenseits der Landesgrenze einschreiben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind es rund 60.000 - gerade mal 3 Prozent aller Studenten. Traditionell ist sogar die Nähe zum Heimatort das wichtigste Kriterium, nach dem hiesige Abiturienten ihre Hochschule auswählen. Doch das könnte sich jetzt ändern. Barbara Kehm, Geschäftsführende Direktorin vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung an der Universität Kassel und Projektleiterin der Studie „Transnationale Mobilität in Bachelor- und Master-Programmen“ rechnet zwar vorerst vor allem damit, „daß Studenten aus Bundesländern mit Studiengebühren in Bundesländer ohne Studiengebühren abwandern werden“. Doch warum den Fokus nicht gleich über Deutschland hinaus um das europäische Ausland erweitern? Für einen Abiturienten oder wechselwilligen Studenten aus Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen könnte doch auch eine Hochschule in den Niederlanden attraktiv sein. Warum sollte ein Münchner zum Studieren nicht nach Salzburg oder Wien gehen? Oder ein Hamburger nach Dänemark?

Prinzipiell steht Deutschen die gesamte Europäische Union offen. Der Gleichstellungsgrundsatz besagt: Die Hochschulen müssen Studenten aus anderen EU-Ländern zu den gleichen Bedingungen aufnehmen wie Bürger des eigenen Landes. Hinzu kommt, daß die europäischen Staaten im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses darum bemüht sind, ihre Hochschulsysteme einander anzugleichen - mit dem Ziel, die Mobilität der Studenten zu fördern (siehe auch den Kasten „Bologna-Prozeß in Europa“). Bleibt die Frage nach den Studienbedingungen in den verschiedenen Ländern: Wo kann man günstiger studieren als in Deutschland? Gibt es in Europa überhaupt gebührenfreie Zonen?

Die Hochschulen müssen Studenten aus anderen EU-Ländern zu den gleichen Bedingungen aufnehmen wie Bürger des eigenen Landes.

Noch existieren ja hierzulande welche. Weder die fünf östlichen Bundesländer (Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) noch Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein haben bislang die Einführung von Studiengebühren beschlossen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hingegen zahlen Erstsemester schon jetzt. Ab dem Sommersemester trifft es auch die fortgeschritteneren Studenten - ebenso wie in Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg. Von leichten Variationen abgesehen, werden 500 Euro pro Semester fällig. Experten rechnen damit, daß das erst der Anfang ist. Daß erstens die anderen Länder bald nachziehen werden und es zweitens nicht bei der Höchstgrenze von 500 Euro bleiben wird. Andreas Pinkwart etwa, Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, betrachtet die 500 Euro als „ausreichend für einen Einstieg in einen Mentalitätswechsel“ - und drückt auf diese Weise aus, daß eine Erhöhung nur eine Frage der Zeit ist. Ein starkes Argument für ein Studium in Deutschland - die akademische Ausbildung quasi zum Nulltarif - geht damit verloren.

Noch aber liegen die hiesigen Studiengebühren deutlich niedriger als beispielsweise in weiten Teilen Großbritanniens. In England dürfen Universitäten bis zu 3.000 Pfund pro Studienjahr nehmen, umgerechnet rund 4.500 Euro. Diese Obergrenze ist gleichzeitig der Normalfall. Immerhin müssen Studenten die Gebühren neuerdings erst nach Beendigung des Studiums zurückzahlen - und zwar nur dann, wenn der Absolvent mehr als 15.000 Pfund im Jahr verdient.

Zu klar besseren Konditionen können Großbritannien-Fans in Schottland studieren. Wie es beispielsweise Juliane Matz aus Leipzig getan hat. „Ein Studium in England hätte ich nicht bezahlen können, also bin ich ins schottische Stirling gegangen“, sagt die 25jährige, die vor wenigen Wochen ihren Bachelor in English Studies and Film & Media Studies abgeschlossen hat. Zwar verzichten auch die schottischen Universitäten nicht auf Studiengebühren. Doch auf Antrag werden sie unabhängig vom Einkommen in voller Höhe von der „Student Award Agency Scotland“ (SAAS) übernommen. Nach dem Examen müssen Studenten eine einmalige Spende in Höhe von 2.200 Pfund zahlen - Alleinerziehende ausgenommen. Juliane Matz hat sich ihren Lebensunterhalt durch Nebenjobs verdient. Etwa 15 Stunden pro Woche arbeitete sie zeitweise als Babysitterin, zeitweise als Aushilfe in einem Buchladen oder einer Frozen-Joghurt-Bar. „Einen Job findet man hier immer“, sagt sie. Doch große Sprünge konnte sie sich trotzdem nicht erlauben. Das Leben in Schottland ist teuer, allein die Miete für ein kleines Zimmer im Stirlinger Studentenwohnheim kostet 270 Pfund. „Wer sehr, sehr sparsam lebt, kommt im Monat mit 500 Pfund über die Runden“, sagt Juliane Matz, umgerechnet sind das 750 Euro.

Auf der Suche nach einem günstigen Studium sollte man also keineswegs nur auf die Studiengebühren achten. Ebenso gilt es, die Miete für ein Zimmer im Studentenwohnheim, den Lebensunterhalt sowie eventuell anfallende Prüfungsgebühren zu berücksichtigen (siehe auch die Tabelle „Wie teuer ist Studieren in Europa?“).

Der Blick auf die europäische Hochschullandschaft zeigt: Rein finanziell ist ein Studium vor allem in Osteuropa attraktiv, beispielsweise in Polen oder Tschechien. Denn in beiden Ländern verlangen die Hochschulen keine Studiengebühren; zudem kostet der Lebensunterhalt weit weniger als in Deutschland: Schon mit 300 Euros kommt man aus - eine bescheidene Lebensweise und die Unterbringung in einem Studentenwohnheim vorausgesetzt. Doch aufgepaßt: Für Studenten aus dem EU-Ausland fallen nur dann keine Studiengebühren an, wenn sie sich genauso wie die Einheimischen an der Uni bewerben und normale Kurse in polnischer beziehungsweise tschechischer Sprache belegen. Zeit und Kosten für Sprachkurse müssen also einkalkuliert werden. Englischsprachige Studiengänge gibt es zwar auch, kosten aber zwischen 3.000 und 10.000 Euro pro Jahr.

Aus finanziellen Gründen in die Schweiz oder nach Österreich zu gehen, hat keinen Sinn - dort fallen ebenfalls Studiengebühren an, und der Lebensunterhalt ist teurer als in Deutschland. In Dänemark oder Schweden hingegen können die Studenten günstiger wegkommen - sofern sie abends selten ausgehen. Vor allem Getränke in den Bars sind in den skandinavischen Ländern sehr teuer. Die Hochschulen aber verlangen keine Studiengebühren. Das gleiche gilt für Frankreich, wo die normalen Universitäten lediglich Einschreibgebühren erheben. Wer sparen will, sollte jedoch das teure Paris ebenso meiden wie die elitären „grandes écoles“, die bis zu 7.000 Euro im Jahr kosten.

Auch in den Niederlanden ist das Studentenleben insgesamt jetzt günstiger als in den benachbarten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die niederländischen Hochschulen verlangen zwar Studiengebühren in Höhe von 1.500 Euro im Jahr. „Doch als EU-Bürger bekommt man davon 900 Euro zurückerstattet“, weiß Ulrich Jütner. Der 20jährige aus dem münsterländischen Lüdinghausen hat gerade sein Studium an der European Law School in Maastricht aufgenommen. Wäre er in der Heimat geblieben, hätte er jährlich 400 Euro mehr an Gebühren berappen müssen. Sprachliche Probleme hat der deutsche Student an der Maastrichter Law School keine: Die Kurse finden auf Englisch statt. „Aber ich lerne trotzdem gerade Niederländisch. Weil es Spaß macht“, sagt Jütner.

Vom deutschen Staat gefördert wird das Vollstudium im Ausland leider nicht. Auslands-BAföG erhält nur, wer zuvor mindestens zwei Semester an einer deutschen Hochschule studiert hat. Das zu tun, könnte sich für Förderungsberechtigte durchaus rechnen. Denn wer Auslands-BAföG erhält, bekommt nicht nur die Studiengebühren im EU-Land seiner Wahl bis zu einer Höhe von 4.600 Euro pro Studienjahr erstattet. Zudem beinhaltet die Förderung auch die Übernahme der Reisekosten für den Heimatbesuch einmal im Halbjahr (siehe auch den Kasten „Förderprogramme für das Auslandsstudium“).

Für jene, die unbedingt von Anfang an im Ausland studieren wollen, gibt es eine weitere Lösung: das Pendler-BAföG. Das bekommen Förderungsberechtigte, die in Deutschland wohnen und im Ausland studieren. Wer etwa vor den deutschen Studiengebühren an die Universität Straßburg flüchtet und sich in Grenznähe zu Frankreich auf deutschem Boden niederläßt, kommt in den Genuß eines gebührenfreien Studiums und braucht gleichzeitig nicht auf sein BAföG zu verzichten. Sparfüchse finden im EU-Ausland also durchaus günstige Gelegenheiten.

Es sind jedoch nicht allein finanzielle Motive, die Studenten zu einem Blick über die deutschen Landesgrenzen hinaus bewegen. Juliane Matz etwa wollte ins Ausland, weil sie das internationale Flair liebt und das Abenteuer, sich alleine in einem fremden Land zurechtfinden zu müssen. Von Schottland zieht es sie jetzt weiter nach England, wo sie am University College London einen Masterstudiengang in European Culture belegen will. „Wegen meines guten Bachelorabschlusses habe ich von der Uni ein Stipendium in Höhe der 4.500 Pfund Studiengebühr bekommen“, sagt sie.

Auch Ulrich Jütner ging es nicht in erster Linie ums Geld. Entscheidend für seine Wahl war, daß er einen auf internationales Recht ausgerichteten Bachelorstudiengang belegen wollte. Von der European Law School in Maastricht hatte er nur Gutes gehört. „In Deutschland hingegen kommt man in Jura um das langwierige Staatsexamen kaum herum. Zudem ist das Studium inhaltlich sehr national geprägt“, sagt Jütner.

So mancher Student flieht auch vor einem hohen Numerus Clausus ins Ausland. Österreich beispielsweise ist eine sehr beliebte Ausweichadresse für deutsche Abiturienten, die gerne Medizin studieren wollen, aber hierzulande keine Zulassung erhalten.

Die Mobilität deutscher Studenten hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. „Ein auf ein oder zwei Semester befristeter Auslandsaufenthalt ist zur Normalität geworden“, sagt Hochschulforscherin Kehm. Eine Ursache dafür ist, daß Studenten mit Auslandserfahrung auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen haben. „Wer sogar ein ganzes Studium im Ausland bewältigt hat, dürfte zumindest bei global agierenden Konzernen beste Karten haben“, sagt Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System in Leipzig.

Heublein empfiehlt Abiturienten aber, zunächst ein gefestigtes Fachinteresse zu entwickeln und ausgehend davon den Studienort zu wählen. „Wenn ich weiß, welche Talente ich habe und warum mich ein Fach besonders reizt, kann ich mich um jene Hochschule bemühen, die meinen inhaltlichen Vorstellungen am ehesten entspricht.“ Ob die in Halle oder Lille liegt, sei eher zweitrangig. Auch Dieter Dohmen, Leiter des Kölner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, rät davon ab, nur auf die Kosten zu schauen: „Ein Studium ist eine Investition in die Zukunft. Daher sollte man zuallererst auf die Qualität achten.“

Genau das hat Christian Gehringer getan. Er wußte nach dem Abitur, daß er Biologie studieren wollte; und er wußte auch, daß die ETH in Zürich einen guten Ruf in seinem Wunschfach hat. Also hat sich der Baden-Württemberger in der Schweiz beworben und sofort einen Studienplatz bekommen. Das Studium an der ETH Zürich kostet umgerechnet 400 Euro pro Semester, der Lebensunterhalt in der Schweiz mindestens 900 Euro monatlich. Ein teures Unterfangen. Doch dafür sei die Ausstattung der Labore und Bibliotheken hervorragend, die Betreuung durch die Professoren vorbildlich, schwärmt Gehringer, der inzwischen kurz vor den Diplomprüfungen steht. Und wie sind die beruflichen Aussichten? „Hier buhlen ständig Consultingfirmen und Pharmaunternehmen um die Gunst der Absolventen.“

Wie weit ist der Bologna-Prozess in Europa?

Die Bildungsminister vieler europäischer Staaten haben 1999 im italienischen Bologna beschlossen, ihre Hochschulsysteme zu harmonisieren. Inzwischen beteiligen sich insgesamt 44 Staaten am sogenannten Bologna-Prozeß, der unter anderem die Einführung vergleichbarer Abschlüsse (Bachelor und Master) sowie eines einheitlichen Leistungspunktesystems (nach dem ECTS-Modell) vorsieht. Auf diese Weise soll die Mobilität der Studenten gefördert werden.

Abgeschlossen ist der Bologna-Prozeß in den Niederlanden, in Norwegen und Dänemark. Auch die Hochschulen in der Schweiz und in Österreich sind im Reformprozeß weiter fortgeschritten als jene in Deutschland, wo etwa 40 Prozent der Studiengänge umgestellt sind. In Italien wurden die alten Studiengänge quasi über Nacht durch das neue zweigestufte System ersetzt. Allerdings haben die Universitäten darauf verzichtet, ihre Lehrpläne an die neue Struktur anzupassen, so daß Experten von einer chaotischen Situation sprechen. In England werden traditionell Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten. Doch anders als in den meisten europäischen Staaten dauern die Masterstudiengänge auf der Insel nur ein statt zwei Jahre. Sie sind daher kaum vergleichbar. Ähnlich ist die Situation in Schweden. In Frankreich wird der Bologna-Prozeß in regionalen Wellen vollzogen. Vor allem im Süden des Landes sind die Universitäten bereits umgestellt. Aber auch im Norden bieten zahlreiche Universitäten, etwa in Straßburg, Metz und Paris, zumindest einen Teil der Studiengänge in der neuen Bachelor-Master-Struktur an. Recht weit fortgeschritten ist die Reform zudem in Tschechien, während Polen, Ungarn, Spanien und Griechenland bei der Umsetzung hinterherhinken.

In vielen Ländern (etwa England, Dänemark, Niederlande, Frankreich, Österreich) sind die medizinischen Fächer von der Bachelor-Master-Struktur ausgenommen. In Ungarn und Tschechien werden darüber hinaus auch die Rechtswissenschaften nach altem Muster gelehrt. In der Regel führen 180 Punkte zu einem Bachelorabschluß und 120 Punkte zu einem Master. Einige Länder weichen von dieser Regelung leicht ab. In Spanien und Ungarn etwa sind Bachelorstudiengänge geplant, die bis zu 240 Punkte wert sein sollen. Für den zweiten Zyklus werden dementsprechend weniger Punkte verlangt, so daß insgesamt 300 Punkte zum Master führen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 86, 2006
Bildmaterial: Dana Zimmerling