13. Oktober 2009
Jakob Angele ist seit einem Jahr Berater bei McKinsey. Seitdem hat sich das Leben des studierten Physikers ziemlich verändert. Das Gefühl, nun zur Elite zu gehören, hat er nicht.
Was der Astronaut auf dem Mond für Kindergartenkinder, ist eine Anstellung bei McKinsey für BWL-Studenten: ein Traumjob. Wesentlich kritischer stehen in der Regel Natur- und Geisteswissenschaftler dem Consulting-Geschäft gegenüber. Auch für Jakob Angele war die Beraterbranche zunächst kein Thema, als der Schwabe in München sein Physikstudium begann. Bis zur Diplomarbeit forschte er, was die Welt im Innersten zusammenhält - zuletzt für seine Diplomarbeit die Lichtmaterie-Interaktion auf Halbleiterstrukturen. Seit einem Jahr jedoch untersucht Angele Unternehmen - und zwar auf ihre Schwachstellen. Er ist Fellow bei McKinsey.
Die ungewöhnliche Liaison begann während seines vierten Physiksemesters. Die Unternehmensberatung hatte Studenten der TU München zu einem Workshop-Wochenende in den noblen Skiort Kitzbühel eingeladen. Nach zwei Tagen voller Vorträge, Fallstudien und Gesprächen mit Beratern in prachtvollem Ambiente war es um den Physikstudenten geschehen. Sein Resümee: Super! Die Leute waren sehr nett, und ich fand es spannend, dass die Berater alle aus so unterschiedlichen Fachrichtungen kamen.
Nach diesem Wochenende fuhr er entschlossen zweigleisig. Zum einen strebte er einen guten Uni-Abschluss an, gleichzeitig stellte er aber auch die Weichen in Richtung Consulting. Ein Auslandssemester verbrachte er in Neuseeland, dann schob er ein halbjähriges Praktikum in einer Unternehmensberatung in Hongkong ein. Ihm war klar, dass Auslandserfahrung und Praxis bei potentiellen Arbeitgebern gut ankommen. Trotz seines sonstigen Engagements legte er schließlich seinen Abschluss als Physiker mit der Abschlussnote 1,4 hin. Ich bin schon eher zielorientiert, kommentiert Angele grinsend das stramme Programm. Das Effizienz-Credo der Berater hat er längst verinnerlicht.
Nach dem Diplom bewarb Jakob Angele sich dann bei mehreren Größen der Beraterbranche, obwohl er sich selbst längst entschieden hatte. McKinsey war meine erste Wahl, sagt Angele. McKinsey war dann auch das erste Unternehmen, das ihn zum sogenannten Recruiting-Day einlud. An diesem Tag entscheidet sich für die Bewerber alles: Vormittags prüfen nacheinander drei Bera-ter die Kandidaten, ob sie zum Unternehmen passen, und diskutieren je ein Fallbeispiel mit ihnen. Wer nach der Mittagspause noch dabei ist, dem blühen zwei Interviews mit Partnern - Consultern also, die in der Firmen-Hierarchie schon ganz weit oben stehen. Wer im abschließenden Final ein Vertragsangebot bekommt, hat Hunderte von Konkurrenten hinter sich gelassen. Von rund 15.000 Bewerbern im Jahr werden nur etwa 200 eingestellt. Jakob Angele war einer davon.
Bevor der neu gekürte McKinseyaner aber Unternehmen beraten durfte, musste der Physiker erst noch einen sogenannten Mini-MBA machen. Bei diesem Training lernen die neuen McKinsey-Berater mikro- und makroökonomische Zusammenhänge, Bilanzen zu analysieren, Strategie- und Methodentraining, erzählt Jakob Angele. Trotz des großen Lernpensums erinnert er sich gerne an diese Zeit: Durch die enge und intensive Zusammenarbeit in der Gruppe haben sich erste Freundschaften in der Firma entwickelt. Außerdem blieb abends und an den Wochenenden genug Zeit, die neuen Kollegen kennenzulernen. Vielleicht auch ein Grund für sein Wohlbehagen: Der Crashkurs in Sachen BWL fand in einem Nobelhotel im sonnigen Florida statt.
Nach der Sonne folgte für Angele in Deutschland kaltes Wasser: Gleich am ersten Arbeitstag ging es nämlich zusammen mit den Kollegen zum ersten Klienten. Die Teamkollegen konnten ihn nicht nur fachlich beraten, erzählt Angele, sondern auch bei alltäglichen Problemen. Sie können beispielsweise bei der Frage helfen, ob eine Krawatte mit Fußbällen drauf beim Klientenbesuch wirklich die beste Wahl ist.
Tipps in Sachen Dress-Code braucht er heute jedenfalls nicht mehr: Der gelernte Physiker sieht genau so aus, wie man sich einen jungen Unternehmensberater vorstellt. Zum Anzug trägt er ein weißes, eng anliegendes Hemd und eine breit gestreifte Krawatte in Dunkelgrün und Dunkelblau, die kurzen dunkelblonden Haare sind gekonnt verwuschelt. Und längst hat er sich an den unerbittlichen Arbeitsrhythmus - montags zum Standort des Kunden fliegen, donnerstags zurück und freitags ins Büro - gewöhnt. Doch auch in fachlicher Hinsicht hat er sich frei geschwommen. Schon nach zwei bis drei Monaten, erzählt Angele, konnte ich sehr eigenständig arbeiten.
Dass er das Beraterdasein so sehr genießen würde, hatte Angele zwar gehofft, aber nicht unbedingt erwartet. Er schwärmt, dass er bisher immer Super-Teams gehabt habe. Durch den Bewerbungsprozess, sagt Angele, werde sichergestellt, dass die Arbeitsweisen der Kollegen zusammenpassen und das Miteinander harmoniert. Er spricht von sozialer Kompetenz und auch dem richtigen Auftreten Kunden gegenüber: Wir arbeiten im Unternehmen sehr eng mit dem mittleren Management zusammen, sitzen typischerweise direkt bei den Klienten, so Angele. Wer es da nicht schaffe, zu überzeugen, könne sein Projekt nicht durchbringen. Es ist wichtig, dass Berater nicht arrogant sind.
In der Gefahr abzuheben sieht er sich nicht - trotz der wöchentlichen Business-Flüge, schicker Hotels und geschliffener Präsentationen vor Wirtschaftsbossen. Die Kollegen seien alle unglaublich down-to-earth, findet er. Sicher, in dem einen Jahr bei McKinsey habe er sich schon verändert. Allerdings in beruflicher Hinsicht, weniger privat. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich am Boden festkrallen muss, sagt Angele lächelnd, letztendlich bin ich ja kein anderer Mensch als vor einem Jahr. Ich mache nur etwas anderes.
Unangenehme Situationen hat Angele bislang bei seiner Arbeit nicht erlebt. So hat er auch noch nicht bei einer sogenannten Cost-Cutting-Studie mitgearbeitet, musste also noch nie nach dem Motto Preise rauf, Angestelltenzahl runter die Entlassung von Arbeitskräften empfehlen. Bei seinem letzten Projekt, erzählt er, habe sein Team der Geschäftsführung sogar geraten, fünf zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Längst drängt es den umtriebigen Physiker zu neuen Ufern. Weil die letzten Projekte bei ähnlichen Klienten waren, will Angele jetzt anregen, demnächst in einer anderen Branche eingesetzt zu werden. Dazu rät ihm auch sein Professional Development Manager, der sich um die individuelle Karriere der Berater kümmert. So viel persönliche Betreuung gefällt dem jungen Unternehmensberater Angele: Diese Erfahrung habe ich in dieser Intensität im universitären Umfeld nicht gemacht.