15. Dezember 2009

Kontrolle mit viel Gefühl

Einstieg in die Wirtschaftsprüfung - Vier Portraits

Von Britta Beeger



Björn Bemelmans
14. Mai 2009 
Auch in Krisenzeiten steht Wirtschaftsprüfern eine gut bezahlte Karriere als Planer und Stratege offen - in WP-Gesellschaften genauso wie in Konzernen. Wir stellen vier Wirtschaftsprüfern und ihre Jobs vor.

Der Turbo-Lerner

Die meisten angehenden Wirtschaftsprüfer fangen schon ein Jahr vor dem Examen an zu lernen, setzen sich abends nach der Arbeit noch an den Schreibtisch, belegen Fernkurse oder Wochenendseminare. Björn Bemelmans hat sich in nur vier Monaten auf die wichtigste Prüfung in seiner beruflichen Karriere vorbereitet.

Nicole Schäfer

Den Mann bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Ganz pragmatisch ging Björn Bemelmans die höchste Hürde in seiner beruflichen Karriere an: das Wirtschaftsprüferexamen. Dabei ist die Durchfallquote enorm, zudem hatte Bemelsmans nur vier Monate für die Vorbereitung und obendrein mehr Stoff zu bewältigen als seine Mitstreiter. Denn er musste sich in seinem Examen zum Wirtschaftsprüfer auch im Fach Steuern prüfen lassen. Diesen Teil bringen andere angehende Wirtschaftsprüfer schon vorher hinter sich, um dann für das spätere Wirtschaftsprüferexamen mehr Zeit zu haben. Doch Bemelmans hatte die Steuerberater-Prüfung hintangestellt. Nicht aus Faulheit. Er schrieb, neben seiner Arbeit bei Ernst & Young in Düsseldorf, seine Doktorarbeit. „Da blieb keine Zeit zum Lernen“, sagt er. Anfang Dezember hatte Bemelmans, der an der FH Aachen ein BWL-Studium mit den Schwerpunkten Finanzmanagement, betriebliche Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung abgeschlossen hatte, den Lernmarathon dann endlich hinter sich - Zeit zum Durchatmen blieb ihm aber auch nach den ganzen Strapazen nicht. Denn schon in der Prüfungszeit war Bemelmans, der bei Ernst & Young als Assistent angefangen hatte, vom „Senior“ zum „Manager“ befördert worden. Er steuert und verwaltet jetzt Mandate von seinem Büro aus und ist Ansprechpartner für die Kollegen vor Ort. Insgesamt betreut er momentan sechs Mandate, in der Regel immer zwei bis drei gleichzeitig. Zeit für Urlaub blieb da erst mal nicht - am Tag nach der mündlichen Prüfung musste er direkt wieder ins Büro. Einzig ein Abendessen mit seiner Freundin gönnte er sich. Der Stress hat sich gelohnt: Bemelmans hat das Examen mit einer Durchschnittsnote von 3,75 bestanden - und ist mit diesem Ergebnis zufrieden. Denn er weiß: Solche Noten sind beim Wirtschaftsprüferexamen durchaus normal. Wo immerhin 35 Prozent seiner Mitprüflinge durchfielen.

Text: Britta Beeger Foto: Kathrin Harms

Die Vielseitige

Eigentlich hatte sich Nicole Schäfer das Ziel gesetzt, Steuerberaterin zu werden. Doch nach dem BWL-Studium und dem Steuerberater-Examen wollte sie mehr. Nun ist die 32-Jährige bestellte Wirtschaftsprüferin bei der BDO Deutsche Warentreuhand AG in Kiel, wo sie zuvor schon mehrere Jahre als Prüfungsleiterin gearbeitet hatte.

Stefan Langenberger

ie BDO-Niederlassung in Kiel sei genau die richtige Wahl für sie gewesen, sagt Nicole Schäfer. „Wir sind eine überschaubare Gruppe, man kennt jeden - das gefällt mir.“ Doch nicht nur die fast familiäre Atmosphäre ist ihr wichtig. Auch der kollegiale Austausch: Sie habe ein Expertenteam hinter sich, auf das sie bei Fragen jederzeit zurückgreifen könne. „Wenn ich zum Beispiel eine juristische Fragestellung habe, kann ich mich an die Rechtsabteilung wenden.“ Bei den „Big Four“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften habe sie sich damals nicht beworben, weil dort extrem hierarchische Strukturen herrschten und eine starke Spezialisierung.

Schäfer ist für BDO in den unterschiedlichsten Feldern unterwegs: Sie macht Abschlussprüfungen, sogenannte Ordnungsmäßigkeitsprüfungen, interne Revisionen bei Rundfunk- und Vermarktungsunternehmen, in Krankenhäusern, bei mittelständischen Handels- und Industrieunternehmen, Stiftungen oder Lotterieunternehmen. Hauptsächlich arbeitet sie für Unternehmen in Schleswig-Holstein, ist aber auch in Berlin, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. „Ich treffe Menschen aus allen Lebensbereichen und prüfe die gesamte Bandbreite eines Mandats. Meine Arbeit ist dadurch sehr abwechslungsreich und interessant“, sagt sie. Als Managerin bei BDO übernimmt Schäfer nicht nur immer mehr Mandate eigenverantwortlich. Sie betreut auch die jüngeren Kollegen, beantwortet Fragen, koordiniert ihre Arbeit. Dass sie im Vergleich zu den ganz großen Prüfungsgesellschaften Abstriche beim Gehalt machen muss, damit könne sie leben. „Weil das Umfeld stimmt“, meint Schäfer. Bei Renommee und Aufstiegschancen sieht sie dafür keine Unterschiede: „Wir bezeichnen uns gerne als Nummer eins hinter den großen Vier.“ Sie habe hier als Wirtschaftsprüferin ebenfalls eine große Verantwortung, auch wenn sie Krankenhäuser anstelle von Dax-Konzernen prüfe.

Text: Juliane Wildermann Foto: Kathrin Harms

Der Shooting-Star

Wer macht was, bis wann und wie? Wenn Stefan Langenberger mit seinem Team durchgeht, was ansteht, läuft das mit beeindruckender Routine ab. Langenberger ist 29 Jahre alt. Und damit einer der jüngsten Wirtschaftsprüfer bei der KPMG.

Als er Ende 2007 sein Examen zum Wirtschaftsprüfer abgelegt hatte, war Langenberger erst 27 Jahre alt und damit der jüngste Wirtschaftsprüfer der Republik. Studiert hat er Betriebswirtschaftslehre an der Berufsakademie Heidenheim, fing 2002 als Wirtschaftsprüfungsassistent bei KPMG an, machte im April 2007 parallel zur Arbeit das Steuerberaterexamen und lernte danach drei kurze Monate für den Wirtschaftsprüfer. Die bestandene Prüfung gab den Ausschlag für seinen Aufstieg zum Manager und Prokuristen. „Mit der Beförderung fing der Stress erst richtig an“, sagt Langenberger. Er bekam mehr Verantwortung, hatte Aufgaben zu erfüllen, die er als Prüfungsassistent so noch nicht erledigte, auch das Gehalt stieg. Jetzt ist er nicht mehr einer in einem großen Team, sondern muss die Arbeit von bis zu zehn Mitarbeitern koordinieren. Langenberger plant nicht nur kurzfristig, wer bei welchem Mandat - also Auftrag - und in welcher Funktion mitarbeitet. Er muss auch überblicken, wie die Kollegen über das gesamte Jahr in verschiedenen Projekten eingesetzt werden. Sein Einsatzgebiet ist die Versicherungsbranche, die ihn besonders wegen der Größe und Komplexität der Unternehmen interessiert.

Einen der größten Vorteile seines Arbeitgebers sieht Langenberger in der hochkarätigen „Kundschaft“: In Deutschland prüft und berät das Unternehmen viele Dax-Konzerne. Mehr Verantwortung und mehr Geld bedeutet aber auch mehr Einsatz. Stefan Langenberger pendelt regelmäßig zwischen Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg und München. „Die Arbeit als Wirtschaftsprüfer ist kein Nine-to-five-Job“, sagt er. Natürlich denkt der 29-Jährige auch an später. Die Gesamtverantwortung für die Prüfung eines großen Versicherungsunternehmens wünscht er sich: „Eigenständig und in hoher Qualität.“ Bei KPMG soll das sein, gerne in absehbarer Zeit und sehr gern als „Senior Manager“ und vielleicht sogar als Partner. Stressiger Job, aufregende Freizeit, ehrgeizige Zukunftspläne - Stefan Langenberger bleibt trotz allem entspannt: „Ich brauche Action.“

Text: Juliane Wildermann Foto: Kathrin Harms

Der Konzerngestalter

Zwei Jahre war Martin Wünsch Prüfungsassistent bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Dann hatte er genug: „Als Wirtschaftsprüfer beschäftigt man sich nur mit Dingen, die schon waren. Viel interessanter ist aber doch, selbst etwas zu gestalten.“ Sein neuer Arbeitgeber: der internationale Medienriese Bertelsmann.

Vier Buchstaben sind es, die Martin Wünschs Arbeit von Beginn an bestimmten: IFRS. Sie stehen für „International Financial Reporting Standards“. Als der Wirtschaftswissenschaftler 2001 zu Bertelsmann kam, war der weltweit agierende Konzern gerade dabei, seine Rechnungslegung auf diesen Standard umzustellen und so die Bilanzierung international vergleichbar zu machen. Mit IFRS war Wünsch schon bei PwC in Berührung gekommen, jetzt konnte er seine Erfahrungen bei Bertelsmann ausbauen. Nach zwei Jahren entschloss sich Wünsch zu einer Weiterbildung. Der Mann, der das Wirtschaftsprüferexamen „eigentlich zu stressig“ fand, büffelte fast fünf Monate lang neben seinem Job für ein Examen zum Certified Public Accountant (CPA). Der CPA ist die US-Variante des deutschen Wirtschaftsprüfers. Grund für Wünschs Sinneswandel: „Die amerikanischen Regeln decken sich in weiten Teilen mit den IFRS-Standards.“ 2003 legte er in New Hampshire die Prüfung ab, seitdem ist er einer von rund 1.000 CPAs in Deutschland. Seine Entscheidung, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu verlassen, hat Martin Wünsch nie bereut. Ihn stören „die spitzen Pyramiden“ in den großen Prüfungsgesellschaften. Bei Bertelsmann hingegen seien die Hierarchien flach: „Hier bekommt auch ein Young Professional schnell Verantwortung.“ So stieg er bereits 2005 zum stellvertretenden Leiter der Projekt- und Grundsatzabteilung auf, danach war er unter anderem für die „IFRS Reporting Policies“ im Konzern verantwortlich.

Zurzeit hat er Gütersloh gegen Leipzig eingetauscht. Dort schreibt der 36-Jährige an der Handelshochschule (HHL) seine Dissertation und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rechnungslegung. Nach dem Sabbatical wird er als Doktor Wünsch nach Gütersloh zurückkehren. Sollte ihm das Leben dort einmal zu eng werden, könnte er immer noch nach Illinois ziehen: Dort arbeitet er seit 2007 als CPA.

Text: Karen Haak Foto: Kathrin Harms

Drei Wege zum Wirtschaftsprüfer

Der klassische Weg
BWL bietet die beste fachliche Grundlage für den Wirtschaftsprüferberuf: Rund 80 Prozent der Wirtschaftsprüfer in Deutschland haben nach Angaben der Wirtschaftsprüferkammer einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre, jeweils 6 Prozent in Volkswirtschaftslehre oder Jura. Auf das Studium folgt eine mindestens dreijährige Berufspraxis bei einem Wirtschaftsprüfer beziehungsweise einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Wenn die Regelstudienzeit weniger als acht Semester beträgt, verlangt die Wirtschaftsprüferordnung eine vierjährige Praxiszeit.

Auf die Erfahrung folgt das Examen, bei dem in sieben Klausuren vier Sachgebiete abgefragt werden: Wirtschaftliches Prüfungswesen, angewandte BWL und VWL, Wirtschaftsrecht sowie Steuerrecht. Das WP-Examen gilt als größte Hürde auf dem Weg zum Wirtschaftsprüfer. Jedes Jahr nehmen über 1.000 Bewerber an der Prüfung teil, nur etwa die Hälfte schafft es auf Anhieb; die anderen müssen eine Ergänzungsprüfung machen oder das Examen wiederholen. Insgesamt haben Kandidaten drei Versuche. Kurse zur Vorbereitung bieten private Repetitorien.

Der Umweg
Es gibt auch Ausnahmen vom direkten Berufsweg, und nicht immer ist ein Universitätsabschluss nötig. So können zum Beispiel alle Steuerberater ein Examen zum Wirtschaftsprüfer absolvieren. Voraussetzung: Sie haben fünf Jahre Berufserfahrung, davon zwei Jahre in „besonderer Prüfertätigkeit“; das heißt, sie müssen Jahres- und Konzernabschlüsse geprüft haben. Sie können sich ihr Steuerberaterexamen anrechnen lassen und müssen dann nur noch eine Teilprüfung ohne den Bereich Steuerrecht absolvieren. Auf diese Entlastung spekulieren auch Prüflinge, die zunächst eine Steuerberater-Prüfung machen - als Etappenziel zum Wirtschaftsprüfer.

Der Weg über den Master
Mit dem Bologna-Prozess wurde noch ein weiterer Weg zum Wirtschaftsprüfer geebnet: Die Universität Mannheim sowie die Fachhochschulen Münster-Osnabrück und Pforzheim bieten neuerdings Masterstudiengänge an, die speziell auf die Tätigkeit des Wirtschaftsprüfers ausgelegt sind. Eine der Zulassungsbedingungen zum Studium ist eine einjährige Berufspraxis in der Wirtschaftsprüfung. Im Anschluss an den Master kann man dann sofort ein verkürztes Wirtschaftsprüferexamen ablegen. Allerdings wird man nicht sofort nach Bestehen der Prüfung vereidigt. Zunächst muss man dann noch zwei weitere Jahre in der Wirtschaftsprüfung arbeiten.

Text: Silvia Wirth

Text: Hochschulanzeiger Nr. 102, 2009, Seite 48
Bildmaterial: Zeitenspiegel, Kathrin Harms