30. Oktober 2006
Sie ist die erste und einzige amerikanisch-jüdische Privathochschule in Deutschland. Auf dem Stundenplan der angehenden Wirtschaftswissenschaftler stehen nicht nur Kurse, die das nötige Management-Know-how vermitteln, sondern auch Einblicke in amerikanische Geschichte und jüdische Ethik geben.
Sabine Mahlke weiß genau, was sie will. Die Wirtschaftswissenschaftlerin mit Sportabi und U17-Fußballerfahrung studiert auf einen Job im Sportmanagement hin. Einen entscheidenden Schritt hat sie schon getan: Als Praktikantin beim Deutschen Fußballbund, im Büro von Theo Zwanziger. Von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, erzählt die Studentin. Das ist über unser ›student council‹ gelaufen. Dort hat man mit mir auch die Bewerbung ausgearbeitet. Das Touro College Berlin, die erste und einzige amerikanisch-jüdische Privathochschule in Deutschland, ist keine Massenuniversität. Im Oktober 2003 ging es los, mit gerade mal 18 Studenten. Heute besuchen 100 junge Leute den kleinen Campus am Rupenhorn. Ich bin hier, weil ich möglichst gut ausgebildet sein will und eine individuelle Betreuung suche, sagt Hans Claussen. Nach anderthalb Jahren Studium in den Staaten war er nach Berlin zurückgekehrt, wollte aber auf das amerikanische College-System auf gar keinen Fall mehr verzichten.

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Das Touro College bringt seinen Studenten den american way of life näher und zugleich das kleine Einmaleins der jüdischen Kultur: Es verbindet den international anerkannten Bachelor of Science in Business, Management and Administration mit geisteswissenschaftlichen Fächern, den sogenannten liberal arts courses. Als Wahlpflichtkurse stehen Hebräisch, amerikanische Geschichte und Philosophie oder jüdische Ethik auf dem Plan. Manager mit Herz sind das Ziel der Gründungsdirektorin Sara Nachama. Bei uns werden Führungskräfte ausgebildet, die professionell die Interessen ihres künftigen Unternehmens vertreten können, aber gleichzeitig eben nicht nur an Zahlen, Shareholder-Values und Gewinnmaximierung um jeden Preis denken.
Auch Studenten, die weiter weg wohnen, sollen die Möglichkeit haben, mit ihren Familien den Sabbat zu feiern. Traditionen werden am Touro College gepflegt. Nicht nur die Studienzeiten orientieren sich an jüdischen Gebräuchen. An jedem Türrahmen ist nach jüdischem Brauch eine Mesusa - eine Holzkapsel, die eine Schriftrolle enthält - angebracht. Eine Catering-Firma liefert Gerichte, die allen Regeln der koscheren Küche entsprechen und vom Rabbi gesegnet werden. Rahmenbedingungen, die erst die Voraussetzung für ein ungezwungenes Nebeneinander liefern. Denn Juden orthodoxer Schulen sollen sich am Touro College ebenso ungezwungen bewegen können wie Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Gründungsdirektorin Sara Nachama ist stolz darauf, daß die Hälfte der Studenten nicht-jüdischen Glaubens ist. Wir sind offen für jeden, unabhängig von der Herkunft.
Berlin, New York und Jerusalem - die schmucklosen Klassenräume im Hauptgebäude und im ehemaligen Gärtnerhaus sind nach Metropolen und Ländern benannt. Schließlich steht das Touro College für ein durch und durch internationales Programm. Es ist Teil eines Hochschulnetzwerks, das der ehemalige Soziologieprofessor und Rabbi Bernard Landers 1970 in New York begründet hat. Das Netzwerk, das nach den wohltätigen amerikanischen Juden Judah und Isaak Touro benannt worden ist, war eine Reaktion auf die amerikanische Bildung der beginnenden 70er Jahre: Massenuniversitäten und leere Kassen. Hochschulprofessor Lander wollte sich mit der Misere nicht länger abfinden und gründete kurzentschlossen ein privates College in New York. Mehr als 22.000 Studenten studieren heute an Touro-Niederlassungen weltweit, in Kalifornien wie in Jerusalem oder in Moskau. Mit dem jüngsten Ableger in Berlin geht für den heute über 90 Jahre alten Touro-Präsidenten, der einen großen Teil seiner Familie in deutschen Konzentrationslagern verloren hat, eine Vision in Erfüllung: eine jüdische Akademie mitten in Berlin.
Für Sabine Mahlke und Hans Claussen - beide sind Nichtjuden - war der jüdische Schwerpunkt der Ausbildung weder Grund noch Hindernis. Das Gesamtbild hat gestimmt. Beide haben Kurse in jüdischer Geschichte belegt - und waren häufig überrascht, wie viel man eben nicht weiß. Genau das sei die Vision von Bernard Lander, erklärt Hochschulleiterin Sara Nachama. Durch das Kennenlernen anderer Sichtweisen Vorbehalte abzubauen und durch eine wirkliche Internationalität zu ersetzen. An der Seite ihres Mannes Andreas Nachama, dem ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin und jetzigen geschäftsführenden Direktors der Stiftung Topographie des Terrors, setzt auch sie sich seit Jahren für eine Normalisierung des jüdischen Lebens in Deutschland ein. Welche Barrieren auf diesem Weg zu überwinden sind, weiß sie aus eigener Erfahrung. Um so mehr freut sich Sara Nachama über gelungene kleine Akte der Versöhnung. Einer unserer israelischen Bewerber wurde zum Aufnahmegespräch von seinen Eltern begleitet, die eigentlich nie nach Deutschland kommen wollten, erzählt Nachama beim Rundgang durch das Gebäude. Heute studiert er bei uns.
Das Touro College Berlin versteht sich als Ergänzung der lokalen Wissenschaftslandschaft. Es arbeitet eng mit den etablierten Hochschuleinrichtungen zusammen, mehrere der 15 Dozenten sind auch an anderen Instituten tätig. Planungen für ein medizinisches Touro College, das angehende Ärzte nach amerikanischen Rahmenplänen ausbilden würde, laufen. Einerseits profitieren Touro-Studenten von den gewachsenen Strukturen der Berliner Wissenschaftslandschaft, haben zum Beispiel Zugang zum Bestand des Bibliothekenverbunds. Zugleich genießen sie die Vorzüge eines internationalen Netzwerkverbunds. Zwischen dem dritten und dem fünften Semester können die Studierenden ein Auslandssemester an einer der anderen Touro-Universitäten verbringen, sei es in New York, Moskau oder anderswo. Oder sie belegen Sommerkurse in den Staaten. Die Studierenden haben die Möglichkeit, sich mit amerikanischer Wirtschaft und amerikanischen Managementmethoden vertraut zu machen, stellt Herwig Haase fest. Der Wirtschaftsprofessor ist Rektor der Europäischen Wirtschaftshochschule EXCP-EAP und hat als Gründungsrektor den Aufbau des deutschen Touro-Colleges begleitet. Entscheidend sei auch der Unterricht in englischer Sprache. Dadurch erhalten sie eine wichtige Grundlage für eine Karriere in der heutigen globalisierten Welt. Die englischsprachige Ausbildung zieht junge Leute aus vielen Ländern an - selbst aus El Salvador oder China. Mit 3.000 Euro pro Semester liegen die Studiengebühren im Rahmen deutscher Privathochschulen. Im internationalen Vergleich sind sie eher niedrig. Und damit für ausländische Studenten eine preiswerte Alternative zur Hochschulausbildung in den Staaten.
Weltweit einzigartig im Touro-Netzwerk: Das Unterrichtsfach Holocaust ist in der Berliner Uni Pflicht. In den Seminaren und Exkursionen - etwa zum ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen oder zum Mahnmal in Berlin - analysieren und diskutieren die Studenten Hintergründe und Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Andreas Nachama leitet das nach dem Touro-Gründer benannte Bernard Lander Institut für Kommunikation über den Holocaust und Toleranz, das zum Wintersemester 2005 eingerichtet worden ist. Es soll mehr vermitteln als das, was im Geschichtsbuch steht. Das Forschungszentrum begleitet die Lehre am College, richtet sich aber auch an Multiplikatoren wie Schulen oder Dozenten, die sich in Vorträgen und Workshops mit dem Holocaust beschäftigen wollen.
Diese Liberal Arts sind ein Bonus, sagt Shirle Wolff. Durch diesen Unterricht fangen wir auch untereinander an, über Geschichte zu reden. Die Berlinerin, die der Jüdischen Gemeinde angehört, sieht den jüdischen Schwerpunkt als einen Mehrwert, der ihr persönlich viel bedeutet. Ausschlaggebend für die Wahl des Colleges war dieser Aspekt allerdings nicht. Entscheidend waren vielmehr die internationale Ausrichtung, das Lernen in kleinen Gruppen und die intensive Betreuung. Die Kurse sind viel stärker individualisiert als an den staatlichen Unis, sagt Shirle, die mit den völlig überfüllten Veranstaltungen an der Freien Universität in Berlin überhaupt nicht zurechtgekommen war. Für ihre Eltern war der Wechsel auf eine private Uni finanziell zunächst ein kleiner Schock. Doch Shirle ist sicher, daß sich die Investition lohnen wird. Eine kleine Erbschaft hat sie gleich ins erste Semester gesteckt. Hier werden wir an die Hand genommen und ausgebildet fürs Leben.
STUDIENGANG
Der Bachelor of Science in Business, Management and Administration ist in den Vereinigten Staaten akkreditiert und dauert drei Jahre. Der Schwerpunkt Management umfaßt 63 Credits; Kurse in Management, Rechnungswesen und Wirtschaftswissenschaften gehören ebenso dazu wie Mathematik, Informationstechnologie, Marketing und Entscheidungsfindung. Für den Abschluß sind mindestens 60 Credits in den Business-Pflichtkursen zu erlangen und weitere 60 Credits in den Liberal Arts.
Voraussetzungen
Abitur, High School Diploma, Bagrut, A-Levels, International Baccalaureate (IB) oder Äquivalent; TOEFL oder äquivalenter Nachweis englischer Sprachkenntnisse. Schriftliche Tests in Englisch und Mathematik sowie Interviews mit der College-Leitung entscheiden über die Aufnahme.
Bewerbungen an
Touro College Berlin
Office of Admissions
Campus Am Rupenhorn
14055 Berlin
Tel.: 0 30/30 06 86-0
Fax: 0 30/30 06 86-39
info@touroberlin.de http://www.touroberlin.de