11. Oktober 2008

Zeitsparend flirten ist in

Flirtmarathon an einem Abend

Von Frauke Poganatz




18. Juni 2007 
Statt wochenlang sein Flirtglück in Bars zu versuchen, trifft der moderne Single gleich mehrere potentielle Partner an einem Abend beim Speeddating. Ein Selbstversuch von unserer Autorin Frauke Poganatz.

Sonntag, 19 Uhr: Eine Stunde vor meinem ersten Speeddate suche ich verzweifelt nach einem angemessenen Outfit. Schwarzes Blusenkleid? Zu spießig. Roter Sixties-Rock? Zu sexy. Letztendlich schmeiße ich mich wie bei fast jedem normalen Barbesuch in meine knallenge Jeans und mein Lieblingsshirt. Kontaktlinsen rein, Wimpern getuscht, ein bisschen Lipgloss und los. In der Bahn werde ich paranoid. Der blonde Typ an der Tür lächelt so komisch, weiß der was? Und die Gelockte vor mir, geht sie auch zum Speeddate? Alles Quatsch! Ich suche die Nuance-Bar unter den S-Bahn-Bögen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte. Schon von weitem erkenne ich sie durch ein blinkendes Blaulicht vorm Eingang.


Zweifel überkommen mich: Ist Speeddating, also Männer abklappern im Sieben-Minuten-Takt, wirklich DIE geeignete Variante, meinem Traummann zu begegnen? Geht es dabei nicht nur um Oberflächlichkeiten? Immerhin habe ich heute Abend die Chance, mit jedem ein paar Sätzchen, ein paar Floskeln aus-zutauschen. Und selbst an den Universitäten wird Speeddating ernst genommen und erforscht.

Genug Zeit, mein Vorhaben zu überdenken, hatte ich jedenfalls. Denn um ins schnellste Dating-Business der Welt einzusteigen, musste ich einen geschlage-nen Monat ausharren: Dank Google entdeckte ich www.speeddating.de und buchte dort Wochen im Voraus die einzige Veranstaltung in meiner Nähe und in der nächsten Zeit, die sich an Kandidaten unter 28 Jahre richtete. Der Termin wurde drei Tage vorher bestätigt, und die Altersgrenze wurde um ein paar Jahre erhöht.

Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr! Am Eingang der Bar schaue ich mich neugierig um: Die kleine, schlauchförmige Cocktailbar mit roten Wänden ist wie gemacht fürs Speeddaten. Salsa-Rhythmen sorgen für eine lockere Stimmung wie im Urlaub. Schon muss ich der leger gekleideten Organisatorin meinen richtigen Namen nennen - dahin die Anonymität. „Kennen Sie die Regeln“, fragt sie und legt los: „Die Frauen bleiben sitzen, die Männer wechseln nach einem Klingeln alle sieben Minuten zur nächsten. Auf Ihrem Speeddate-Zettel notieren Sie sich Ihre Tischnummer und Ihren Nickname, mit dem Sie sich angemeldet haben. Von jedem Mann tragen Sie ebenfalls den Nickname ein. Zudem können Sie sich Notizen über den Kandidaten machen. Am Ende kreuzen Sie an, ob Sie ihn wiedersehen möchten oder nicht. Per E-Mail teilen wir Ihnen in ein paar Tagen mit, ob es Übereinstimmungen im Kontaktwunsch gab.“ Kreuzen also Mann und Frau „Ja“ an, bekommen sie die E-Mail-Adresse des anderen. Hat nur einer „Ja“ angekreuzt, passiert nichts: keine peinlichen, einseitigen Sympathiebekenntnisse und keine aufdringlich nervenden Verehrer.

Vereinzelt sitzen bereits Kandidaten an ihren Plätzen und beschnuppern sich. Mein zugewiesener Tisch ist in der hintersten Ecke auf einer roten Kunstledercouch hinter transparentem Vorhang. Es gibt noch Platz für ein anderes Pärchen, der Rest sitzt an kleinen Tischchen in einer Reihe, die parallel zum Tresen verläuft. Dort bestelle ich mir einen Kaffee und quatsche mit zwei Frauen Mitte zwanzig. „Wir haben das Speeddate geschenkt bekommen“, sagt „Rose“*. Schon angeschickert erzählt „Gina“: „Jetzt noch einen Cocktail, vorher haben wir auch schon getrunken.“ Mein Kaffee kommt, ich setze mich. Da wartet schon der erste Kandidat: 22 Jahre! Ich selbst bin 31 Jahre alt, schummele mich heute auf 28. Dem jungen „Timmy“ ist schnell klar: „Ich passe hier gar nicht rein, ich bin der Jüngste. Und außer mir haben auch alle Hemden an.“ Die BWL-Studentin „Vicky“ mit Halstuch und Perlenohrringen vom Nach-bartisch erzählt mir: „Ich bin hier, weil ich in letzter Zeit in Clubs nur Deppen kennengelernt habe!“ Das Mikrofon ertönt: „Jetzt geht's los!“ Endlich! Wir warten schon eine gefühlte halbe Stunde. Zusätzliche sieben Minuten mit dem 22-Jährigen ...

Es klingelt! Ablösung durch Nummer zwei: Der 28-jährige BWLer trägt den Nickname „Hapeot“ - aus den Anfangsbuchstaben seines Namens zusammengesetzt. Er beichtet mir: „Zu Hause hatte ich mir eine Liste mit Fragen für heute Abend gemacht, die hab ich aber nicht dabei.“ Und weiter im Takt, Nummer drei scharrt schon mit den Hufen. Ein paar Fältchen im sonst kernig aussehenden Gesicht verraten, dass er hier falsch ist: Der 38-jährige „Sympathischer“ wurde runtergestuft. Sein Speeddate-Termin für unter 45-Jährige war ausgefallen.

Ich husche auf die Toilette. Atempause! Zurück erwartet mich der durchgeknallte „Ring Ding“, Baujahr 78:

Dann kommt ein Lichtblick: Dreitagebart, strahlend grüne Augen! „Carlito“ und ich mögen denselben Radiosender. Mist! Die Glocke läutet schon wieder. Mein neuer Sitzpartner, ebenfalls BWLer, überrascht mich: Der 32-jährige „Jack“ tanzt Salsa. „Ich hoffe, deine Bewertung fällt positiv aus, meine wird es“, bezirzt er mich beim Abschied. Ich husche auf die Toilette. Atempause! Zurück erwartet mich der durchgeknallte „Ring Ding“, Baujahr 78: „So wie du gerade über den Tisch gesprungen bist, vermute ich, du machst Kampfsport!“ Na, herzlichen Dank. Das Gespräch läuft dementsprechend abwärts. Endlich Partnerwechsel. Mit meinem siebten Speeddater „Kongo“ rede ich entspannt über „Tatort“: „Schade, dass wir den gerade verpassen!“ RING! Schon kommt der große und durchtrainierte „Jan76“: „In der Disko will ich tanzen und nicht Frauen ansprechen.“ „Interessant“, denke ich, da ist „Jan76“ schon verschwunden.

Der braungebrannte „Ragazzo“ studierte BWL - war ja klar! Er grinst lausbübisch, als er mit mir über seine Vorliebe für südeuropäische Frauen spricht: „Deshalb habe ich Italienisch gelernt!“ Gerade frage ich mich, wie viele Männer hier noch durchhetzen, da erzählt mir schon der Krankenpfleger „Jean“: „Letztes Mal habe ich mich hier hereingeschmuggelt und aus der Ecke das Treiben beobachtet.“ Ich bin erschöpft. Mein letztes Date steht vor mir. Der energiegeladene „Johnny“ plappert los. Ich sage ihm noch: „Puh, ich bin völlig fertig!“ Doch er nutzt seine Audienz ungebremst und redet so schnell, dass ich mehrmals nachhake: „Wie bitte?“ „Schluss für heute. Bitte füllt eure Zettel aus“, schallt es aus dem Mikrofon.

Gott sei Dank habe ich mir zwischendurch ein paar Notizen zu den Kandidaten gemacht, denn inzwischen verschwimmen die Gesichter und Geschichten zu einem undurchdringlichen Einheitsbrei. „Timmy“: zu jung. „Hapeot“: Liste! Zu unspontan. „Sympathischer“: zu alt. „Carlito“: anziehend und guter Musikgeschmack. „Jack“: zu perfekt? „Ring Ding“: aufdringlicher Humor. „Kongo“: angenehm, vielleicht zu ruhig. „Jan76“: spritzig, Housemusikfan. „Ragazzo“: sprachinteressiert, Charmeur. „Jean“: guter Beobachter. „Johnny“: Schnellredner. Nur „Carlito“ reizt mich - aber hin und weg bin ich von keinem. Ich kreuze bei allen „Nein“ an.

Nach 2,5 Stunden sprachlichem Ausdauersport habe ich nur noch den Wunsch nach Ruhe. Ich gebe meine Wertung ab und ziehe von dannen. Mein überhitzter Kopf ist dankbar für die kühle Abendluft. Da höre ich eine Stimme hinter mir: „Hey, hast du es eilig.“ Es ist „Sympathischer“: „Hast du Lust, dass wir uns mal treffen?“ Ein Tabubruch! Genau das sollen doch die Bewertungszettel regeln. „Ehrlich gesagt, nein!“, antworte ich tapfer, aber mit schlechtem Gewissen, und verabschiede mich. Der Abend war spannend, aber nichts für Maulfaule. Und ja, in sieben Minuten erkennt man mehr Gemeinsamkeiten und Unterschiede, als ich gedacht hatte. Die Kandidaten machten beinahe alle einen guten Eindruck und sahen nicht so aus, als würden sie niemals einen Partner finden können. Mmh, vielleicht hätte ich „Carlito“ doch ankreuzen sollen? Gehe ich zurück? Ach nein! Zu spät! Meine Bahn kommt. Müde setze ich mich. Keinen Traummann gefunden. Endlich wieder allein und ohne Redezwang.
* Alle Nicknames wurden anonymisiert

Selber Speeddating ausprobieren? Infos gibt es hier: Speeddating im Blitztest.

Wissenschaftlich: Quickdating im Experiment

Jüdische Wurzeln

Der Rabbiner Yaacov Deyo rief Ende der 90er Jahre in den USA das Speeddating ins Leben. Er machte sich dafür die alte jüdische Tradition der Ehevermittlung zunutze und half mit seinen Speeddates jungen Juden, sich leichter zu finden und vielleicht sogar zu heiraten. Jüdische Singlefrauen konnten sieben jüdische Singlemänner an einem Abend jeweils für sieben Minuten kennen- lernen. Die Zahl sieben ist vermutlich kein Zufall, denn im Judentum spielt sie immer wieder eine Rolle: Nach sechs Werktagen ist am siebten Tag Sabbat, ein wichtiges Symbol der jüdischen Tradition ist die Menora, der siebenarmige Leuchter.



Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007