31. Januar 2005
Es geht schon im Hörsaal los. Nur drei Prozent der Studienanfänger in technischen Fächern sind Frauen. Sich durchboxen", Ellbogen zeigen", beweisen, was man kann" - diese und ähnliche Formulierungen fallen Ingenieurinnen ein, die sich an ihre Ausbildung erinnern. Wobei die im Studium gemachten Erfahrungen sich im Berufsleben fortsetzen. Dennoch: Es tut sich was.
Nach dem drastischen Rückgang der Studentenzahlen in technischen Studiengängen bis Mitte der 90er Jahre steigen die Anfängerzahlen insgesamt wieder an. Mit rund 56.000 Studienanfängerinnen nahm der Anteil an Frauen 2002 um acht Prozent zu. Eine notwendige Trendwende. Der mangelnde Nachwuchs gefährdet den Wirtschaftsstandort Deutschland", stellte Birgit Lehning von der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) im Rahmen der VDI-Veranstaltung Karriere für Ingenieurinnen" fest. Ingenieure und Ingenieurinnen gehören langfristig zu den am stärksten nachgefragten Akademikern." In den nächsten zehn Jahren rechnet sie mit einer Steigerung von jährlich fünf Prozent.
Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, das ingenieurwissenschaftliche Potential von Frauen unter den Tisch fallen zu lassen. Verbände, Hochschulen und Wirtschaft werben, klären auf, gründen Netzwerke, entwickeln Stipendienprogramme wie das mit der RWTH Aachen vergebene Henry-Ford-Stipendium für weibliche Studierende und unterstützen die erfolgreiche Initiative Girls'Day", einen jährlichen Mädchen-Zukunftstag. Wir wollen vermitteln, daß Technik mit Frauen zu tun hat", unterstreicht Susanne Ihsen vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Auch auf europäischer Ebene. In Arbeit ist der Projektantrag WinFemaleEngineers", hinter dem ein europäisches Konsortium aus etwa zwanzig Verbänden und Medien steht. Mit Spots, Clips und Werbeaktionen soll die Informationskampagne in den Partnerländern ein zeitgemäßes Image des Berufsstandes vermitteln. Werben allein reicht nicht. Zwischen dem Anteil an Absolventinnen von 20 Prozent und den zehn Prozent berufstätigen Ingenieurinnen klafft eine Lücke. Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) gehört zu jenen Unternehmen, die sich im Herbst 2003 auf die EU-Initiative Women in Industrial Research - WIR" verständigt haben. Ziel der Selbstverpflichtung ist es, Forscherinnen und Ingenieurinnen verstärkt einzustellen, im Unternehmen zu halten und ihnen den Aufstieg in Führungspositionen zu ermöglichen. Noch betreiben wir eine Verwaltung des Mangels", sagt Pablo Salame Fischer, Leiter Personalmarketing der EADS Deutschland. Auch wenn unser Anteil an Ingenieurinnen mit 15 Prozent leicht über dem Durchschnitt der Industrie liegt, sind wir lange nicht da, wo wir hin wollen."
Auch wenn unser Anteil an Ingenieurinnen mit 15 Prozent leicht über dem Durchschnitt der Industrie liegt, sind wir lange nicht da, wo wir hin wollen."
Mühsam bleibt es, den Frauenanteil deutlich zu heben. Nur acht Prozent der Luft- und Raumfahrtabsolventen sind Frauen. Und die müssen auch gut sein", so Salame Fischer. Marktschreierisch ein neues Zeitalter in der Personalpolitik auszurufen, davon hält der Marketingleiter wenig. Wir wollen den Damen an Bord das Leben freundlicher gestalten", formuliert er die Bemühungen der EADS vorsichtig. Ein so tiefgreifender Kulturwandel brauche Zeit. Europas größtes Luft- und Raumfahrtunternehmen setzt vor allem auf eine bessere Integration der Frauen während der Familiengründungsphase. Individuell angepaßte Arbeitszeitmodelle, Telearbeit, flexible Arbeitsorte und ein Netz betrieblicher Betreuungsangebote sollen es Ingenieurinnen ermöglichen, in Entwicklungs- und Unternehmensprozessen zu bleiben. Das ist nicht der Durchbruch, aber ein deutliches Signal an unsere Ingenieurinnen, daß wir sie halten wollen", so Salame Fischer.
Je höher die Position desto schwerer lassen sich Führungsansprüche und Familie vereinbaren. Zumindest in Deutschland. Meine Chefin war Leiterin von Forschungs- und Innovationsprojekten für Verteidigungssysteme, verheiratet und hatte drei Kinder", erzählt Daniela Dudek. Eine prägende Erfahrung für die Ingenieurin, die als Trainee der EADS drei Monate nahe Paris verbrachte. Dank des französischen Betreuungssystems liege der Frauenanteil selbst in einer so klassischen Männerdomäne wie der Verteidigungstechnik wesentlich höher als bei den deutschen Partnern. Für mich sind die Rotationsmöglichkeiten, die die EADS bietet, optimal", betont die 27 Jahre alte Münchnerin. Ihre Stelle bei der Business Unit Verteidigungselektronik besteht zu gleichen Teilen aus Management- und Ingenieurplanungsaufgaben. Als Assistentin untersteht sie dem Leiter der Business Line Missionssysteme in Ulm und koordiniert den Austausch zwischen den verschiedenen Teams. Zugleich ist sie mittendrin in der Ingenieurswelt. Bei der Entwicklung der militärischen Systeme für das A-400-M-Transportflugszeug arbeitet sie als einzige Frau in einer Gruppe von über dreißig Ingenieuren mit. Für Dudek kein Problem: Reine Einstellungssache." Überhaupt ist sie der Ansicht, sowohl während der Ausbildung als auch im Unternehmen immer gleichberechtigt behandelt worden zu sein.
Diesen Punkt sehen Wissenschaftler und Berufsverbände nicht ganz so optimistisch. Erste Ergebnisse einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Untersuchung zu den strukturellen Barrieren im Beruf für Absolventinnen naturwissenschaftlicher und technischer Fächer" kommen zu wenig euphorischen Befunden. Wie die Soziologieprofessorin Beate Krais von der Universität Darmstadt feststellt, haben es Frauen beim Einstieg in technische Berufe schwerer: Die Arbeitslosenquote von Ingenieurinnen liegt durchgängig höher als die ihrer männlichen Kollegen; Männer sind im Unternehmen besser integriert." Dabei seien Frauen oft nicht geringer, sondern eher besser qualifiziert und brächten aufgrund ihrer Lebensführung ein hohes Maß an Innovation und Flexibilität mit. Gemischte Teams kommen schneller zum Ergebnis", betont Gabriela Hahn, Ingenieurin für Physikalische Technik bei der Ford-Werke AG in Köln. Frauen und Männer denken anders", stellt sie fest. Ingenieurinnen finden andere Lösungsansätze." Als Mitbegründerin und Chair-Woman des Women's Engineering Panel (WEP) macht sie sich für den Aufbau eines Ford-weiten Ingenieurinnen-Netzwerks stark. Mit ansteckender Begeisterung für diesen spannenden Beruf" ermuntert sie in Schulen und Unis zur Technik und begleitet Henry-Ford-Stipendiatinnen auf ihrem Weg. Mit Erfolg. So ist zum Beispiel der Anteil an Mädchen, die bei Ford technische Praktika absolvieren, seit 1999 von sieben Prozent auf 32 Prozent gestiegen.
Als Lückenbüßerinnen, die vor allem wegen des abzusehenden Mangels an Fachkräften ins Boot geholt werden, sieht sie das gezielte Engagement um Ingenieurinnen ganz entschieden nicht. In der Automobilbranche finde vielmehr ein grundlegender Wandel statt. Ford verfolge seine Strategie schon seit fast zehn Jahren. Grund dafür sei die veränderte Käuferstruktur. Wir wissen, daß immer mehr Frauen Autos kaufen und 70 Prozent der Kaufentscheidungen beeinflussen", so Hahn. Wenn es um das Schaltverhalten oder die Erreichbarkeit des Steuers geht, sei auch weiblicher Sachverstand gefordert.
Weitere Informationen unter:
VDI Beruf und Gesellschaft Abteilung Beruf und Karriere Dr. Susanne Ihsen Postfach 10 11 39 40002 Düsseldorf Tel.: 02 11/62 14-2 72 fib@vdi.de http://www.vdi.de
EADS Deutschland GmbH Personnel Marketing Team 81663 München Tel.: 0 89/6 07-3 45 13 jobs@eads.net
Ford-Werke-AG Gabriela Hahn Powertrain Finance Henry-Ford-Straße 1 50725 Köln Tel.: 02 21/9 03 34 51 ghahn1@ford.com http://www.ford.de
Infos zu Diversity bei Ford unter: http://www.ford.de/ie/ueber-ford/-/uford12