23. Juni 2008
Ein Praktikum bei einer Top-Beratung ist kein Honigschlecken. Zunächst müssen sich Bewerber strengen Auswahlprozeduren stellen und sich anschließend in In- oder Auslandsprojekten bewähren. Wer seine Sache gut gemacht hat, darf dann gern wiederkommen - als Trainee oder Direkteinsteiger.
In keinem Auswahlverfahren lernen wir unsere Bewerber annähernd so gut kennen wie in einem acht- bis zwölfwöchigen Praktikum, erklärt Just Schürmann, für das Recruiting verantwortlicher Geschäftsführer der Boston Consulting Group (BCG). Entsprechend ernst nimmt sein Unternehmen diese Möglichkeit der Nachwuchssichtung. Die Praktikanten arbeiten in Projekten bei Kunden und übernehmen dabei zunehmend selbständig eigene Aufgaben.
Sämtliche Top-Beratungen stellen ihre Praktikanten mittlerweile im Projektalltag auf die Probe. Wir bemühen uns, sie auf gerade startende Projekte zu setzen, damit sie mit dem Projekt Fahrt aufnehmen können, sagt Alexander Hahn, Verantwortlicher für das Praktikantenprogramm bei Oliver Wyman. Praktikanten würden auf dem gleichen Niveau arbeiten wie Einsteiger. Auch McKinsey, Booz Allen Hamilton oder Roland Berger Strategy Consultants setzen ihre Schnupper-Consultants mitnichten als Fachkräfte für Kopier-, Recherche- und Kaffeedienste ein. Praktikanten sind vollwertige Mitglieder unserer Projektteams, stellt McKinsey-Recruiting-Leiter Dr. Thomas Fritz klar.
Dass wir Praktika auf so hohem Niveau anbieten können, setzt eine strenge Auswahl der Kandidaten voraus, erklärt Schürmann. Sie beginnt spätestens drei Monate vor dem Start, indem die Kandidaten ihre Bewerbungsunterlagen einreichen. Stoßen sie auf Interesse, folgen ein telefonisches erstes Gespräch und gegebenenfalls die Einladung zum Auswahltag. Hier müssen sich die Bewerber drei Interviews mit BCG-Beratern stellen und sie davon überzeugen, dass sie den Anforderungen des Beratungsgeschäfts fachlich und menschlich gewachsen sind. Wir haben hohe Qualitätsstandards auf unseren Projekten und wollen uns vorab ein genaues Bild machen, wen wir da bei unseren Kunden einsetzen, begründet Schürmann diesen Aufwand. Und natürlich geht es auch darum, die verfügbaren Praktikumsplätze mit Kandidaten zu besetzen, die reelle Chancen auf einen späteren Einstieg haben.
Wer als Praktikant überzeugt, kann sofort einen Arbeitsvertrag bei uns unterschreiben.
Einerseits bieten uns Praktika Gelegenheit, Talente kennenzulernen, sagt Fritz. Umgekehrt könnten sich aber auch die Praktikanten ein Bild vom Beraterjob und dem Arbeitsklima bei McKinsey machen. Für angehende Ingenieur-, Natur- und Geisteswissenschaftler seien Praktika oft die erste Annäherung an die Branche. Es handelt sich um eine typische Win-win-Situation, betont auch Miriam Kraneis, Recruiting-Managerin bei Booz Allen Hamilton. Wenn beide Seiten feststellen, dass sie zueinander passen, hält ihr Unternehmen mit dem Programm Booz your career Kontakt und unterstützt die Kandidaten studienbegleitend mit Seminaren und Trainings. Jeder Kandidat, dessen Qualitäten wir schon kennen, macht es uns Recruitern leichter, unsere Einstellungsziele umzusetzen, erklärt sie. Im Schnitt steigen neun von zehn Teilnehmern des Bindungsprogramms anschließend bei Booz Allen Hamilton ein.
BCG und McKinsey lernen etwa ein Drittel ihrer Einsteiger schon als Praktikanten kennen. Auch bei Oliver Wyman führt ein gutes Praktikum oft zum Jobangebot, gerade wenn das Examen nahe ist. Wer sich bewährt, kann sehr schnell einsteigen, erklärt Hahn. Dauere das Studium noch, fließe die gute Praktikumsbeurteilung maßgeblich in das dann stark verkürzte Auswahlverfahren ein. Siemens Management Consulting (SMC) macht sogar gleich Nägel mit Köpfen. Wer als Praktikant überzeugt, kann sofort einen Arbeitsvertrag bei uns unterschreiben, erklärt Henning Köhler, der den Bereich Recruiting & People Development der SMC leitet.
Solche Einstiegsangebote setzen natürlich voraus, dass die Beratungsunternehmen ihre Praktikanten genau beobachten und bewerten. Aber wie punkten Berater auf Probe? - Wir bewerten ihren Beitrag zum Projekt inhaltlich, also ob sie ihre Aufgabe strukturiert und methodisch geschickt vorantreiben. Daneben zählt, wie sie sich menschlich einbringen, erklärt Fritz. Was leisten sie über ihre Aufgaben hinaus fürs Team, und sind auch die Klienten mit ihnen zufrieden?, fasst er die wichtigsten Kriterien zusammen. Kraneis ergänzt, dass Reife, Kommunikationsstärke und interdisziplinäre Denkansätze gefragt sind. Für Hahn zählt außerdem, wie Praktikanten ihre Vorgesetzten über die Fortschritte des Projekts und ihrer eigenen Aufgaben auf dem Laufenden halten.
Trotz aller Anforderungen bleiben Praktikanten aber Lernende, denen die Beratungen Mentoren und erfahrene Kollegen zur Seite stellen. Ihre Einarbeitung läuft wie bei festen Einsteigern, erklärt Fritz, die Vorgesetzten entlassen sie sukzessive in die Eigenverantwortung. Dabei stärken sie ihnen durch regelmäßiges Feedback den Rücken und geben ihnen Tipps, was sie besser machen können. Natürlich wollen wir, dass Praktikanten sich bei uns wohl fühlen, fachlich auf ihre Kosten kommen und sich für den Beraterjob begeistern, sagt Kraneis. Nicht nur, weil sie dann nach ihrem Examen zurückkommen, sondern auch, weil sie nach dem Praktikum an die Unis zurückkehren und dort von ihren Erfahrungen berichten. Je begeisterter diese Berichte ausfallen, desto besser.
Entsprechend bieten die Beratungen Praktikanten Außergewöhnliches. Kandidaten, die wir sehr gern an uns binden würden, bieten wir gezielt internationale Einsätze an, sagt SMC-Partner Köhler. Auch BCG, McKinsey und Oliver Wyman bieten den Schnupper-Consultants Auslandseinsätze. Allerdings stellen wir sicher, dass Praktikanten auch Station im Inland machen und die Kollegen in den deutschen Büros kennenlernen, berichtet Hahn. Fritz mahnt, den Schritt ins Ausland sorgfältig abzuwägen: Es ist sehr anstrengend, zugleich mit neuen Abläufen und Menschen, den fachlichen Anforderungen und einem fremden kulturellen Umfeld klarzukommen. Praktikanten sollten überlegen, ob sie nicht zuerst mit einem Praktikum im Inland beginnen möchten.
Bleibt die Frage, wie sich jene fühlen, die sich in den strengen Auswahlverfahren durchsetzen. Das Wissen um die Beobachtung, die vielen neuen Methoden, Arbeitsabläufe und Kollegen und die großen Namen der Beratungen - all das kann einem Respekt einflößen. Doch keiner der Recruiter weiß von eingeschüchterten oder angespannten Praktikanten zu berichten. Dafür haben sie zu viel zu tun, lacht Schürmann und fügt ernster hinzu, dass er sich noch gut an sein eigenes Praktikum bei BCG vor 14 Jahren erinnere. Damals habe er kaum Druck verspürt und einfach Gas gegeben. Wenn es klappt - gut. Wenn nicht, habe ich alle Zeit der Welt, etwas anderes zu finden, habe er seinerzeit gedacht.